Mar­teria, wo haben Sie den Bun­des­liga-Auf­stieg von Hansa Ros­tock am 11. Juni 1995 erlebt?
Mar­teria: Ich war zwölf Jahre alt und wie bei jedem Heim­spiel mit meiner Mutter im dama­ligen B‑Block des Ost­see­sta­dions. Stefan Bein­lich, Rocco Milde und Steffen Baum­gart schossen Han­nover 96 ab. Hinten in der Abwehr wehten die Haare von Werner. Nach dem Abpfiff stürmten alle auf den Rasen. Ich hab vor Freude geheult.

Sie spielten damals als rechter Ver­tei­diger in der Jugend von Hansa. Ihnen wurde eine Profi-Kar­riere pro­gnos­ti­ziert. War Mike Werner ein Vor­bild?
Werner: Sag jetzt nichts Fal­sches. (lacht)
Mar­teria: Für uns waren alle Profis Götter. Beim Trai­ning hingen wir am Zaun und träumten. Prä­gend waren aber vor allem die Trai­nings­auf­tritte von Daniel Hoff­mann.

Warum?
Mar­teria: Es war für uns der Mann, der den Westen zu Hansa brachte. Als einer der jüngsten Spieler im Kader kam er mit einem alten Benz zum Trai­ning. Das fanden wir ziem­lich cool. Wenn es dann in der Ferne knat­terte, wussten alle: Jetzt kommt Werner auf seiner Harley!
Werner: Ein­spruch. Ich fuhr damals noch keine Harley, son­dern eine alte MZ. Aber die war auch fürch­ter­lich laut.

Mike Werner, Sie ent­spra­chen mit lange Haaren und einem Motorrad Ihrem Image des Ost-Rebellen.
Werner: Image? So ein Quatsch! Ich hatte zu der Zeit ein­fach keinen Auto-Füh­rer­schein, und irgendwie musste ich zum Trai­ning kommen. Aber als wir dann auf­ge­stiegen sind, habe ich mir tat­säch­lich geholt. Das war für mich ein Aus­druck von Frei­heit.

Wie haben die Hansa-Profis damals den eigenen Nach­wuchs wahr­ge­nommen?
Werner: Wir lebten in einer Blase, die Nach­wuchs­mann­schaften haben uns Null inter­es­siert. Die Mauer war zwar weg, aber im eigenen Verein stand sie irgendwie noch. Aus heu­tiger Sicht ist das selten däm­lich. Schon damals hätten wir ahnen müssen, dass Hansa auf seine Jugend ange­wiesen sein wird.
Mar­teria: Die meisten Hansa-Profis waren damals noch jung, irgendwo zwi­schen 19 und 23. Und auf einmal öffnet sich das Land, und alle Ver­hei­ßungen des Wes­tens pras­seln auf die Spieler ein. Man ver­dient viel Geld, fährt dicke Autos und spielt gegen Bayern Mün­chen. Da ist es logisch, dass man kein Auge für den eigenen Nach­wuchs hat.

Dabei war das Erfolgs­re­zept von Hansa in jenen Jahren doch Zusam­men­halt und regio­nale Iden­ti­fi­ka­tion.
Werner: Diese Iden­ti­fi­ka­tion war am Anfang da, aber mit dem Erfolg hat das nach­ge­lassen. Es kamen immer mehr Spieler, die Hansa als Durch­gangs­sta­tion gesehen haben. Täg­lich kro­chen uns neue Berater in den Arsch. Irgend­wann waren viele Spieler mehr mit anderen Dingen beschäf­tigt als mit Fuß­ball. Das hat mich genervt.

Wil­derten die Berater auch schon im Nach­wuchs­be­reich?
Mar­teria: Ich hatte mal ein Angebot von Real Mal­lorca, weil ich bei einem C‑Ju­gend-Tur­nier vier Tore gegen die geschossen habe. Die haben dann bei meiner Mutter ange­rufen, aber für mich gab es nur Hansa.
Werner: Bereust Du Deine Ent­schei­dung heute?
Mar­teria: Nein, ich hatte damals alles. Ich spielte mit meinen Freunden bei meinem Verein, konnte als 16 – Jäh­riger meine Mutter finan­ziell bei der Miete unter­stützen. Der Klub besorgte mir sogar eine Aus­bil­dung. Am Ende hat sich das aber als Alb­traum her­aus­ge­stellt.

Was war pas­siert?
Mar­teria: Für die Chefs war ich kein Aus­zu­bil­dender, son­dern das Fuß­ball­ta­lent. Mon­tags­mor­gens boxten sie mir kum­pel­haft in den Bauch, ich saß in der Kan­tine bei den Chefs am Tisch statt bei den anderen Azubis. Ich dachte mir: Ich will das alles nicht. Obwohl ich alle Frei­heiten hatte, fühlte ich mich ein­ge­sperrt.

