So überaus erfolg­reich die Saison 2001/02 für Bayer Lever­kusen ver­lief, so kata­stro­phal ver­lief die darauf fol­gende Spiel­zeit. Lever­kusen musste bis zum letzten Spieltag um den Klas­sen­er­halt bangen. Doch die Lever­kusen erfuhren in dieser Spiel­zeit immerhin das, was ihnen im Jahr zuvor auf nahezu tra­gi­sche Weise vor­ent­halten blieb: ein Happy End.

Doch der Reihe nach. Lever­kusen kam nur schwer­lich in die Saison hinein. Einige Gründe
für die Alb­traum-Saison 2002/03 lassen sich schon in der Vor­saison finden. Lever­kusen spielte die Vize-Saison“ mit einem relativ kleinen Spie­ler­stamm, so war die Belas­tung der Spieler außer­or­dent­lich hoch. Bayer absol­vierte 34 Bun­des­li­ga­spiele, sechs Par­tien im DFB-Pokal und 19 Matches in der Cham­pions League, die damals noch zwei Grup­pen­phasen umfasste. Das machte summa sumarum 69 Pflicht­spiele und war die maxi­male Anzahl von Spielen, die eine Ver­eins­mann­schaft über­haupt bestreiten konnte. Dazu kamen für einen Groß­teil der Mann­schaft noch diverse Län­der­spiele und für viele Spieler eine lange WM.

Ramelow – Babic – Bier­ofka-Balitsch statt Schneider – Bastürk – Ze Roberto – Bal­lack

Zur Vor­be­rei­tung auf die neue Saison stießen viele Natio­nal­spieler somit erst spät hinzu. Der Urlaub war zu kurz, als dass die Spieler sich nach so einer Mammut-Saison hätten vollauf rege­ne­rieren können. Zudem verlor der Kader zur neuen Saison ein­deutig an Qua­lität, da sich der Bay­er­kon­zern ent­schloss, den Etat zurück­zu­fahren. Für viel Geld ver­ließen mit Michael Bal­lack und Ze Roberto zwei Eck­pfeiler des Vor­jahres das Team in Rich­tung Mün­chen. Lau­tete das Mit­tel­feld in der Vor­saison noch Schneider – Bastürk – Ze Roberto – Bal­lack stand ein Jahr später mit­unter die For­ma­tion Ramelow – Babic – Bier­ofka – Balitsch auf dem Platz. Zudem musste Kapitän Jens Nowotny auf Grund eines Kreuz­band­risses, den er sich im Cham­pions League-Hab­fi­nale gegen ManU zuge­zogen hatte, noch min­des­tens bis zur Win­ter­pause pau­sieren. Ulf Kisten hatte seine Kar­riere zwar noch nicht beendet, war de facto aber nur noch Stand-By-Profi“. Somit fehlte die Achse Nowotny-Bal­lack-Kirsten nicht nur in sport­li­cher Hin­sicht, son­dern damit auch die gewach­sene und in der Vor­saison unum­strit­tene Hier­ar­chie im Team.

Der Lever­ku­sener Top-Transfer war Jan Simak, der als Bal­lack-Ersatz geholt wurde. Mit großen Vor­schuss­lor­beeren bedacht, kam der Tscheche mit der Emp­feh­lung von 18 Toren und 19 Assists für 6,5 Mio. Euro vom dama­ligen Zweit­li­gisten Han­nover 96 zu den Rhein­län­dern. Simak schoss beim durch­wach­senen Sai­son­auf­takt in Cottbus beim 1:1 auch gleich das erste Lever­ku­sener Sai­sontor. Paul Breitner lobte die Lever­ku­sener damals noch, dass sie sich mit Simak exzel­lent ver­stärkt hätten, und dieser das Poten­tial habe, in die Rolle von Bal­lack zu schlüpfen. Soviel sei vor­weg­ge­nommen: Simak konnte sich nicht wirk­lich durch­setzen und machte in der gesamten Saison in 22 Spielen ent­täu­schende drei Tore und gab einen ein­zigen Assist.

Nach dem 1. Spieltag belegt Lever­kusen Rang acht der Tabelle. Es sollte die beste Plat­zie­rung in der gesamten Saison bleiben. Der erste Sieg gelang erst am 4. Spieltag mit einem 3:1 in Ros­tock. Den nächsten Dreier fuhr Lever­kusen am siebten Spieltag ein, mit einem unan­sehn­li­chen 2:1 Heim­sieg gegen den Tabel­len­führer Bayern Mün­chen. Doch wer dachte, dass von da an alles seinen gewohnten Lauf nehmen würde und Lever­kusen in der Tabelle nach oben klet­tert, der wurde in den fol­genden Wochen eines bes­seren belehrt. Lever­kusen schaffte es in der Vor­runde nie, zwei Spiele in Folge für sich zu ent­scheiden. Ins­ge­samt gelang Bayer bis zur Win­ter­pause nur fünf Siege in der Liga.

