1.
Der FC Chelsea war nicht die erste Sport­mann­schaft, die Roman Abra­mo­witsch kaufte. 1993 wurde der schon damals schwer­reiche Magnat Besitzer einer eini­ger­maßen deso­laten Eis­ho­ckey-Mann­schaft, der Omsker Avant­garde“. Abra­mo­witsch hübschte die Truppe mit Mil­lio­nen­trans­fers auf, seither spielt die Mann­schaft um die rus­si­sche Meis­ter­schaft mit.

2.
Warum suchte sich Abra­mo­witsch aus­ge­rechnet den halb bank­rotten FC Chelsea aus? Reiner Zufall, besagt die Legende. Und die geht so: Auf dem Rück­flug von Man­chester, wo sich der Russe über die Preise bei United infor­miert hatte, über­flog der Hub­schrauber ein Sta­dion. Abra­mo­witsch linste neu­gierig aus dem Fenster und fragte: Wessen Sta­dion ist das?“ Die Ant­wort lau­tete, welch glück­liche Fügung: Chelsea“.



3.
Laut Abra­mo­witsch geht die Geschichte ganz anders: Nach einem 4:3 von Real Madrid gegen Man­chester United dachte ich mir: Du musst unbe­dingt einen Fuß­ball-Klub kaufen. Ich ließ zehn eng­li­sche Ver­eine ana­ly­sieren. Chelsea schien mir die beste Wahl.“

4.
Die Chelsea-Anhänger begeg­neten ihrem neuen Prä­si­denten mit einer Mischung aus Aner­ken­nung und bei­ßendem Spott. Zur Titel­me­lodie der BBC-Serie Only Fools and Horses“ sangen sie ihren Reim auf Abra­mo­witsch: Er hat Veron in der Tasche, wir haben Johnson von West Ham, wenn ihr die Besten wollt, dann stellt keine Fragen. Denn Roman ist unser Mann, wo es her­kommt, ist ein Rätsel. Sind es Waffen? Oder Drogen? Ist es Öl aus dem Meer?“

5.
Gerne singen die Fans des Chelski FC“ vor jedem Anpfiff auch den rus­si­schen Klas­siker Kalinka“ und skan­dieren: We are fucking loaded“, stu­ben­rein über­setzt: Wir haben sehr viel Geld.“ Ein Spre­cher des Prä­si­denten ver­si­cherte eil­fertig und poli­tisch kor­rekt nach dem ersten Spieltag 2003: Roman hat sich über den Emp­fang gefreut, den ihm die Fans des FC Chelsea bereitet haben.“ Die halbe Wahr­heit nur, zumin­dest der Spitz­name Chelski“ miss­fiel ihm. Ein­leuch­tende Begrün­dung: „-ski“ sei eine pol­ni­sche Endung, kor­rekt und rus­sisch müsste es Chelskov“ heißen.



6.
Seine Büro­wände deko­riert Abra­mo­witsch mit fal­schen Buch­rü­cken.

7.
Um eine rasche Abreise Abra­mo­witschs nach Heim­spielen des FC Chelsea ohne läs­tigen Stau zu garan­tieren, ist der Bau eines Hub­schrau­ber­lan­de­platzes auf dem Dach des Chelsea Vil­lage Hotels neben dem Sta­dion geplant. Über­haupt gestaltet sich die Anreise der Abra­mo­witsch-Familie bis­weilen kom­plex. Oft kommen nicht nur Hub­schrauber, son­dern auch der haus­ei­gene Learjet zum Ein­satz.

8.
Das Start­ka­pital für den Ein­stieg ins Ölge­schäft soll sich Abra­mo­witsch ver­schafft haben, als er 1992 einen Zug mit 55 Wag­gons Diesel umleiten ließ. Doch die Beweise für den Raub ver­schwanden auf ebenso mys­te­riöse Weise, und Abra­mo­witsch wurde frei­ge­spro­chen.

9.
Eng­li­sche Vor­stands­logen sind Orte des gedämpften Tem­pe­ra­ments. Kein Gebrülle, keine Anfeue­rung, schließ­lich sitzt die Prä­si­dent­schaft des Kon­tra­henten nebenan. Einmal hielt sich Abra­mo­witsch nicht an diese unge­schrie­bene Regel der Mäßi­gung, beim Spiel Chelsea gegen Bes­iktas sprang der Russe in einer heiklen Szene auf, was die umsit­zenden Türken arg in Rage brachte. Einer machte eine ein­deu­tige Hand­be­we­gung ent­lang seines Halses. Die ner­vösen Leib­wächter drängten den Prä­si­denten zum vor­zei­tigen Auf­bruch.

10.

Roman Abra­mo­witschs Entou­rage hat bis­weilen noch Schwie­rig­keiten mit dem basis­nahen Umgangston im Sta­dion. Nach einem nicht geahn­deten Foul an einem Chelsea-Spieler sprang ein ehe­ma­liger Schüler der Eli­te­schmiede Eton auf und rief keine sze­ne­ty­pi­sche Belei­di­gung, son­dern den wohl­erzo­genen Satz: Schieds­richter, ich muss doch sehr bitten.“ Die umsit­zenden Nor­mal­zu­schauer quit­tierten die Eti­kette mit Gelächter.



11.
Abra­mo­witsch ver­traut bei seinen Shop­ping­touren nicht nur auf die Exper­tisen rus­si­scher Sport­jour­na­listen, son­dern auch auf den kun­digen Nach­wuchs. Der Mäzen erzählt gern, ein zehn­jäh­riger Junge habe ihm einen Brief mit den Namen von fünf Spie­lern geschickt. Drei von ihnen stehen jetzt bei Chelsea unter Ver­trag.

