Ste­phan Leh­mann, Sie sind als Sta­di­on­spre­cher maß­geb­lich für die Stim­mung ver­ant­wort­lich. War die denn wirk­lich so scheiße, damals 2007?

Ste­phan Leh­mann: Nein, war sie nicht! Die Stim­mung im Sta­dion ist stets ein Spie­gel­bild der Leis­tung auf dem Platz. Und bei einer Mann­schaft, die viermal die Cham­pions League gewonnen hat und 22 Mal Deut­scher Meister geworden ist, liegt es in der Natur der Dinge, dass das Publikum erfolgs­ver­wöhnt ist.

Aha! Das ist doch die Schlag­zeile: Bayern-Fans sind ver­wöhnt!“

Ste­phan Leh­mann: Ja, aber das ist nichts Ver­werf­li­ches. Sie wollen tollen Fuß­ball sehen, weil sie es nicht anders kennen. Ich bin Jahr­gang 1962 und auf­ge­wachsen mit Becken­bauer, Müller und Breitner. Das prägt. Man gibt sich nicht von heute auf morgen mit dem Mit­telmaß zufrieden. Und meis­tens werden die Fans ja auch zufrieden gestellt: Als Franck Ribéry 2007 nach Mün­chen kam und auf dem Flügel gezau­bert hat, schwappte im dun­kelsten November die La-Ola-Welle durchs Sta­dion.

Aber was, wenn die Leis­tung nicht stimmt?

Ste­phan Leh­mann: Ich gebe zu: Der Bayer ist von der Men­ta­lität her nie­mand, der sich bespaßen lässt. Als Sta­di­on­spre­cher könnte ich es nie so machen wie der geschätzte Kol­lege Nor­bert Dickel in Dort­mund. Die Fans würden mich aus dem Sta­dion fotzen“, wie man bei uns sagt. Der Bayer lässt sich nicht auf­ok­troy­ieren. Da ist er eigen.

Dann ist ein Bayern-Fan aller­dings auch nicht der berühmte 12. Mann, der seine Mann­schaft durch eine Krise trägt.

Ste­phan Leh­mann: Oh doch, aber halt auf seine Art. Unser Sta­dion ist immer aus­ver­kauft und das Publikum breit gefä­chert.

Ich schließe daraus: Die Scheißstimmung“-Diskussion rund um die JHV 2007 hat Sie nicht per­sön­lich getroffen.

Ste­phan Leh­mann: Nein, ich bin letzt­lich nicht für die Stim­mung ver­ant­wort­lich. Ich sehe mich als Bin­de­glied zwi­schen dem Verein, den Inter­essen unserer Spon­soren und den Fans. Letz­tere sind es natür­lich gewohnt – auch wenn sie es sich nicht bewusst machen –, dass im Umfeld eines Spiels etwas geboten wird.

Ein Event?

Ste­phan Leh­mann: Das hat eine nega­tive Kon­no­ta­tion. Dass sich das viel­mehr zum Posi­tiven gewan­delt hat, stelle ich selbst fest, wenn ich meine heu­tige Arbeit mit den Anfängen Mitte der Neun­ziger ver­gleiche. Damals habe ich durch­ge­sagt: Der kleine Alex­ander ver­misst seine Mutter“, dann kamen die Auf­stel­lungen, und das war’s. Heute treffen wir uns vier­ein­halb Stunden vor Spiel­be­ginn mit 35 Mit­ar­bei­tern und bespre­chen das Rah­men­pro­gramm von Bayern-TV“. Wir haben, wenn Sie so wollen, ein Aktu­elles Sport­studio“ unter Live­be­din­gungen, mit Inter­ak­tionen, Ser­vice, mit ins­ge­samt 80 Unter­punkten. Ich bin heute viel­mehr Mode­rator als bloßer Sta­di­on­spre­cher.

Hat sich die Atmo­sphäre und Unter­stüt­zungs­kultur durch den Umzug in die Arena merk­lich ver­än­dert?

Ste­phan Leh­mann: Ja, zum Posi­tiven – auch wenn es immer noch Fans gibt, die sagen: Ich ver­misse meine durch­ge­hende Süd­kurve!“ Man kann es eben nicht allen recht machen. Aus meiner Sicht ist der große Vor­teil, dass wir hinter beiden Toren nun­mehr unsere eigenen Fans stehen haben, das war früher nicht der Fall. Da hatte Oliver Kahn in einer Halb­zeit die geg­ne­ri­schen Fans im Rücken.

