Chris­toph Met­zelder, Sie absol­vierten im August 2001 Ihr erstes Län­der­spiel. Der Team­chef hieß Rudi Völler. Wie war es, unter ihm Natio­nal­spieler zu werden?
Wie die Öffent­lich­keit habe auch ich Rudi Völler von Beginn an als großen Sym­pa­thie­träger wahr­ge­nommen. Wie Franz Becken­bauer ver­fügt er über die Gabe, intuitiv viele Dinge richtig zu machen. Vieles, was er anfasst, führt er zum Erfolg. Und dieses Gefühl strahlte er damals auch auf die Mann­schaft aus.

Sie waren einer der ersten Nach­wuchs­spieler, die unter Völler vor der WM 2002 in den Stamm der Mann­schaft auf­rückten.
Bei Rudi Völler erhielten viele junge Talente eine Chance, auch auf­grund von Absagen und Aus­fällen der eta­blierten Spieler. Etliche haben den Sprung nicht geschafft. Ich hatte aber das Glück, dass ich Stamm­spieler wurde, weil Chris­tian Wörns und Jens Nowotny sich vor der WM ver­letzten. Nur dadurch kam ich in die Situa­tion, regel­mäßig zu spielen.

War Völler ein Trainer, der jungen Talenten Selbst­be­wusst­sein ein­flößen konnte? Oder war dafür sein Assis­tent Michael Skibbe zuständig?
Rudi Völler hat mir – ähn­lich wie Mat­thias Sammer beim BVB – von Anfang an ein Gefühl gegeben, dass mich stark machte. Natür­lich wusste er, dass er kaum Alter­na­tiven auf meiner Posi­tion hatte. Er musste mich ins kalte Wasser werfen, was gerade in der Vor­be­rei­tung auf die WM 2002 nicht immer funk­tio­niert hat. Aber Völler hat mir immer wieder positiv zuge­spro­chen, was dann dazu führte, dass ich beim Tur­nier meinen Job ganz gut machte.

Sie haben nach außen stets sehr selbst­be­wusst und gefes­tigt gewirkt. War es trotzdem gut, dass ein Typ wie Völler Ihnen bei der Natio­nalelf zur Seite stand?
Ein Profi macht den größten Sprung in seiner Ent­wick­lung, wenn er zur Natio­nal­mann­schaft kommt. Dort tritt er aus dem Ver­eins­um­feld heraus und wird plötz­lich deutsch­land­weit beachtet. Auf der anderen Seite bedeutet das im Nega­tiv­fall auch mas­sive Kritik. Des­halb war es von großem Vor­teil, einen Typen wie Völler zu haben, der so viel Erfah­rung hatte und einem auch in schwie­rigen Situa­tionen ohne Kom­pro­misse den Rücken stärkte.

In wel­chen Situa­tionen war das nötig?
Wir absol­vierten vor der WM Test­spiele gegen Argen­ti­nien und Wales. Da sah die Abwehr nicht beson­ders gut aus. Im letzten Freund­schafts­spiel gegen Öster­reich fingen wir dann auch wieder zwei Gegen­tore. Da wurde schon daran gezwei­felt, ob ein 21-Jäh­riger mit einer Hand­voll Län­der­spielen einer WM gewachsen sei. Aber dann gewannen wir das Vor­run­den­spiel gegen Saudi-Ara­bien mit 8:0 – und die Dynamik aus diesem Erfolg hat sich aufs ganze Tur­nier aus­ge­wirkt.

Rudi Völler sagt, das ent­schei­dende Spiel bei der WM 2002 sei das letzte Vor­run­den­match gegen Kamerun gewesen. Beim Stand von 0:0 wurde Carsten Ramelow vom Platz gestellt, trotzdem gewann das deut­sche Team mit 2:0. Haben Sie Völler den Druck bei der Pau­sen­an­sprache ange­merkt?
Per­sön­lich habe ich nie erlebt, dass er sich echauf­fiert hat oder sogar Zweifel hatte. Ich habe ihn immer sehr kon­trol­liert und mensch­lich erlebt. In der Pause stellten wir erst­malig auf eine Vie­rer­kette um und gewannen das Spiel in Unter­zahl. So wie er hinter der Mann­schaft stand, war es für alle Betei­ligten schon sehr beru­hi­gend.Im Finale gegen Bra­si­lien mussten Sie auf den gesperrten Michael Bal­lack ver­zichten. Haben Sie sich trotzdem noch Hoff­nungen auf den Titel gemacht?
Wir hatten nur eine Chance: Wir mussten ohne Gegentor bleiben. Das war uns im Achtel‑, Viertel- und Halb­fi­nale ziem­lich gut gelungen – nicht zuletzt wegen des über­ra­genden Olli Kahn im Tor. Aber als die Bra­si­lianer dann das erste Tor erzielten, hatte man das Gefühl, dass sie jeder­zeit das Tempo nochmal anziehen und zu einem zweiten Treffer kommen könnten.

