11FREUNDE wird 20!

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Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Wie die Fans von TeBe um ihren Verein kämpften.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Stim­mung ist immer Ansichts­sache. Im Ber­liner Momm­sen­sta­dion, unweit der Würst­chen­bude, drängt sich ein älterer Herr mit beige­far­bener Jacke zu einer klei­neren Fan­gruppe mit Bier und Selbst­ge­drehten. Sie sind Teil der aktiven Fan­szene von TeBe. Er reicht die Hand in die Runde, fasst aber bei der Begrü­ßung ins Leere. Ist doch eine super Stim­mung hier, oder?“, sagt der Mann etwas zu laut. Ver­piss dich“, lautet die Replik. Das sagst du mir.“ Ja, das sag ich dir.“ Tennis Borussia führt an einem lauen Frei­tag­abend im März zur Halb­zeit mit 3:0 gegen CFC Hertha, und rein sport­lich, da hat der Herr recht, ist die Stim­mung beim Ober­li­gisten tat­säch­lich super. TeBe steht auf Platz zwei und hat noch alle Chancen auf den Auf­stieg in die Regio­nal­liga. In Wahr­heit jedoch ist die Stim­mung genau so, wie der kurze Aus­tausch der Net­tig­keiten ver­muten lässt: sehr ange­spannt bis offen aggressiv.

Mitt­ler­weile gibt es zwei Lager beim Tra­di­ti­ons­verein aus dem Westen der Haupt­stadt. Auf der einen Seite stehen die Unter­stützer des Vor­stands­vor­sit­zenden Jens Red­lich, Chef einer Fit­ness­kette und potenter Geld­geber. Der etwas zu gut gelaunte Herr mit der beigen Jacke sitzt im Ältes­tenrat und gilt der Fan­szene als Cla­queur des aus ihrer Sicht auto­kra­ti­schen Bosses Red­lich. Ein großer Teil der aktiven Fan­szene von TeBe sieht in dem Gebaren des Vor­sit­zenden eine feind­liche Über­nahme des Ver­eins und seiner Struk­turen.

Der Verein ist heute beer­digt worden“

Spä­tes­tens seit einer chao­ti­schen Mit­glie­der­ver­samm­lung im Januar boy­kot­tieren die Fans des­halb die Spiele ihres Ver­eins. Teil­nehmer der Ver­samm­lung schubsten und bepö­belten sich, die Polizei musste anrü­cken, von gekauften Mehr­heiten war die Rede, von eigens bestellten Bussen mit bul­ga­ri­schen Arbei­tern als Stim­men­be­schaffer für Red­lich. Der Verein ist heute beer­digt worden“, hatten die Fans gesagt und ihre wei­tere Unter­stüt­zung in einer Zei­tungs­an­zeige ange­boten. Seither tourt eine Gruppe von 70 bis 100 TeBe-Fans durch die Repu­blik und feuert Mann­schaften aus der ganzen Repu­blik an – nur nicht mehr ihre eigene.

Im Winter erhielten die aktiven Fans von Tennis Borussia Berlin die offi­zi­elle Bestä­ti­gung: Sie haben gewonnen.

Für viele Außen­ste­hende mag der Streit eine Peti­tesse im Ber­liner Ama­teur­fuß­ball sein. Doch Tennis Borussia ist kein nor­maler Ober­li­gist. Und seine Fan­szene keine belie­bige. Als sie früher immer wieder von Geg­nern den Gesang Lila-weiß ist schwul“ um die Ohren gebrüllt bekamen, drehten sie den Spieß um. 300 Fans fuhren 1999 zum Aus­wärts­spiel nach Cottbus – Männer als Frauen ver­kleidet, Frauen als Männer. Selbst­ironie und der Kampf gegen Homo­phobie wurden zu einem Wesens­kern der Fan­szene, als beides in deut­schen Kurven nicht gerade weit ver­breitet war. Mit dem T‑S­hirt-Auf­druck Schnösel-Szene“ machte sich der Anhang über das bür­ger­liche Milieu der Heimat in West­berlin lustig und sang selbst am lau­testen: Lila-weiße West­ber­liner Scheiße“. Die TeBe-Fans ret­teten ihren Klub aus eigener Kraft vor der Insol­venz und behielten auch dabei ihren Witz: Es ist wieder so weit. TeBe geht zugrunde.“ TeBe – das war von jeher Anti­ras­sismus, Tole­ranz und Abge­dreht­heit, viel­leicht ein biss­chen Punk­fuß­ball. Es musste viel pas­sieren, damit sich diese Szene von ihrem Klub abwendet.

