Julia Simic hat ihre aktive Kar­riere im ver­gan­genen Jahr beendet. Die 32-Jäh­rige spielte unter anderem für Tur­bine Potsdam, FC Bayern, VfL Wolfs­burg, West Ham United und AC Mai­land. Heute arbeitet sie als Fuß­ball-Expertin im Fern­sehen. Seit dieser Saison gehört Simic dem Women’s Cham­pions League-Team von Dazn an.

Julia Simic, zum heu­tigen Cham­pions-League-Spiel zwi­schen dem FC Bar­ce­lona und dem VfL Wolfs­burg werden knapp 100.000 Fans im Camp Nou erwartet. Welche Aus­wir­kung hat ein sol­cher Event-Cha­rakter auf den Frau­en­fuß­ball?
Für kleine Mäd­chen ent­stehen dadurch Träume. Meine Genera­tion hat früher Män­ner­fuß­ball geschaut, weil Frau­en­fuß­ball ein­fach nicht sichtbar war. Ich hatte damals kein Gefühl dafür, wo es für mich im Fuß­ball eigent­lich hin­gehen kann. Heute haben sie einen realen Traum, wenn sie Alexia Putellas in einem vollen Camp Nou spielen sehen.

Glauben Sie, so eine Kulisse wie in Bar­ce­lona ist in Deutsch­land auch denkbar?
Aktuell nicht. Im Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale zwi­schen Bayern Mün­chen und Paris Saint-Ger­main waren 13.000 Zuschauer zu Gast. Und das Spiel hat auch im Sta­dion der Männer, in der Allianz Arena, statt­ge­funden. Trotzdem ist es zunächst mal ein wich­tiger Schritt, die Spiele der Frauen über­haupt in den großen Sta­dien aus­zu­tragen.

In Spa­nien und Eng­land ist ein wahrer Hype um den Frauen-Fuß­ball ent­standen. In Deutsch­land wartet man noch ver­ge­bens auf eine ähn­liche Ent­wick­lung. Welche Schuld trägt daran der DFB, unter dessen Dach der Frauen-Fuß­ball noch immer aus­ge­tragen wird?
Der Frauen-Fuß­ball in Deutsch­land hat mit der Heim-WM 2011 eine rie­sige Chance ver­passt. Es gab die großen Sta­dien, Medi­en­prä­senz, viele Zuschauer. Doch nach dem frühen Aus­scheiden der Natio­nal­mann­schaft ist der Frauen-Fuß­ball schnell wieder in seinen unsicht­baren Bun­des­liga-Alltag zurück­ge­fallen. Wir haben immer noch Bun­des­li­gisten, die in dächer­losen Sta­dien spielen, denen ver­nünf­tige Flut­licht­masten fehlen, bei denen eine Rasen­hei­zung und ein Pres­se­be­reich abso­luter Luxus sind. Das Bild, das abge­geben wird, hat ein­fach wenig Anzie­hungs­kraft für Fans und Medien. Vor der WM 2019 drehten die Natio­nal­spie­le­rinnen zusammen mit der Com­merz­bank einen Wer­be­spot, der es per­fekt zusam­men­fasst. Dort heißt es: Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt.‘

Blickt man nun zum FC Bar­ce­lona, dann wirkt es, als behan­dele der Verein die Frauen- und Män­ner­mann­schaft nahezu gleich. Geht es also in erster Linie um Wert­schät­zung?
Ja. Aber es ist ein Kampf – auch in Bar­ce­lona. Nur dort kämpfen sie ihn gerade beson­ders laut­stark und erfolg­reich. Mit 90.000 Men­schen im Rücken. Das übt natür­lich Druck auf den Verein aus, der nun erkannt hat, dass es für die Ver­mark­tung und das Image super ist, auf einem Wer­be­banner Spieler und Spie­lerin neben­ein­ander abzu­dru­cken. In Eng­land hängen vor den Sta­dien auch rie­sige Pla­kate von Spie­le­rinnen. In Deutsch­land ist diese Art von Gleich­be­rech­ti­gung der­zeit unvor­stellbar.

