Davor Suker, warum wurden Sie Fuß­baller?

In Kroa­tien gibt es viele gute Sportler, meine ganze Familie war sport­lich aktiv. Mein Vater, meine Schwester, mein Onkel – sie waren Vol­ley­baller und Leicht­ath­leten. In der Schule spielte ich auch alle mög­li­chen Sport­arten: Tisch­tennis, Bas­ket­ball, Hand­ball. Fuß­ball ist aber ein­fach anders und ver­mit­telt mehr Glücks­ge­fühle, aus diesem Grund blieb ich an ihm hängen.

Sahen Sie Fuß­ball als eine Art Chance auf ein bes­seres Leben?

Nein, eigent­lich dachte ich nie in diese Rich­tung. In meiner Familie ist Sport eine Reli­gion, es ist wichtig für die Lebens­qua­lität, die Gesund­heit und macht die Leute glück­li­cher.

Nicht nur, dass Sie auch andere Sport­arten betrieben. Sie waren ja auch nicht von Anfang an Mit­tel­stürmer. Wie fanden Sie zu ihrer Posi­tion?

In der Jugend spielt man ver­schie­denste Posi­tionen, aber wenn ich als Kind in der Nähe des Tores war, dann hab ich meis­tens getroffen. Jeder möchte immer Stürmer spielen, aber nicht alle schaffen es, erfolg­reich zu sein. Ich muss Gott dafür danken, dass ich diese Fähig­keit habe zu wissen, wie man den Tor­hüter bezwingt. Von meiner Zeit in der A‑Jugend bis später im Pro­fi­fuß­ball war ich immer ein Tor­jäger, und das war die Qua­lität, die mich aus­machte und die mir schluss­end­lich zu einer großen Kar­riere ver­half. Nor­ma­ler­weise habe ich immer die Tore gemacht und hab meinem Team damit wei­ter­ge­holfen, und daran wird ein Stürmer nun einmal gemessen.

Im Jahr 1987 holten Sie mit der jugo­sla­wi­schen Natio­nal­mann­schaft bei der U20-Welt­meis­ter­schaft in Chile den Titel. War das der Durch­bruch?

Ja, und es war einer der besten Momente in meiner gesamten Kar­riere. Wir gewannen den Titel und waren damals, wenn auch nur in unserer Alters­klasse, das beste Team der Welt. Der Stern ging in Chile für alle von uns auf, egal ob Bos­nier, Serben, Mon­te­ne­griner oder Kroaten. Man muss schon früh, eben bei Jugend-Groß­ver­an­stal­tungen, her­aus­ra­gende Leis­tungen zeigen, um später vor­be­reitet zu sein auf das hohe Niveau einer Sportart.

Aber durch den Krieg zer­fiel die große Mann­schaft von 1987.

Ja leider, denn das war für die Ent­wick­lung des Fuß­balls und die Kar­riere der Spieler natür­lich mehr als hin­der­lich. Man stelle sich einmal vor, vom einen auf den anderen Tag können ein Bal­lack, Klose, Kahn und andere Spieler vier Jahre lang keine Län­der­spiele bestreiten. Uns war es nicht mög­lich, für Jugo­sla­wien zu spielen, geschweige denn für Kroa­tien. Von 1990 an bis zu dem ersten Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel für die Euro 96 in Eng­land mussten wir pau­sieren. Vier Jahre ohne Freund­schafts­spiele, ohne Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiele. Es war ein immenser Ver­lust für uns, den kroa­ti­schen Fuß­ball und das ganze Land. Wenn wir 1994 bei der WM in den USA gespielt hätten, so glaube ich, dass wir in Eng­land viel stärker gewesen wären und viel­leicht schon da Deutsch­land hätten schlagen können – und nicht erst 1998.

Sie spre­chen es an, die Welt­meis­ter­schaft im Jahr 1998. Der Höhe­punkt ihrer Kar­riere?