Es ist, als ob dir jemand das Herz raus­reißt“

Alex Rudolph geht seit den sieb­ziger Jahren zu TeBe, an diesem Freitag ist er nur wegen seiner Freunde aus Eng­land hier, zu Besuch im alten Zuhause. Für den Herrn aus dem Ältes­tenrat hat auch er nichts über. Er steht mit Tweed­mütze in der Fan­gruppe am Würst­chen­stand und kramt den Dreh­tabak hervor. Ich hatte meinen Freunden lange ver­spro­chen, dass wir zu TeBe gehen, aber eigent­lich will ich hier nicht mehr hin. Das hat mit Demo­kratie nichts mehr zu tun“, sagt er. Auf der Ver­samm­lung sei die Sat­zung miss­achtet worden, unlieb­same Funk­tio­näre würden raus­ge­drängt, ver­dienst­volle Spie­le­rinnen der Frau­en­ab­tei­lung aus­ge­bootet. Neben ihm nippt Dennis Win­gerter an seinem Bier, ein Mann mit schwarzer Funk­ti­ons­jacke, kurzen blonden Haaren und Drei­ta­ge­bart. Er sagt: Es ist, als ob dir jemand das Herz raus­reißt.“

Seit fast neun Jahren hat er kein Spiel seines Ver­eins ver­passt, ob daheim oder aus­wärts – jetzt will er nicht mehr hin, der Vor­sit­zende habe ihm seinen Verein ent­rissen. TeBe schießt gerade das 4:0, doch Win­gerter schaut regungslos. An einem Stand ver­kaufen Ver­ein­s­an­ge­stellte T‑Shirts mit Motiven wie Ping-Pong-Schlä­gern und der Auf­schrift Hacke Spitze seit 1902“. Win­gerter und seine Freunde hatten sie einst erfunden. Er zeigt ver­är­gert auf die Jer­seys, als würde der neue Freund der Ex seine Klei­dung auf­tragen. Drüben, im Block E, dem ehe­ma­ligen Herz­stück der krea­tiven und pul­sie­renden TeBe-Fan­szene, stehen ver­ein­zelt Grüpp­chen. Was sagen sie zum Boy­kott der Fan­szene? Wel­cher Boy­kott?“, fragen die jungen Fans, um die zwanzig Jahre alt, alle mit lila TeBe-Schal. Sie gehen spo­ra­disch ins Momm­sen­sta­dion. Daneben stehen rei­fere Herren, manche mit Schal, einer mit Trikot. Sie schreien Lila“, und tat­säch­lich ant­wortet die gegen­über­lie­gende Tri­büne mit Weiße“. Ein Wech­sel­ge­säng­chen.

Ange­spro­chen auf den Boy­kott, ent­wi­ckelt sich schnell ein laut­starker Streit. Die Pro­tes­tierer schä­digen den Verein“, sagt ein Mann mit weißem Schnäuzer. Aber was der Red­lich gemacht hat, das war auch nicht in Ord­nung“, sagt einer in der Reihe über ihm. Was denn, kommst du jetzt mit den bul­ga­ri­schen Arbei­tern? So ein Mär­chen!“ Neben ihm lehnt sich ein Mann mit Brille und Trikot über der Jacke in ruhigem Ton rüber. Wenn du deinem Verein treu sein willst, dann kannst du nicht weg­gehen. Wenn wir in die Regio­nal­liga wollen, brau­chen wir Red­lich, wir brau­chen das Finanz­ielle.“ Der Mann heißt Michael Dünn­wald, oder wie es auf seinem Trikot steht: Abstrafer“. Weil er früher immer bei jedem Foul des Geg­ners gerufen hat: Abstrafen! TeBe gewinnt 6:0, und die Fans reihen sich artig wie in einer Super­markt­schlange am Zaun auf. Die Mann­schaft kommt vorbei. Der Abstrafer wird zum Abklat­scher.

