Hier spricht Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in Eng­land. Dieses Inter­view erschien erstmal 2012 im 11FREUNDE Spe­zial Die Geschichte des bri­ti­schen Fuß­balls“. Hier im Shop erhält­lich.

Karl-Heinz Riedle, was klingt Ihnen in den Ohren, wenn Sie sich an die Anfield Road erin­nern?
You’ll Never Walk Alone“ natür­lich.

Das die Liver­pool-Fans seit Jahr­zehnten vor jedem Heim­spiel singen.
Beson­ders emo­tional war es, wenn ich an die tra­di­tio­nelle Gedenk­ver­an­stal­tung für die Opfer der Hills­bo­rough-­Ka­ta­strophe im April 1989 denke. Wir Spieler kamen aus den Kata­komben, die Steh­tri­büne The Kop“ war mit 8000 Zuschauern voll, und das ganze Sta­dion sang. Da kamen einem unwei­ger­lich die Tränen, selbst wenn man, wie ich, nicht direkt mit der Geschichte in Shef­field zu tun hatte.

Mit wel­chen Emp­fin­dungen wech­selten Sie 1997 von Borussia Dort­mund zum FC Liver­pool?
Für mich ging ein Kind­heits­traum in Erfül­lung. Kenny Dalg­lish, Graeme Sou­ness, Kevin Keegan, Ian Rush – das waren Helden meiner Jugend. Das Rot des Klubs hatte für mich seit jeher eine magi­sche Anzie­hungs­kraft.

Hatten Sie keine Sorgen, dass es für einen Deut­schen schwer werden könnte?
Die Sorge wurde beim ersten Pub-Besuch aus­ge­räumt. Ich wollte mit einem Freund in den Tagen der Ver­trags­un­ter­zeich­nung was trinken gehen. Wir standen an einem Tisch, da kam ein Eng­länder daher, stellte uns zwei Bier hin und wir waren im Gespräch: Wo kommt ihr her? Was macht ihr hier?“ Der kannte mich über­haupt nicht. Da wusste ich: Hier bist du richtig!“

Und auch der Klub erfüllte Ihre Erwar­tungen?
Peter Robinson war damals noch Sport­di­rektor. Ein Edel­mann in jeder Hin­sicht. Die Ver­trags­ge­spräche fanden in seinem kleinen Büro statt. Alles in Rot gehalten, mit Holz ver­kleidet und mit schweren Leder­mö­beln ein­ge­richtet. Wie alle Ver­ant­wort­li­chen begeg­nete er mir mit großem Respekt auf­grund meiner sport­li­chen Erfolge, er kannte alle Details meiner Kar­riere.

Bayern-Boss Uli Hoeneß schlen­derte früher an der Säbener Straße regel­mäßig am Trai­nings­platz herum.
Das hat Peter Robinson nie gemacht. Er kam zu Spielen, die er sich mit Prä­si­dent David Moore und ein paar Freunden oben vom President’s Room aus anschaute. Wäh­rend einer Ver­let­zung habe ich aller­dings mal erlebt, wie es dort abging, wäh­rend wir unten kickten. Da standen diese dis­tin­gu­ierten Herren in ihren teuren Maß­an­zügen und fluchten wie die Hafen­ar­beiter.

Der nord­eng­li­sche Dia­lekt ist für Deut­sche sicher nicht leicht zu ver­stehen.
Da sagen Sie was! In den ersten Trai­nings­ein­heiten ver­stand ich nur Kau­der­welsch, der in regel­mä­ßigen Abständen von dem Wort Fuck“ unter­bro­chen wurde. Roy Evans, unser Trainer, sprach in einem sol­chen Tempo im Scouser-Dia­lekt, dass ich ständig nach­fragen musste. Seit der Schule hatte ich ja kaum Eng­lisch gespro­chen.

Wie waren Sie als in die Jahre gekom­mener Welt­meister aus Deutsch­land in der Mann­schaft gelitten?
Das Team war im Umbruch. Mit Paul Ince kam ein wei­terer erfah­rener Spieler von Inter Mai­land, es gab ein paar ältere Nor­weger, und zudem hatten wir die männ­li­chen Spice Girls“ – Robby Fowler, Michael Owen, Steve Mc Manaman, Steven Ger­rard und Jamie Red­knapp, die zur ersten Mann­schaft stießen. Die hatten rie­sigen Respekt vor uns.

