Seite 3: „Nach Marbella zum Golfen“

Im Ernst?
Nein, so schlimm war es nicht, aber Grand National“ (bedeu­tendstes eng­li­sches Pfer­de­hin­der­nis­rennen in Ain­tree bei Liver­pool, d.Red.) hatte für ihn min­des­tens so einen Stel­len­wert wie der Boxing Day“.

Wurde unter Spie­lern auch gewettet?
Pfer­de­wetten waren an der Tages­ord­nung. Wenn wir zum Spiel fuhren, hatten viele Profis noch ihre Agenten am Telefon und plat­zierten Wetten. In Liver­pool schauten wir noch eine Stunde vor dem Anpfiff in der Kabine die Rennen im Fern­sehen an. Michael Owen und Robby Fowler hatten sogar eigene Pferde laufen.

Und Sie?
Beim Grand National“ in Chester habe ich bestimmt auch mal hun­dert Pfund gewettet, aber das bewegte sich nicht ansatz­weise in den Kate­go­rien man­cher Kol­legen.

Die Trink­ge­wohn­heiten von Män­nern wie Paul Gas­coigne und Tony Adams sind legendär. Können Sie bestä­tigen, dass unter Pre­mier-League-Profis anders getrunken wurde als in der Bun­des­liga?
Als ich später in Fulham in der zweiten Liga spielte, wun­derte ich mich schon, wie regel­mäßig manche Team­kol­legen sich die Pints rein­knallten und trotzdem am nächsten Tag im Spiel abgingen. Was da in London nach dem Trai­ning getrunken wurde, war Wahn­sinn. Ich mag Lager-Bier nicht so gern und brauche für ein Pint bestimmt ein halbe Stunde. Anderen fiel das deut­lich leichter: Die ließen das erste auf Ex rein­laufen und hatten nach zwei Minuten das nächste auf dem Tisch stehen.

Und was sagten die Trainer dazu?
Wenn wir in Liver­pool am Samstag gewonnen hatten, wusste Roy Evans natür­lich, dass wir hin­terher aus­gehen würden. Der fand das sogar ganz gut, glaub ich. Aber er hat es sich auch nie nehmen lassen, am Sonntag ein aus­führ­li­ches Kopf­ball­trai­ning anzu­setzen. Ich erin­nere mich an ein Aus­laufen, das Paul Ince und Michael Owen jeweils mit Was­ser­fla­schen in beiden Händen machten, weil sie ihren Brand vom Vor­abend löschen mussten.

Evans war also ein kleiner Quälix“.
Ach nein, Roy war wie ein Vater für uns Spieler. Er hat sich eine Zeit­lang einen Spaß daraus gemacht – und dann hat er es gut sein lassen.

Klingt nach einer ange­nehmen Zeit.
Das war es. Einmal fragte ich ihn vor einem spiel­freien Wochen­ende, ob ich diens­tags für einen runden Geburtstag meines Vaters über Nacht nach Deutsch­land fahren dürfe. Da sagte er: Karl, stay a week!“ Wenn er uns drei Tage frei gab, setzte sich die halbe Mann­schaft in den Flieger und jet­tete nach Mar­bella zum Golfen.

Wie müssen wir uns den Umgang unter­ein­ander im Trai­ning vor­stellen?
Ganz anders, als man es vom rus­ti­kalen Spiel her erwartet. In Dort­mund haben wir uns in den Trai­nings­ein­heiten auf die Socken gegeben, dass es sogar Kreuz­band­risse gab. Wo Jürgen Kohler hin­trat, wuchs kein Gras mehr. In Eng­land war das ganz anders, da ließ man den Kol­legen auch mal durch­laufen, här­tere Zwei­kämpfe kamen selten vor.

Haben Sie analog zu den deut­schen auch eng­li­sche Tugenden ken­nen­ge­lernt?
Die Eng­länder geben neunzig Minuten lang alles, selbst ein Fehl­pass­fes­tival kann da noch einen gewissen Reiz haben, weil beide Teams sich trotz Grot­ten­kick noch aus­powern. Und, wie gesagt, eng­li­sche Profis würden nie bei einem Zwei­kampf zurück­ziehen. Jam­mern ist schlichtweg ver­pönt.

Nach zwei Jahren in Liver­pool wech­selten Sie zum FC Fulham in die First Divi­sion. Wie muss man sich die Nie­de­rungen des Zweit­li­ga­fuß­balls vor­stellen?
Es war noch fami­liärer als in Liver­pool. Wenn ich zu den Spielen zum Craven Cot­tage fuhr, parkte ich mein Auto in einer Neben­straße, nahm meine Tasche und schlen­derte zwi­schen Fans hin­durch ins Sta­dion. Ein altes Holz­sta­dion für 20 000 Zuschauer, fast immer aus­ver­kauft, groß­artig.

Mäzen war der ägyp­ti­sche Geschäfts­mann Mohamed Al-­Fayed. Kannte er sich aus mit Fuß­ball?
Na ja, es ging so. Der Ver­trag war aus­ge­han­delt, und ich fuhr nach London, um zu unter­schreiben. Al-Fayed emp­fing mich im fünften Stock seines Kauf­hauses Har­rods“, wo er sein Büro hatte. Mit Manager Mark Grif­fith hatte ich schon alle Ver­trags­an­ge­le­gen­heiten gere­gelt, als plötz­lich Al-Fayed den Raum betrat, seine Hose von dicken Hosen­trä­gern gehalten. Grif­fith stellte mich vor: This is our new signing from Liver­pool.“ Und Al-Fayed ent­geg­nete: Oh, great, where do you come from?“ Er hatte keine Ahnung, wer ich war.