Für die aktiven Fans ist der Verein mehr als das Ergebnis auf dem Rasen

Der Sta­di­on­spre­cher ver­kündet die Zuschau­er­zahl von 614. Und wer immer das gezählt hat, hat seinem Mathe­lehrer nicht gerade geschmei­chelt. Immerhin tritt beim Rund­gang durch das beschau­liche Momm­sen­sta­dion das gesamte Kabi­nett deut­scher Sta­di­ongänger hervor. TeBe ist auch die Folie für Kon­flikte an anderen Stand­orten wie Han­nover oder Stutt­gart. Da gibt es Sta­di­ongänger, die nur das Spiel genießen wollen – und für die solch anstren­gende Sach­ver­halte wie Ver­eins­po­litik weit­ge­hend irrele­vant daher­kommen. Dann gibt es eine Gruppe wie jene um den Abstrafer“, die recht prag­ma­tisch für den sport­li­chen Erfolg alle Mittel und vor allem Mit­tel­geber begrüßen. Zuletzt ist da die aktive Fan­szene, Leute wie Win­gerter oder Rudolph, für die der Verein weit mehr aus­macht als das Ergebnis auf dem Rasen.

Nach dem Spiel laufen sich alle Gruppen in der Ver­einsbar von TeBe, dem Casino“ unter den Rängen, förm­lich über den Haufen. Hier gibt es Bier und Bock­wurst, Topf­pflanzen und Tre­sen­sprüche. Alex Rudolph, der Abtrün­nige“ mit der Tweed­mütze, sitzt mit seinen eng­li­schen Kum­pels an einem Holz­tisch. Ein groß­ge­wach­sener Mann Ende dreißig mit New-Balance-Schuhen, Trai­nings­hose und hoch­ge­stelltem Fell­kragen läuft auf ihn zu, beugt sich kurz runter und tippt ihm auf die Mütze. Alex, schön, dass du heute da warst“, sagt er kon­zi­liant. Rudolph nickt mür­risch und dreht sich weg. Am fol­genden Wochen­ende wird er mit den anderen pro­tes­tie­renden Fans nach Leipzig fahren – weg von Tennis Borussia, weg von dem Mann, der ihn da gerade ange­spro­chen hat. Es war der TeBe-Ver­eins­vor­sit­zende Jens Red­lich.

Wenn man Red­lich zum ersten Mal nach einem Spiel begrüßt, schlägt er ein, als treffe er einen alten Bekannten. Er kann jovial wirken und gleich­zeitig distan­ziert spre­chen. Wir würden Sie gerne zum Kon­flikt mit den Fans befragen.“ – Das wollen viele.“ In den fol­genden Wochen findet er keinen freien Termin für ein per­sön­li­ches Gespräch, gibt aber am Telefon aus­führ­lich Aus­kunft.

Red­lich kam im Früh­jahr 2016 zu TeBe, als seine Fit­ness­kette der Haupt­sponsor des Klubs wurde. Ein Jahr später ver­knüpfte er wei­tere finan­zi­elle Spritzen für den ange­schla­genen Verein mit einem Sitz im Vor­stand. In der ersten Saison zahlte sein Unter­nehmen 285 000 Euro, in der zweiten 1,2 Mil­lionen und dann circa eine Mil­lion Euro – statt­liche Summen für die fünfte Liga. Red­lich sieht sich als Sponsor, nicht als Investor. Schließ­lich wolle ein Investor eine höhere Ren­dite gene­rieren. Was will Jens Red­lich mit seinem Enga­ge­ment bei TeBe errei­chen? Ich bin wirt­schaft­lich unab­hängig. Noch ein Haus oder noch ein Auto wären unsinnig. Dann stecke ich das Geld lieber in die Lei­den­schaft.“ Die Ren­dite, die es im Ama­teur­fuß­ball zu erlangen gibt, lautet: Ein­fluss und Macht.

Playing with other people’s money

Wenn der größte Geld­geber gleich­zeitig der Vor­stands­vor­sit­zende ist, hat er immer das ent­schei­dende Druck­mittel auf seiner Seite. Red­lich wirft seinen Geg­nern im Verein oft eine eng­li­sche Phrase vor die Füße: playing with other people’s money, was er meint: Ihr spielt mit meinem Geld. Bei TeBe haben sie leid­volle Erfah­rungen damit gemacht, wenn der Ste­cker gezogen wird, zwei Mal hatten Geld­geber in den Neun­zi­gern und Nuller­jahren den Klub an den Rand seiner Exis­tenz geführt. Die Fans mussten den Verein retten. Das ist der eine Grund, warum sich der Kon­flikt ver­schärfte.

