Seite 4: „Oh, Germany, okay. Hitler!“

Und Sie klärten ihn auf.
Ich sagte: I am Karl-Heinz Riedle, I come from Ger­many!“ Und er sagte: Oh, Ger­many, okay. Hitler!“ Wo war ich jetzt wieder gelandet? Aber ansonsten war er sehr nett, auch wenn ich ihn bis zu meiner Beru­fung zum Trainer nur noch auf der Tri­büne sah oder wenn er kurz vor Anpfiff in die Kabine kam, um uns Glück zu wün­schen.

Aber als Sie für drei Monate Spie­ler­trainer wurden, mussten Sie regel­mäßig zu ihm zum Rap­port?
Nein, nein. Es war nur so, dass unser Manager fragte, ob ich mir zutrauen würde, nach der Ent­las­sung unseres Coachs Paul Brace­well über­gangs­weise bis zur Som­mer­pause – es waren noch sechs Spiele – das Trai­ning zu leiten. Weil ich ein sehr gutes Ver­hältnis zu Paul hatte, rief ich ihn erst einmal an, um zu fragen, ob er ein­ver­standen sei. Kein Pro­blem“, sagte er. Am nächsten Morgen wollte er aber eine letzte Trai­nings­ses­sion machen und sich ordent­lich von den Spie­lern ver­ab­schieden. Wäh­rend wir also mit ihm auf dem Platz standen, hörten wir auf einmal ein ohren­be­täu­bendes Geräusch. Der Hub­schrauber von Al-Fayed lan­dete direkt neben uns auf dem Rasen und die Mann­schaft wurde in den Auf­ent­halts­raum gebeten.

Der offi­zi­elle Teil des Raus­schmisses.
So unge­fähr. Al-Fayed und Manager Mark Grif­fith kamen herein, und wir saßen huf­ei­sen­förmig um die Ver­ant­wort­li­chen herum. Al-Fayed ergriff das Wort, appel­lierte an unseren Ehr­geiz und ver­kün­dete, dass Paul zukünftig nicht mehr bei uns sei. Und abschlie­ßend sagte er mit großer Geste: Und unser neuer Trainer ist ab sofort … Karl-Heinz Riedle!“ Und zeigte dabei er auf unseren Vize­ka­pitän Simon Morgan, der in der gegen­über­lie­genden Ecke saß. Al-Fayed schaute Simon an und sagte: Karl-Heinz, please come and speak to the team.“

Sie rangen ver­mut­lich um Fas­sung.
Das kann ich Ihnen sagen. Ganz klein­laut mel­dete ich mich aus meiner Ecke: Herr Prä­si­dent, ich bin hier.“ Als Paul sich von der Mann­schaft ver­ab­schiedet hatte, sollte ich noch etwas sagen, aber meine Antritts­rede dau­erte nur drei Sekunden, denn der ganze Saal lachte sich inzwi­schen kaputt.

Wie kam der Klub auf Sie?
Ich war der erfah­renste Spieler. Es sollte auch wie gesagt nur kurz sein, weil sie damals schon an Jean Tigana dran waren.

Das Team hatte zu dem Zeit­punkt seit acht Spielen nicht mehr gewonnen.
Mir war von Anfang an klar, dass ich den Job nicht allein machen kann. Um die Spieler wie ein Coach anzu­spre­chen, reichte mein Eng­lisch schlicht nicht aus. Also holte ich Roy Evans, der für mich das Trai­ning machte, und gemeinsam stellten wir die Mann­schaft auf. Ich habe mich sehr auf seine Erfah­rung ver­lassen, auch wenn er immer sagte: Du musst ent­scheiden, es ist deine Ver­ant­wor­tung!“ Roy war nach seinem Abgang in Liver­pool gewis­ser­maßen im Ruhe­stand, er wollte am Anfang noch nicht mal Geld für den Aus­hilfsjob.

Spielten Sie par­allel zu dieser Tätig­keit in der ersten Elf?
Als ich den Trai­nerjob über­nahm, hatte ich mich an der Hals­wir­bel­säule ver­letzt. Es ging für uns immer noch um den Auf­stieg in die Pre­mier League. Nach drei Spielen Pause wollte mich Roy wieder ein­setzen. Wir standen an der Tafel, er schrieb meinen Namen in die Auf­stel­lung, ich strich ihn durch. Er schrieb ihn wieder rein, ich strich mich wieder aus der Auf­stel­lung. Immer wieder, die Tafel war nachher total voll­ge­krit­zelt. Ich fühlte mich an diesem Tag nach meiner Ver­let­zung ein­fach noch nicht fit genug, aber dann redeten auch die Spieler auf mich ein, und ich ließ mich breit­schlagen.

Ein Fehler?
Es war das Liga­spiel gegen Not­tingham Forest. Nach fünf Minuten kam ein langer Ball, ich sprang hoch, und mein Gegen­spieler trat mir mit den Stollen voran in den Ober­körper. Das Nächste, woran ich mich wieder erin­nern kann, ist, dass ich im Kran­ken­haus mit einer Lun­gen­em­bolie auf­wachte. Zu dem Zeit­punkt wusste ich es noch nicht, aber es war das Ende meiner aktiven Lauf­bahn.

War die zweite Liga härter als die Pre­mier League?
In Fulham spielten wir klas­si­sches Kick and Rush“, das war für mich als Stürmer ins­ge­samt belas­tender, weil ich mich ständig mit diesen langen Schläch­tern aus der geg­ne­ri­schen Abwehr im Luft­kampf befand. Da gab es immer wieder Schläge in den Nacken, ich hatte einige Pro­bleme mit den Hals­wir­beln. Ich erin­nere mich noch gut an einen Zwei­kampf, als mir ein Gegner von hinten mit gestrecktem Bein in die Achil­les­sehne fuhr. In Deutsch­land hätte es Dun­kelrot dafür gegeben.

Aber?
Der Schieds­richter schoss heran, bückte sich zu mir runter und sagte: Karl, come on, be tough!“

Wie war der Umgang der Spieler mit den Refe­rees?
Wesent­lich rus­ti­kaler. Was der Schiri sich auf der Insel alles anhören muss, wäre bei uns undenkbar. Da ist Arsch­loch“ noch eine der leich­teren Belei­di­gungen, die ein Unpar­tei­ischer erträgt, ohne Karten zu zücken.

Karl-Heinz Riedle, warum haben Sie später Ihre Trai­ner­kar­riere nicht fort­ge­setzt?
Ich hatte auch genug von dem unsteten Leben. Ein Jahr hier, ein Jahr da, das reichte mir. Und außerdem hat man als Spieler ein­fach das schönste Leben. Man trai­niert und hat danach Ruhe. Aber in den Wochen als Trainer fing nach der Ses­sion die Arbeit erst an. Agenten kamen zu mir und wollten mir Spieler andrehen. Dieses Tele­fo­nieren und Planen! Spieler haben dau­ernd irgend­welche Fragen oder Pro­bleme. Nein, die drei Monate als Spie­ler­trainer in Fulham haben wirk­lich gereicht.