Sie lebten in einem gol­denen Käfig.
Mar­teria: Frei­heit hatte ich nur, wenn ich funk­tio­nierte. Wenn die Leis­tung sta­gnierte, wurde der Umgang schnell rauer. Zeit­gleich ent­deckte ich die Musik und hatte Lust über andere Dinge zu spre­chen als über Fuß­ball. Das war nicht erwünscht. Meine Gedanken sollten sys­te­ma­tisch abge­rundet werden.
Werner: Ich habe das gleiche in der DDR erlebt. Als Spieler bei Vor­wärts Frank­furt bekam ich eine Aus­bil­dung als Kfz-Schlosser zuge­teilt. An ein Auto hätte man mich aber nie gelassen. Alle meinten, ich könnte sowieso nur Fuß­ball spielen. Wenn ich wollte, wurde ich ein­fach krank­ge­schrieben.

Klingt doch erst mal fan­tas­tisch.
Werner: Es ging aber auch anders. Einen Kumpel haben Sie damals aus der Jugend­mann­schaft aus­sor­tiert, weil die Ärzte behaup­teten, dass er nicht mehr wachsen würde. Einen Tag später war er auch seinen Aus­bil­dungs­platz los. Er hatte nichts mehr. Und heute ist der größer als ich. Das war schon krass.

Sie beide haben dann auf Ihre eigene Weise rebel­liert. Mar­teria been­dete 1999 als frisch geba­ckener U17-Natio­nal­spieler seine Kar­riere und ging als Model nach New York. Werner ließ sich sei­ner­zeit die prä­gendste Frisur der Bun­des­liga-Geschichte wachsen.
Werner: Das war keine Rebel­lion, das war schön. Ich sah doch super aus. (lacht)
Mar­teria: Vorne Igel und hinten Matte. Wir nannten das den Ost-Schnitt. Warum hast Du die Haare eigent­lich so getragen?
Werner: Ich wollte ursprüng­lich kom­plett lange Haare haben. Aber dann hat mir mein Trainer Uwe Rein­ders gesagt: Wenn Du jemals einen Kopf­ball ver­passen soll­test, weil dir die Haare im Gesicht hängen, spielst Du nie wieder.“ Also habe ich sie mir vorne kurz geschnitten. Der konnte als Wessi ein­fach nicht damit umgehen, dass wir Ossis modisch weit voraus waren. (lacht)

Haben Sie beide sich eigent­lich mal wäh­rend Ihrer aktiven Hansa-Zeit getroffen?
Mar­teria: Klar. Aber ich glaube, daran kann sich Mike nicht mehr erin­nern. In dem Moment hatte er andere Sorgen.
Werner: Wann war denn das?
Mar­teria: Am 29. August 1995.
Werner: Ach, du scheiße.

Sie erin­nern sich?
Werner: An dem Tag haben wir gegen Dort­mund gespielt. In der 41. Minute rannte mich Knut Rein­hardt über den Haufen. Ich hörte es kra­chen: Mein Kreuz­band war gerissen. Das war mein letztes Spiel als Profi. Aber wo haben wir uns an dem Tag getroffen?
Mar­teria: Ich war Ball­junge im Sta­dion, immer in der glei­chen Ecke. Genau dort rauschte Knut Rein­hardt in dich rein. Ich stand nur einen Meter ent­fernt und hörte dich schreien. Im Sta­dion war es für einen Moment ganz still, weil alle wussten: Wenn Mike Werner liegen bleibt, muss es schlimm sein.
Werner: Ich habe vor kurzem noch ein Video gesehen von der Szene. Was habe ich gejam­mert und gemotzt. Ich hatte aber auch bar­ba­ri­sche Schmerzen. Aber meine Aus­wechs­lung hatte auch was Gutes: Wir haben trotz 0:2‑Rückstand noch 3:2 gewonnen.

Werner ging im Anschluss für ein halbes Jahr in die Reha nach Berlin. Haben Sie seinen Weg ver­folgt, Mar­teria?
Mar­teria: Er war fester Bestand­teil dieser bären­starken Mann­schaft. Und von einem Tag auf den nächsten war er weg. Und kam auch nicht mehr wieder. Ich merkte, dass es im Fuß­ball von einem Moment auf den nächsten ein­fach vorbei sein kann. Eine Erkenntnis, die meiner Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung sehr gut getan hat.
Werner: So eine Ver­let­zung zeigt dir, dass Fuß­ball ein Geschäft ist und nichts anderes. Viele ver­meint­liche Freunde, Bekannte und Kum­pels haben sich danach nie wieder gemeldet.