Der Bau der Allianz-Arena, deren Außen­hülle bis in die öster­rei­chi­schen Alpen leuchtet, war ein State­ment: Der FC Bayern will als welt­weite Marke wahr­ge­nommen werden, weniger als bloßer Fuß­ball­verein.

Ste­phan Leh­mann: Mit Sicher­heit. Bedenken Sie, was sich im Bereich des Mer­chan­di­sing getan hat. Früher war ich froh, wenn ich irgendwo einen Auf­kleber auf­treiben konnte, um ihn mir auf die Jeans­jacke zu pappen. Oder man hat Oma gefragt, ob sie einem ein Emblem stickt. Heute ist von der Tasse bis zur Fuß­matte alles erhält­lich. Jeder­zeit, welt­weit. Der FC Bayern hat allein bei Face­book 1,7 Mil­lionen Fans, viele davon aus Japan und aus aller Welt. Der FC Bayern funk­tio­niert heute global – und das ist ein Rie­sen­un­ter­schied zu der Zeit vor 20 Jahren.

Ande­rer­seits ist die Psy­cho­struktur des FC Bayern immer noch zutiefst bay­risch. Auf der JHV etwa hat man sich gezofft, aber auch wieder ver­tragen. Andere Klubs wären zer­bro­chen.

Ste­phan Leh­mann: Diese JHV hat allen gezeigt, was der FC Bayern wirk­lich ist. Gerade in Zeiten, in denen es nicht gut läuft und der Wind rau ist, rücken die Bayern zusammen. Und des­halb wider­spreche ich der These von den Erfolgs­fans ganz ener­gisch. Ich sage sogar: Wenn der FC Bayern eines Tages absteigen würde – was ich natür­lich für prak­tisch aus­ge­schlossen halte – wird nicht ein Platz in der Arena leer bleiben. Der Bayer ist zwar manchmal mür­risch und sagt: Des stinkt mer, leckt’s mi am Oarsch!“ Aber er wird nie­mals seine Grund­kon­sti­tu­tion ver­leugnen, seine Liebe zu diesem Verein.

Das Klins­mann-Expe­ri­ment war sport­lich desas­trös. Danach lag der ehe­ma­lige Heils­bringer am Boden, aber der FC Bayern hatte auf wun­der­same Weise tri­um­phiert, weil er nich inter­es­santer war als zuvor. Sind Storys für diesen Verein mitt­ler­weile ebenso wichtig wie Punkte?

Ste­phan Leh­mann: Beides ist glei­cher­maßen wichtig. Schon in den Neun­zi­gern, als Jürgen Klins­mann als Spieler nach Mün­chen kam, war die Rede vom FC Hol­ly­wood“. Wobei ich nicht glaube, dass diese Sto­ries jemals vom Verein geplant waren. Nie­mand hat Uli Hoeneß je gefragt, ob es ihm recht wäre, wenn der FC Bayern zum Schlag­zei­len­pro­du­zenten wird. Und er steht ja auch nicht mit Karl-Heinz Rum­me­nigge am Flip­chart und plant den nächsten Medi­en­coup. Es ist eben ein­fach so gekommen. Ich war gerade mit dem FC Bayern im Trai­nings­lager in Riva del Garda. 80 akkre­di­tierte Jour­na­listen. 80! Ein Spiel gegen Katar, und SPORT1 über­trägt live! In einer Zeit der kom­pletten Reiz­über­flu­tung ist der FC Bayern eine Art Leucht­turm: Für diesen Verein inter­es­sieren sich alle, ob sie ihn nun lieben oder hassen. Und ich glaube, dass Hoeneß und Rum­me­nigge, auch wenn sie das so nicht geplant haben, darauf sehr stolz sind. Mit Recht!

Kann ein Mensch, der nicht aus Bayern kommt, diesen Verein über­haupt in seinem Wesen begreifen?

