Seite 4: „Was in der Zeitung steht, ist mir egal“

Von wem würden Sie sich kon­struk­tive Kritik anhören? 
Von den Medien jeden­falls nicht. Als ich den Fuß­ball­leh­rer­schein gemacht habe, musste ich eine Medi­en­aus­bil­dung absol­vieren. Umge­kehrt weiß ich nicht, wie viele 
Jour­na­listen eine Fuß­ball­aus­bil­dung haben. Ich tau­sche mich mit meinem Trai­ner­team und unserem sport­li­chen Leiter auf Augen­höhe aus, aber mit Ver­laub: Was in der Zei­tung steht, ist mir herz­lich egal. Ich lasse mich nicht in den Himmel loben, wenn es toll läuft. Ich lasse mich aber auch nicht nie­der­schreiben, wenn es schlecht läuft.

Inzwi­schen gibt es fast jeden Tag Fuß­ball im Fern­sehen. Sehen Sie die Gefahr, dass die Leute irgend­wann genug haben? 
Nein, ich finde das super. Ich lebe ja davon, dass sich die Leute für Fuß­ball inter­es­sieren. Mit der Erwei­te­rung der Welt­meis­ter­schaft auf 48 Mann­schaften habe auch ich meine Pro­bleme, aber es werden sich trotzdem genug Leute finden, die sich dafür begeis­tern.

Der Preis dafür ist, dass immer mehr Leute ins Sta­dion kommen, die nicht wissen, wie eine Vie­rer­kette funk­tio­niert. 
Ich bin ja schon froh, 
wenn die Presse es weiß.

Wie schaffen Sie es, Abstand zum Job zu gewinnen? 

Wenn ich mal einen Tag frei habe, dann habe ich frei. Dann tele­fo­niere ich maximal mit dem Pres­se­spre­cher oder dem sport­li­chen Leiter, ansonsten bin ich nicht erreichbar. Fuß­ball ist mein Hobby, ich habe ja auch Spaß daran, aber trotzdem brauchst du zwi­schen­durch Zeit, in der du mal mit dem Kopf ganz woan­ders bist. Ich bin auch nicht der Trainer, der noch das achte Spiel vom Gegner gesehen haben muss, damit ich mir sicher bin, wie wir spielen. Da habe ich Mut zur Lücke und schaue nur sechs.

Wie lange dauert es, bis ein Trainer den Kader hat, der seinen Vor­stel­lungen ent­spricht? 
Das fragen Sie mal Pep Guar­diola! Wenn ich 250 Mil­lionen zur Ver­fü­gung habe, kann ich mir den schneller zusam­men­stellen als hier bei Union Berlin. Aber ich unter­schreibe ja einen Ver­trag, nachdem ich das Team gesehen habe. Dann darf ich später nicht sagen, das ist eine Drecks­mann­schaft, mit der man keinen Erfolg haben kann.

Sie setzen bei Union auf Pres­sing und Gegen­pres­sing. Stimmt der Ein­druck, dass immer weniger Mann­schaften ver­su­chen, selbst das Spiel zu machen? 
Schauen Sie sich ein­fach mal die Sta­tistik an: Tore fallen nur selten, nachdem 
man den Ball eine halbe Minute in den eigenen Reihen gehalten hat. Des­halb macht es durchaus Sinn, nicht ganz so oft den Ball zu haben.

Das heißt, es wird inzwi­schen oft­mals zu gut ver­tei­digt, als dass ein ver­nünf­tiges Fuß­ball­spiel dabei her­aus­kommen kann?
 

Defi­nitiv. Ver­tei­digen ist das Ein­fachste, was man im Trai­ning machen kann. Was das angeht, agieren selbst Mann­schaften in der dritten und vierten Liga auf hohem Niveau. Um aus dem Posi­ti­ons­spiel heraus Tore zu erzielen, muss man dagegen eine enorme Qua­lität haben, am besten so viel wie Bayern Mün­chen. Des­halb würde ich einen Pep Guar­diola, den ich über alles schätze, gerne mal mit einer Mann­schaft sehen, bei der er nicht die besten Spieler zur Ver­fü­gung hat.

Quasi wie bei der Show Frau­en­tausch“ auf RTL II. 
Kenne ich jetzt nicht, ist auch nicht mein Niveau. (Lacht.) Aber im Ernst, das würde mich wirk­lich mal inter­es­sieren: Kann Pep Guar­diola seinen Fuß­ball auch mit anderen Mann­schaften ver­wirk­li­chen oder nur mit den besten der Welt?

Was halten Sie von Match­plänen? 
Bei allem Respekt, ich halte nichts von diesen Wort­neu­schöp­fungen. Bei mir heißt das Spiel­vor­be­rei­tung. Aber ich bin immer wieder beein­druckt, was Leute aus banalen Dingen machen, um etwas Beson­deres dar­zu­stellen.

Ein Julian Nagels­mann ist mit 29 Jahren bereits Chef­trainer in der Bun­des­liga, Sie selbst haben vorher län­gere Zeit 
im Nach­wuchs­be­reich gear­beitet. Wann ist der rich­tige Zeit­punkt, als Bun­des­li­ga­coach ein­zu­steigen? 

Ich bin davon über­zeugt – und so war auch meine Kar­rie­re­pla­nung aus­ge­legt –, dass der Trai­ner­beruf ein Hand­werk ist, das man erlernen muss. Des­halb habe ich im Nach­wuchs­be­reich ange­fangen und bin auch froh dar­über, weil du dort Sachen aus­pro­bieren kannst und lernst, was es heißt, vor einer Mann­schaft zu stehen. Julian Nagels­mann ist aber kein gutes Gegen­bei­spiel, weil der schon seit vielen Jahren als Trainer arbeitet. Fast länger als ich, ich habe ja bis 34 gespielt. Wichtig ist, dass man auf einem unteren Level seine Erfah­rungen macht. Denn ganz oben darfst du nicht mehr viele Fehler machen. 

Die guten Trainer von heute sind nicht mehr auto­ma­tisch erfolg­reiche Ex-Profis. 
Warum auch? Spieler oder Trainer sein, das sind zwei kom­plett unter­schied­liche Dinge. Wenn ein 
erfolg­rei­cher Fuß­baller bereit ist zu lernen, dann kann er ein guter Trainer werden. Wenn er sagt, ich hab schon alles erlebt und gesehen und muss mir von keinem mehr etwas erzählen lassen, dann wird er schei­tern.