Mor­gens, Recife. 1,5 Mil­lionen Ein­wohner, Nord­osten. Zwi­schen der Straße und dem Strand liegen hier stau­bige Fuß­ball­felder. Eines neben dem anderen, die Küste ent­lang. Ab zehn Uhr rollt der Ball. Schul­kinder spielen elf gegen elf. Mit Leib­chen, aber barfuß, ver­steht sich – Schuhe kann sich hier keiner leisten. Die löch­rigen Tor­netze bringt der Lehrer mit. Ab dem späten Nach­mittag kommen die Männer auf den Platz. Eben­falls barfuß und mit Leib­chen. Es gibt feste Mann­schaften, die in kleinen, privat orga­ni­sierten Ligen gegen­ein­ander antreten. Ob man mit­spielen darf? Nein, das hier ist zu wichtig. Frag doch mal unten am Strand“, sagt der Tor­hüter. Alle Plätze an der langen Pro­me­nade sind belegt.

Mit­tags, Natal. 700 000 Ein­wohner, Nord­osten. Es findet ein regio­nales Punkt­spiel statt. 75 Zuschauer. Die Fans sind ent­spannt, obwohl keine Tore fallen. Beim Fute­volei wird übers Netz gespielt. Zwei gegen zwei. So ähn­lich wie Beach­vol­ley­ball, nur eben ohne Hände. Jeder in Bra­si­lien kennt Fute­volei. Und jeder spielt es. Der Sport wurde in den Sech­zi­ger­jahren an den Stränden von Rio de Janeiro erfunden. Die Fute­vol­ei­spieler sind nicht ent­spannt. Wir sehen viel­leicht locker aus, aber gewinnen wollen wir immer“, sagt Con­rado aus Natal. Er ist fünfzig Jahre alt. Sein Team ver­liert in zwei Sätzen. Ein biss­chen lockerer geht es direkt am Wasser zu. Vier Spieler stehen im Kreis. Wie beim Fute­volei darf der Ball nicht in den Sand fallen. Ansonsten gibt es keine Regeln. Naja, ele­gant und cool sollte man dabei schon aus­sehen. Das Spiel ist in Bra­si­lien min­des­tens genauso beliebt wie Fute­volei. Beson­ders bei Frauen.

Nach­mit­tags, Belo Hori­zonte. 2,4 Mil­lionen Ein­wohner, Süd­osten. Auf sechs Seiten wird das Spiel in der Tages­zei­tung Estado de Minas“ ange­kün­digt, seit einer Woche gibt es kein anderes Thema. Cru­zeiro Belo Hori­zonte spielt gegen Atle­tico Mineiro, ein Erst­li­ga­spiel. Die Anreise ist ein biss­chen schwierig. Zwei­ein­halb Stunden Stau rund um das Sta­dion. Aber es lohnt sich: Etwa 70 000 Zuschauer passen in das Mineirao“ – es ist aus­ver­kauft. Der Geträn­ke­ver­käufer schubst sich durch die Ränge, anders kommt er hier nicht durch. Die Fans stehen Schulter an Schulter. Agua, agua!“, brüllt der unter­setzte und heftig schwit­zende Ver­käufer. Ein Wasser, bitte! Es sind über 30 Grad. Cru­zeiro liegt schnell 0:2 zurück, gewinnt nach packendem Spiel aber noch 4:3. Grö­ßere Aus­schrei­tungen gibt es nach dem Spiel über­ra­schen­der­weise nicht.

Abends, Ilha Grande. 3000 Ein­wohner, Süd­osten. Ilha Grande ist eine kleine, grüne Insel nahe Rio de Janeiro. Auto­fahren ist hier ver­boten. Die Bewohner leben von Tou­rismus. Fast jeden Abend wird auf dem kleinen Platz am Strand gespielt. Unter Flut­licht. Bra­si­lianer gegen den Rest der Welt. Heute besteht der Rest der Welt aus Deut­schen, Briten und Hol­län­dern. Schon vor dem Spiel wird klar gemacht, wer es tech­nisch wirk­lich drauf hat. Tou­ris­ten­führer Marco schlenzt den Ball mit dem Außen­rist ins Tor. Auch im Spiel zau­bern die Ein­hei­mi­schen wie ver­rückt – und die Euro­päer gewinnen klar. Marco ist sauer. Wir sind fünf Mal Welt­meister geworden. Das ist mehr, als ihr alle zusammen“, sagt er. Das ist nicht ganz richtig gerechnet, was die Euro­päer groß­zügig ver­zeihen, denn sie bleiben die ganze Woche lang unge­schlagen.

Nachts, Rio de Janeiro. Sechs Mil­lionen Ein­wohner, Süd­osten.
Es ist kurz nach Mit­ter­nacht, ein Mitt­woch. Flut­licht brennt über dem Kunst­rasen. Ein Tou­rist bleibt ungläubig stehen. Was ist das denn? Zwei Mann­schaften, ein Schieds­richter, ein ganz nor­males Fuß­ball­spiel zu eher unge­wöhn­li­cher Zeit, kurz nach Mit­ter­nacht. Wir sind Schicht­ar­beiter und haben unsere eigene kleine Liga auf­ge­macht. So kurz nach der Arbeit kann doch eh noch keiner schlafen, da spielen wir lieber“, sagt Rafael, der auf der Aus­wech­sel­bank sitzt. Um halb zwei ist sein Spiel zu Ende. Die nächsten beiden Mann­schaften warten schon.

— — — — — — — — –

Wei­ter­lesen:

Pelé im Finale 1958
Ich geh‚da nicht raus!“
Heute scheut Pelé keine Kamera mehr. Doch vor dem WM-Finale 1958 hatte er sol­ches Lam­pen­fieber, dass er sich nicht aus den Kata­komben traute. Mas­seur Americo und Spiel­ma­cher Didi spra­chen ihm Mut zu – auf ihre eigene Weise. www​.11freunde​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​s​s​t​u​n​d​e​/​1​02606

25 Dinge über die Copa Libertadores
Mara­dona hat nie mit­ge­spielt
Bevor die FIFA solche Spiele ver­bietet, beglei­teten wir für das aktu­elle 11FREUNDE-Heft Fla­mengo Rio de Janeiro noch schnell nach Potosi ins höchst­ge­le­gene Sta­dion der Welt. Welche Extreme die Copa Libertadores sonst noch bietet, erfahrt Ihr hier. www​.11freunde​.de/​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​/​1​02094