Ralf Minge, was haben Sie mit der Drei-Meter-Salami gemacht?
Die haben wir nach dem Halb­fi­nal­einzug gegen Vik­toria Buka­rest brü­der­lich in der Mann­schaft geteilt.

Eine Dresdner Metz­gerei hatte die Wurst vor dem Uefa-Cup-Halb­fi­nale im März 1989 für den ersten Tor­schützen aus­ge­lobt.
Wir waren zuvor sechsmal im Vier­tel­fi­nale eines inter­na­tio­nalen Wett­be­werbs aus­ge­schieden. Auch diesmal schien es, als würde uns das Pech an den Stie­feln kleben. In Buka­rest hatte Ulf Kirsten nach wenigen Minuten die rote Karte gesehen und viele von uns dachten: Das geht wieder nach hinten los!“ Aber wir spielten unent­schieden und gewannen das Rück­spiel in Dresden mit 4:0. Den Augen­blick, als die Flanke von Mat­thias Mauksch in den Straf­raum segelt, sehe ich bis heute glas­klar vor meinem geis­tigen Auge.

Auch das 2:0 war Ihr Tor. Und nach der Partie große Salami-Party in der Kabine?
Von wegen. Unser Coach hieß Ede“ Geyer. Nach Abpfiff durften wir mit unseren Frauen eine halbe Stunde in der Kabine bei­sam­men­sitzen, dann hieß es: Auf­sitzen und Abfahrt ins Sport­heim.

Wie bitte?
Geyer war schließ­lich vom alten Schlag. Für den war das Spiel abge­hakt und wir wurden wieder kaser­niert. Schließ­lich stand sams­tags das nächste Ober­li­ga­match an.

Und nie­mand hat auf­ge­muckt? Es war der größte Erfolg der Dynamo-Geschichte.
Auf dem Papier waren wir Volks­po­li­zisten, wenn man so will eine mili­tä­ri­sche Dienst­ein­heit. Da lief vieles nach dem Prinzip Befehl und Gehorsam. Zwar hielten sich unsere sons­tigen Pflichten in Grenzen, bis auf ein paar Grund­übungs­ein­heiten zum Dienst an der Waffe und ein biss­chen Mar­schieren am 1. Mai konnten wir uns voll auf Fuß­ball kon­zen­trieren. Aber in sol­chen Momenten war Geyer knall­hart. 1989 haben wir auch den AS Rom mit Rudi Völler aus­ge­schaltet. Er sagte später zu mir: Ralf, Ihr hattet eine Super­mann­schaft.“ Unser Trainer hat uns das nie gesagt.

In den Acht­zi­gern waren Sie der erfolg­reichste Dynamo-Tor­schütze, obwohl Sie zuvor im Nach­wuchs­leis­tungs­system der DDR durchs Raster gefallen waren.
Mit 14 spielte ich noch bei der TSG Grö­ditz und war schon in der Aus­wahl des Kreises Riesa. Sowohl die kör­per­liche Ent­wick­lung als auch mein Talent reichten zu diesem Zeit­punkt noch nicht für den Sprung zu Dynamo Dresden. Ich war ein klas­si­scher Spät­zünder.

Wie, kein Talent?
Ich kam weit­ge­hend über den Willen, konnte gna­denlos mir selbst gegen­über sein.

Wie kamen Sie dann von der TSG Grö­ditz zur renom­mierten SG Dynamo Dresden?
Ich begann in Freital eine Aus­bil­dung als Instand­hal­tungs­me­cha­niker mit Abitur und wohnte im Internat. Da gab es einen Bolz­platz, aIuf dem ich drei Jahre für mich allein oder mit Hob­by­fuß­bal­lern trai­nierte.

Und am Wochen­ende spielten Sie in Grö­ditz in der zweiten DDR-Liga.
1979 waren wir in die Bezirks­liga (dritt­höchste DDR-Spiel­klasse, d.Red.) abge­stiegen, doch in dem Jahr zün­dete ich dann. Wir schafften ohne Nie­der­lage den Wie­der­auf­stieg und ich wurde mit großem Abstand Tor­schüt­zen­könig. Im Sommer spielten wir mit der TSG auch eine deutsch-deut­sche Freund­schafts­be­geg­nung gegen die Lich­ter­felder Sport-Union. Für den Staat bedeu­teten diese Spiele poli­ti­schen Klas­sen­kampf. Sie wurden des­halb sehr akri­bisch vor­be­reitet. Dynamo-Trai­ner­le­gende Walter Fritzsch betreute uns, ich spielte gut, wir gewannen das Spiel und er lud mich zum Pro­be­trai­ning nach Dresden ein.

Machten Sie sich große Hoff­nungen?
Es war immer mein Traum, für Dynamo zu spielen, aber ich wusste, es wird sau­schwer. Also rückte ich im Früh­jahr 1980 aus Freital in der S‑Bahn mit meinem Ruck­sack an und bewies mich erfolg­reich im Pro­be­trai­ning. So hatte ich am 1. Juli 1980 meinen ersten Tage als Spieler von Dynamo Dresden. Das war in der DDR der Tag der deut­schen Volks­po­lizei und Anlass für ent­spre­chenden Fei­er­lich­keiten. So auch bei Dynamo Dresden. Als ich ankam fand im Casino im Sta­dion gerade eine feucht-fröh­liche Feier der Funk­tio­näre statt und mir wurde gesagt: Nimm dir nen Ball, kick gegen die Wand und komm morgen wieder.“

In Ihrem ersten Spiel gegen Chemie Böhlen erzielten Sie direkt Ihren ersten Ober­liga-Treffer.
Bevor ich reinkam, gab der Schiri Frei­stoß. Ich lief in den Straf­raum. Mein Trainer Ger­hard Prautzsch rief noch: Warten, warten, warten.“ Die Flanke von Ger­hard Heidler segelte in den Straf­raum und ich köpfte ein und erzielte mein erstes Tor. Das sind die Zufalls­mo­mente, bei denen in Trai­nern das Gefühl wächst: Viel­leicht wird aus dem ja doch irgendwas.“ Im Übrigen hatte Prautzsch einen großen Anteil an meiner Ent­wick­lung, weil er auch sehr indi­vi­duell mit mir gear­beitet hat.

Sie wurden schon bald Stamm­spieler. Nicht zuletzt, weil Peter Kotte, Mat­thias Müller und Gerd Weber wegen Flucht­ver­dacht ent­lassen wurden. Angeb­lich hatten die Drei ein Angebot vom 1. FC Köln.
Es pas­sierte im Januar 1981. Die Natio­nal­mann­schaft war auf dem Weg zum Flug­hafen, um ins Trai­nings­lager nach Süd­ame­rika zu fliegen. Die Spieler wurden aber noch vor dem Abflug von der Staats­si­cher­heit fest­ge­nommen. Und teilte man mir, dass die drei auf­grund des Ver­dachts auf Vater­lands­verrat nie wieder für Dynamo Dresden spielen werden.

Hat das an Ihrem Welt­bild gerüt­telt?
Ich war damals zwar noch sehr naiv, aber den­noch scho­ckiert und wusste was für ein harter Schlag das war – sowohl für die Betrof­fenen als auch für unsere Mann­schaft. Es waren schließ­lich Leis­tungs­träger. Die Dimen­sion der sys­te­ma­ti­schen Über­wa­chung der Spieler wurde mir im Ganzen erst nach der Wende und der Ein­sicht in meine Stasi-Akte bewusst.