Günter Netzer, wir möchten gern mit Ihnen über Fuß­ball­re­bellen“ spre­chen.
Da bin ich aber mal gespannt, hof­fent­lich kann ich dazu etwas bei­tragen.

Sie sind bis heute die Sym­bol­figur des unan­ge­passten Bun­des­li­ga­profis. In den Sieb­zi­gern besaßen Sie in Mön­chen­glad­bach zeit­gleich die mon­däne Dis­ko­thek Lovers Lane“ und eine Ver­si­che­rungs­agentur. Eine ein­zig­ar­tige Kom­bi­na­tion aus Extra­va­ganz und Spie­ßig­keit.
Ich bin erst später durch das Feuil­leton darauf auf­merksam gemacht worden, dass die Eröff­nung der Lovers Lane“ etwas Außer­ge­wöhn­li­ches war und zu allerlei Pro­jek­tionen auf meine Person einlud. Im Grunde war aber auch dieser Schritt meiner, wenn Sie so wollen, Soli­dität geschuldet.

Es war nicht der Ver­such, ganz anders zu sein als die anderen Profis Ihrer Zeit?
Nein, ich habe den Laden allein des­halb eröffnet, weil ich als Spieler in Mön­chen­glad­bach nicht genug ver­diente. Als zusätz­liche Geld­quelle.

Wie fanden die Offi­zi­ellen Ihre Geschäfts­pläne?
Für unseren Manager Helmut Gras­hoff war das kein Pro­blem – er war ja froh, dass ich selb­ständig den Stand­ort­nach­teil, den die Borussia mit dem kleinen Sta­dion hatte, kom­pen­sierte. Unser Trainer Hennes Weis­weiler hat ganz anders reagiert.

Näm­lich?
Ich erin­nere mich, als wäre es ges­tern gewesen. Herr Weis­weiler“, sagte ich. Morgen eröffne ich da drüben eine Dis­ko­thek. Sie sind herz­lich ein­ge­laden!“ Ihm blieb der Mund offen stehen: Das ist das Ende.“ Dann drehte er sich um und ging. Zur Eröff­nung kam er nicht.

Und Ihre Kol­legen?
Als sie die schwarzen Lack­wände in der Disko erblickten, sagten Sie: Wir haben alles gesehen, Günter! Hier sieht’s ja aus wie in einer Lei­chen­halle. Wir gehen.“ Sie blieben dann doch und viele von denen mussten wir nicht nur am Eröff­nungs­abend in den frühen Mor­gen­stunden betrunken raus­tragen.

In Ihrer Bio­grafie ist zu lesen, dass Sie später als Fuß­ball­rech­te­händler auch des­halb so erfolg­reich waren, weil Sie mit Geschäfts­part­nern aus Ost­eu­ropa aus­dau­ernd trinken konnten. War die Lovers Lane“ in dieser Hin­sicht eine gute Schule?
Das war das, was Weis­weiler befürch­tete, wie viele andere auch. Aber die meisten Abende habe ich dort nur Cola getrunken und auf die Kasse auf­ge­passt. Auch wenn mir natür­lich einige andichten wollten, die Cola sei nur ein kleiner Teil des Getränks in meinem Glas.

Hat die Kasse wenigs­tens geklin­gelt?
Das Geschäft mit der Dis­ko­thek hat sich tat­säch­lich gelohnt – bis meine Lebens­ge­fährtin und ich einen Fehler machten: Wir eröff­neten zusätz­lich das Restau­rant La Lacque“. Ein sehr exklu­sives Lokal, das in Düs­sel­dorf ein Rie­sen­er­folg gewesen wäre. Aber Glad­bach war noch nicht bereit dafür. Und so war alles dahin, was die Lovers Lane“ ein­ge­bracht hatte.

War Geld der Antrieb hinter Ihren viel­schich­tigen Tätig­keiten?
Sicher. Ich habe ein hohes Bewusst­sein für die Chancen, die sich mir auftun. Ich habe das Leben genossen. Aber ich war auch immer bereit, mir diesen Genuss zu erar­beiten.