Ein wei­terer: Erfolg­reiche Unter­nehmer wie Red­lich oder Martin Kind in Han­nover sind es in der Regel nicht gewohnt, Ent­schei­dungen auf ihre Mehr­heits­fä­hig­keit abzu­klopfen. Sie ver­trauen nur sich selbst. Doch was in der freien Wirt­schaft funk­tio­niert, muss nicht unbe­dingt auf einen Fuß­ball­verein, ein Symbol des Gemein­we­sens, über­tragbar sein. Beim aktu­ellen Streit geht es den über­wie­gend linken Fans nicht um Politik, das betonen sie in vielen Gesprä­chen. Es geht ihnen nicht um die gene­relle Ableh­nung eines Geld­ge­bers; auch sie wissen, dass in der Ober­liga Geld ver­dient wird. Es geht ihnen um etwas viel Essen­ti­el­leres, das ihre Iden­tität als Fans betrifft: um Trans­pa­renz und Mit­sprache. 

Die Sache mit dem Miss­trauen, das sagt auch Red­lich, begann Anfang 2017 mit einer Fahne. Die Fans hatten durch ein Crowd­funding den Doku­men­tar­film We save TeBe“ finan­ziert. Die über­schüs­sigen Gelder wollten sie für eine große Regen­bo­gen­fahne am Sta­di­on­mast ver­wenden, eine Mit­glie­der­ver­samm­lung seg­nete das Vor­haben ab. Doch die Ver­eins­spitze sperrte sich gegen den Plan, sprach von einem Signal der Aus­gren­zung und ver­wies auf angeb­liche Ver­bote des Ber­liner Fuß­ball-Ver­bandes. In der Folge setzten sich die Fans in einem zähen Ringen mit dem Ord­nungs­dienst durch. Die Fahne als Fanal des Kon­flikts, sie hängt bis heute. Dabei scho­ckierte die Fans vor allem, wie die Klub­spitze um Red­lich über den Beschluss hin­weg­fegte. Er räumt heute ein, die The­matik zu salopp behan­delt zu haben. Doch das war erst der Auf­takt des Kon­flikts mit vielen Etappen – meis­tens mussten jedes Mal Leute gehen, und es waren keine Getreuen von Red­lich.

Im Sommer 2017 war­tete Chantal Hoppe, ehe­ma­lige Spie­lerin und Abtei­lungs­lei­terin im Frau­en­fuß­ball, auf ein Gespräch mit der Ver­eins­füh­rung. Ich habe lange darum gebeten, dass ich Unter­stüt­zung bekomme“, sagt sie heute. Als sie das Angebot eines anderen Klubs annehmen wollte, soll Red­lich ihr gedroht haben: Das wäre der Sarg­nagel für den Frau­en­fuß­ball bei uns.“ Tat­säch­lich ging Hoppe, ihr folgten viele Ver­traute. Red­lich sagt heute, Hoppe sei nicht zu halten gewesen, und dass sie mit ihrem Weg­gang die Abtei­lung eli­mi­niert“ habe.

Ader­lass in der Ver­eins­füh­rung

Der nächste Abgang betraf Steffen Friede, den Leiter der Geschäfts­stelle, im Mai 2018. Ihm warf der Klub vor, Fuß­ball­klei­dung ohne Zustim­mung des Ver­eins bestellt zu haben. Red­lich pocht weiter darauf, es habe sich um Bestel­lungen im Wert von 67 000 Euro gehan­delt, von denen er nichts wusste. Friede stellt sich auf Nach­frage ener­gisch dagegen. Interne E‑Mails und Bestell­listen belegen, dass er in Absprache mit anderen Funk­tio­nären gehan­delt hat. Aus Ärger über Friedes Aus schmiss dann ein Vor­stands­mit­glied sein Amt hin. Kurze Zeit später musste auch der sehr gut ver­netzte Jugend­leiter den Klub im Streit ver­lassen.