War es in Eng­land noch üblich, dass die Jungen den Oldies die Tasche nacht­rugen?
Die A‑Jugendlichen putzten unsere Schuhe. Michael Owen hat meine in den ersten Wochen noch für mich gesäu­bert. Als er dann fest bei den Profis war, musste er es aber nicht mehr machen.

Michael Bal­lack musste bei seinem Ein­stand beim FC Chelsea ein Lied auf Deutsch singen: Du ent­schul­dige, i kenn di“ von Peter Cor­ne­lius. Wie war das bei Ihnen?
Die Story erzähle ich nicht, das gab nachher einen Rie­sen­skandal.

Dann sollten Sie es aber erzählen.
Also gut. In Liver­pool war es Tra­di­tion, das Ein­stands­lied nicht am Anfang, son­dern bei der sagen­um­wo­benen Christmas Party“ zu singen. Ich habe mir also an Weih­nachten eine Leder­hose ange­zogen und irgendein Lied in dieser Rich­tung, was weiß ich, Zieht den Bayern die Leder­hosen aus“ oder so, ange­stimmt.

Sie können sich nicht mehr erin­nern?
Was daran liegt, dass mein Vor­trag offenbar so schlecht war, dass schon nach zehn Sekunden zahl­lose Bier­gläser über meinem Kopf aus­ge­leert wurden. Die Taufe setzte meinem Gesang ein Ende.

Aber das war noch kein Skandal.
Nein, nein. Mehr habe ich mir an dem Abend auch nicht zuschulden kommen lassen. Das Pro­blem war, dass die ganze Mann­schaft später in einer Bar lan­dete, wo wirk­lich für alles gesorgt war: Alkohol, gute Laune und auch ein paar leicht beklei­dete Damen. Da waren viele von uns schon jen­seits von Gut und Böse. Und in der Beglei­tung der Damen war auch ein Typ, der die ganze Sze­nerie mit einer Kamera filmte und die Auf­nahmen später an die Bou­le­vard­zei­tung News of the World“ ver­kaufte. Danach gab es diese legen­dären Christmas Partys“ in Liver­pool nie wieder.

Deut­sche Trainer wie Ewald Lienen ver­bieten ihren Spie­lern sogar, Cola zu trinken.
Ein Coach, der in Eng­land solche Ansagen gemacht hätte, wäre aus­ge­lacht worden. Wenn wir nach einem sieg­rei­chen Spiel in Liver­pool in den Bus ein­stiegen, standen dort schon die gekühlten Kisten Bier. In Fulham in der zweiten Liga sind die Spieler fast jeden Tag nach dem Trai­ning in den Pub gegangen. Und was soll ich sagen? Die sind trotzdem in jedem Match neunzig Minuten gerannt.

War es auch in Sachen Ernäh­rung eine Umstel­lung?
In Ita­lien und Deutsch­land waren die Auf­lagen schon damals sehr penibel. Nur weißes Fleisch, viel Obst, Gemüse. Ich werde des­halb nie ver­gessen, wie ich vor meinem ersten Spiel für Liver­pool mor­gens um elf Uhr zum Früh­stück kam. Ein wun­der­barer eng­li­scher Brunch war dort auf­ge­baut. Baked Beans, Kar­tof­feln, Speck, Eier und diese kleinen Würst­chen. Ich stand davor und hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Nichts davon wäre bei einem anderen Verein erlaubt gewesen – schon gar nicht am Spieltag. Dann sah ich aber unseren Keeper David James, wie er sich den Teller voll­packte. Aus jeder Schale nahm er einen großen Löffel, bis der Teller über­quoll. Oben drüber ein ordent­li­cher Schlag Soße mit roten Bohnen, dann hat er alles mit dem Messer durch­ge­schnitten und in sich rein­ge­stopft. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Stern.

Was unter­schied sich sonst noch von der hie­sigen Auf­fas­sung von pro­fi­ge­rechtem Lebens­wandel?
In Dort­mund wurde jeder Spieler min­des­tens zwei Mal in der Woche mas­siert. In Liver­pool bin ich nach drei harten Trai­nings­tagen zu unserem Phy­sio­the­ra­peuten Mark gegangen und habe nach einer Mas­sage gefragt. Und was ent­gegnet er? Oh, Karl, go in the fucking bath!“ Es gab keine Mas­sage, wer sich nicht gut fühlte, legte sich in die warme Bade­wanne. In vier Jahren in Eng­land hatte ich trotzdem nicht einmal einen Mus­kel­fa­ser­riss.

