Herr Müller, rechnen Sie nach dem holp­rigen Alge­ri­en­spiel mit einer Trotz­re­ak­tion gegen Frank­reich?
Trotz­re­ak­tion? Ich weiß nicht. Offenbar gibt es unter­schied­liche Sicht­weisen, was das Spiel anbe­langt. Ich kann ja mal für euch das Spiel betrachten.

Bitte, sehr gern.
Die erste Halb­zeit war nicht das, was wir uns vor­stellen. Wir hatten zu viele Ball­ver­luste, was auto­ma­tisch dazu führte, dass wir Pro­bleme bei den Gegen­stößen bekamen. Schnelle Ball­ver­luste machen es dem Gegner immer relativ leicht. In dieser Phase gab es ein paar Szenen, in denen wir einen guten Manu…

… Tor­wart Manuel Neuer …
… ja, wo wir ihn gebraucht haben und auch ein biss­chen Glück hatten. Aber mit Beginn der zweiten Halb­zeit waren wir spiel­be­stim­mend. Wir hatten eine Viel­zahl von guten Tor­chancen, die man – um anschlie­ßend keine Dis­kus­sionen zu haben – ein­fach mal machen muss. Wenn wir das Spiel nach 90 Minuten mit 2:0 gewinnen, dann hätten wir nicht so ein kleines Theater, wie wir es jetzt haben. Aus unserer Sicht zumin­dest.

Wie ist denn die Sicht der Mann­schaft? Fühlt sie sich unge­recht behan­delt?
So will ich das nicht sagen. Aber sehen Sie, wir haben richtig Gas gegeben, wir haben uns auch nicht von den ver­ge­benen Tor­chancen unter­kriegen lassen. Wir haben bis auf ein, zwei Wackler wirk­lich ab der zweiten Halb­zeit eine ordent­liche Leis­tung gebracht. Wir waren in der Ver­län­ge­rung spiel­be­stim­mend und haben dann zwei Tore gemacht.

Und eins bekommen.
Dass wir dann noch das Gegentor kriegen, ist ein kleiner Wer­muts­tropfen. Das hat dann wohl wieder eine Schwach­stelle auf­ge­zeigt, wegen der man aber nicht sagen kann, dass der Sieg letzten Endes sou­verän war. Das sorgt dann für eine nega­tive Sicht­weise.

Halten Sie die Kritik für über­zogen?
Die Kritik ist nicht über­zogen. Die Art und Weise, wie sie rüber­ge­bracht wird, ist die fal­sche.

Zum Bei­spiel?
Was zum Bei­spiel soll die Frage nach einer Wie­der­gut­ma­chung? Wie­der­gut­ma­chung wofür? Wir sind in die nächste Runde gekommen. Noch einmal: Dass die erste Halb­zeit nix war, wissen wir selbst. Und die inhalt­liche Kritik, dass wir Fehler gemacht haben, die nehmen wir gerne an. Aber wir haben uns 120 Minuten lang den Arsch auf­ge­rissen und ein Spiel, das eng war, auch gewonnen.

Wir erklären Sie sich die mas­sive Kritik?
Ich denke, es hat viel mit dem Namen des Geg­ners zu tun, der nicht so groß ist. Und dann gibt es plötz­lich eine Kluft zwi­schen der all­ge­meinen Erwar­tung und dem tat­säch­li­chen Spiel.

Können Sie das nicht ver­stehen?
Ich habe irgendwo gelesen, dass 15 der 23 alge­ri­schen Spieler in Frank­reich geboren sind. Die haben dort das Fuß­ball­spielen gelernt. Da sind auch beste Bedin­gungen. Ich denke also nicht, dass wir – wie Per Mer­te­sa­cker schon richtig gesagt hat – gegen eine Kar­ne­vals­truppe gespielt haben. Natür­lich ist unser Anspruch, gegen Alge­rien zu gewinnen. Das haben wir auch getan, auch wenn es über Umwege war. Aber ich finde, man sollte nach dem Spiel nicht das Gefühl haben, dass wir uns ent­schul­digen müssen.

War der Aus­spruch von Per Mer­te­sa­cker nicht eine Über­re­ak­tion?
Nö, es war die Wahr­heit, so wie er sich gefühlt hat. Er hat es doch auf den Punkt gebracht.