Sind Sie viel­leicht zu blau­äugig an das Pro­fi­ge­schäft gegangen?
Werner: Na klar. Wir haben in den Tag gelebt. Überall bekamen wir alles umsonst. Da hat nie­mand an morgen gedacht.
Mar­teria: Das ging sogar schon in meiner Jugend­mann­schaft los. Von Ihrem ersten Geld haben sich einige fette Autos gekauft und die Fla­schen im Club geköpft. Die haben nur Scheiße gebaut. Ich denke, einige von denen fassen sich heute auch nur an den Kopf, wenn sie an diese Zeit denken. Mich hat das eher nach­denk­lich gemacht. Ich wollte ein Leben neben dem Fuß­ball haben.

Bereuen Sie, keinen Lebens­plan B gehabt zu haben, Mike Werner?
Werner: Ich bin nicht der Typ der irgendwas bereut. Ehr­lich gesagt, bin ich nicht mal der Typ, der viel nach­denkt. Ich mache lieber. Nach der Ver­let­zung musste ich das Leben von Null auf neu erlernen. Als Profi wurde mir alles abge­nommen. Ich war schlei­chend ent­mün­digt worden, ohne es zu merken. Ich wusste nicht einmal, wie ich mein Auto ummelde. Das hat mich eis­kalt erwischt und meinen Blick auf den Fuß­ball ver­än­dert.

Wurden Spieler bewusst naiv gehalten?
Mar­teria: Was naiv klein? Hier im Osten war Jahr­zehnte lang alles auf Dis­zi­plin und Gehorsam getrimmt worden. Natür­lich auch im Fuß­ball. Und das hat sich nach der Wende nicht geän­dert. Ich hatte in den Aus­wahl­mann­schaften schon sehr strenge Trainer, die keine Aus­reißer geduldet haben. Ich glaube, dass der Osten bis heute Pro­bleme hat, bestimmte Dinge lockerer zu sehen.

Dabei hatte die Hansa-Mann­schaft der Neun­ziger doch viele dieser Typen.
Werner: Und nur des­halb hat es funk­tio­niert. Weil wir eben auch mal einen trinken gegangen sind. Weil wir nicht alles so genau genommen haben. Und weil wir auf dem Platz die rich­tige Mischung auf Kampf­schweinen und Stra­tegen hatten.
Mar­teria: Das Beste waren aber natür­lich die Solo­läufe von Heiko März.
Werner: Wenn er mit dem Ball am Fuß nach vorne gestürmt ist, wussten wir, dass es ins letzte Gefecht geht. Mar­teria: Und das ganze Sta­dion erhob sich und betete, dass er nicht am ersten Bein hängen bleibt. Das war wie Lotto spielen. Er war eigent­lich chan­cenlos und ist trotzdem erstaun­lich oft durch­ge­kommen.
Werner: Heute würde jeder Trainer ihn sofort aus­wech­seln, weil er gegen irgendein tak­ti­sches Kon­zept ver­stoßen hat. Aber mit seinen langen Beinen hat er sich immer irgendwie durch­ge­wursch­telt.

Musste er sich dafür Sprüche anhören?
Werner: Dass man sich gegen­seitig beschimpfte, war doch ganz normal. Olaf Bodden und ich haben uns zum Bei­spiel ständig in die Haare gekriegt.
Mar­teria: Bei deiner Matte war das ja auch kein Pro­blem (lacht)
Werner: Er war stinkig, weil ich ihn im Trai­ning immer so hart gedeckt habe, dass er nichts zeigen konnte. Da flogen die Fetzen. Aber nachher haben wir uns die Hand geschüt­telt und sind zusammen in die Disco gegangen.

Wusste man der Hansa-Nach­wuchs eigent­lich, wo die Profis nach dem Trai­ning Ihre Frei­zeit ver­bringen?
Mar­teria: Von einigen wussten wir, wo sie wohnen. Es gab mal einen Spieler mit dem unglaub­li­chen Namen Andreas Baben­der­erde. Der wohnte bei mir im Stadt­teil Groß Klein im soge­nannten Wür­fel­haus. Da sind wir dann mit ein paar Jungs hin­ge­gangen, um uns Auto­gramme zu holen. Er war sehr nett.
Werner: Und warum hast Du nie bei mir geklin­gelt?
Mar­teria: Ich wusste nicht, wo Du wohnst.
Werner: Als Andreas 1991 gehen musste, habe ich seine Woh­nung über­nommen.
Mar­teria: Du hast auch im Wür­fel­haus gewohnt? Warum hat mir nie­mand erzählt, dass wir Nach­barn waren? Immerhin wussten wir immer, wenn ihr irgendwo feiern wart.