Ihr erstes Spiel in der Pre­mier League absol­vierten Sie gegen den FC Wim­bledon.
Da wurde mir auch gleich bewusst gemacht, wie es in der Pre­mier League abläuft.

Ihr Gegen­spieler hieß Vinnie Jones.
Ich kannte den nur vom Namen und wusste nicht, wel­chen Stel­len­wert er in Eng­land genoss. Ihm eilte der Ruf als Schlächter“ voraus. Es dau­erte keine fünf Minuten, bis ich einen Fuß von ihm im Gesicht hatte.

Haben Sie sich wäh­rend des Spiels mit Jones unter­halten?
Zur Begrü­ßung hat er mir mal kräftig auf den Fuß getreten, um sich Respekt zu ver­schaffen, aber sonst hatten wir nicht viel mit­ein­ander zu tun. Innen war er stark, im Zen­trum ordent­lich drauf­hauen, das konnte er. Aber ins­ge­samt war er ein steifer Typ, wenn ich raus auf den Flügel ging, hatte er Pro­bleme, hin­terher zu kommen.

War Jones der här­teste Gegen­spieler, auf den Sie in Eng­land getroffen sind?
Sicher ein harter Kno­chen, aber von seiner Güte­klasse gab es einige. Nach dem 1:1 in Wim­bledon fiel mir dann ein, wie Paul Gas­coigne bei Lazio Rom mal sein Video dabei hatte. Vinnie Jones hat darin seine bru­talsten Fouls zu einem Film zusam­men­ge­stellt, und er erklärt auch, wie man am cle­versten Foul spielt. Der ganze Bus hat sich beim Anschauen schlapp gelacht.

In der 71. Minute foulte er sie erneut, der Schieds­richter gab Elf­meter, den Michael Owen zum 1:1‑Endstand ver­senkte.
Vorher gab es noch eine andere Straf­raum­si­tua­tion, als der Ball nach innen kam, ein Ver­tei­diger grätschte dazwi­schen, und ich flog spek­ta­kulär über ihn drüber.

Sie wollten einen Elf­meter schinden.
So in der Art. Ich lag also als ster­bender Schwan am Boden und war­tete ab, als mich plötz­lich mein Team­kol­lege Steve McMa­naman packte, mich hochzog und anschnauzte: Junge, das kannst du in fucking Ger­many machen!“ In Eng­land schreiten sogar die eigenen Leute ein, wenn einer eine Schwalbe ver­sucht.

War die ver­än­derte Regel­aus­le­gung für Sie eine Umstel­lung?
Defi­nitiv. Ein gestrecktes Bein ist in Eng­land kein Foul, und auch in Kopf­ball­du­ellen kann man machen, was man will. Das pfeift kein Schieds­richter. Die Zuschauer hassen es, wenn einer den Fuß aus einem Zwei­kampf nimmt, weil er sich vor einer Ver­let­zung fürchtet. Ich lernte schnell, dass ein Fuß­baller auf der Insel dage­gen­halten muss. Auch das Tempo in der Pre­mier League ist wesent­lich höher als in der Bun­des­liga. Es ging ständig rauf und runter.

Gab es ver­pflich­tende Maß­nahmen zum Team­buil­ding, etwa regel­mä­ßige Mann­schafts­abende?
Nein, aber wir haben viel Golf zusammen gespielt. Dabei habe ich mich gleich am Anfang auch ziem­lich in die Nes­seln gesetzt.

Was war pas­siert?
Ich kam aus Dort­mund und hatte Han­dicap 13 – aus meiner Sicht eine ganz solide Basis. Also fragte ich in der Kabine: Spielt hier jemand Golf?“ Ohne mir Gedanken dar­über zu machen, dass in Eng­land jeder mit dem Golf­schläger in der Hand groß wird. Ich ging also mit Michael Owen, Jamie Red­knapp und Neil Rud­dock aufs Green und trat als Erster ans Tee, in der Annahme, mein Han­dicap sei das beste. Kurz bevor ich abschlagen wollte, fragte ich aber in die Runde. Jamie Red­knapp sagt schüch­tern: Han­dicap vier“. Neil Rud­dock: Drei!“

Und Michael Owen?
Han­dicap zwei!“ Mit knall­roter Birne stellte ich mich wieder hinten an. Auf der Runde traf ich keinen Ball mehr, so pein­lich war mir das. Sie können sich das nicht vor­stellen: Wenn bei uns das Trai­ning zu Ende war, raste der ganze Kader in die Umklei­de­ka­bine, duschte und fuhr raus zum Golfen. Jeden Tag!

