Da stand die Zau­ber­maus: Sergio Zarate. Der Trans­fer­coup im Sommer 1994. Weil der 1. FC Nürn­berg drin­gend Geld benö­tigte, ver­kauften sie uns den Argen­ti­nier für n Ei und n But­ter­brot. Zarate, da waren sich viele sicher, würde uns in den inter­na­tio­nalen Wett­be­werb schießen.

Doch es kam alles ganz anders. Die Zau­ber­maus zau­berte nicht ein ein­ziges Mal, schon in der Vor­be­rei­tung trabte er gelang­weilt über den Platz. Und die Mann­schaft, die durchaus die Qua­lität für einen UEFA-Cup-Platz hatte, ließ sich scheinbar von seiner Lethargie anste­cken. Der HSV krebste durch die Saison, am 31. Spieltag standen wir auf Platz 12, zu allem Über­fluss setzte es im Volks­park dann noch eine 0:4‑Peitsche gegen Köln.

TV-Spiel­film wollte Image­schaden ver­meiden

Ein paar Tage später erreichte mich ein Anruf von Martin Fischer, dem Geschäfts­führer unseres Tri­kot­spon­sors TV-Spiel­film“. Eigent­lich war mein Ver­hältnis zu ihm sehr gut, wir waren Duz­freunde. Umso erstaunter war ich über das, was Fischer mir eröff­nete: Ronny, auch wenn wir Freunde sind: Wir müssen das jetzt machen“, sagte er und ich stutzte. Was machen? Wir nehmen das Logo von der Brust.“ Er erklärte, dass TV-Spiel­film“ durch die unter­ir­di­schen Leis­tungen des HSV einen Image­schaden erleiden würde. In Wahr­heit aber wusste er, dass eine solche Aktion auch eine mediale Lawine aus­lösen würde. Er gab es sogar unver­blümt zu: Klar, Ronny, wir sind Medi­en­profis, wir wissen, wie der Hase läuft.“

Und der lief tat­säch­lich. TV-Spiel­film“ war in den kom­menden Tagen omni­prä­sent. Überall, von FAZ“ über Süd­deut­sche“ bis Bild“, stand der Name TV-Spiel­film“ geschrieben. Flä­chen­de­ckende Wer­bung, kos­tenlos. Bei uns im Vor­stand war der Auf­schrei groß, unser Schatz­meister Ger­hard Flomm, der eh nicht so gut auf den Geld­geber zu spre­chen war, tobte. Doch was sollten wir machen? Juris­tisch betrachtet war die Aktion ein­wand­frei. Ein Sponsor bezahlt für die Brust und kann mit dieser machen, was er will.

Immerhin einigten wir uns darauf, dass wir die drei Buch­staben H, S und V auf die Brust flo­cken durften. Damit war das Theater aller­dings nicht beendet: Schon lange hatte ich einen Geschäfts­partner, die Musik­firma Polydor, auf einen Segel­törn nach Mal­lorca ein­ge­laden. Auf meine Pri­vat­kosten, ver­steht sich.

Mit bar­bu­sigen Mädels auf Mal­lorca?

Schon kurz nach meiner Ankunft bekam die Presse davon Wind. Am nächsten Tag: überall Jour­na­listen, von Bild“, Kicker“, Mor­gen­post“ und dem Ham­burger Abend­blatt“. Sie ver­steckten sich am Hafen und in den Büschen. Später erfuhr ich, dass die Head­line der Bild“-Zeitung schon stand: Der HSV ver­liert mit Oben-ohne-Tri­kots in Lau­tern, und der Prä­si­dent feiert mit Oben-ohne-Mädels auf Mal­lorca.“ Die Jour­na­listen glaubten scheinbar, dass ich mich auf meiner Yacht mit bar­bu­sigen Damen ver­gnügen würde. Einige char­terten sich sogar einen Hub­schrauber, um mich in einer Bucht zu foto­gra­fieren. Ihre Ent­täu­schung war groß, denn auf meiner Yacht erblickten sie nur ein paar Leute von Polydor, zum Bei­spiel Geschäfts­führer Götz Kiesow, außerdem waren NDR-Mann Uwe Bahn und der dicke Klaus von Klaus & Klaus“ vor Ort.

Wir ver­han­delten über die Rechte von Polydor-Lie­dern, die die Plat­ten­firma gerne wäh­rend der Halb­zeit im Volks­park prä­sen­tieren wollte. Als die Jour­na­listen erfuhren, dass ich rein geschäft­lich auf der Insel weilte, düsten sie von dannen. In der Zei­tung war trotzdem zu lesen: Der Prä­si­dent feiert unter der Sonne von Mal­lorca – und der HSV ver­liert 1:4 in Kai­sers­lau­tern.“ Die Zau­ber­maus hatte wieder nicht getroffen. Doch immerhin hatte ich einen 100.000-Mark-Deal mit Polydor ein­ge­fä­delt, was auch meinen Schatz­meister wieder ver­söhn­lich stimmte.


Ronald Wulff war von 1993 bis 1995 und von 2002 bis 2003 Prä­si­dent des HSV. Von 2000 bis 2011 war er Mit­glied des Auf­sichts­rates.