Seite 2: „Im Bus stand schon gekühltes Bier“

Deut­sche Trainer wie Ewald Lienen ver­bieten ihren Spie­lern sogar, Cola zu trinken.
Ein Coach, der in Eng­land solche Ansagen gemacht hätte, wäre aus­ge­lacht worden. Wenn wir nach einem sieg­rei­chen Spiel in Liver­pool in den Bus ein­stiegen, standen dort schon die gekühlten Kisten Bier. In Fulham in der zweiten Liga sind die Spieler fast jeden Tag nach dem Trai­ning in den Pub gegangen. Und was soll ich sagen? Die sind trotzdem in jedem Match neunzig Minuten gerannt.

War es auch in Sachen Ernäh­rung eine Umstel­lung?
In Ita­lien und Deutsch­land waren die Auf­lagen schon damals sehr penibel. Nur weißes Fleisch, viel Obst, Gemüse. Ich werde des­halb nie ver­gessen, wie ich vor meinem ersten Spiel für Liver­pool mor­gens um elf Uhr zum Früh­stück kam. Ein wun­der­barer eng­li­scher Brunch war dort auf­ge­baut. Baked Beans, Kar­tof­feln, Speck, Eier und diese kleinen Würst­chen. Ich stand davor und hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Nichts davon wäre bei einem anderen Verein erlaubt gewesen – schon gar nicht am Spieltag. Dann sah ich aber unseren Keeper David James, wie er sich den Teller voll­packte. Aus jeder Schale nahm er einen großen Löffel, bis der Teller über­quoll. Oben drüber ein ordent­li­cher Schlag Soße mit roten Bohnen, dann hat er alles mit dem Messer durch­ge­schnitten und in sich rein­ge­stopft. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Stern.

Was unter­schied sich sonst noch von der hie­sigen Auf­fas­sung von pro­fi­ge­rechtem Lebens­wandel?
In Dort­mund wurde jeder Spieler min­des­tens zwei Mal in der Woche mas­siert. In Liver­pool bin ich nach drei harten Trai­nings­tagen zu unserem Phy­sio­the­ra­peuten Mark gegangen und habe nach einer Mas­sage gefragt. Und was ent­gegnet er? Oh, Karl, go in the fucking bath!“ Es gab keine Mas­sage, wer sich nicht gut fühlte, legte sich in die warme Bade­wanne. In vier Jahren in Eng­land hatte ich trotzdem nicht einmal einen Mus­kel­fa­ser­riss.

Ihr erstes Spiel in der Pre­mier League absol­vierten Sie gegen den FC Wim­bledon.
Da wurde mir auch gleich bewusst gemacht, wie es in der Pre­mier League abläuft.

Ihr Gegen­spieler hieß Vinnie Jones.
Ich kannte den nur vom Namen und wusste nicht, wel­chen Stel­len­wert er in Eng­land genoss. Ihm eilte der Ruf als Schlächter“ voraus. Es dau­erte keine fünf Minuten, bis ich einen Fuß von ihm im Gesicht hatte.

Haben Sie sich wäh­rend des Spiels mit Jones unter­halten?
Zur Begrü­ßung hat er mir mal kräftig auf den Fuß getreten, um sich Respekt zu ver­schaffen, aber sonst hatten wir nicht viel mit­ein­ander zu tun. Innen war er stark, im Zen­trum ordent­lich drauf­hauen, das konnte er. Aber ins­ge­samt war er ein steifer Typ, wenn ich raus auf den Flügel ging, hatte er Pro­bleme, hin­terher zu kommen.

War Jones der här­teste Gegen­spieler, auf den Sie in Eng­land getroffen sind?
Sicher ein harter Kno­chen, aber von seiner Güte­klasse gab es einige. Nach dem 1:1 in Wim­bledon fiel mir dann ein, wie Paul Gas­coigne bei Lazio Rom mal sein Video dabei hatte. Vinnie Jones hat darin seine bru­talsten Fouls zu einem Film zusam­men­ge­stellt, und er erklärt auch, wie man am cle­versten Foul spielt. Der ganze Bus hat sich beim Anschauen schlapp gelacht.

In der 71. Minute foulte er sie erneut, der Schieds­richter gab Elf­meter, den Michael Owen zum 1:1‑Endstand ver­senkte.
Vorher gab es noch eine andere Straf­raum­si­tua­tion, als der Ball nach innen kam, ein Ver­tei­diger grätschte dazwi­schen, und ich flog spek­ta­kulär über ihn drüber.

Sie wollten einen Elf­meter schinden.
So in der Art. Ich lag also als ster­bender Schwan am Boden und war­tete ab, als mich plötz­lich mein Team­kol­lege Steve McMa­naman packte, mich hochzog und anschnauzte: Junge, das kannst du in fucking Ger­many machen!“ In Eng­land schreiten sogar die eigenen Leute ein, wenn einer eine Schwalbe ver­sucht.

War die ver­än­derte Regel­aus­le­gung für Sie eine Umstel­lung?
Defi­nitiv. Ein gestrecktes Bein ist in Eng­land kein Foul, und auch in Kopf­ball­du­ellen kann man machen, was man will. Das pfeift kein Schieds­richter. Die Zuschauer hassen es, wenn einer den Fuß aus einem Zwei­kampf nimmt, weil er sich vor einer Ver­let­zung fürchtet. Ich lernte schnell, dass ein Fuß­baller auf der Insel dage­gen­halten muss. Auch das Tempo in der Pre­mier League ist wesent­lich höher als in der Bun­des­liga. Es ging ständig rauf und runter.

Gab es ver­pflich­tende Maß­nahmen zum Team­buil­ding, etwa regel­mä­ßige Mann­schafts­abende?
Nein, aber wir haben viel Golf zusammen gespielt. Dabei habe ich mich gleich am Anfang auch ziem­lich in die Nes­seln gesetzt.

Was war pas­siert?
Ich kam aus Dort­mund und hatte Han­dicap 13 – aus meiner Sicht eine ganz solide Basis. Also fragte ich in der Kabine: Spielt hier jemand Golf?“ Ohne mir Gedanken dar­über zu machen, dass in Eng­land jeder mit dem Golf­schläger in der Hand groß wird. Ich ging also mit Michael Owen, Jamie Red­knapp und Neil Rud­dock aufs Green und trat als Erster ans Tee, in der Annahme, mein Han­dicap sei das beste. Kurz bevor ich abschlagen wollte, fragte ich aber in die Runde. Jamie Red­knapp sagt schüch­tern: Han­dicap vier“. Neil Rud­dock: Drei!“

Und Michael Owen?
Han­dicap zwei!“ Mit knall­roter Birne stellte ich mich wieder hinten an. Auf der Runde traf ich keinen Ball mehr, so pein­lich war mir das. Sie können sich das nicht vor­stellen: Wenn bei uns das Trai­ning zu Ende war, raste der ganze Kader in die Umklei­de­ka­bine, duschte und fuhr raus zum Golfen. Jeden Tag!

Auch Trainer Roy Evans?
Der nicht. Der ließ nur einmal am Tag trai­nieren, weil er ständig Ter­mine auf der Pfer­de­renn­bahn hatte.