Es blieben nicht die ein­zigen Dis­so­nanzen: Zur glei­chen Zeit wandte sich das Bündnis der aktiven Fans an den Verein, um Teile seiner Mit­glieds­bei­träge in eigene Pro­jekte zu inves­tieren, bei­spiels­weise eine Gedenk­tafel für die in der NS-Zeit ermor­deten jüdi­schen Mit­glieder. Der Klub lehnte die Selbst­ver­wal­tung der Bei­träge aus sat­zungs­tech­ni­schen Gründen“ ab und weil das Geld bereits eine kal­ku­la­to­ri­sche Größe“ dar­stelle. Red­lich lud das Bündnis zwar wenig später zu einem Sai­son­er­öff­nungs­fest ein – stieß in der dama­ligen Situa­tion aber auf wenig erfreute Rück­mel­dung.

Der Verein braucht euch nicht“

Er ließ seinen Frust gegen­über Teilen des Bünd­nisses Ende Juli 2018 im Inter­net­forum des Ver­eins heraus: Der Verein braucht euch nicht.“ Außerdem schrieb er eine Mail an ein Mit­glied des Auf­sichts­rats, das auch in jenem Bündnis aktiv war: Ich erwarte deinen Rück­tritt bis heute 22.00 Uhr. Sollte dies nicht erfolgen, tritt der Vor­stand geschlossen zurück.“ Mit anderen Worten: Dann zieht sich auch Red­lich kom­plett aus dem Verein. Die Droh­ku­lisse wirkte. Das ange­spro­chene Auf­sichts­rats­mit­glied trat zurück. Der Vor­sit­zende des Gre­miums tat es ihm gleich, ermüdet von den har­schen Dis­kus­sionen zwi­schen Vor­stand und Auf­sichtsrat. Die Fan­szene wollte dar­aufhin eine außer­or­dent­liche Ver­samm­lung ein­be­rufen, damit die freien Posten neu besetzt werden. Diese wurde zum echten Show­down zwi­schen Ver­eins­spitze und Fan­szene. Denn selbst frisch ein­ge­tre­tene Neu­mit­glieder durften abstimmen.

Es war ein Zwei-Fronten-Krieg. Als ich gesehen habe, dass die Gegen­seite vorher selbst an Jugend­spieler Zettel ver­teilt hat, war das die völ­lige Ent­zweiung“, sagt Red­lich. Er gibt zu, dass beide Seiten Mit­glieder akqui­riert hätten, der Vor­stand habe auf die empörten Eltern und viele ältere Mit­glieder gesetzt. Das sehen die Fans anders: Als sie Ende Januar den Tagungsort betraten, sahen sie in sehr viele unbe­kannte Gesichter – alles Neu­mit­glieder. Ins­ge­samt waren wohl an die 300 Leute im Saal: ein Rekord­be­such. Die Presse war nicht zuge­lassen, es gibt kaum Bilder der Ver­an­stal­tung. Meh­rere Teil­nehmer schwören aber, Busse mit bul­ga­ri­schen Bau­ar­bei­tern gesehen zu haben, die in den ersten Reihen saßen und auf Zei­chen des Vor­stands hin abstimmten. Red­lich ent­gegnet: Das ist hane­bü­chen, ich habe keine Bau­ar­beiter in der Firma, ich habe nie­manden bei uns ange­spro­chen.“

Ein Verein zer­legt sich selbst

Fest steht: Die Stim­mung war giftig, es kam zu Hand­greif­lich­keiten und Belei­di­gungen unter der Gür­tel­linie. TeBe zer­legte sich selbst und gab ein trau­riges Bild ab. Nach sieben Stunden Ver­samm­lung schaffte es keiner der vom Fan-Bündnis vor­ge­schla­genen Kan­di­daten in den Auf­sichtsrat. Jens Red­lich ging als Gewinner aus der Ver­an­stal­tung. Für viele aktive Fans war klar: Wir können den Klub nicht mehr unter­stützen! 

Immerhin das war noch typisch TeBe: Aus dem Frust erwuchs eine neue Aktion. In der Ber­liner Fuß­ball-Woche“ erschien eine Anzeige: Kleine enga­gierte Fan-Szene sucht vor­über­ge­hend Verein, der für eine demo­kra­ti­sche Kultur und gegen Ras­sismus, Sexismus und Homo­phobie ein­steht.“ Der Beginn der Caravan of Love“.