Schweißt die Kritik jetzt sogar noch mehr zusammen?
Nee. Worum geht es denn? Sollen wir es den Repor­tern zeigen, oder was? Wir spielen nicht für die Reporter. Wenn Mann­schaften aus anderen Län­dern so ein Spiel in dieser Art gewinnen, wird es als Cle­ver­ness aus­ge­legt. Und bei uns? Ich will nicht Welt­meister werden und danach mich hin­stellen müssen und sagen: Sorry, dass wir das Finale bloß mit einem Tor Unter­schied gewonnen haben.

Dann hat die Kritik die Mann­schaft doch ganz schön getroffen, oder?
Dass es Kritik gibt, ist gut und richtig so, aber es sollte nicht so sein, dass der Aus­blick immer so negativ ist. Man kann doch sagen, das Spiel war Mist, aber wenn die Mann­schaft das und jenes besser macht, wird es werden. Und nicht: Gegen Frank­reich fliegen wir sowieso raus, denn die sind im Ver­gleich zu unserer Leis­tung ja eine Über­mann­schaft.

Ist dieser Ein­druck rüber­ge­kommen?
Ja, so kommt es rüber. Ich ver­stehe ja, dass sich extreme Über­schriften besser ver­kaufen.

Über Sie gibt es doch nur gute. Spieler wie Özil oder Götze stehen da mehr im Fokus der öffent­li­chen Kritik.
Natür­lich, ich hab im ersten Spiel drei Tore gemacht, da bist du natür­lich erst mal fein raus. Aber wenn ich an die EM vor zwei Jahren denke. Da habe ich gegen Däne­mark eine Tor­chance, schieß aber leider den Tor­wart an. Ich habe in drei Vor­run­den­spielen kein Tor geschossen, was mir auch ange­kreidet wurde. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll: Das Pro­blem ist wohl, dass ihr uns an unserem ver­meint­li­chen Poten­zial messt. Ihr seht, wir hatten im letzten Jahr ein deut­sches Cham­pions- League-Finale. Aber du kannst nicht immer nach deinen Wunsch­vor­stel­lungen spielen, du musst dich eben auch mal reinar­beiten.

Und: Ist die Mann­schaft jetzt drin?
Jeder nimmt sich doch vor, in diesen vier Wochen alles raus­zu­hauen, was drin ist. Da gibt es eben Phasen, da geht es besser und leichter, und dann wieder nicht. Ich muss aber auch sagen, dass ich im Ver­gleich zur WM vor vier Jahren ein viel bes­serer Spieler geworden bin. Von den Fähig­keiten her, auch wenn das nicht nur an Toren messbar ist, son­dern daran, wie viel Ein­fluss man nehmen kann.

Auch auf das Spiel­system, was hei­tere Dis­kus­sionen aus­ge­löst hat?
Zu Sys­tem­fragen kann ich hier keine Stel­lung nehmen. Das macht ers­tens keinen Sinn, zwei­tens müssen wir da geschlossen auf­treten. Warum ist denn Fuß­ball so inter­es­sant für 80 Mil­lionen Deut­sche?

Sie werden es uns sagen.
Weil man drüber dis­ku­tieren kann. Das habe ich doch früher auch gemacht vor dem Fern­seher. Mensch, warum machst du den nicht rein? Warum wech­selt er jetzt den aus und warum spielt der nicht? Mein Gott, warum können die keine Ecken schießen, die trai­nieren doch sonst nix anderes. Dass jeder da eine andere Mei­nung hat, wel­cher Spieler wo am besten zum Ein­satz kommt, ist doch klar. Aber wir fahren als Team eine Linie, und der Trainer gibt die Rich­tung vor. Und da stehen wir dann auch dahinter.

Stehen Sie auch hinter Lahm im Mit­tel­feld?
Oh, ich finde sogar, dass unser Zen­trum, also diese drei Mit­tel­feld­spieler, egal wie sie heißen, eines unserer Trümpfe ist. Wir sind stabil da, das Spiel nach vorn läuft über die Mitte. Dass im vor­deren Bereich, dass bei diesem risi­ko­rei­chen Aufbau, den wir auch wählen müssen, um die Geg­ner­ab­wehr zu durch­bre­chen, dass da Fehler pas­sieren, ist klar. Dass da zu viele Fehler pas­siert sind, ist auch richtig. Das müssen wir besser machen.

