Hansi Flick steht nicht im Ver­dacht, sich beson­ders lange mit Dingen auf­zu­halten, die er nicht beein­flussen und die er vor allem nicht mehr ändern kann. Mit Dingen, die in der Ver­gan­gen­heit liegen zum Bei­spiel.

Am Diens­tag­abend war das aus­nahms­weise anders. Da begab er sich nach dem Abpfiff des Spiels seiner Mann­schaft gegen Eng­land zum Schieds­richter Carlos del Cerro Grande und hat, nach eigener Aus­sage, noch lange mit ihm dis­ku­tiert.

Es ging um die Szene, die Flick ein wenig die Laune ver­ha­gelt hatte. Kurz vor Schluss ver­hängte der spa­ni­sche Schieds­richter, nach Ansicht der Video­bilder, einen Elf­meter für die Eng­länder, den er aus seiner unmit­tel­baren Wahr­neh­mung heraus nicht ver­hängt hatte. Und der den Gästen schließ­lich kurz vor Schluss doch noch den Aus­gleich zum 1:1‑Endstand bescherte. Flick tobte.

Elf Spiele hat er als Bun­des­trainer jetzt hinter sich. Noch immer ist die Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft unter ihm unge­schlagen, doch am Diens­tag­abend in Mün­chen ver­fes­tigte sich ein Trend, der a) kurios ist und der b) Flick nicht gefallen dürfte. Dem 1:1 gegen die Nie­der­lande im März folge ein 1:1 gegen Ita­lien am ver­gan­genen Wochen­ende, folgte ein 1:1 gegen Eng­land. Gegen die soge­nannten Großen des Welt­fuß­balls ist Flick damit wei­terhin ohne Sieg.

Wir schlagen keine Großen mehr“

Das ist auch des­halb ärger­lich, weil die Ergeb­nisse der jüngsten drei Län­der­spiele das Licht auf seine her­aus­ra­gende Start­bi­lanz als Bun­des­trainer ein wenig her­un­ter­dimmen: Acht Siege in den ersten acht Spielen – Respekt, aber guckt euch mal die Gegner an! Arme­nien, Liech­ten­stein, Island.

Es gab eine Zeit, da hat man dieses Wir schlagen keine Großen mehr“ für fast schon patho­lo­gisch gehalten. Anfang des Jahr­tau­sends war das. Aber damals fehlte es dem deut­schen Fuß­ball schlicht an Qua­lität, um sich gegen Teams wie Frank­reich, Argen­ti­nien, Nie­der­lande oder Eng­land durch­setzen zu können. Das hat sich geän­dert. Eigent­lich müsste es die Natio­nal­mann­schaft können.

Eine Mann­schaft auf Selbs­fin­dungs­trip

Das macht die Sache aber nicht zwin­gend ein­fa­cher. Ja, gegen die Nie­der­lande fehlten viele poten­zi­elle Stamm­spieler. Ja, gegen Eng­land machte die Mann­schaft es sehr viel besser als drei Tage zuvor gegen Ita­lien. Jedes Spiel ist ein Fall für sich. Trotzdem hat eine solche Bilanz Ein­fluss auf die Spieler.

Ein Jahr nach der ver­korksten EM sehnt sich die Mann­schaft nach Bestä­ti­gung für ihr Tun, nach Ver­läss­lich­keit auf hohem Niveau. Der Auf­tritt gegen Eng­land war in dieser Hin­sicht zwar hilf­reich, weil er viele fuß­bal­le­ri­sche Fort­schritte zu Tage för­derte. Gerade des­halb aber war das Ergebnis – nur unent­schieden – umso frus­trie­render.

Gewinnen ist auch wichtig. Erst recht für diese Natio­nal­mann­schaft, die sich noch auf einem Selbst­fin­dungs­trip befindet. Das weiß auch und vor allem Hansi Flick, der sehr wohl im Ver­dacht steht, sich mit großer Sorg­falt den Dingen zu widmen, die er beein­flussen kann. Künf­tige Siegen gegen Große zum Bei­spiel.

Wir arbeiten dran“, sagte er. Wenn es gut läuft, dann bekommen Flick und seine Mann­schaft bis Ende des Jahres noch einige Gele­gen­heiten zu beweisen, dass sich diese Arbeit aus­zahlt.

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.