Günter Netzer, ein typi­sches Kind des Wirt­schafts­wun­ders?
Natür­lich war es mein Ziel – und nicht nur meines –, Wohl­stand zu erlangen. Wir waren zwar alle­samt beses­sene Fuß­baller damals, wir liebten diesen Sport über alles. Mein erster Ver­trag war mit 160 Mark dotiert, ich hätte auch umsonst gespielt. Aber sobald sich mir die Mög­lich­keit bot, aus meinem Talent und meiner Pro­mi­nenz auch Kapital zu schlagen, habe ich keinen Augen­blick gezö­gert.

Und hinter der Idee, eine Disko zu eröffnen, steckte nicht mal ein biss­chen der Wunsch, anders zu sein? Anders als die Eltern?
Nein! Ich hatte eine wun­der­bare Kind­heit und Jugend. Ich war der Erste in der Straße, der eine kom­plette Tor­wart­aus­rüs­tung besaß. Und der Leder­ball, den ich zu Weih­nachten bekam, war der Grund, warum mich die anderen über­haupt mit­spielen ließen. Ich habe nie einen Gedanken daran ver­schwendet, aus meinem Eltern­haus aus­zu­bre­chen.

Kam Ihnen der Nie­der­rhein nie pro­vin­ziell vor?
Auch das nicht. Ich war sehr hei­mat­ver­bunden. Meine Neben­tä­tig­keiten sollten mich nicht zuletzt in die Lage bringen, dass ich viel­leicht sogar für immer in Glad­bach bleiben konnte. Ich wollte nicht dem Ruf des Geldes folgen. Ange­bote gab es damals genug, glauben Sie mir.

Auch aus der Frau­en­welt?
Mir wurde beinah täg­lich was ange­dichtet. Ich musste nur Guten Tag“ sagen, schon hatte ich angeb­lich eine Affäre. Dabei war ich ein ganz Braver.

Der ver­stor­bene Spie­ler­be­rater Nor­bert Pflippen sagte: Dem Netzer wurden die Frauen ange­dichtet, die der Berti hatte.“
Ob es der Berti war, weiß ich nicht. Aber andere waren auf diesem Gebiet sehr viel aktiver – nur ich wurde, keine Ahnung warum, fast immer vor­ge­schoben.

Ihnen eilte der Ruf des Lebe­manns voraus, Sie fuhren Sport­wagen und sollen sich mit den Team­kol­legen regel­mäßig Wett­rennen im Trai­nings­lager in Süch­teln gelie­fert haben.
Hören Sie bloß auf! Das war hals­bre­che­risch. Wir rasten zwar wie die Formel-1-Piloten, aber die ent­spre­chenden Fähig­keiten hatten wir nicht. Dem Himmel sei Dank, dass uns nichts pas­siert ist!

Sind Sie nur gern mit den Sport­wagen gefahren oder haben Sie die auch eigen­händig poliert?
Nie! Erst wenn der Schmutz zu arg wurde, habe ich mal den Schlauch drauf gehalten. Ich sah die Autos nicht als Sta­tus­sym­bole, ich genoss viel­mehr, dass ich in jungen Jahren die Nerven hatte, solche Raketen zu fahren. Damals war es die pure Freude. Auch wenn ich heute die Hände überm Kopf zusam­men­schlage.

Ende der Sech­ziger schwang das gesell­schaft­liche Klima um, in den großen Städten gingen die Stu­denten auf die Straße, es kam zu Aus­ein­an­der­set­zungen mit dem Staat. Was haben Sie davon im beschau­li­chen Mön­chen­glad­bach mit­be­kommen?
Die Fuß­baller der dama­ligen Zeit waren keine poli­ti­schen Men­schen. Ich selbst habe natür­lich in den Nach­richten gesehen, was auf den Straßen los war, aber wenig ver­standen – und mich ganz schnell wieder auf den Fuß­ball kon­zen­triert. Von daher muss ich sagen, dass die Behaup­tung, die Glad­ba­cher Mann­schaft jener Zeit habe bewusst linken Fuß­ball gespielt, mit der Wirk­lich­keit herz­lich wenig zu tun hatte.