Seite 3: „Otto erfüllte das Klischee des Box-Promoters“

Wie meinen Sie das?
Einer stand am nächsten Tag beim Trai­ning auf dem Rasen und machte Witze mit seinem Tarn­namen. Er rief: Schröder hat den Ball, was macht Schröder, Schröder schießt….“ Der hatte gar nicht kapiert, was es für die Mann­schaft bedeutet.

Gerade schien Ihnen die Welt noch offen zu stehen, jetzt erlebten Sie eine Kata­strophe nach der anderen. Die Krone setzte der schwie­rigen Situa­tion der neue Klub­prä­si­dent aus dem Westen auf: Ex-Box­pro­moter Rolf-Jürgen Otto.
Er erfüllte das Kli­schee des Box­pro­mo­ters in jeder Hin­sicht. Otto wohnte im Bel­levue-Hotel in einer Suite und emp­fing meis­tens im Bade­mantel. Als ich 1993 inte­rims­mäßig Chef­trainer wurde, musste ich jeden Tag bei ihm antanzen, er ließ mich auf dem Flur eine Stunde warten, stopfte sich beim Gespräch das Essen rein und aus dem Neben­zimmer meinte ich, Frau­en­stimmen zu hören. Als ich mal Wider­worte gab, teilte er mir mit, er wisse, wo meine Kinder zur Schule gingen, ich solle sie sicher­heits­halber abholen lassen. Ver­diente Trainer wie Klaus Sammer und Horst Hru­besch behan­delte er wie den letzten Dreck. Horst ent­ließ er, ohne es ihm mit­zu­teilen. Der erfuhr es beim Spa­zier­gang an der Elbe von einem Pas­santen.

Aus heu­tiger Sicht wirkt Rolf-Jürgen Otto wie das Sinn­bild für alles, was im Ost­fuß­ball nach der Wende schief gelaufen ist.
Vor dem Mau­er­fall lebten wir in einer Man­gel­ge­sell­schaft. Es war üblich, dass man sich gegen­seitig hilft: Bier gegen Aus­puff­an­lage, Salami gegen Ein­tritts­karte. Und dann kam einer, der nur auf seinen per­sön­li­chen Vor­teil aus ist.

Den­noch sagten Sie Otto nicht ab, als er Sie im April 1993 fragte, ob Sie Klaus Sammer als Trainer beerben.
Ich fühlte mich dem Klub gegen­über ver­ant­wort­lich.

Sie waren damals nicht nur der jüngste, son­dern auch der güns­tigste Bun­des­li­ga­trainer.
8000 Mark Soli­da­ri­täts­be­trag im Monat.

Erst 1998 gingen Sie das erste Mal in den Westen und wurden Co-Trainer von Toni Schu­ma­cher bei For­tuna Köln.
Weil mein Sport­leh­rer­di­plom im Westen nicht als Fuß­ball­lehrer aner­kannt wurde, musste ich 1994 für –meine Ver­hält­nisse – viel Geld meinen Trai­ner­schein an der Sport­hoch­schule in Köln nach­holen. Aber wie das Schicksal so spielt: Ich kam in einen Kurs mit vielen Alt-Inter­na­tio­nalen, wie zum Bei­spiel Charly Körbel, Toni Schu­ma­cher, Nor­bert Meier und viele andere. Somit hatte ich die Gele­gen­heit, viele Kon­takte zu knüfen, die mir auf meinem wei­teren Weg sehr hilf­reich waren. Das war sicher­lich auch ein Grund, dass Toni zu mir Kon­takt auf­nahm, als er Jahre später Chef­trainer bei For­tuna Köln wurde., Er rief bei meiner Frau im Geschäft an und fragte, ob ich sein Co-Trainer werden möchte. Binnen fünf Minuten war die Sache ent­schieden.

Und wieder trafen Sie auf einen Patri­ar­chen der beson­deren Art.
Jean Löring, was für ein Typ! Sehr spe­ziell, mit leichtem Hang zum Grö­ßen­wahn, damals wollte er ein neues Sta­dion für For­tuna bauen und den FC abhängen. Aber auch einer, der sehr fair und väter­lich zu seinen Leuten war.