Ja, aber nicht nur die Welt­meis­ter­schaft, 1998 war für mich im All­ge­meinen das beste und schönste Jahr in meiner gesamten Kar­riere. WM-Dritter mit Kroa­tien, WM-Tor­schüt­zen­könig, zweit­bester Spieler des Tur­niers hinter Ronaldo. Dazu der Erfolg auf Klub­ebene bei Real Madrid mit dem Sieg in der Cham­pions Leauge gegen Juventus in Ams­terdam. Auch bei der Wahl zum Welt­fuß­baller des Jahres belegte ich den dritten Platz.

Es war ein­fach ihre Saison.

(lacht) Ja. Alle meine Träume wurden wahr.

Was bedeu­tete die bloße Teil­nahme an der End­runde 1998 für den jungen Staat Kroa­tien?

Wir waren von großem Stolz erfüllt, in jedem ein­zelnen Spiel, das wir bestritten. Die Stim­mung im Land und im Team war positiv ver­rückt, wir waren fana­tisch und spielten mit Herz. Egal ob es in einem Län­der­spiel noch um etwas geht oder nicht, unsere Stärke ist es zu zeigen, wie stolz wir sind, für dieses Land spielen zu dürfen. Sinn­bild­lich dafür war das Spiel gegen Eng­land in der abge­lau­fenen EM-Qua­li­fi­ka­tion, als wir eigent­lich schon qua­li­fi­ziert waren und den­noch alles gaben. Das ist auch der Grund, warum wir Kroaten in allen Sport­arten gut sind, obwohl wir eigent­lich mit unseren 4,5 Mil­lionen Ein­woh­nern ein ver­hält­nis­mäßig kleines Land sind.

Neben Stolz und Kampf, was war noch aus­schlag­ge­bend für diesen his­to­ri­schen Erfolg?

Ich glaube, wir haben ein­fach richtig gut gespielt. Unsere große Stärke war der Ball­be­sitz, wir ließen den Ball gut laufen und hatten auch nie Angst vor den großen Namen wie Ita­lien oder Deutsch­land. Außerdem hatten wir mit Boban, Pro­si­necki und Asa­novic eine phä­no­me­nale Mit­tel­feld­achse, sie war das Herz­stück des kroa­ti­schen Teams in diesen Jahren.

Wel­chen Anteil hatte der Trainer?

Miroslav Bla­zevic ist einer der besten Trainer, die ich jemals hatte. Er stellt sein Team sehr gut ein, jeder Spieler ist nicht zu 100, son­dern zu 120% Pro­zent vor­be­reitet. Wir hatten ein gutes Ver­hältnis. Oft zer­bricht das Team nach guten Resul­taten, aber zu dieser Zeit mit Bla­zevic war es ein­fach ein per­fektes Zusam­men­spiel in allen Berei­chen.

Trifft sich die Mann­schaft von damals eigent­lich noch regel­mäßig?

Wir waren natür­lich gut befreundet, aber nach der WM wech­selte die gesamte Mann­schaft ja in ver­schie­denste euro­päi­sche Spit­zen­ligen. Das Tur­nier war für uns ein großes Fes­tival, und wir spielten gerne zusammen. Es war ein großer Erfolg für uns, der den nächsten Genera­tionen zeigt, was Kroa­tien auf dieser großen inter­na­tio­nalen Bühne errei­chen kann.

Wie wichtig war der Faktor Freund­schaft?

Freund­schaft ist immer ein wich­tiger Bestand­teil einer funk­tio­nieren Mann­schaft bei einer Groß­ver­an­stal­tung. Zusammen mit der Vor­be­rei­tung und dem fast ein­mo­na­tigem Auf­ent­halt in Frank­reich waren wir knapp 60 Tage auf engstem Raum bei­sammen. Wenn man sich da unter­ein­ander nicht ver­steht, kann man nichts gewinnen.

Neben Ihnen waren mit Jarni, Boban, Stimac und Pro­si­necki auch vier wei­tere Akteure von der U20-WM 1987 in Frank­reich dabei. War es eine gol­dene Genera­tion? Glauben Sie, dass man so einen Erfolg wie­der­holen kann?

