Ruud Krol, es knackt in der Lei­tung, die Tele­fon­nummer ist so lang wie der Sicher­heits­code für einen Inter­net­zu­gang. Wo errei­chen wir Sie gerade?
Ich bin in meinem Haus in Tune­sien, nicht weit ent­fernt vom Strand. Mit Espe­r­ance Tunis bin ich gerade tune­si­scher Meister geworden. Jetzt erhole ich mich ein wenig von der Saison.

Erho­lung? Mit oder ohne Fuß­ball?
Mit Fuß­ball natür­lich. Ich schaue mir am Abend die Spiele der Welt­meis­ter­schaft an und wissen Sie, was mir auf­ge­fallen ist?

Keine Ahnung.
Ich finde, die Spieler werden immer müder. Das war in den Vier­tel­fi­nals klar zu erkennen. Die letzten Spiele werden wohl nur über den Willen ent­schieden.

Die hol­län­di­sche Mann­schaft wirkt recht fit. Oder täuscht der Ein­druck?
Nein, er täuscht nicht. Louis van Gaal hat für die WM viele junge Spieler nomi­niert, das macht sich jetzt bezahlt. Er war sehr schlau. So wie immer (lacht).

Im Halb­fi­nale geht es gegen Argen­ti­nien. Wie groß sind die Chancen, dass Hol­land ins Finale kommt?
Sehr groß, denke ich. Ich würde sagen: 70:30. Bei Argen­ti­nien fehlt Angel di Maria, ein schwerer Ver­lust. Wie der gerannt ist und ver­sucht hat, die großen Lücken außen im Mit­tel­feld zu füllen – echt Wahn­sinn. Jetzt ist Lionel Messi noch mehr auf sich allein gestellt.

Ist es nicht gefähr­lich, Argen­ti­nien nur auf Messi zu redu­zieren?
Sie haben so viele groß­ar­tige Spieler, aber wirk­lich aus­ge­wogen wirkte ihr Spiel bisher nicht. Gerade am Anfang schienen sie auch tak­tisch einige Pro­bleme zu haben. Anders Hol­land. Alle Spieler sind tak­tisch auf einem hohen Niveau. Sie können so gut wie jedes System spielen. 5−3−2, 4−3−3, 3−5−2 – ganz egal. Das ist ein rie­siger Vor­teil. Wenn es nicht läuft, kannst du ein­fach wech­seln. So, jetzt machen wir halt was anderes. Wir sind viel geschlos­sener, das ist ein rich­tiges Team da in Bra­si­lien. Ich fühle: Diese Gruppe hat eine Mis­sion und ihr Ziel ist der Titel.

Sie haben mit Hol­land zwei WM-End­spiele nach­ein­ander ver­loren. 1974 gegen Deutsch­land und 1978 als Mann­schafts­ka­pitän gegen Argen­ti­nien. Wie groß ist die Ent­täu­schung noch bei Ihnen?
Zuerst einmal muss ich sagen: Da war ver­dammt viel Pech bei, in beiden Fällen mussten wir aus­ge­rechnet im End­spiel gegen den Gast­geber spielen. Das ist schon ein Nach­teil. Die Atmo­sphäre im Sta­dion war auf­ge­laden, alle Leute wollten ihr Team gewinnen sehen. Und uns ver­lieren. Ansonsten waren beide Finals sehr unter­schied­lich. In Deutsch­land hatten wir eine bes­sere Mann­schaft, dass wir dort nicht gewonnen haben, schmerzt deut­lich mehr.

Bei der WM 1974 haben Sie als Ver­tei­diger ein Tor erzielt. In der Zwi­schen­runde gegen Argen­ti­nien. Erin­nern Sie sich?
Sicher. Nach einer Ecke konnten die Argen­ti­nier den Ball zuerst abwehren, aber er kam genau in meine Rich­tung. Ich stand vor der Straf­raum­grenze und zog volley ab. Später fing es im Sta­dion mächtig an zu regnen, so wie eigent­lich immer bei dieser WM. Gut, dass ich mein Tor schon vorher gemacht hatte, sonst wäre ich bei dem Ver­such ver­mut­lich aus­ge­rutscht (lacht). Aber im Ernst, Argen­ti­nien war nicht so stark, wir haben locker 4:0 gewonnen.

