11FREUNDE wird 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­tages-Sto­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Wie die Fans von TeBe um ihren Verein kämpften.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Stim­mung ist immer Ansichts­sache. Im Ber­liner Momm­sen­sta­dion, unweit der Würst­chen­bude, drängt sich ein älterer Herr mit beige­far­bener Jacke zu einer klei­neren Fan­gruppe mit Bier und Selbst­ge­drehten. Sie sind Teil der aktiven Fan­szene von TeBe. Er reicht die Hand in die Runde, fasst aber bei der Begrü­ßung ins Leere. Ist doch eine super Stim­mung hier, oder?“, sagt der Mann etwas zu laut. Ver­piss dich“, lautet die Replik. Das sagst du mir.“ Ja, das sag ich dir.“ Tennis Borussia führt an einem lauen Frei­tag­abend im März zur Halb­zeit mit 3:0 gegen CFC Hertha, und rein sport­lich, da hat der Herr recht, ist die Stim­mung beim Ober­li­gisten tat­säch­lich super. TeBe steht auf Platz zwei und hat noch alle Chancen auf den Auf­stieg in die Regio­nal­liga. In Wahr­heit jedoch ist die Stim­mung genau so, wie der kurze Aus­tausch der Net­tig­keiten ver­muten lässt: sehr ange­spannt bis offen aggressiv.

Mitt­ler­weile gibt es zwei Lager beim Tra­di­ti­ons­verein aus dem Westen der Haupt­stadt. Auf der einen Seite stehen die Unter­stützer des Vor­stands­vor­sit­zenden Jens Red­lich, Chef einer Fit­ness­kette und potenter Geld­geber. Der etwas zu gut gelaunte Herr mit der beigen Jacke sitzt im Ältes­tenrat und gilt der Fan­szene als Cla­queur des aus ihrer Sicht auto­kra­ti­schen Bosses Red­lich. Ein großer Teil der aktiven Fan­szene von TeBe sieht in dem Gebaren des Vor­sit­zenden eine feind­liche Über­nahme des Ver­eins und seiner Struk­turen.

Der Verein ist heute beer­digt worden“

Spä­tes­tens seit einer chao­ti­schen Mit­glie­der­ver­samm­lung im Januar boy­kot­tieren die Fans des­halb die Spiele ihres Ver­eins. Teil­nehmer der Ver­samm­lung schubsten und bepö­belten sich, die Polizei musste anrü­cken, von gekauften Mehr­heiten war die Rede, von eigens bestellten Bussen mit bul­ga­ri­schen Arbei­tern als Stim­men­be­schaffer für Red­lich. Der Verein ist heute beer­digt worden“, hatten die Fans gesagt und ihre wei­tere Unter­stüt­zung in einer Zei­tungs­an­zeige ange­boten. Seither tourt eine Gruppe von 70 bis 100 TeBe-Fans durch die Repu­blik und feuert Mann­schaften aus der ganzen Repu­blik an – nur nicht mehr ihre eigene.

Im Winter erhielten die aktiven Fans von Tennis Borussia Berlin die offi­zi­elle Bestä­ti­gung: Sie haben gewonnen.

Für viele Außen­ste­hende mag der Streit eine Peti­tesse im Ber­liner Ama­teur­fuß­ball sein. Doch Tennis Borussia ist kein nor­maler Ober­li­gist. Und seine Fan­szene keine belie­bige. Als sie früher immer wieder von Geg­nern den Gesang Lila-weiß ist schwul“ um die Ohren gebrüllt bekamen, drehten sie den Spieß um. 300 Fans fuhren 1999 zum Aus­wärts­spiel nach Cottbus – Männer als Frauen ver­kleidet, Frauen als Männer. Selbst­ironie und der Kampf gegen Homo­phobie wurden zu einem Wesens­kern der Fan­szene, als beides in deut­schen Kurven nicht gerade weit ver­breitet war. Mit dem T‑S­hirt-Auf­druck Schnösel-Szene“ machte sich der Anhang über das bür­ger­liche Milieu der Heimat in West­berlin lustig und sang selbst am lau­testen: Lila-weiße West­ber­liner Scheiße“. Die TeBe-Fans ret­teten ihren Klub aus eigener Kraft vor der Insol­venz und behielten auch dabei ihren Witz: Es ist wieder so weit. TeBe geht zugrunde.“ TeBe – das war von jeher Anti­ras­sismus, Tole­ranz und Abge­dreht­heit, viel­leicht ein biss­chen Punk­fuß­ball. Es musste viel pas­sieren, damit sich diese Szene von ihrem Klub abwendet.

Es ist, als ob dir jemand das Herz raus­reißt“

Alex Rudolph geht seit den sieb­ziger Jahren zu TeBe, an diesem Freitag ist er nur wegen seiner Freunde aus Eng­land hier, zu Besuch im alten Zuhause. Für den Herrn aus dem Ältes­tenrat hat auch er nichts über. Er steht mit Tweed­mütze in der Fan­gruppe am Würst­chen­stand und kramt den Dreh­tabak hervor. Ich hatte meinen Freunden lange ver­spro­chen, dass wir zu TeBe gehen, aber eigent­lich will ich hier nicht mehr hin. Das hat mit Demo­kratie nichts mehr zu tun“, sagt er. Auf der Ver­samm­lung sei die Sat­zung miss­achtet worden, unlieb­same Funk­tio­näre würden raus­ge­drängt, ver­dienst­volle Spie­le­rinnen der Frau­en­ab­tei­lung aus­ge­bootet. Neben ihm nippt Dennis Win­gerter an seinem Bier, ein Mann mit schwarzer Funk­ti­ons­jacke, kurzen blonden Haaren und Drei­ta­ge­bart. Er sagt: Es ist, als ob dir jemand das Herz raus­reißt.“

Seit fast neun Jahren hat er kein Spiel seines Ver­eins ver­passt, ob daheim oder aus­wärts – jetzt will er nicht mehr hin, der Vor­sit­zende habe ihm seinen Verein ent­rissen. TeBe schießt gerade das 4:0, doch Win­gerter schaut regungslos. An einem Stand ver­kaufen Ver­ein­s­an­ge­stellte T‑Shirts mit Motiven wie Ping-Pong-Schlä­gern und der Auf­schrift Hacke Spitze seit 1902“. Win­gerter und seine Freunde hatten sie einst erfunden. Er zeigt ver­är­gert auf die Jer­seys, als würde der neue Freund der Ex seine Klei­dung auf­tragen. Drüben, im Block E, dem ehe­ma­ligen Herz­stück der krea­tiven und pul­sie­renden TeBe-Fan­szene, stehen ver­ein­zelt Grüpp­chen. Was sagen sie zum Boy­kott der Fan­szene? Wel­cher Boy­kott?“, fragen die jungen Fans, um die zwanzig Jahre alt, alle mit lila TeBe-Schal. Sie gehen spo­ra­disch ins Momm­sen­sta­dion. Daneben stehen rei­fere Herren, manche mit Schal, einer mit Trikot. Sie schreien Lila“, und tat­säch­lich ant­wortet die gegen­über­lie­gende Tri­büne mit Weiße“. Ein Wech­sel­ge­säng­chen.