12.
Seine 90-Mil­lionen-Euro-Jacht Le Grand Bleu“ ist nach Medi­en­be­richten mit Spe­zi­al­sen­soren aus­ge­rüstet, die auf weite Ent­fer­nung vor Kameras warnen.

13.
Seine ersten Rubel ver­diente Roman Abra­mo­witsch in Moskau – mit 15 öffent­li­chen Toi­let­ten­häus­chen und dem Ver­kauf von Gummi-Enten.

14.
Die Ver­hand­lungen zwi­schen Abra­mo­witsch und dem Chelsea-Vor­stand im Juni 2003 wurden rasch abge­wi­ckelt. Als das Geschäft schließ­lich so gut wie abge­macht schien, beschlossen die Vor­ständler und der rus­si­sche Investor, ein gemein­sames Essen zu sich zu nehmen. Als die Ver­hand­lungs­partner im Restau­rant auf­tauchten, musste sich Vor­stand Trevor Birch Spott gefallen lassen, Abra­mo­witschs Angebot zur Über­nahme sei nur ein Trick gewesen, um einen kos­ten­losen Lunch zu schnorren. Heute ist dieser Ver­dacht aus­ge­räumt, zumin­dest weit­ge­hend.

15.
Große Ver­är­ge­rung auf der Super­jacht Pelorus“ in exo­ti­schen Gewäs­sern. Vor dem Pokal­spiel von ZSKA Moskau streikte plötz­lich die Satel­li­ten­an­lage, keine Über­tra­gung mög­lich. Abra­mo­witsch sprang in den Hub­schrauber, setzte über aufs Fest­land und sah dort das Spiel in bei­nahe kom­pletter Länge im Fern­sehen.



16.
Abra­mo­witsch bleibt nichts erspart: Ein Musik­pro­du­zent aus London will aus der Story des Russen ein Musical machen. Und damit nicht genug: Elton John soll sich um die Musik küm­mern.

17.
Noch mal Pelorus“: Not amused war Abra­mo­witsch, als die Jacht kürz­lich statt mit Diesel ver­se­hent­lich mit Benzin betankt wurde. Kos­ten­punkt: 100 000 Euro für das Benzin sowie eine wei­tere sechs­stel­lige Summe für die Motor­rei­ni­gung.

18.
In Moskau wurde nach Abra­mo­witschs Ver­eins­kauf eine rus­si­sche Spielart des Chelsea Sup­por­ters Club gegründet. Man trifft sich im Mete­liza“, einem neu­rei­chen Eta­blis­se­ment, das auf Metall­de­tek­toren zur Sicher­heit seiner Gäste nicht ver­zichten möchte. Die Lei­den­schaft der Zuschauer hält sich jedoch in Grenzen.

19.
Der Tag vor der Bekannt­ma­chung der Über­nahme Chel­seas war ein auf­re­gender Tag für die Aktie des Klubs. Statt wie üblich ein paar zehn­tau­send Aktien, wurden rund 270 000 Aktien gehan­delt. Da Abra­mo­witsch einen Kauf­preis von 35 Pence zuge­sagt hatte, die Aktie aber noch unter 20 Pence düm­pelte, machten zahl­reiche Groß­kunden ein gutes Vor­ab­ge­schäft.

20.

Als die BBC nach dem Kauf des Klubs einen Anhänger unweit der Stam­ford Bridge zur Per­so­nalie Abra­mo­witsch befragte, mut­maßte der, es han­dele sich wohl um einen neuen Mit­tel­feld­spieler.



21.
Abra­mo­witschs erstes Opfer bei Chelsea war nicht Coach Ranieri, son­dern Vor­stand Birch. Sein Fehler: Die Ankün­di­gung des rus­si­schen Mäzens, Chelsea zu einem glo­balen Mar­ken­ar­tikel zu machen, kom­men­tierte Birch sar­kas­tisch und tro­cken: Das dauert 40 Jahre.“ Er wurde prompt ent­lassen.

22.
Die eng­li­sche Tages­zei­tung Guar­dian“ pro­phe­zeite zum Jah­res­wechsel 2004 schon einmal, wie es mit Chelsea und seinem neuen Herr­scher wei­ter­gehen wird: Chelsea gewinnt Liga und Cham­pions League, wird eine auto­nome Repu­blik, führt eine eigene Wäh­rung ein, erklärt Alba­nien den Krieg und wird Euro­pa­meister 2004!“

23.
Seine Leib­wächter nennen ihn den Prin­zipal“.

24.
Kylie Minogue unter­brach für Roman Abra­mo­witsch ihren Weih­nachts­ur­laub, um für statt­liche 900 000 Dollar den ver­sam­melten rus­si­schen Öl-Multis ein Pot­pourri ihrer größten Hits vor­zu­träl­lern.

25.
Ob Arkadi, der Sohn Abra­mo­witschs, denn auch selbst gele­gent­lich gegen den Ball trete, wurde er von seinem Chauf­feur gefragt. Die Ant­wort des Sohnes: Nein, aber mein Vater kauft mir zum 18. Geburtstag Man­chester United.“

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Quellen:
Guar­dian, Daily Tele­graph, The Sunday Times, The Times, When saturday comes, Four­fourtwo, The Observer, chel­seafc. com. Vor allem aber das her­vor­ra­gende, span­nend geschrie­bene Buch: Der Mil­li­ardär aus dem Nichts – Roman Abra­mo­witsch“ von Dominic Mid­gley und Chris Hut­chins, erschienen 2005 im Mur­mann-Verlag.