Real Madrid war damals wie heute der klang­vollste und ruhm­reichste Name in Europa. Namen wie Stie­like, del Bosque, der legen­däre Camacho und der dun­kel­häu­tige Mit­tel­stürmer Cun­ningham machten den Mythos Real aus, Trainer war der Jugo­slawe Boskov. Die Vier­tel­final-Aus­lo­sung ver­folgten wir alle zusammen im Trai­nings­lager. Wir jubelten über das Glückslos und freuten uns unheim­lich darauf, uns mit einem solch gigan­ti­schen Gegner messen zu dürfen.

Wir wurden regel­recht zusam­men­ge­treten

Nach dem 1:3 im Hin­spiel war die Stim­mung dann deut­lich gedämpft. Das Ber­nabeu-Sta­dion, das ich vorher nur aus Träumen kannte, behielt ich in schlimmster Erin­ne­rung. Schon in der ersten Halb­zeit wurde ich mit der Bahre vom Platz getragen und ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert. Del Bosque hatte mich voll am Knö­chel erwischt, den Ball hatte ich noch an ihm vorbei spit­zeln können, aber über sein aus­ge­strecktes Bein zu springen, schaffte ich nicht mehr. Die Ärzte dachten zuerst, der Fuß sei gebro­chen, es han­delte es sich aber nur“ um eine schwere Band­ver­let­zung. Eine Drei­vier­tel­stunde nach mir wurde dann Hans-Peter Briegel ein­ge­lie­fert. Auf dem Rück­flug wurde kaum gespro­chen. Die Madri­lenen hatten uns regel­recht zusam­men­ge­treten, sie legten das als inter­na­tio­nale Härte“ aus.

Ich konnte eine Woche über­haupt nicht auf­treten, an einen Ein­satz in einem der beiden Bun­des­li­ga­spiele, die zwi­schen Hin- und Rück­spiel lagen, war über­haupt nicht zu denken. Erst einen Tag vor dem Rück­spiel pro­bierte ich es mit dem ersten Trai­ning. Als Kalli Feld­kamp mich fragte, ob ich spielen könne, habe ich trotz Schmerzen ja gesagt. Ich wollte unbe­dingt dabei sein!

Als wir die kleine Treppe zum Spiel­feld hoch­gingen, wurden wir von einer Woge der Begeis­te­rung emp­fangen. Diese Enge im vollen Sta­dion – unbe­schreib­lich! Für die Zuschauer war es ja auch etwas ganz Beson­deres: Mitt­woch­abend, Flut­licht, Real Madrid…

Habt keine Angst vor den Spa­niern!“

Die Ansprache von Kalli Feld­kamp vor dem Spiel war sehr deut­lich gewesen. Habt keine Angst vor den Spa­niern“, sagte er, und geht selbst bis an die Grenze des Erlaubten, bringt das Publikum hinter euch!“ Wir hofften, dass Schieds­richter Palotai uns als Heim­mann­schaft beson­ders schützen würde und sich sein letztes inter­na­tio­nales Spiel nicht ver­derben lassen wollte.

Ich bekam von Feld­kamp unter anderem den Auf­trag, Fouls zu pro­vo­zieren. Mit dem Rücken zum Tor sollte ich Brehme auf links ent­gegen kommen und mich anspielen lassen. Die erste Grät­sche kam dann auch bereits nach wenigen Minuten. Obwohl ich nicht so schlimm getroffen worden war, wälzte ich mich auf dem Boden und ließ mich auf dem Platz behan­deln. Die Zuschauer tobten.

In der siebten Minute gelang mir der Füh­rungs­treffer. Nach einem Bon­gartz-Pass zog ich aus spitzem Winkel aus der Dre­hung ab – ein Ball, den Reals Keeper Agustin auf jeden Fall halten musste. Aber er hielt ihn eben nicht, son­dern ließ ihn durch die Arme rut­schen. Wenige Minuten später fiel schon das zweite Tor. Nach einer Flanke von rechts tru­delte der Ball nach einem Schuss­ver­such von Andy Brehme in hohem Bogen an die Latte, das Leder sprang mir genau vor die Füße. Nach einer Vier­tel­stunde bereits hatten wir das Hin­spiel­ergebnis aus­ge­gli­chen – durch zwei Funkel-Tore…

Ich war da, wo’s wichtig war!

Man hat mir ja immer nach­ge­sagt, ich würde keine nor­malen Tore schießen, nur Abstauber, Glücks­treffer und Traum­tore. Und es stimmt – von allen meinen Toren habe ich viel­leicht eins außer­halb des Sech­zeh­ners erzielt, die aller­meisten zwi­schen Fünf­me­ter­raum und Elf­me­ter­punkt. Aus Zwei­kämpfen hielt ich mich sonst am liebsten raus. Ich war nicht da, wo’s weh tut, wie man so schön sagt. Nein, ich war da, wo’s wichtig war! So wie gegen Real.