Es ist ein Kampf um Wert­schät­zung – auch in Bar­ce­lona“

Was muss sich in Deutsch­land kon­kret ändern?
Es geht vor allem um Equal Play, Glei­ches Spiel. Also, dass die Frauen genau wie die Männer unter pro­fes­sio­nellen Bedin­gungen arbeiten können, bei den Trai­nings­ein­heiten ist häufig nicht mal ein Phy­sio­the­ra­peut anwe­send. Wenn wir den Anspruch haben, zurück an die Welt­spitze zu kommen, müssen wir dafür auch ent­spre­chende Bedin­gungen gewähr­leisten.

Trotzdem steht mit dem VfL Wolfs­burg ein deut­sches Team im Halb­fi­nale der Cham­pions League, die Bayern waren immerhin unter den letzten Acht. Kom­plett abge­hängt ist der deut­sche Frauen-Fuß­ball also noch nicht.
Noch ist der deut­sche Frauen-Fuß­ball kon­kur­renz­fähig. Junge Spie­le­rinnen zieht es jedoch mehr und mehr in die WSL nach Eng­land oder in die spa­ni­sche Liga, weil sie im TV ver­folgen können, vor was für tollen Kulissen dort regel­mäßig gespielt wird. Wir haben aber mit Wolfs­burg und Bayern zwei Mann­schaften, die abso­lute Aus­hän­ge­schilder der deut­schen Bun­des­liga sind. Es wird nur immer schwie­riger, die inter­na­tio­nalen Top-Spie­le­rinnen in unsere Liga zu bekommen.

Welche Chance haben jah­re­lang erfolg­reiche ori­gi­näre Klubs wie Tur­bine Potsdam oder der schwe­di­sche Umea IK inzwi­schen noch?
Wenn du oben mit­spielen willst, dann brauchst du eine Finanz­kraft im Rücken und die bringt eine erfolg­reiche Her­ren­ab­tei­lung im Verein nunmal mit. Wir sind das Abbild des Her­ren­fuß­balls. Wenn man ehr­lich ist, hilft es natür­lich, Fuß­ball­le­cker­bissen wie Bayern gegen PSG oder VfL Wolfs­burg gegen Bar­ce­lona zu ver­markten. Da haben es reine Frauen-Fuß­ball­klubs, mit denen der nor­male Fuß­ballfan im ersten Moment nicht so viel anfangen kann, natür­lich schwerer.

We Dem Girlz Der Hype um Barca Femeni

Eine Mann­schaft, die an das erin­nert, was diesen Verein eigent­lich aus­macht: In Bar­ce­lona ist ein Hype um den Frau­en­fuß­ball ent­standen.

Zahlen letzt­lich also die kleinen Aus­bil­dungs­ver­eine den Preis, wäh­rend die großen Klubs von den neuen Ver­mark­tungs­mo­dellen, grö­ßeren Geld­töpfen und einer neuen Medi­en­po­litik pro­fi­tieren?
Ich denke, der Event-Cha­rakter hat all­um­fas­send etwas Gutes: Wir werden sichtbar. Ins­ge­samt pro­fi­tiert der Frauen-Fuß­ball von dieser Ent­wick­lung. Das Teil­neh­mer­feld der Cham­pions League wurde ver­grö­ßert, mitt­ler­weile wird sie in einer Grup­pen­phase aus­ge­tragen, es gibt Hin- und Rück­spiele, Dazn hat sich die Über­tra­gungs­rechte gesi­chert. Es wird nun end­lich inves­tiert und uns Frauen wird mehr Beach­tung geschenkt.

Wie nach­haltig ist denn diese offen­sive Stra­tegie?
Geld und Sicht­bar­keit allein bringt noch nicht viel. Es müssen Geschichten erzählt werden, vor allem von den ein­zelnen Spie­le­rinnen. Erst dann wird diese Stra­tegie nach­haltig. Dafür braucht es etwa ein­zelne For­mate, die um das Fuß­ball­spiel herum ein Rah­men­pro­gramm bilden. Wir brau­chen mehr Spie­le­rinnen, die wie Alexia Putellas insze­niert werden.