Hein­rich Schmidtgal, Sie haben einen kasa­chi­schen und einen deut­schen Pass. Das fühlt sich für Sie mög­li­cher­weise etwas eigen­artig an, wenn vor dem Spiel gegen Deutsch­land die Hymnen beider Länder ertönen.
Ich habe das ja bereits mal erlebt, im Oktober 2010. Natür­lich wird es auch diesmal wieder ein rich­tiges Gän­se­hau­t­er­lebnis und etwas ganz Beson­deres für mich sein. Ich freue mich sehr auf das Spiel.
 
Sind Sie text­si­cher bei der kasa­chi­schen Hymne?
Ja, ich kann den Text – wirk­lich. Ich kann den Text beider Hymnen, muss aber zugeben, dass ich die deut­sche Hymne besser kenne.
 
Wurde sei­tens der kasa­chi­schen Ver­bands­funk­tio­näre Druck aus­geübt, mussten Sie den Text lernen?
Nein, nie­mand hat was zu mir gesagt. Ich finde, das gehört sich ein­fach, wenn man für dieses Land spielt.
 
Sie waren zwei Jahre alt, als die Eltern mit Ihnen nach Deutsch­land zogen. Dann waren Sie 22 Jahre lang nicht mehr in Kasach­stan. Hat man da über­haupt noch einen Bezug zu diesem Land?
Doch schon. Es ist das Land in dem ich geboren bin und in dem meine Eltern den Groß­teil ihres Lebens ver­bracht haben. Meine Eltern und meine älteren Geschwister haben mir viel von Kasach­stan erzählt. Vor allem meine Mutter schwärmte von der land­schaft­li­chen Schön­heit.
 
Es dau­erte aber bis zum Sep­tember 2010, ehe Sie anläss­lich ihres Natio­nalelf-Debüts gegen die Türkei erst­mals in Ihr Geburts­land zurück­kehrten, warum nicht schon früher?
Für Ver­wandt­schafts­be­suche gab es keinen Grund. Der Groß­teil der Onkel, Tanten, Cou­sinen und Cou­sins lebte ja auch in Deutsch­land. Nur noch ein Onkel war in Kasach­stan. Und wenn wir uns alle treffen wollten, flog unser Onkel nach Deutsch­land und nicht wir alle nach Kasach­stan. Das war ein­fa­cher. Wenn ich jetzt wegen der Natio­nal­mann­schaft in Kasach­stan bin, treffe ich mich mit meinem Onkel und meinem Cousin. Ich nehme mir Zeit, um das Land ken­nen­zu­lernen. Kasach­stan hat viel zu bieten, da gibt es glas­klare Seen und Berge, die 7000 Meter hoch sind. Man kann sagen, dass ich über den Fuß­ball das Land, in dem ich geboren bin, ent­deckt habe.
 
Als Bernd Storck, der dama­lige Natio­nal­trainer Kasach­stans, Sie 2009 fragte, ob Sie sich vor­stellen könnten, für Kasach­stan zu spielen, mussten Sie da lange über­legen?
Für mich war das relativ schnell ent­schieden. Ich sprach auch mit meiner Familie und meinen Freunden, alle rieten mir, es zu tun. Inzwi­schen liegen zehn Spiele hinter mir, und ich habe den Ent­schluss nicht bereut. Es ist mir ein­fach eine große Ehre, für das Land zu spielen – auch aus Stolz auf meine Eltern.
 
Juri Judt hatte Bernd Storck einen Korb gegeben und sei­ner­zeit aus­richten lassen, er wolle sich voll auf seine Auf­gabe beim 1. FC Nürn­berg kon­zen­trieren. Der Auf­wand ist in der Tat beacht­lich. Für die Heim­spiele in Astana sitzen Sie über sechs Stunden im Flug­zeug und über­winden vier Zeit­zonen.
Damit habe ich kein Pro­blem. Das ist für mich posi­tiver Stress. Man darf nicht ver­gessen, dass ich dadurch die Chance bekomme, inter­na­tio­nale Spiele bestreiten zu können. Ich kann gegen Welt­klas­se­mann­schaften wie die deut­sche Natio­nalelf spielen. Das bringt einen weiter, da kann mein wich­tige Erfah­rungen sam­meln.
 
Sind Sie für Ihre Natio­nal­mann­schafts­kol­legen ein Kasache, der in Deutsch­land lebt, oder ein Deut­scher mit kasa­chi­schem Pass?
Oh, das kann ich nicht sagen. Ich bin auf jeden Fall sehr gut auf­ge­nommen worden, was ich nicht selbst­ver­ständ­lich finde. Am Anfang war schon alles ein biss­chen fremd, obwohl ich zwei­spra­chig auf­ge­wachsen bin und mich mit meinen Team­kol­legen gleich gut ver­stän­digen konnte. Die waren neu­gierig und wollten wissen, wie das ist, in Deutsch­land Fuß­ball zu spielen.
 
Auch weil der eine oder andere von einem Enga­ge­ment in der Bun­des­liga oder der 2. Liga in Deutsch­land träumt?
Nein, den Ein­druck habe ich eher nicht. Es hat mich bis­lang keiner direkt gefragt, ob ich wei­ter­helfen und Kon­takte her­stellen könnte. Aber die Jungs wissen auf jeden Fall gut Bescheid über die Bun­des­liga.
 