Auch in die Cham­pions League-Saison ver­lief es in der Hin­runde für Lever­kusen bes­ten­falls durch­wachsen. Im ersten Grup­pen­spiel setzte es für den Vize­ch­am­pion eine derbe 2:6‑Auswärtsklatsche bei Olym­piakos Piräus, worauf im Heim­spiel gegen ManU eine 1:2‑Niederlage folgte. Den­noch qua­li­fi­zierte sich Bayer durch zwei Siege gegen Mac­cabi Haifa und einen Sieg im Rück­spiel gegen Piräus knapp für die Zwi­schen­runde. In dieser fanden bis zur Win­ter­pause noch zwei Spiele statt, die Lever­kusen beide verlor. Somit standen die Chancen auf das Errei­chen des Vier­tel­fi­nales gegen die starke Kon­kur­renz aus Bar­ce­lona, Inter Mai­land und New­castle gegen Null. Einzig im DFB-Pokal war Bayer erfolg­reich, nach drei Siegen stand man dort im Vier­tel­fi­nale.

Nowotny glaubte noch immer an die Königs­klasse

Am Ende der Vor­runde fand sich Lever­kusen auf dem 14. Tabel­len­platz wieder, ganze vier Punkte von einem Abstiegs­platz ent­fernt. Doch die Bun­des­li­ga­saison 2002/03 war ziem­lich eng, die Punkt­an­stände waren über­schaubar. Zu einem UEFA-Pokal­platz waren es nur“ sieben Punkte. In der Win­ter­pause tippte der wieder gene­sene Kapitän Jens Nowotny für BILD die kom­plette Rück­runde durch. Seinen Tipps zur Folge sollte Lever­kusen sich noch für die Cham­pions League qua­li­fi­zieren.

Dazu wollte Nowotny zum Rück­run­den­auf­takt beim Heim­spiel gegen den Tabel­len­letzten Energie Cottbus end­lich wieder selber auf dem Platz bei­tragen und fei­erte nach über einem halben Jahr sein Come­back im Bayer-Trikot. Doch statt der Wende zum Guten trat das Worst-Case-Sze­nario ein. Ohne Fremd­ein­wir­kung erlitt Nowotny einen erneuten Kreuz­band­riss und fiel bis zum Ende der Saison aus. Zudem verlor Lever­kusen das Spiel mit 0:3 gegen die Lau­sitzer. Die ange­kün­digte Auf­hol­jagd war beendet, bevor sie über­haupt begonnen hatte. Selbst Manager Cal­mund, sonst nie um große Worte und Erläu­te­rungen ver­legen, konnte die Misere nicht begreifen und hatte keine andere Erklä­rung als Wir haben Scheiße am Fuß“ parat. Topp­möller stand zu dem Zeit­punkt schon stark in der Kritik, doch die Ver­eins­füh­rung hielt noch an ihm fest, was auf­grund seiner Ver­dienste in der Vor­saison absolut nach­voll­ziehbar war. Doch nach dem vierten Rück­run­den­spiel und der vierten Nie­der­lage rutschte Lever­kusen auf einen Abstiegs­platz ab. Cal­mund und die Ver­eins­oberen reagierten schließ­lich doch, Ama­teur­coach Thomas Hörster löste Topp­möller als Chef­trainer ab.

Hörster kam, sah und ging

Hörster hatte seinen Ein­stand beim Cham­pions League-Heim­spiel gegen New­castle. Als es bereits nach einer Vier­tel­stunde 0:2 stand und Hörster die Rat­lo­sig­keit ins Gesicht geschrieben war, ließ sich schon erahnen, dass die Trai­ner­aus­wahl sich als nicht beson­ders glück­lich her­aus­stellen würde. Daran änderten auch die beiden Siege am 22. Und 23. Spieltag nichts, mit denen Bayer in dieser Saison zum ersten Mal zwei Siege in Folge gelangen. Denn das war nur ein kurzes Stroh­feuer. Direkt im Anschluss setzte es inner­halb von drei Tagen zwei klare Nie­der­lagen gegen die Bayern: 1:3 im Pokal und 0:3 in der Liga. In den fol­genden Wochen spielte Lever­kusen schwach bis unkon­stant, was auch an den vielen Ver­let­zungen lag, die in allen Mann­schafts­teilen auf­traten. Beson­ders in der Defen­sive fielen immer wieder wich­tige Spieler wie Lucio, Juan, Pla­cente, Vranjes und Sebe­scen aus. Zusätz­li­ches Pro­blem war die schwache Tor­aus­beute der Stürmer. Neu­ville, Brdaric und Ber­batov netzten in der gesamten Bun­des­li­ga­saison jeweils nur vier mal ein.

