Es war einmal eine Werder-Familie. Sie zer­brach unter der Last von Miss­erfolg, Wolfs­burger Ver­lo­ckungen, ziem­lich ungünstig ange­legten Cham­pions-League-Mil­lionen und zu vielen gemein­samen Weih­nachts­feiern. Doch seit ver­gan­genem Samstag, seit Victor Skripnik Chef­trainer ist, scheint sie wieder zusam­men­zu­wachsen.

Zumin­dest zielen die Fragen der Jour­na­listen schon darauf ab. Wie es denn seine Ehe­frau finde, dass es mit dem beschau­li­chen Leben mit der U23 nun erst einmal vorbei sei, wurde der Neue auf seiner ersten Pres­se­kon­fe­renz gefragt. Ein Hauch von Beate Reh­hagel wehte durch den fens­ter­losen Raum: Hat das Pro­jekt Neu­an­fang auch wirk­lich den Segen von Liana Skripnik?

Frauen wollen immer Idylle“, ant­wor­tete Gatte Victor mit vir­tuos gespielter Muf­fe­lig­keit. Damit mal klar ist, wer hier das Sagen hat. Er machte dabei das gleiche Gesicht wie der Tisch, an dem er saß. Männer wollen immer schneller fahren, größer, besser, Tes­to­steron.“ 

Schneller, größer, besser, Tes­to­steron: Ein steiler Slogan, den der Verein sicher­lich umge­hend auf T‑Shirts dru­cken lassen würde, anstelle des ange­staubten 100 Pro­zent Werder“ – wenn die tabel­la­ri­sche Situa­tion ihn nicht so krass kon­ter­ka­rieren würde: Letzter Platz, kein Sieg, 23 Gegen­tore. Die Bremer fahren dem Feld auf dem Tret­roller hin­terher, viele Gegner sind längst außer Sicht­weite. Lang­samer, kleiner, schlechter, kein Endor­phin: Kann man in einer Bun­des­li­ga­saison eigent­lich auch über­rundet werden?

Skripnik: Schaafes Bruder?

Die aktu­elle Lage des SV Werder ähnelt der vom Früh­jahr 1999. Otto Reh­hagel, der Helmut Kohl der Bun­des­liga, ewige 14 Jahre im Amt, hatte den Verein in Rich­tung Mün­chen ver­lassen. In den vier Spiel­zeiten danach dilet­tierten Aad de Mos, Dixie Dörner, Wolf­gang Sidka und Felix Magath. Auch die Spieler kamen, sahen und ver­loren, Männer wie Lode­wijk Roem­biak und Heimo Pfei­fen­berger – der Alma­nach der Trans­fer­flops hab sie selig. Einher ging ein Iden­ti­täts­ver­lust des Ver­eins – bis Thomas Schaaf kam, vor­mals ver­dienter Spieler, Trainer der Ama­teure, und das Steuer doch noch her­um­riss. Der bald kul­tisch ver­ehrte Coach“ schaffte den Klas­sen­er­halt, holte den Pokal, gewann 2004 das Double.

Nach eben­falls 14 Jahren legte auch er 2013 sein Amt nieder. Doch diesmal – das Geschäft scheint sich inzwi­schen um das Vier­fache beschleu­nigt zu haben – reichten ein Jahr und ein Trainer aus, um den SV Werder zwei­feln zu lassen, wer er eigent­lich ist. Ein zufällig in den Abstiegs­kampf gera­tener Euro-League-Kan­didat? Der VfL Bochum des 21. Jahr­hun­derts? Was ist grün und riecht nach Abstiegs­ge­spenst? Und wieder soll ihm ein Ex-Recke auf die Sprünge helfen: Victor Skripnik.

Werder klont Schaaf“, blökte die Bild“-Zeitung umge­hend. Fast unglaub­lich, wie sich die beiden ähneln.“ Nun ja: Beide haben in der Tat nur noch wenig Haar, ein über­schau­bares mimi­sches Reper­toire und stehen des­halb in Ver­dacht, schlecht gelaunt zu sein. Doch rei­chen diese Gemein­sam­keiten aus, um in fünf Jahren wieder das Double zu gewinnen?