Şafak, in der Ver­gan­gen­heit kam es oft zur gewalt­tä­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen den Fan­gruppen der großen Istan­buler Klubs. Zuletzt starb sogar ein Anhänger bei einer Mes­ser­ste­cherei. Nun stehen Sie unter dem Motto Istanbul United“ zusammen. Wieso?
Wir wollen Zei­chen setzen. Die Regie­rung von Minis­ter­prä­si­dent Recep Tayyip Erdogan kann ein­fach nicht ständig so wei­ter­ma­chen, als würde sie in einem Land ohne Men­schen leben. Die Bau­pro­jekte der jün­geren Ver­gan­gen­heit haben das Fass zum Über­laufen gebracht – die dritten Brücke über den Bos­porus (Yavuz-Sultan-Selim-Brücke, d. Red.) oder die Shop­ping-Mall auf dem Gelände des Gezi-Parks in Taksim. Sie müssen sich das mal vor­stellen: In einer ein­zigen Stadt hat er 91 ver­dammte Ein­kaufs­zen­tren hoch­ge­zogen! Und wo sind die Parks? Die Bäume? Die Men­schen?
 
Wie würden Sie den Pro­test beschreiben?
Ich denke, es ist mitt­ler­weile eine Revolte, eine Bewe­gung. Wir stehen nun schon seit sechs Tagen zusammen – und so wird es auch morgen sein.
 
War es nicht schwierig, die ver­schie­denen Fan­gruppen zusammen zu bringen?
Es gibt natür­lich auch Fans, die sich nicht betei­ligen. Aber viele machen mit. Und bei denen gab es keine Schwie­rig­keiten. Denn wir alle können uns auf ein Ziel einigen: Wir oppo­nieren gegen Tayyip Erdogan.
 
Sie sind Fener­bahce-Anhänger. Wie ist denn jetzt Ihr Ver­hältnis zu Gala­ta­saray- und Bes­iktas-Fans?
Es geht nicht mehr um die Ver­eins­farben. All das, was im Fuß­ball wichtig ist, bleibt außen vor. Es gibt auch kaum Leute, die nicht mit­ma­chen. Gucken Sie sich in der Stadt um: Sie werden keine jungen Fans finden, die sich der Bewe­gung nicht ange­schlossen haben. Da stehen Ultras von Carsi“ (Bes­iktas, d. Red.), UltrAslan (Gala­ta­saray, d. Red.) und Genc“ (Fener­bahce, d. Red.) zusammen. Wir sind jetzt Buddys. Oder mehr noch: Wir sind Brüder.
 
In der deut­schen Presse war zu lesen, dass ein Fener­bahce-Fan in Poli­zei­ge­wahrsam genommen wurde und dann von einem Gala­ta­saray-Anhänger befreit wurde.
Das pas­siert hier dau­ernd. Wenn es so kommt, helfen wir uns. Ob da ein Gala­ta­saray- oder Fener­bahce-Fan fest­ge­nommen wird, spielt momentan keine Rolle. Wichtig ist: Der­je­nige muss befreit werden.
 
Ein Gesang der Fans lautet Nehmt eure Helme ab, legt eure Knüppel bei­seite – und dann lasst uns sehen, wer die harten Jungs sind.“ Kann der Pro­test nur mit Gegen­ge­walt geführt werden?
Das Vor­gehen ist ein­fach unver­hält­nis­mäßig. Die Polizei setzt Was­ser­werfer, Pfef­fer­bomben und Trä­nengas gegen uns ein. Von Knüp­peln ganz zu schweigen.
 
Die tür­ki­schen Medien sollen die Revolte größ­ten­teils igno­rieren.
Sie stützen größ­ten­teils das Regime und zeigen lieber Tier-Doku­men­ta­tionen, das stimmt. Mitt­ler­weile gibt es aber einige Fern­seh­sta­tionen, die von der Revolte berichten. Sie senden sogar live.
 
Şafak, Sie haben für Ihre Bewe­gung den Slogan Tayyip, do you know Istanbul United?“ gewählt. Wieso?
Weil Erdogan und ver­mut­lich zahl­reiche andere Men­schen in der Türkei nie­mals damit gerechnet hätten, dass die Fans der großen Istan­buler Ver­eine gemein­same Sache machen. Es war für sie ein Ding der Unmög­lich­keit. Doch jetzt sind wir da. Inso­fern ist der Slogan ein biss­chen pro­vo­kativ, ein biss­chen sar­kas­tisch. Doch sie fasst das, was in Istanbul gerade pas­siert, ziem­lich gut.

Der Nach­name des Inter­viewten ist der Redak­tion bekannt.