Seite 3: „Wir Trainer sind keine Maschinen“

Sollte Fuß­ball trotz allem ein ein­fa­ches Spiel bleiben? 
Fort­schritt gibt es in allen Lebens­be­rei­chen. Ich habe mit 28 Jahren mein erstes Handy bekommen, das muss man sich mal vor­stellen. Heute wachsen die Jungs mit der neuen Technik auf, da muss ich als Trainer auch mit­gehen. Wenn ich aus­schließ­lich mit Flip­chart arbeite, finde ich den Zugang nicht mehr.

Erwarten wir von den Spie­lern zu 
viel? Einer­seits sollen sie ihre Leis­tung auf dem Platz bringen, ande­rer­seits am besten noch ein paar Adorno-Sprüche parat haben

Ich glaube nicht, dass wir zu viel erwarten. Die Spieler wollen ja auch, dass sehr viel Geld auf ihr Bank­konto fließt. Ich kann doch nicht Ver­träge über Mil­lionen unter­schreiben und dann sagen, Öffent­lich­keits­ar­beit ist nicht so mein Ding.

Welche tech­ni­schen Neue­rungen nutzen Sie?
Ich finde es groß­artig, wie viele Daten man heut­zu­tage über ein Spiel bekommen kann, sei es über das Zwei­kampf­ver­halten, inten­sive Läufe oder die Pass­quote. Auch, dass einem jedes Spiel aus allen mög­li­chen Per­spek­tiven zur Ver­fü­gung steht. Zu meiner Zeit gab es nur die Kurz­be­richte in der Sport­schau.

Die Aus­raster von Trai­nern am Spiel­feld­rand sorgen häufig für Wirbel. Sollten sich Ihre Kol­legen ins­ge­samt mehr zurück­halten?
 

Wir sind keine Maschinen. Jeder Trainer in der ersten und zweiten Liga steht unter einem enormen Druck. Bei Roger Schmidt wurde ein Rie­sen­fass auf­ge­macht, als er zu Julian Nagels­mann Halt doch ein­fach mal die Schnauze!“ gesagt hat. Also wirk­lich, da habe ich schon ganz andere Sachen gesagt. Solange der Respekt gewahrt bleibt, sollte man auch mal Emo­tionen zeigen dürfen. Wenn jemand einen anderen anspuckt, reden wir über was anderes.

Würden Sie eine Peti­tion unter­schreiben, die auf Trai­ner­bänke gerich­tete Kameras ver­bietet?
Sofort. Weil das eine Frech­heit ist. Kein Mensch wird so aus­ge­leuchtet wie die Trainer heut­zu­tage. 

Viele Spieler und Trainer halten sich ja inzwi­schen die Hand vor den Mund, wenn sie beim Spiel etwas sagen … 
Ist doch traurig, oder?

Haben Sie das denn auch schon hin und wieder gemacht? 
Na klar. Es kann doch mal sein, dass ich in einem Spiel sage: Mein Gott, spielt der heute eine Scheiße!“ Das geschieht aus der Situa­tion heraus und ist dem Spieler gegen­über nicht 
böse gemeint, wird aber even­tuell total auf­ge­bauscht. 

Ist es ein Pro­blem, dass das Han­deln der Pro­fi­trainer im Sinne des eigenen beruf­li­chen Über­le­bens auf kurz­fris­tigen Erfolg aus­ge­richtet sein muss? 
Das ist richtig, aber daran sind die Medien natür­lich nicht unschuldig. Als Verein ist man einem sol­chen Druck aus­ge­setzt, dass man manchmal fast keine andere Chance hat, als den Trainer zu ent­lassen. Wenn einer zwei- oder dreimal hin­ter­ein­ander ver­liert, wird aus allen Rohren geschossen.

Per­ma­nenten öffent­li­chen Druck ha­ben Sie beson­ders auf Schalke erlebt. Nimmt man das irgend­wann mit nach Hause?
Natür­lich gibt es Situa­tionen, die du nicht ein­fach abschüt­teln kannst. Aber ich glaube, ich kriege es hin, Kritik an mir abprallen zu lassen und mich 
aufs Wesent­liche zu kon­zen­trieren.

War Schalke 04 in dieser Hin­sicht das beste Trai­nings­lager, das der Fuß­ball zu bieten hat? 
Na ja, gebraucht 
hätte ich das nicht unbe­dingt. Aber ich denke, ich bin mit der Situa­tion gut umge­gangen und habe mir nichts zuschulden kommen lassen.

Gab es irgend­wann einen Moment, in dem Sie gedacht haben, das tue ich mir nicht mehr an? 
Ich würde lügen, wenn ich das leugne. Mit der Mann­schaft zu trai­nieren, hat mir immer Spaß gemacht, aber das ganze Drum­herum? Man­ches von dem, was da geschrieben wurde, 
war unter der Gür­tel­linie. Da wurde ich als Mensch beur­teilt von Leuten, die mich gar nicht kannten. Über mich hat mal ein ganz bekannter Mann einen Artikel geschrieben, mit dem hatte ich noch nie ein Wort gespro­chen.