Aus der Zwi­schen­runde der Cham­pions League ver­ab­schie­dete sich Lever­kusen mit bla­ma­blen null Punkten. Die Spiele waren im Abstiegkampf längst nur noch läs­tige Pflicht. Hörsters Kalkül war es, sich auf die Liga zu kon­zen­trieren. Doch schnell zeich­nete sich ab, dass sein Plan nicht greifen würde. Lever­kusen rutschte am 26. Spieltag auf Platz 17 ab. In der Panik wurde Jürgen Kohler als Sport­di­rektor ver­pflichtet und mit einem 5‑Jahresvertrag aus­ge­stattet. Dabei hatte Kohler kei­nerlei Erfah­rung auf diesem Gebiet. Zudem waren seine Kom­pe­tenzen nicht klar defi­niert, und Kohler selbst machte keinen Hehl daraus, dass es ihn eigent­lich eher in den Trai­ner­beruf ziehe. Den­noch schien der Heim­sieg drei Tage später gegen Hertha BSC Berlin die Ver­pflich­tung Koh­lers zu recht­fer­tigen, da er gute Laune ins Team“ brachte. Doch aus den fol­genden drei Spielen holte Lever­kusen nur einen Punkt, und am 31. Spieltag stand ein Abstiegs­end­spiel gegen Bie­le­feld an, das bis dahin nur zwei Punkte mehr als Bayer ein­ge­fahren hatte. In einem dra­ma­ti­schen Spiel geriet Lever­kusen in der ersten Halb­zeit durch Ansgar Brink­mann in Rück­stand, doch der gerade wieder von seiner schweren Fuß­ver­let­zung gene­sene Lucio konnte mit einem Gewalt-Frei­stoß aus 25 Metern aus­glei­chen. In der 2. Halb­zeit sah der Bie­le­felder Tor­schütze Brink­mann die Rote Karte, und kurz drauf ver­senkte Lucio seinen zweiten Frei­stoß ähn­lich kraft­voll im Bie­le­felder Gehäuse. Bayer siegte schließ­lich mit 3:1.

Hörster ergab sich, Auge kam

Aber trotz des Sieges konnte Lever­kusen die Abstiegs­ränge nicht ver­lassen. Der mög­liche Abstieg war gegen­wär­tiger als je zuvor, als das nächste Spiel gegen den HSV deut­lich mit 1:4 ver­loren ging und Trainer Hörster im Anschluss an die Partie resi­gnie­rend in die Fern­seh­ka­mera sprach, er glaube nicht mehr an den Klas­sen­er­halt. Hörster wurde nach diesen Aus­sagen umge­hend vom Amt des Chef­trai­ners ent­bunden, denn für Cal­mund und die Bayer-Ver­ant­wort­li­chen kamen der­ar­tige Aus­sagen dem Hissen der weißen Fahne gleich, obwohl noch sechs Punkte zu ver­geben waren und der Klas­sen­er­halt noch immer mög­lich war. Als Nach­folger wurde der kurz zuvor in Nürn­berg ent­las­sene Klaus Augen­thaler ver­pflichtet, der eigent­lich erst zur neuen Saison Chef­trainer werden sollte. Bei seinem Amts­an­tritt war klar, dass nur zwei Siege Lever­kusen noch retten würde. Am 33. Spieltag schaffte Bayer mit einem 3:0‑Heimsieg gegen 1860 Mün­chen erst­mals seit sieben Wochen der Sprung auf einen Nicht-Abstiegplatz. Teil eins von Augen­tha­lers Ret­tungs­ak­tion war geschafft. Teil zwei folgte mit einem Aus­wärts­sieg beim bereits als Absteiger fest­ste­henden Club aus Nürn­berg, wo Lever­kusen den Klas­sen­er­halt mit einem 1:0‑Erfolg per­fekt machte.

Bie­le­feld stieg in die 2. Liga ab, und Bayer wachte aus dem Alb­traum auf. Anders als im Jahr zuvor konnten Verein und Fans am Sai­son­ende jubeln.

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Die Geschichte des Wun­der­fuß­balls, den Lever­kusen 2001/2002 spielte und damit so gran­dios schei­terte, findet Ihr in 11FREUNDE #66.

Hier www​.11freunde​.de/​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​/​1​01380 geht’s zum großen Reiner-Cal­mund-Monolog.