Halten Sie sich eigent­lich selbst für einen unor­tho­doxen Spieler, oder über­nehmen Sie das, weil es alle sagen?
Ich kann mich ja fast nicht dagegen wehren. Selbst wenn ich sagen würde, ich fühle mich als nor­maler Stürmer, würden Sie wohl sagen: Nee, das ist nicht so, oder?

Wenn Sie über­zeu­gend argu­men­tierten?
Ha, also aus meiner Sicht mache ich sinn­volle Dinge. Nein, ich sage es mal anders: Es pas­sieren weniger Dinge spontan, als Sie viel­leicht denken. Ich nehme viel­leicht mehr Risiko. Das kann auch schief­gehen, aber sonst fallen halt keine Tore.

Würden Sie nicht mal gern gegen eine Abwehr­kette stürmen, die aus vier Innen­ver­tei­di­gern besteht?
Wenn du den Ball im rich­tigen Moment kriegst, ist es egal, ob auf der Pani­nik­arte IV oder AV steht …

… also Innen­ver­tei­diger oder Außen­ver­tei­diger.
Es geht um indi­vi­du­elle Eigen­schaften der Spieler. Ich weiß ja, worauf sie anspielen. Nehmen Sie Benni Höwedes. Der ist in viele Kopf­ball­du­elle gegangen, wo er als Sieger her­vor­ge­gangen ist. Das ist der posi­tive Aspekt. Von der Offen­siv­kraft ist das nicht zu ver­glei­chen, wie wenn da jetzt Mar­celo von Bra­si­lien spielt. Jeder hat Stärken und Schwä­chen, das weiß man doch vorher.

Gegen Frank­reich dürfte Bene­dikt Höwedes ver­mut­lich auf den wen­digen Val­buena treffen.
Ich finde, dass es nicht viele gibt, die sich defensiv im Zwei­kampf besser anstellen als der Benni. Sie spre­chen die Beweg­lich­keit an, aber auch da kenn‘ ich kaum Außen­ver­tei­diger, die im Eins-gegen-eins besser sind.

Wie könnte es denn nun gegen Frank­reich laufen?
Meine Wunsch­vor­stel­lung ist, dass wir auf einen viel­leicht ein biss­chen höher atta­ckie­renden Gegner treffen, und dass wir uns aus dem leichten Druck, den die Fran­zosen aus­üben, befreien können und dadurch dann vorne mehr Frei­räume vor­finden als gegen Alge­rien.

Was macht das Spiel der Fran­zosen aus?
Sie haben mann­schaft­lich sehr geschlossen und ent­schlossen gespielt, so wie wir. Sie sind auch nicht so sehr von Ein­zel­spie­lern abhängig, son­dern kommen übers Kol­lektiv. Sie ver­fügen natür­lich über fähige Spieler vorn, die immer was kre­ieren können, aber sie haben auch viele Arbeiter dabei mit guten Lauf­leis­tungen. Es wird einem leider nichts geschenkt.

Freuen Sie sich aufs Mara­cana?
Klar, ich habe gehört, dass es dort mal ein Spiel mit über 200 000 Zuschauern gegeben haben soll. Das sagt doch alles.

Jetzt passen längst nicht mehr so viele rein, dafür wird aber Ihre Familie dabei sein.
Also, es hat nichts mit dem Auf­ent­haltsort meiner Eltern zu tun, wie gut ich spiele. Ich spiele für mein Land und sonst um des Fuß­balls willen.

Was spricht für Deutsch­land?
Wir haben seit – ich weiß gar nicht, wie lange es her ist – kein Spiel mehr ver­loren. Wir sind ein­deutig eine Wett­kampf­mann­schaft. Das hat ja auch das 2:1 gegen Alge­rien gezeigt: Sofern der Druck ein biss­chen weg ist, werden wir nach­lässig. Das ist ein­fach so. Aber das heißt auch, sobald der Druck da ist, sind wir auch voll da. Ich wünsch mir ein­fach, dass wir hier richtig was reißen und zusammen feiern können.