Am ersten richtig warmen Sonntag des Jahres im April bringt der Bus­fahrer schon um acht Uhr mor­gens den Charthit unter den Bus­fah­rer­sprü­chen: Wenn ihr was braucht, meldet euch, dann komm ich eben nach hinten.“ Rund fünfzig Frauen und Männer lächeln etwas müde, sie starten am Ber­liner Süd­kreuz zu einer Aus­wärts­fahrt, die eigent­lich keine ist. Sie sind Fans von TeBe, reisen aber zum Spiel zwi­schen Roter Stern Leipzig gegen VfB Zwenkau 02. Seit dem Eklat bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung sup­porten sie überall, in der Kreis­liga, bei der SC Tennis Borussia Ram­bach in Rhein­land-Pfalz, bei der A‑Jugend, bei einem Verein namens Polar Pin­guin, bei der eigenen Tisch­ten­nis­sparte, bald soll es nach Wien gehen.

Und heute, am Sonntag, nach Leipzig. Doch nach einer Aus­wärts­fahrt sieht das im Rei­sebus alles nicht aus. In der ersten Stunde wird kaum eine Bier­fla­sche geöffnet, auf gestei­gertes Inter­esse stoßen allein selbst­ge­schmierte Stullen. Zur Aus­wahl: Schmalz und Toma­ten­kür­bis­kern­creme mit Tofu. In der Bus­mitte dis­ku­tieren jün­gere TeBe-Fans mit einem grünen Buch in der Hand. Titel: Gespräche mit Ernst Bloch“. Die Debatte über den deutsch-jüdi­schen Phi­lo­so­phen wird nur durch einen Blick in die Sams­tags­aus­gabe der Jungen Welt“ unter­bro­chen.

Aber manchmal ist es eben nur ein Knopf, den man im rich­tigen Moment drü­cken muss. Oder in diesem Fall: an einer Griff­mulde ziehen. Der Bus­fahrer bittet um einen Kaffee, dafür muss eine Klappe neben der Tür zur Bord­toi­lette geöffnet werden. Ein­fach an der Griff­mulde ziehen“, flötet der Fahrer noch ins Mikrofon, da ent­spinnt sich schon der Gesang der Fünfzig: Er findet die Griff­mulde nicht! Er findet sie nicht …!“ Die Rei­se­gruppe ist erwacht. Sie alle trinken jetzt den Schnaps, den Dennis Win­gerter daheim mit lila Lebens­mit­tel­farbe ein­ge­färbt hat. Die Lippen werden noch Stunden später von dem Gesöff kleben. Und wäh­rend­dessen singen sie, als der Bus über die A9 fährt, zur Melodie der Mün­chener Frei­heit: Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein. Ohne dich fahr ich heut Nacht nicht heim. Ohne dich komm ich heut nicht zur Ruh. Und ich gebe offen zuuu, das was ich will ist TeBeeee!“ In diesem Moment weiß jeder im Bus, dass sich auch der andere nur nach Tennis Borussia sehnt. Aber TeBe hat tags zuvor in der Ober­liga in Tor­gelow ver­loren.

Alex Rudolph hat seinen Parka gegen eine alte Trai­nings­jacke getauscht, in deren Rück­seite fein­säu­ber­lich in weißen Let­tern Tennis Borussia Berlin“ ein­ge­stickt wurde. Kommt von 75/76“, sagt er, da war Por­tugal noch Bil­lig­lohn­land.“ Am Treff­punkt in Leipzig dreht er auf­ge­regt die nächste Ziga­rette. Seine Hände zit­tern, der Tabak ver­rutscht auf dem Blätt­chen. 

Hätte ja keiner ahnen können, dass es noch schlimmer kommt“

Er weiß, dass sich im Streit mit Jens Red­lich langsam ein Kampf um das Nar­rativ ent­wi­ckelt hat: Es sind nicht nur zwanzig bis dreißig Leute, die sich nicht für Fuß­ball inter­es­sieren, es sind lang­jäh­rige Fans. Wir haben alles gesehen, wir waren immer da. Aber es geht ein­fach nicht mehr.“ In einer angren­zenden Garage dröhnt Musik. Die Biber­stand-Boys werden heute auf­treten, eine Band von TeBe-Fans, die nur in den sel­tensten Fällen spielt. Alle Jubel­jahre, ganz so, als käme die Gruppe nur zusammen, wenn es um den Verein am schlimmsten steht. Sie singen von den großen Spielen und der ersten Insol­venz, von Träumen und Illu­sionen. Die Band muss ihre Songs nicht neu schreiben, sie ersetzt nur Namen. Hätte ja keiner ahnen können, dass es noch schlimmer kommen könnte. Dieser Song ist für Jens.“ Und wäh­rend in der Garage, in die sich gerade 80 Per­sonen quet­schen, lauter Jubel aus­bricht, spielt die Band den ersten Akkord von Die letzte Schlacht gewinnen wir“. Ob Rio Reiser mit­ge­sungen hätte? Wir brau­chen keinen starken Mann, denn wir sind selber stark genug. Dein schlimmster Alb­traum sind wir! Wir! Wir!“ Und mit jedem Wir!“ wird es lauter, bis jeder ein­stimmt, sogar Dennis Win­gerter, der vorher das Geschehen stumm am Rand ver­folgt hat, die Faust zu jedem Wir!“ ballt. Kurz darauf mar­schiert die Meute auf­ge­laden zum Sta­dion, es werden Rauch­töpfe und ben­ga­li­sche Feuer ent­zündet.

