Ein Schul­freund von mir sam­melte früher Obst­auf­kleber ver­schie­dener Firmen. Von Danone oder Chi­quita zum Bei­spiel. Aber auch raren Stoff von mir unbe­kannten Labels wie Fru­timur. Er zog die Sti­cker behutsam von der Frucht und klebte sie dann in ein eigens ange­fer­tigtes Album. Zum ersten Mal sah ich seine Fin­ger­nägel an Bananen und Äpfeln knib­beln, als wir eine Klas­sen­reise nach Frank­reich unter­nahmen. An einem Pariser Markt­stand, an dem ein alter Mann uns bis dato unbe­kannte Ware feilbot, leuch­teten seine Augen sehr hell. In jenen Minuten zog er außer­or­dent­lich viele Auf­kleber von den Früchten.



Den Begriff Nerd“ gab es damals, Ende der Acht­ziger, noch nicht. Es war nicht nur sein, son­dern auch mein Glück, denn ich ent­schied mich zur selben Zeit – ich war elf oder zwölf Jahre alt – Phil­ate­list zu werden. Keine halben Sachen, kein Album mit ein paar Marken, die ich mit Was­ser­dampf von alten Briefen aus Kisten meiner Groß­el­tern ablöste, nein, es sollte die große Nummer werden. Ich besorgte mir den Michel“, einen Katalog, in dem alle jemals erschie­nenen deut­schen Brief­marken ab 1945 erfasst sind. Anhand dieses Kata­logs pflegte ich mein Büch­lein und meine Marken, und wäh­rend meine Klas­sen­ka­me­raden mit He-Man-Figuren den dritten Welt­krieg vor­spielten und zu den neu­esten Scheiben von New Kids On The Block durch ihre Zimmer zuckelten, pin­zet­tete ich eine Marke nach der anderen hinter die Folien des Albums. Wann immer ich eine Seite kom­plett gefüllt hatte, stellte sich das woh­lige Gefühl der Ruhe ein. Es war die Schön­heit der Ord­nung, die auf der Gewiss­heit beruhte, einen kleinen Rahmen kom­plett aus­ge­füllt zu haben. Wenn Freunde mich aller­dings fragten, warum ich das mache, ant­wor­tete ich geschäfts­män­nisch: Diese Marken werden eines Tages sehr wert­voll.“

Wichtig? Das Spiel zwi­schen Sozopol und Stam­bolovo endete 0:7

Vor zwei Wochen fand ich das Album wieder, es musste, laut Michel“, einen Ein­kaufs­wert von min­des­tens 500 Mark haben (die Wert­stei­ge­rung nicht ein­ge­rechnet). Ich wollte es also ver­kaufen. Der siebte Händler erbarmte sich schließ­lich und drückte mir zehn Euro in die Hand. Ein elender, zum Inventar seines Ladens gewor­dener alter Mann. Ich machte, dass ich davon kam.

Am Abend tele­fo­nierte ich mit Iordan Tsirov. Er ist Bul­gare und sam­melt. Wie ich. Allein, er sam­melt etwas, das keinen mone­tären Wert hat: Fuß­ball­sta­tis­tiken. Früher ant­wor­tete er neu­gie­rigen Freunden: Diese Daten werden eines Tages sehr wichtig.“ Heute ver­steht er seine Recherche als die Suche nach Wahr­heit. Er erzählte mir von einem Ergebnis aus der bul­ga­ri­schen Ama­teur­liga Yugoiz­tochna (5. Liga), die lange lücken­haft gewesen sei. Es fehlte der Ein­trag zum Spiel Sozopol gegen Stam­bolovo vom 12. Spieltag der Saison 2007/08. Iordan Tsirov wühlte sich wochen­lang durch Zei­tungs­ar­chive, kon­tak­tierte andere Sta­tis­tiker, den Ver­band, die Ver­eine – ohne Erfolg. Schließ­lich fand er den Namen des dama­ligen Trai­ners von Sozopol heraus und rief ihn an. Seitdem ist alles gut. Das Spiel endete 0:7. Könnte es eines Tages sehr wichtig werden?“ frage ich. Viel­leicht“, sagt er.