Auch Trainer Roy Evans?
Der nicht. Der ließ nur einmal am Tag trai­nieren, weil er ständig Ter­mine auf der Pfer­de­renn­bahn hatte.

Im Ernst?
Nein, so schlimm war es nicht, aber Grand National“ (bedeu­tendstes eng­li­sches Pfer­de­hin­der­nis­rennen in Ain­tree bei Liver­pool, d.Red.) hatte für ihn min­des­tens so einen Stel­len­wert wie der Boxing Day“.

Wurde unter Spie­lern auch gewettet?
Pfer­de­wetten waren an der Tages­ord­nung. Wenn wir zum Spiel fuhren, hatten viele Profis noch ihre Agenten am Telefon und plat­zierten Wetten. In Liver­pool schauten wir noch eine Stunde vor dem Anpfiff in der Kabine die Rennen im Fern­sehen an. Michael Owen und Robby Fowler hatten sogar eigene Pferde laufen.

Und Sie?
Beim Grand National“ in Chester habe ich bestimmt auch mal hun­dert Pfund gewettet, aber das bewegte sich nicht ansatz­weise in den Kate­go­rien man­cher Kol­legen.

Die Trink­ge­wohn­heiten von Män­nern wie Paul Gas­coigne und Tony Adams sind legendär. Können Sie bestä­tigen, dass unter Pre­mier-League-Profis anders getrunken wurde als in der Bun­des­liga?
Als ich später in Fulham in der zweiten Liga spielte, wun­derte ich mich schon, wie regel­mäßig manche Team­kol­legen sich die Pints rein­knallten und trotzdem am nächsten Tag im Spiel abgingen. Was da in London nach dem Trai­ning getrunken wurde, war Wahn­sinn. Ich mag Lager-Bier nicht so gern und brauche für ein Pint bestimmt ein halbe Stunde. Anderen fiel das deut­lich leichter: Die ließen das erste auf Ex rein­laufen und hatten nach zwei Minuten das nächste auf dem Tisch stehen.

Und was sagten die Trainer dazu?
Wenn wir in Liver­pool am Samstag gewonnen hatten, wusste Roy Evans natür­lich, dass wir hin­terher aus­gehen würden. Der fand das sogar ganz gut, glaub ich. Aber er hat es sich auch nie nehmen lassen, am Sonntag ein aus­führ­li­ches Kopf­ball­trai­ning anzu­setzen. Ich erin­nere mich an ein Aus­laufen, das Paul Ince und Michael Owen jeweils mit Was­ser­fla­schen in beiden Händen machten, weil sie ihren Brand vom Vor­abend löschen mussten.

Evans war also ein kleiner Quälix“.
Ach nein, Roy war wie ein Vater für uns Spieler. Er hat sich eine Zeit­lang einen Spaß daraus gemacht – und dann hat er es gut sein lassen.

Klingt nach einer ange­nehmen Zeit.
Das war es. Einmal fragte ich ihn vor einem spiel­freien Wochen­ende, ob ich diens­tags für einen runden Geburtstag meines Vaters über Nacht nach Deutsch­land fahren dürfe. Da sagte er: Karl, stay a week!“ Wenn er uns drei Tage frei gab, setzte sich die halbe Mann­schaft in den Flieger und jet­tete nach Mar­bella zum Golfen.

Wie müssen wir uns den Umgang unter­ein­ander im Trai­ning vor­stellen?
Ganz anders, als man es vom rus­ti­kalen Spiel her erwartet. In Dort­mund haben wir uns in den Trai­nings­ein­heiten auf die Socken gegeben, dass es sogar Kreuz­band­risse gab. Wo Jürgen Kohler hin­trat, wuchs kein Gras mehr. In Eng­land war das ganz anders, da ließ man den Kol­legen auch mal durch­laufen, här­tere Zwei­kämpfe kamen selten vor.