Ste­phan Leh­mann: Natür­lich kann er das – wenn er sich Mühe gibt. Wer seine Infor­ma­tionen aus­schließ­lich aus den Zei­tungen bezieht, dürfte sich in der Tat schwer tun. Aber ich kenne viele Zug’­reiste“, die den Verein heute ganz anders sehen als früher. Der FC Bayern steht jedem offen – wenn der­je­nige will. Was der FC Bayern nicht macht: sich anbie­dern. Nie­mals! Das wird oft mit Arro­ganz ver­wech­selt.

Sind Sie wegen des Arro­ganz-Vor­wurfs extra-höf­lich zu geg­ne­ri­schen Fans?

Ste­phan Leh­mann: Nein. Ich sehe das sport­lich. Es sind ja Gegner. Und es ist ja schön, wenn der BVB nach Mün­chen kommt und wir eine tolles Fuß­ball­spiel sehen.

Sie geben also zu: Der FC Bayern braucht die anderen 17 Mann­schaften, um zu exis­tieren.

Ste­phan Leh­mann: Absolut! Und wir gra­tu­lieren dem BVB zur Meis­ter­schaft. Manche Leute glauben, es stehe im bay­ri­schen Grund­ge­setz oder in den Ver­eins­sta­tuten, dass der FC Bayern Deut­scher Meister zu werden hat. Dem ist nicht so, und das wissen wir auch ganz genau. Wir wissen: Die anderen können es auch. Und wir müssen ständig an uns arbeiten.

Gleich­wohl ent­steht der Ein­druck, dass andere Mann­schaften nur Meister werden, wenn der FC Bayern es ihnen gestattet.

Ste­phan Leh­mann: Schauen Sie auf die letzte Saison: Wie viele Punkte der FC Bayern da hat liegen lassen! Das hätte nicht sein müssen. Natür­lich ist der FC Bayern immer wieder Favorit auf den Titel. Die Gesetz­mä­ßig­keit lautet: Wo kon­ti­nu­ier­lich gut gear­beitet wird, ist Erfolg. Wo Erfolg ist, ist Geld. Und Geld macht unab­hängig und fle­xibel. Der FC Bayern ver­bietet es aber nie­mandem, eben­falls Erfolg zu haben.

Aber er kauft der Kon­kur­renz die besten Spieler weg.

Ste­phan Leh­mann: Wenn ein Verein wirk­lich gefähr­lich werden will, behält er den Spieler. Basta. Uli Hoeneß wird nicht mit der Äther-Fla­sche anrü­cken, einen Spieler in einen Unter­ha­chinger Keller pfer­chen und ihm dort das rote Trikot auf­zwängen.

Man sagt, in Zeiten des Miss­erfolgs lerne man am meisten über sich selbst. So gesehen, dürften Bayern-Fans recht unre­flek­tierte Cha­rak­tere sein.

Ste­phan Leh­mann: Jein. Schauen Sie auf die letzte Saison – das war a Watschn“. Ich nehme mir zum Bei­spiel für den Tag des DFB-Pokal-Finales nie etwas vor. Da kann ich nicht. Und dann sehe ich im Fern­sehen Schalke gegen Duis­burg – ja, bist du dep­pert!? Und jetzt gehe ich natür­lich dop­pelt freudig in die kom­mende Saison.

Demut klingt anders.

Ste­phan Leh­mann: Ich sage ihnen ganz ehr­lich: Wenn wir hier einen Titel holen, dann ist das für alle Betei­ligten immer noch etwas ganz Außer­ge­wöhn­li­ches. Von Gewohn­heit keine Spur!

Auch in der Magath-Ära? Das wirkte eher rou­ti­niert.

Ste­phan Leh­mann: Das lag an der Person Felix Magath. Er ist keiner, der bei der Polo­näse vorne weg läuft. Auch daraus wurde dann gleich wieder eine Story gene­riert, nach dem Motto: Was liegt da im Argen?“ Dass Oliver Kahn und Philipp Lahm sich zwei Meter weiter gegen­seitig mit Cham­pa­gner abduschten, fiel unter den Tisch. 

Abschlie­ßend, Herr Leh­mann: Wer san denn jetzt mia?

Ste­phan Leh­mann: Mia! 

Können Sie das bitte noch aus­for­mu­lieren?

Ste­phan Leh­mann: Ich über­setze es mit: Wir müssen uns nicht dafür ent­schul­digen, dass wir so sind, wie wir sind.