Ros­tock ist offenbar ein Dorf.
Werner: Ich erin­nere mich noch an das Fun“. Die ganze Mann­schaft ver­hielt sich alles andere als pro­fes­sio­nell. Aber woher sollten auch wissen, wie das geht? Uns hat nie jemand gezeigt, wie man Profi wird. Wir haben uns in diesen Job rein­ge­lebt. Noch öfter waren wir aller­dings im Shanty“.
Mar­teria: Da hattet ihr euren abge­trennten Bereich, mit roter Kordel und Sekt­kühler. Das war schon Chef. Auf der anderen Seite haben an unserem Bier genippt.
Werner: Das Kuriose war, dass wir da nie was bezahlen mussten. Schon komisch: Wir hatten das Geld und fei­erten umsonst und die Leute um uns herum, mussten sich die Getränke vom Mund absparen. Ich hab mir immer die Frage gestellt: Was soll das?

Es ist erstaun­lich, dass sie zusammen in der glei­chen Disco waren. Mar­teria steht auf Rap, Mike Werner hört eher Rock.
Mar­teria: Ros­tock hatte nun mal nur Groß­raum­dis­co­theken. Ich finde das auch gar nicht schlecht. Wo sonst kommen so viele unter­schied­liche Leute zusammen, die sich im Leben nicht mit­ein­ander abgeben würden? Natür­lich gab es auch unglaub­lich viele Schlä­ge­reien, aber man hat seine Stadt in dieser Disco besser ken­nen­ge­lernt, als wenn man 20 Jahre jedes Wochen­ende durch die Ein­kaufs­straße geht. Wir mussten uns mit Nazis prü­geln und den Ravern das Bier klauen, um zu zeigen, wer wir sind.

Und Mike Werner moshte auf dem Hard­rock-Floor.
Werner: Ich habe gerne deut­sche Musik gehört, weil mein Eng­lisch nicht so gut war. Aber Luft­gi­tarre habe ich nie gespielt. Ich habe immer gerne Wodka getrunken. Und im Nach­hinein weiß ich, dass das natür­lich alles zu viel war.

Das Ost­deutsch­land der Neun­ziger hat das Bild vieler Men­schen geprägt. Noch heute halten viele Ros­tock für eine Stadt voller Nazis. Was ist schief gelaufen?
Mar­teria: Als Jugend­li­cher war man mit Baggy-Pants in Ros­tock ein Außen­seiter. Und wenn man um die fal­sche Ecke bog, konnte es sein, dass da ein paar Glatzen war­teten und dir auf die Fresse gehauen haben. Und dann kam Lich­ten­hagen.

Woran denken Sie als erstes, wenn Sie an die Anschläge denken?
Mar­teria: Das Haus in Lich­ten­hagen war direkt bei mir um die Ecke. Meine Mutter hat die ganze Zeit geweint, weil sie sich so für diese Idioten geschämt hat. Einmal kam ein Fern­seh­sender an unsere Schule und bot jedem 50 Mark, der vor der Kamera den Hit­ler­gruß macht. Manche haben das Geld genommen, ich bin lieber abge­hauen.
Werner: Wir sind vom Verein so abge­schirmt worden, dass wir nicht einmal richtig mit­be­kommen haben, was 1992 in Lich­ten­hagen los war. Daran sieht man, dass wir in einer Sei­fen­blase gehalten wurden.

Der Ruf von Ros­tock war nach den Anschlägen mise­rabel.
Mar­teria: Ros­tock wurde zur Todes­zone. Uns hat das sauer gemacht. Wir wussten natür­lich, dass es hier viele Nazis gibt. Aber es gab auch uns: die Rapper, die Sprayer, die Alter­na­tiven. Nur die hat nie­mand wahr­ge­nommen. Des­wegen haben wir das exzessiv aus­ge­lebt.

Gibt es dafür ein Bei­spiel?
Mar­teria: Nie­mand wollte etwas mit Ros­tock zu tun haben, natür­lich auch keine geilen Bands. Hier gab es kul­tu­rell nichts für uns. Also haben wir uns die ersten Wu-Tang-Pullis selbst im Copy­shop gemacht und in der Stadt unsere Rap-Tapes ver­teilt. Für viele waren wir wie Aliens. Aber für uns war Rap eine Form der Rebel­lion, unsere Ver­sion des Punks.

Kann der Lin­den­berg-Fan Mike Werner eigent­lich was mit der Musik von Mar­teria anfangen?
Werner: Ich mochte Rap nie son­der­lich. Und wenn wir uns hier nicht getroffen hätten, würde ich dich wohl auch nicht kennen. Aber meine Tochter hat mir deine Musik gezeigt und ich muss sagen: Du machst das gar nicht mal so schlecht.
Mar­teria: Das ist wie ein Rit­ter­schlag. Nun kann ich mich zur Ruhe setzen.