Woran merkten Sie das?
Fol­gende Anek­dote ist für ihn aus meiner Sicht sinn­bild­lich: Nach einem Vier­tel­jahr bekam ich plötz­lich 4 000 Mark mehr über­wiesen, als ursprüng­lich ver­ein­bart. Ich dachte, es sei ein Fehler, ging mit meiner Abrech­nung zu ihm ins Büro. Er rauchte Zigarre, pfiff durch die Zähne und im brei­testen Rhei­nisch sagte er: Nää, nää, Jung, ist risch­tisch, ich seh schon, wer hier anpackt.“

Wo waren Sie, als Löring Toni Schu­ma­cher im Dezember 1999 in der Halb­zeit des Heim­spiels gegen den SV Waldhof mit den Worten ent­ließ: Du machst meinen Verein kaputt. Du hast hier nichts mehr zu sagen, du Wichser!“
Ich stand daneben. In meiner Erin­ne­rung aber war es etwas anders.

Näm­lich?
Löring kam in die Kabine, war schon etwas ange­trunken und sauer über den 0:2‑Rückstand. Er schnauzte: Toni, Sie waren ein großer Tor­wart, aber Sie sind ein schlechter Trainer. Sie sind ent­lassen!“ Dann gab er Anwei­sung, wer ein­ge­wech­selt werde. Das ließ Toni natür­lich nicht auf sich sitzen und im Bei­sein der Mann­schaft kam es fast zu einem Hand­ge­menge.

Auch Sie ver­ließen nach diesem Ereignis den Klub.
Löring hielt große Stücke auf mich. Er wollte, dass ich über­nehme, aber unter diesen Umständen hätte ich mich nicht wohl­ge­fühlt. Außerdem kam es aus Loya­li­täts­gründen Toni Schu­ma­cher gegen­über für mich nicht in Frage. Zur Wahr­heit gehört aber auch, dass ich auf dem Heimweg nach dem Spiel einen Anruf aus Lever­kusen bekam. Bayer 04 bot mir an, Leiter des neu eta­blierten För­der­kon­zeptes in der Nach­wuchs­aka­demie zu werden. So hatte ich gleich eine neue reiz­volle Her­aus­for­de­rung.

Der Abstieg tat unheim­lich weh“

2007 kehrten Sie als Geschäfts­führer Sport zu Dynamo zurück, traten zwi­schen­zeit­lich zurück und been­deten im Juni 2020 nach wei­teren sechs Jahren ihre Tätig­keit als Sport­di­rektor.
Wie gesagt, ich bin immer gut damit gefahren, klare Schnitte zu machen. Die letzten Jahre waren sehr schlau­chend. Ich habe fest­ge­stellt, dass es im Auf­sichtsrat nicht mehr das unein­ge­schränkte Ver­trauen in meine Arbeit gibt. Unter diesen Vor­aus­set­zungen kann man einen Verein wie Dynamo Dresden nicht führen. Den­noch blicke ich stolz auf das zurück, was wir in den letzten Jahren gemeinsam geschaffen haben: Dynamo ist seit 2016 erst­mals seit der Wende schul­den­frei, die Nach­wuchs- und Profi-Abtei­lung ist eng ver­zahnt und die Zusam­men­ar­beit mit den vielen ver­schie­denen Part­nern und Insti­tu­tionen in und um Dresden ist sehr ver­trau­ens­voll. Wir haben zudem ein tolles, neues Trai­nings­zen­trum und Stand 30.06.2020 ein erar­bei­tetes Eigen­ka­pital von vor­aus­sicht­lich über zwölf Mil­lionen auf dem Fest­geld-Konto.

Aber Dynamo ist wieder dritt­klassig.
Der Abstieg, gerade mit diesen Begleit­um­ständen, tut unglaub­lich weh, ich bin aber auch auf­grund der genannten Vor­aus­set­zungen fest davon über­zeugt, dass schon in der kom­menden Saison der Wie­der­auf­stieg gelingen wird.