Wäh­rend Jens Red­lich in Leipzig Lieder von Ton, Steine, Scherben“ gewidmet werden, ruft er den Fans nach: Wenn sie ihr Gesicht wahren wollen, kommen sie zurück. Sie ver­halten sich wie Söldner und wollen den Verein öffent­lich dis­kre­di­tieren.“ Was ist mit seinem Satz Der Verein braucht euch nicht“? Red­lich sagt, dass er weiter dazu stehe. Es sieht nicht nach einer gemein­samen Lösung, nach einer Rück­kehr der Fan­szene aus. Doch die Caravan of Love“, so schön sie sein mag, kann nicht ewig fahren.

Wäre es mög­lich, einen neuen Verein zu gründen, nach dem Vor­bild des FC United of Man­chester oder des AFC Wim­bledon? So wie es die Fans des Ham­burger SV machten, als sie nach der Aus­glie­de­rung der Fuß­ball­ab­tei­lung den HFC Falke grün­deten? Die TeBe-Fans spielen mit dem Gedanken, ohne kon­krete Pla­nungen vor­zu­be­reiten. Roter Stern Leipzig, erst 1999 von zwanzig alter­na­tiven Jugend­li­chen gegründet, wirkt auf einige zumin­dest wie eine nach­ah­mens­werte Utopie. Der Sport­platz, an einem Hügel gelegen, wird von Bret­tern und Bier­kisten zusam­men­ge­halten. Am Grill schwitzt ein Punk. Und direkt neben dem Platz des Sta­di­on­spre­chers steht Mr. Bungle“, län­gere, leicht ergraute Haare, wache Augen, eine fast jugend­liche Stimme. Hier, wo der Punk­rock aus den Boxen jedes ver­nünf­tige Gespräch zunich­te­macht, fühlt er sich seiner eigenen Heimat am nächsten.

Mr. Bungle“ heißt eigent­lich Carsten Bangel. 1977 besuchte er sein erstes Spiel im Momm­sen­sta­dion, knapp zwanzig Jahre lang war er Sta­di­on­spre­cher und ‑DJ, kurzum: ein Ori­ginal. Er erstellte stun­den­lang Play­lists mit feinen Quer­ver­bin­dungen zu Spie­lern und Geg­nern. Seit Januar hat er das Sta­dion nicht mehr betreten. Er sagt: Was da vor sich geht, ist ein Akt der Bar­barei. Da sind Leute am Ruder, die kein Inter­esse an der Geschichte und der Kultur des Ver­eins haben.“ Die Klub­i­kone Peter Eggert habe man mit einem kopierten Wiki­pedia-Artikel geehrt, den TeBeler Hans Rosen­thal von der Home­page getilgt. Für Bangel gibt es momentan keinen Weg zurück. Ich kann mit einer Vasal­len­treue nichts anfangen. Ich muss nicht immer zu meinem Klub stehen, egal was pas­siert. Das ist dann keine reflek­tierte Liebe.“

Doch wie reflek­tiert kann Liebe über­haupt sein? Was gehört zur Iden­tität eines Ver­eins? Nicht jeder im Block hört Punk­rock und liest Ernst Bloch. Und manche Zuschauer und die Spieler wollten tat­säch­lich das Lied Die immer lacht“ im Sta­dion hören, was in den Ohren von Bangel nicht ins Momm­sen­sta­dion passt. Der Abstrafer“ und der Mann mit dem weißen Schnäuzer, auch sie lieben TeBe, sind bei jedem Spiel dabei, sie möchten in die Regio­nal­liga. 