Gilt das umge­kehrt auch für Sie, was die erste kasa­chi­sche Liga betrifft?
Ja, infor­miere mich und schaue mir im Internet regel­mäßig die Zusam­men­fas­sungen der Spiel­tage an.
Es fällt auf, dass außer Ihnen und Kon­stantin Engel von Energie Cottbus, der eben­falls in Deutsch­land auf­wuchs, alle anderen kasa­chi­schen Natio­nal­spieler bei Klubs aus der hei­mi­schen Liga unter Ver­trag stehen.
Das stimmt nicht ganz. Mit Bau­yr­schan Islam­chan gibt es ein großes Talent, das jetzt für Kuban Kras­nodar in der ersten rus­si­schen Liga spielt. Aller­dings ist er gegen Deutsch­land nicht dabei. Aber ansonsten spielen tat­säch­lich alle bei kasa­chi­schen Klubs. In Kasach­stan ist es eben grund­sätz­lich so, dass man recht schnell nach dem Schul­ab­schluss hei­ratet und Kinder bekommt. Das gilt auch für Fuß­ball­profis. Die Familie ist sehr wichtig und des­halb bleibt man lieber hier. Zudem ver­dient ein Fuß­ball­profi in Kasach­stan ganz gutes Geld. Dank der Ölvor­kommen und anderer Boden­schätze ist Kasach­stan ein recht rei­ches Land. Das merkt man bei den Spie­ler­ge­häl­tern in der hei­mi­schen Liga.
 
Welche Stel­len­wert hat der Fuß­ball in Kasach­stan?
Einen hohen, aber einen doch nicht ganz so hohen wie in Deutsch­land. Ich würde sagen, Fuß­ball liegt mit Boxen, Ringen und Eis­ho­ckey unge­fähr auf einer Ebene, viel­leicht ein biss­chen dar­über. In Deutsch­land ist es ja so, da steht Fuß­ball in der Popu­la­rität ganz oben und dann kommt lange nichts.
 
Wie hat sich der kasa­chi­sche Fuß­ball in den ver­gan­genen Jahren ent­wi­ckelt?
Es gibt kleine Fort­schritte. Die meisten Klubs haben Jugend­leis­tungs­zen­tren auf­ge­baut. Die Infra­struktur hat sich stark ver­bes­sert. Aber das ist ein Pro­zess, der über Jahre geht und nicht schon von heute auf morgen Erfolge bringt.
 
In der WM-Qua­li­fi­ka­tion ist Kasach­stan vor den Par­tien gegen Deutsch­land mit nur einem Punkt aus vier Spielen Vor­letzter in Gruppe C.
Das erste Grup­pen­spiel gegen Irland hätten wir gewinnen müssen, am Ende haben wir unglück­lich 1:2 ver­loren. Das zeigt, dass wir mit Mann­schaften aus Mit­tel­eu­ropa mit­halten können. Aktuell lautet das Ziel für uns, so viele Punkte wie mög­lich in der WM-Qua­li­fi­ka­tion zu holen.
 
Und mit wel­chen Erwar­tungen gehen Sie in die Partie gegen die Löw-Elf?
Wir wissen natür­lich, dass es gegen Deutsch­land sehr schwer sein wird, etwas Zähl­bares zu holen. Wir wollen ein für unsere Ver­hält­nisse ein gutes, ein ver­nünf­tiges Spiel machen – das ist das Ziel.
 
Joa­chim Löw plä­dierte diese Woche für eine Vor­qua­li­fi­ka­ti­ons­runde der soge­nannten Fuß­ball-Zwerge.
Natür­lich kann man über eine Vor­qua­li­fi­ka­tion dis­ku­tieren. Große Nationen sind natür­lich dafür, aber für klei­nere“ Nationen wie Kasach­stan gibt es nichts Schö­neres, als sich auch mal mit einer der besten Natio­nal­mann­schaften der Welt zu messen. Da wird es immer ver­schie­dene Inter­essen geben.
 
Ist für Sie der Trip nach Astana nicht auch eine will­kom­mene Ablen­kung von der Kater­stim­mung, die zuletzt bei Ihrem Klub, der SpVgg Greu­ther Fürth, herrschte?
Die ist sicher keine ein­fache Situa­tion bei der Spiel­ver­ei­ni­gung. Wir haben uns alle das ganz anders vor­ge­stellt. Ich selbst habe nach der Vor­runde mit einer Ver­let­zung gekämpft und bin erst seit drei Wochen wieder im Mann­schafts­trai­ning.
 
Von daher bieten Ihnen die beiden Spiele gegen Deutsch­land die Chance, Wett­kampf­praxis zu sam­meln…
Na ja, das sind für mich schon mehr als nur Test­spiele.
 
Teile der Fans reagierten auf die Nie­der­lage gegen Hof­fen­heim mit Spott und Hohn. Sind Sie ein biss­chen ent­täuscht vom eigenen Anhang?
Man muss die Fans in dieser Situa­tion ver­stehen. Uns ist in dieser Saison noch kein ein­ziger Heim­sieg gelungen. Bei anderen Ver­einen wären die Anhänger schon viel früher auf die Bar­ri­kaden gegangen. Es ist halt schade, wir hatten so eine tolle Zweit­li­ga­saison, in der ganzen Stadt herrschte eine rie­sige Auf­stiegs­eu­phorie. Aber die konnten wir leider nicht auf den Platz über­tragen.