Enten­jagd mit Schnapp­schuss – Fuß­baller und ihre Hobbys »

Am dar­auf­fol­genden Tag sprach ich mit Dirk Hen­ning. Er ist 43 Jahre alt, lebt in Kassel und sam­melt mit seiner Frau nahezu alles, was sich sam­meln lässt: Modell­autos, Parfüm-Minia­turen, Werbe-Plas­tik­tüten, Tele­fon­karten, Mad-Hefte, aus­län­di­sche Euros, Edgar-Karten und Sturm­truppen-Taschen­bü­cher. Eines Tages wurde er Mit­glied im Deut­schen Sport­club für Fuß­ball­sta­tis­tiken e.V., heute ist er Vor­sit­zender. Der Club listet Daten von deut­schen Fuß­ball­spielen und kennt dabei keine Ränder. Es werden Par­tien von 1946 aus der Ber­liner Stadt­liga erfasst („Jedes Ergebnis ist wie eine blaue Mau­ri­tius für sich“) oder aktu­elle Begeg­nungen der hes­si­schen C‑ju­nioren-Bezirks­liga. Warum Dirk Hen­ning das macht? Viel­leicht weil ich Per­fek­tio­nist bin“, ant­wortet er. Es ist eigent­lich ein Dilemma.

Ein eng­li­scher Sport­jour­na­list schrieb einmal: Männer lieben zwei Dinge: Fuß­ball und Dinge in Listen zu erfassen.“ Ein Musik­jour­na­list ant­wor­tete später: Frauen hören Musik, Männer sam­meln sie.“ Allein, was sam­meln die Männer eigent­lich? Den Inhalt oder nur den Ver­weis darauf? Pflegen sie ihre Erin­ne­rung oder schlichtweg ihr System?

Das kol­lek­tive Gedächtnis gibt keine Ruhe


Seit ich das Brief­mar­ken­sam­meln erfolglos been­dete, habe ich keine Hobbys mehr. Einige Freunde sagen: Kopf hoch, es gibt nichts, was so anti­quiert ist wie ein Hobby!“ Und ver­mut­lich haben sie Recht. Wo sind heute die Grenzen zwi­schen Frei­zeit und Arbeit? Nach dem Gespräch mit Iordan Tsirov klickte ich mich also arbeitssam in meiner freien Zeit durch die Sta­tistik-Inter­net­seite rsssf​.com. Und am nächsten Morgen hatte ich zum ersten Mal nach 1989 den drin­genden Wunsch, Dinge zu sam­meln und fest­zu­halten. Ich schaute mich im Zimmer um und sah: Schall­platten. Jede Menge. Hatte ich die in den letzten Jahren etwa gesam­melt oder hatten die sich schlichtweg ange­sam­melt? Wie auch immer – ich mel­dete mich auf der Music-Collec­tors-Seite Dis­cogs an und erfasste die Ton­träger. Alpha­be­tisch, chro­no­lo­gisch, nach Pres­sung, nach Format. Die ganze Nacht. Das war vor zwei Wochen. Aktuell ver­bringe ich meine Abende so, denn es gibt immer noch ein Cover, das fehlt, eine Pres­sung, die nicht gelistet ist, ein Song­titel, der feh­ler­haft notiert wurde. Das kol­lek­tive Gedächtnis der Musik gibt keine Ruhe. Nie­mals. Denn es wird nie voll­ständig und von allen Feh­lern berei­nigt sein.

Ein Freund saß einmal auf meiner Couch, er zappte durch die Kanäle, und wäh­rend ich in die Tasten tippte, tippte er an seine Stirn. Ich kam mir blöd vor. Heute morgen schließ­lich sagte ein Kol­lege zu mir: Ich muss dir was gestehen: ich sam­mele Magic Cards. Ich werde sie ver­mut­lich bald in einer Liste erfassen.“ Ich nickte, und sagte geschäfts­män­nisch: Sie werden dank dieser Liste eines Tages sehr wert­voll sein.“ Er schüt­telte den Kopf und ant­wor­tete: Nein, diese Daten werden eines Tages sehr wichtig sein.“

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Im aktu­ellen 11FREUNDE-Heft: Sie sam­meln Auf­stel­lungen der Ber­liner Stadt­liga von 1946, die ewige Tabelle der 2. usbe­ki­schen Liga oder Resul­tate aus der süd­afri­ka­ni­schen Natal Pro­vinz von 1887. Es ist ihr Hobby. Innen­an­sichten des unbe­kannten Wesens Frei­zeit-Sta­tis­tiker.