Vier Jahre später war der gleiche Gegner dann nicht wie­der­zu­er­kennen. Sie unter­lagen den Argen­ti­niern im Finale 1:3 nach Ver­län­ge­rung.
Bei dieser WM war über­haupt alles anders, die Stim­mung in den Sta­dien, die Atmo­sphäre im Land. Es war sicher­lich ein großer Fehler, die WM zu diesem Zeit­punkt nach Argen­ti­nien zu ver­geben. Die Mili­tärs regierten, es herrschte Dik­tatur. Die Ver­un­si­che­rung der Men­schen war spürbar, kaum jemand sprach mit uns auf der Straße, aus Angst, es könnte ihm zum Ver­hängnis werden. Diese Art von Ein­schüch­te­rung kannte ich nur von Reisen mit Ajax Ams­terdam nach Ost­eu­ropa. Ich war 2001 nochmal in Argen­ti­nien, als Co-Trainer von Louis van Gaal bei der U‑20-WM. Alles hatte sich ver­än­dert, die Men­schen waren viel offener. 1978 war vor diesem Hin­ter­grund viel­leicht die schlech­teste WM über­haupt.

Ähn­lich wie jetzt in Bra­si­lien die Men­schen den Titel von ihrem Team erwartet haben, erwar­teten auch die Argen­ti­nier einen Sieg. Konnten Sie den Druck spüren, der auf den Gast­ge­bern lag?
Ja, alle waren ganz ver­rückt, für sie gab es nur den Titel; die Mili­tärs, die Men­schen, ein­fach jeder. Dafür haben sie alles unter­nommen. Vor dem Finale wollten sie uns ein­schüch­tern, was ihnen in gewisser Weise auch gelungen ist.

Inwie­fern?
Wir hatten damals ein Ritual: Vor den Spielen musste der Bus­fahrer immer eine Kas­sette ein­legen mit Musik von The Cats“. Das war eine hol­län­di­sche Band aus Volendam, auf die sind wir mächtig abge­fahren. Als wir vor dem Finale in den Bus kamen, war die Kas­sette ver­schwunden. Der Fahrer zuckte nur mit den Schul­tern. Aber das war noch gar nichts.

Es kam noch schlimmer?
Ja. Auf dem Weg zum Sta­dion pas­sierten wir ein Dorf. Plötz­lich rannten Leute auf die Straße und stoppten uns. Sie begannen, den Bus ins Wanken zu bringen, beschimpften und drohten uns von draußen.

Gab es keine Poli­zei­es­korte?
Doch, aber die Poli­zisten ließen die Leute gewähren. Sie sahen ein­fach zu. Irgend­wann konnten wir wei­ter­fahren, aber wir fühlten uns ziem­lich unsi­cher.

Wurde es im Sta­dion besser?
Über­haupt nicht, die Argen­ti­nier machten weiter mit den Psy­chotricks. Sie beschwerten sich, dass unser Stürmer René van de Kerkhof eine Man­schette trug. Er hatte sich vorher die Hand ver­letzt und nie­manden störte der Gips – abge­sehen von den Argen­ti­niern. Das Ding musste ab, der Spiel­be­ginn ver­zö­gerte sich um eine halbe Stunde. Heute wäre das unmög­lich, so straff wie die Fifa alles durch­or­ga­ni­siert.

Was wäre wohl pas­siert, wenn Sie mit Hol­land gewonnen hätten?
Keine Ahnung, aber wir waren an diesem Tag auch nicht gut und hatten im ent­schei­denden Moment Pech. Kurz vor Ende der regu­lären Spiel­zeit trafen wir den Pfosten. Argen­ti­nien spielte hart, sie haben uns auch sport­lich beein­druckt.

Hatten Sie keine Ahnung, was auf Sie zukommt?
Ja und nein. Wie gesagt, wir hatten schon 1974 gegen sie gespielt. Aber da war es ein­fach gewesen. Vier Jahre später hatten sie eine bes­sere Mann­schaft. Damals war es anders, es gab kein Internet und nicht so viele Fern­seh­sender. Heute kannst du dir jedes Spiel aus der argen­ti­ni­schen Liga anschauen, wenn du willst. In den Sieb­zi­gern ging das nicht. Wir kannten nur einige Spieler, die schon in Europa spielten. Duelle mit Teams von anderen Kon­ti­nenten umwehte immer die Aura des Unbe­kannten. Ins­ge­samt muss ich sagen: Eine WM war früher ein viel grö­ßeres Aben­teuer.

Gegen Argen­ti­nien bestritten Sie ihr 14. Spiel bei einer WM. Kürz­lich ist Wesley Sneijder an Ihnen vor­bei­ge­zogen. Sind Sie dar­über traurig?
Über­haupt nicht. Ich freue mich für ihn. Jetzt soll er auch noch das schaffen, was mir ver­gönnt blieb: Welt­meister werden!