Wir rech­neten jetzt mit einem wütenden Anstürmen der Spa­nier, statt­dessen aber ver­loren sie die Nerven. Eine gute halbe Stunde war gespielt, als San José nach bösem Ein­steigen gegen Beppo Hof­e­ditz vom Platz flog. Wäh­rend wir wie im Rausch kom­bi­nierten und die Weißen immer wieder ins Leere laufen ließen, herrschte bei den Madri­lenen das reine Chaos. An der Sei­ten­linie tobte Boskov und zeigte immer wieder mit beiden Händen die Zahl zehn an. Hannes Bon­gartz sollte end­lich gedeckt werden, doch der war an dem Tag über­haupt nicht auf­zu­halten. Auch dass Hans-Peter Briegel links offensiv spielte, hatte sie voll­kommen über­rum­pelt. Er rannte immer wieder die Außen­linie hin­unter und ließ sich durch nichts und nie­manden stoppen. Alleine seine Prä­senz und Dynamik hat die ganze Mann­schaft mit­ge­rissen. Hans-Peter behaup­tete den Ball selbst dann, wenn schon zwei Spieler auf ihm drauf­hingen.

Fünf Minuten vor der Pause star­tete Cun­ningham ein wildes Dribb­ling auf der rechten Seite. Briegel grätschte ihm von hinten in die Beine, doch er blieb am Ball. Als ich ihn auf­laufen ließ, brannten ihm alle Siche­rungen durch. Für sein Nach­treten gab es die rote Karte. Mit elf gegen neun ging es in die Pause.

In der Halb­zeit ermahnte Kalli uns, genau so weiter zu machen wie bisher. Wir hätten auch gar keinen Gang zurück­schalten können, auf­ge­putscht wie wir waren, mit diesem fan­tas­ti­schen Publikum im Rücken. Wir waren so lauf­stark und aggressiv, dass wir die Madri­lenen bis aufs Blut gereizt hatten. Mit unseren beiden frühen Toren hatten wie sie völlig kon­ster­niert, sie hätten nie damit gerechnet, dass es mög­lich wäre, beim kleinen 1. FC Kai­sers­lau­tern nach einem 3:1 noch aus­zu­scheiden. Wir haben sie schlicht über­rollt. Kurz nach der Pause star­tete Hannes Bon­gartz ein unwi­der­steh­li­ches Solo auf der linken Seite. Nach zwei Über­stei­gern schlenzte er den Ball ins rechte untere Eck – ein wun­der­schönes Tor.

Beim Stand von 4:0 hatte Real die große Chance zum Ehren­treffer. Ich stand nach einer Stan­dard­si­tua­tion auf der Linie und klärte mit beiden Fäusten. Damals bekam man dafür noch nicht auto­ma­tisch Rot. Statt eines sicheren Gegen­tors gab es Elf­meter für Madrid, den unser Teu­fels­kerl auf der Linie parierte! Als Ronnie Hell­ström den Ball ins Toraus lenkte, ließen die Spieler von Real die letzte Hoff­nung fahren. Kurz darauf flog der dritte Spa­nier vom Platz.

Eine Vier­tel­stunde vor Schluss musste ich dann mit Adduk­to­ren­pro­blemen vom Feld. Es war ein unglaub­li­ches Gefühl: Alles stand und jubelte, die Stimme von Sta­di­on­spre­cher Udo Scholz dröhnte durchs Rund. Auf der Bank genoss ich die letzten Minuten.

Nie wieder so eine Stim­mung auf dem Bet­zen­berg

In der Kabine ging die Feier los, irgend­je­mand hatte Sekt­fla­schen auf­ge­trieben, spät in der Nacht fuhren wir in unsere Stamm­piz­zeria, wo wir noch bis fünf Uhr zusammen saßen. Es hätte sowieso nie­mand schlafen können nach diesem Spiel. Für mich war es eine unver­gess­liche Nacht – nicht nur wegen meiner beiden Tore. Mein Bruder und mein Vater waren zusammen mit einigen Freunden aus Neuss gekommen, sie blieben über Nacht in Kai­sers­lau­tern und fei­erten zusammen mit uns. Wolf­gang sagte mir später, dass er selbst als Spieler nie wieder eine solche Stim­mung auf dem Betze“ erlebt hätte wie damals, als wir die König­li­chen 5:0 besiegten.
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Von Eckel bis Klose – FCK-Helden erzählen von ihren größten Par­tien: Wenn der Betze bebt“ (Johannes Ehr­mann, 2010, Verlag Die Werk­statt)

17. März 1982
1. FC Kai­sers­lau­tern – Real Madrid 5:0 (2:0)
Lau­tern: Hell­ström – Wolf, Melzer, Dusek, Brehme – Geye, Bon­gartz, Briegel – Eilen­feldt (83., Brummer), Funkel (76., Eigen­dorf), Hof­e­ditz
Madrid: Agustin – San Jose, Gal­lego, Sabido (70., Car­celen), Camacho – del Bosque, Stie­like, Cortez – Her­nandez (56., Isodoro), Pineda, Cun­ningham
Tore: 1:0 Funkel (7.), 2:0 Funkel (14.), 3:0 Bon­gartz (50.), 4:0 Eilen­feldt (56.), 5:0 Geye (73.)
Rot: San Jose (34.), Cun­ningham (40.), Pineda (67.)
Zuschauer: 34.500 (Bet­zen­berg)