Ein Fuß­ball­klub kann Wider­sprüche aus­halten

Dabei steckt etwas Ent­schei­dendes hinter der Dis­kus­sion: Gelebte Fan­kultur und Regio­nal­liga, Abstrafer und Ernst Bloch, selbst Die immer lacht“ und Punk­rock – all das kann auch zusam­men­gehen. Ein Fuß­ball­klub kann Wider­sprüche aus­halten. Viel­leicht muss er es sogar.

In Berlin und auch bei Han­nover 96 wurde eine halt­lose Dicho­tomie auf­ge­baut: Der Geld­geber stünde für den Erfolg und die Zukunft, die Fans aber würden sich par­tout gegen finan­zi­elle Hilfen und Auf­stiege stellen. So als würden sie sich den Fuß­ball mit der Schweins­blase zurück­wün­schen. Fuß­ball­ver­eine sind heut­zu­tage auf der Suche nach einer Marke, nach einem bestimmten Claim – dabei bieten die Geschichte und die Kultur eines Ver­eins meist genü­gend Anknüp­fungs­po­ten­tial. TeBe stand bun­des­weit für eine krea­tive Fan­kultur, für klare State­ments gegen Homo­phobie und Ras­sismus, auch für faire Dis­kus­sionen – und hob sich damit von vielen anderen Klubs ab.

Es ist ver­wun­der­lich, warum der Vor­stand nicht genau auf dieses Poten­tial setzte. Selbst aus wirt­schaft­li­cher Sicht. Vin­cent Kom­pany, Kapitän von Man­chester City, hat in seiner Mas­ter­ar­beit fest­ge­stellt, dass die Ver­eine ihren Fans schon aus öko­no­mi­scher Sicht den Rücken stärken müssen. Eine gute Atmo­sphäre im Sta­dion stei­gert den Wert des Pro­dukts; die Resul­tate auf dem Platz und bei der Ver­mark­tung sind besser.“ Sein Vor­schlag: bezahl­bare Ein­tritts­preise für die Fan­szene. Und der ehe­ma­lige argen­ti­ni­sche Natio­nal­spieler, Trainer und Vor­denker Jorge Valdano wurde einmal im SZ“-Interview gefragt: Was setzt man gegen die Macht des Geldes aus Eng­land?“ Seine schlichte Ant­wort: Kultur.“ Es sind Erkennt­nisse, die auch bei den Dis­kus­sionen um die 50+1‑Regel in ganz Deutsch­land akut werden. Bei TeBe sieht es der­zeit so aus, als hätten beide ver­loren: die Fans ihren Klub und der Klub ein Stück seiner Iden­tität.

An diesem Nach­mittag im April ist Roter Stern Leipzig die unter­le­gene Mann­schaft. Die Gäste aus Berlin begleiten das Geschehen mit distan­ziertem Inter­esse. Es wäre schon etwas anderes, wenn es auf dem Platz gerade um Punkte für TeBe ginge. An den Balus­traden hängen ihre Zahn­fahnen, im Wechsel werden Lieder für Leipzig und TeBe gesungen, aber auch als Roter Stern kurz vor Schluss auf den Aus­gleich drängt, ist den TeBelern ihr Frem­deln anzu­merken. Sie haben alles dafür getan, dass dieser Ort für einen Nach­mittag zu ihrem Zuhause wird. Aber wie soll das gelingen, wenn es nur ein Sur­rogat ist? Genügt es, alte Bekannte wie­der­zu­sehen und bes­ten­falls in Erin­ne­rungen zu schwelgen? 

Carsten Bangel läuft durch die Reihen. Er, der mit seiner Musik für das Wohn­zim­mer­ge­fühl der TeBe-Fans gesorgt hat. Der für viele zur Ikone des Wider­stands geworden ist. Leise stimmt er in den Chor ein: Lila-Weiße …“ Das Flüs­tern breitet sich zu einem Gesang aus, Lila-Weiße“. Bis die Gegen­ge­rade ant­wortet: „… West­ber­liner Scheiße!“ Feinste Selbst­ironie. Der Geist von TeBe, so sehen es Bangel und die anderen, ist hier in Leipzig zu spüren und unter­wegs bei der Caravan of Love“. Mehr zumin­dest als zu Hause, im Momm­sen­sta­dion.