Haben Sie analog zu den deut­schen auch eng­li­sche Tugenden ken­nen­ge­lernt?
Die Eng­länder geben neunzig Minuten lang alles, selbst ein Fehl­pass­fes­tival kann da noch einen gewissen Reiz haben, weil beide Teams sich trotz Grot­ten­kick noch aus­powern. Und, wie gesagt, eng­li­sche Profis würden nie bei einem Zwei­kampf zurück­ziehen. Jam­mern ist schlichtweg ver­pönt.

Nach zwei Jahren in Liver­pool wech­selten Sie zum FC Fulham in die First Divi­sion. Wie muss man sich die Nie­de­rungen des Zweit­li­ga­fuß­balls vor­stellen?
Es war noch fami­liärer als in Liver­pool. Wenn ich zu den Spielen zum Craven Cot­tage fuhr, parkte ich mein Auto in einer Neben­straße, nahm meine Tasche und schlen­derte zwi­schen Fans hin­durch ins Sta­dion. Ein altes Holz­sta­dion für 20 000 Zuschauer, fast immer aus­ver­kauft, groß­artig.

Mäzen war der ägyp­ti­sche Geschäfts­mann Mohamed Al-­Fayed. Kannte er sich aus mit Fuß­ball?
Na ja, es ging so. Der Ver­trag war aus­ge­han­delt, und ich fuhr nach London, um zu unter­schreiben. Al-Fayed emp­fing mich im fünften Stock seines Kauf­hauses Har­rods“, wo er sein Büro hatte. Mit Manager Mark Grif­fith hatte ich schon alle Ver­trags­an­ge­le­gen­heiten gere­gelt, als plötz­lich Al-Fayed den Raum betrat, seine Hose von dicken Hosen­trä­gern gehalten. Grif­fith stellte mich vor: This is our new signing from Liver­pool.“ Und Al-Fayed ent­geg­nete: Oh, great, where do you come from?“ Er hatte keine Ahnung, wer ich war.

Und Sie klärten ihn auf.
Ich sagte: I am Karl-Heinz Riedle, I come from Ger­many!“ Und er sagte: Oh, Ger­many, okay. Hitler!“ Wo war ich jetzt wieder gelandet? Aber ansonsten war er sehr nett, auch wenn ich ihn bis zu meiner Beru­fung zum Trainer nur noch auf der Tri­büne sah oder wenn er kurz vor Anpfiff in die Kabine kam, um uns Glück zu wün­schen.

Aber als Sie für drei Monate Spie­ler­trainer wurden, mussten Sie regel­mäßig zu ihm zum Rap­port?
Nein, nein. Es war nur so, dass unser Manager fragte, ob ich mir zutrauen würde, nach der Ent­las­sung unseres Coachs Paul Brace­well über­gangs­weise bis zur Som­mer­pause – es waren noch sechs Spiele – das Trai­ning zu leiten. Weil ich ein sehr gutes Ver­hältnis zu Paul hatte, rief ich ihn erst einmal an, um zu fragen, ob er ein­ver­standen sei. Kein Pro­blem“, sagte er. Am nächsten Morgen wollte er aber eine letzte Trai­nings­ses­sion machen und sich ordent­lich von den Spie­lern ver­ab­schieden. Wäh­rend wir also mit ihm auf dem Platz standen, hörten wir auf einmal ein ohren­be­täu­bendes Geräusch. Der Hub­schrauber von Al-Fayed lan­dete direkt neben uns auf dem Rasen und die Mann­schaft wurde in den Auf­ent­halts­raum gebeten.

Der offi­zi­elle Teil des Raus­schmisses.
So unge­fähr. Al-Fayed und Manager Mark Grif­fith kamen herein, und wir saßen huf­ei­sen­förmig um die Ver­ant­wort­li­chen herum. Al-Fayed ergriff das Wort, appel­lierte an unseren Ehr­geiz und ver­kün­dete, dass Paul zukünftig nicht mehr bei uns sei. Und abschlie­ßend sagte er mit großer Geste: Und unser neuer Trainer ist ab sofort … Karl-Heinz Riedle!“ Und zeigte dabei er auf unseren Vize­ka­pitän Simon Morgan, der in der gegen­über­lie­genden Ecke saß. Al-Fayed schaute Simon an und sagte: Karl-Heinz, please come and speak to the team.“

Sie rangen ver­mut­lich um Fas­sung.
Das kann ich Ihnen sagen. Ganz klein­laut mel­dete ich mich aus meiner Ecke: Herr Prä­si­dent, ich bin hier.“ Als Paul sich von der Mann­schaft ver­ab­schiedet hatte, sollte ich noch etwas sagen, aber meine Antritts­rede dau­erte nur drei Sekunden, denn der ganze Saal lachte sich inzwi­schen kaputt.