Obwohl im Sport natür­lich nichts unmög­lich ist, gehe ich soweit und sage, dass es nicht ein­fach wird für kom­mende Genera­tionen an uns heran zu kommen. Wir waren die Weg­be­reiter, die Ersten, die für Kroa­tien im Natio­nal­team gespielt haben, noch dazu so erfolg­reich. Ich würde mir natür­lich wün­schen, dass die Youngs­ters von heute ähn­lich erfolg­reich werden, aber ich bin rea­lis­tisch und denke, es wird sehr hart werden für uns so etwas zu wie­der­holen.

Warum?

(lacht) Mein Freund, wir sind ein junges Land und können nicht jedes Jahr vorne mit­spielen. Ich würde es mir wün­schen, aber wir sind nun mal ein kleines Land. Für uns ist immer die Qua­li­fi­ka­tion für eine End­runde das Ziel. Man denke nur einmal an andere Nationen wie Spa­nien. Dort werden Mil­lionen in der Liga gezahlt und auf­ge­wendet, aber man wird nie wirk­lich besser als Vierter oder Fünfter. Kroa­tien ist so jung und war schon einmal Dritter einer Welt­meis­ter­schaft.

Sind Sie inso­fern auch zufrieden mit der Ent­wick­lung des kroa­ti­schen Fuß­balls seit der Ver­bands­grün­dung?

Wir waren bisher bei allen großen Tur­nieren dabei, außer der Euro­pa­meis­ter­schaft 2000 in den Nie­der­landen und Bel­gien. Außerdem haben wir eine gute Stel­lung im Spit­zen­fuß­ball bezogen, die sich sehen lassen kann. Ein Land wie Kroa­tien kann ja nicht den Anspruch erheben, Welt- oder Euro­pa­meister zu werden. Man muss bescheiden bleiben und dankbar für das sein, was man bisher errei­chen durfte.

Wie schätzen Sie die Aus­lo­sung der EM-Vor­run­den­gruppen ein?

Ich glaube, wir haben Glück gehabt, vor allem wenn man bedenkt, dass wir statt Rumä­nien in die Todes­gruppe C mit Ita­lien, Nie­der­lande und Frank­reich landen hätten können. Nor­ma­ler­weise kommt Deutsch­land weiter, eigent­lich kommen sie sowieso immer ins Finale, wenn sie bei einem großen Tur­nier dabei sind. Es wird eine Aus­ein­ader­set­zung mit Polen um den zweiten Auf­stiegs­platz.

Wie wichtig wird ein gutes Ergebnis im Auf­takt­spiel sein?

Es wird für uns und für unseren Gegner Öster­reich das Finale in dieser Gruppe sein. Wer dieses erste Spiel gewinnt, wird es leicht haben in die nächste Runde zu gelangen. Für Öster­reich wird es aber all­ge­mein schwer werden, auch gerade des­wegen, weil sie Ver­an­stalter sind.

Sie haben in Spa­nien, Eng­land und Deutsch­land gespielt. Wel­chen Fuß­ball bevor­zugen Sie?

Der spa­ni­sche Fuß­ball ist sicher der Beste, die Ligen sind aber gleich­wertig. Wenn ich wählen müsste, würde ich mich für Spa­nien ent­scheiden, aller­dings nicht aus sport­li­chen Gründen, son­dern wegen des medi­ter­ranen Lebens­ge­fühls und des guten Klimas.

Und warum gingen Sie den­noch am Spät­abend ihrer Kar­riere nach Deutsch­land?

Mir gefiel Mün­chen, das ist eine der schönsten Städte Europas, und ich habe in Deutsch­land zudem viele Ver­wandte. Außerdem ist man in nur fünf Stunden in Kroa­tien, kann zum Ski­fahren nach Kitz­bühel. Das ist mein Gebiet, des­halb lebe ich heute auch hier.