Wie kam der Klub auf Sie?
Ich war der erfah­renste Spieler. Es sollte auch wie gesagt nur kurz sein, weil sie damals schon an Jean Tigana dran waren.

Das Team hatte zu dem Zeit­punkt seit acht Spielen nicht mehr gewonnen.
Mir war von Anfang an klar, dass ich den Job nicht allein machen kann. Um die Spieler wie ein Coach anzu­spre­chen, reichte mein Eng­lisch schlicht nicht aus. Also holte ich Roy Evans, der für mich das Trai­ning machte, und gemeinsam stellten wir die Mann­schaft auf. Ich habe mich sehr auf seine Erfah­rung ver­lassen, auch wenn er immer sagte: Du musst ent­scheiden, es ist deine Ver­ant­wor­tung!“ Roy war nach seinem Abgang in Liver­pool gewis­ser­maßen im Ruhe­stand, er wollte am Anfang noch nicht mal Geld für den Aus­hilfsjob.

Spielten Sie par­allel zu dieser Tätig­keit in der ersten Elf?
Als ich den Trai­nerjob über­nahm, hatte ich mich an der Hals­wir­bel­säule ver­letzt. Es ging für uns immer noch um den Auf­stieg in die Pre­mier League. Nach drei Spielen Pause wollte mich Roy wieder ein­setzen. Wir standen an der Tafel, er schrieb meinen Namen in die Auf­stel­lung, ich strich ihn durch. Er schrieb ihn wieder rein, ich strich mich wieder aus der Auf­stel­lung. Immer wieder, die Tafel war nachher total voll­ge­krit­zelt. Ich fühlte mich an diesem Tag nach meiner Ver­let­zung ein­fach noch nicht fit genug, aber dann redeten auch die Spieler auf mich ein, und ich ließ mich breit­schlagen.

Ein Fehler?
Es war das Liga­spiel gegen Not­tingham Forest. Nach fünf Minuten kam ein langer Ball, ich sprang hoch, und mein Gegen­spieler trat mir mit den Stollen voran in den Ober­körper. Das Nächste, woran ich mich wieder erin­nern kann, ist, dass ich im Kran­ken­haus mit einer Lun­gen­em­bolie auf­wachte. Zu dem Zeit­punkt wusste ich es noch nicht, aber es war das Ende meiner aktiven Lauf­bahn.

War die zweite Liga härter als die Pre­mier League?
In Fulham spielten wir klas­si­sches Kick and Rush“, das war für mich als Stürmer ins­ge­samt belas­tender, weil ich mich ständig mit diesen langen Schläch­tern aus der geg­ne­ri­schen Abwehr im Luft­kampf befand. Da gab es immer wieder Schläge in den Nacken, ich hatte einige Pro­bleme mit den Hals­wir­beln. Ich erin­nere mich noch gut an einen Zwei­kampf, als mir ein Gegner von hinten mit gestrecktem Bein in die Achil­les­sehne fuhr. In Deutsch­land hätte es Dun­kelrot dafür gegeben.

Aber?
Der Schieds­richter schoss heran, bückte sich zu mir runter und sagte: Karl, come on, be tough!“

Wie war der Umgang der Spieler mit den Refe­rees?
Wesent­lich rus­ti­kaler. Was der Schiri sich auf der Insel alles anhören muss, wäre bei uns undenkbar. Da ist Arsch­loch“ noch eine der leich­teren Belei­di­gungen, die ein Unpar­tei­ischer erträgt, ohne Karten zu zücken.

Karl-Heinz Riedle, warum haben Sie später Ihre Trai­ner­kar­riere nicht fort­ge­setzt?
Ich hatte auch genug von dem unsteten Leben. Ein Jahr hier, ein Jahr da, das reichte mir. Und außerdem hat man als Spieler ein­fach das schönste Leben. Man trai­niert und hat danach Ruhe. Aber in den Wochen als Trainer fing nach der Ses­sion die Arbeit erst an. Agenten kamen zu mir und wollten mir Spieler andrehen. Dieses Tele­fo­nieren und Planen! Spieler haben dau­ernd irgend­welche Fragen oder Pro­bleme. Nein, die drei Monate als Spie­ler­trainer in Fulham haben wirk­lich gereicht.