Alles, was bei der WM 2002 unter Völler so gut gelaufen war, ver­än­derte sich anschlie­ßend zum Nega­tiven. War die Erwar­tungs­hal­tung nach der Vize­welt­meis­ter­schaft zu groß?
Wir waren die zweit­beste Mann­schaft in den sechs Wochen des WM-Tur­niers, aber sicher nicht die zweit­beste Mann­schaft der Welt! Die vor­han­denen Pro­bleme bestanden wei­terhin. Der Genera­ti­ons­wechsel im DFB-Team hatte gerade erst begonnen. Und als Natio­nal­trainer kann man eben nur aus dem schöpfen, was zur Ver­fü­gung steht. Da hat Jogi Löw im Ver­gleich zu Rudi Völler einen großen Vor­teil. Wir waren damals eine Mann­schaft, die mit Willen und Team­geist gespielt hat. Aber die Bril­lanz, die heute sehr viele in der Natio­nalelf haben, gab es damals nur bei wenigen Spie­lern.

Was unter­schied den Team­chef Völler vom Bun­des­trainer Jürgen Klins­mann?
Jürgen war revo­lu­tionär. Aber er hatte mit der WM im eigenen Land auch Mög­lich­keiten, die Rudi Völler gar nicht hatte. Er wusste, dass er in dieser Situa­tion auf allen Ebenen einen Umbruch schaffen konnte. Er brachte neues Per­sonal und Trai­nings­in­no­va­tionen mit und machte gemeinsam mit Oliver Bier­hoff die Natio­nalelf zu einer eigenen Marke, die sich ein Stück weit vom Ver­band löste. Und er sorgte im Zuge dessen auch dafür, dass wir Spieler uns etwas freier bewegen konnten.

Wie muss man sich das vor­stellen?
Wir konnten auch mal außer­halb essen gehen oder uns die Städte ansehen. Bis dahin war das von Ver­bands­seite nicht gern gesehen. Da saßen wir meist nur im Hotel.

Hat Sie das genervt?
Ach, als junger Spieler macht man sich nicht so viele Gedanken dar­über. Das war damals der Zeit­geist. Ich weiß noch, dass ich mit Jens Leh­mann und Sebas­tian Kehl wäh­rend eines Auf­ent­halts im Mann­schafts­hotel in Gra­ven­bruch ein Mal nach Wies­baden aus­ge­büxt“ bin, um dort essen zu gehen. Aber wir waren trotzdem vor Mit­ter­nacht wieder im Bett. Jürgen Klins­mann und Jogi Löw ver­fügten dann, dass wir aus­gehen können, aber um 23 Uhr wieder zu Hause sein müssten. Am Ende kam es aufs Gleiche raus.

War Rudi Völler ein Ver­fechter sol­cher Dis­zi­plin­auf­lagen, oder hielt er Sie gerne an der langen Leine?
Es war zu dieser Zeit normal, dass Profis und Mann­schaften so geführt wurden. Da hat sich seither wahn­sinnig viel ver­än­dert. Mat­thias Sammer konnte es gar nicht leiden, wenn er in den Bus zum Spiel stieg und die Stim­mung war zu gelöst. Heute läuft jeder mit Kopf­hö­rern rum und in der Kabine wird laute Musik gespielt. Aber nochmal: Damals haben wir nichts ver­misst, weil wir es nicht anders kannten.

Phillip Lahm hat in seiner Bio­gra­phie viel Kritik an Rudi Völ­lers Trai­ning geübt. Er schrieb, es sei zu lasch gewesen und meist nicht länger als eine Stunde am Tag.
Da muss man auf­passen, man kann den Fuß­ball heute nicht mehr mit dem Sport von vor zehn Jahren ver­glei­chen, dafür hat sich in allen Berei­chen zu viel ver­än­dert. Deutsch­land hatte vor der WM 2002 die Vie­rer­kette noch nicht ver­in­ner­licht, es gab noch kein Pres­sing und Gegen­pres­sing. Des­wegen kann man nicht sagen, dass alles schlecht war, es war der dama­ligen Trai­nings- und Spiel­weise ange­messen. Wir haben auch unter Völler kon­zen­triert gear­beitet und waren nicht zuletzt des­halb in der Lage, bei einer Welt­meis­ter­schaft ins Finale ein­zu­ziehen.

Chris­toph Met­zelder, wel­chen Stel­len­wert hat die Völler-Ära für den deut­schen Fuß­ball?
Es war eine Über­gangs­phase, aber auch Wen­de­punkt. Führen Sie sich mal vor Augen, wie­viele Talente wir heute her­vor­bringen. Dafür wurden damals die Wur­zeln gelegt: die Instal­lie­rung der Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren in den Ver­einen. Dazu kommt 2002 der über­ra­schende Erfolg einer Spiel­erge­nera­tion, der man nichts mehr zuge­traut hat. Und letzt­lich baute Völler auch viele Spieler in die Mann­schaft ein, die den Erfolg von 2006 erst ermög­lichten: Miro Klose, Philip Lahm, Lukas Podolski, Bas­tian Schwein­s­teiger – tja, und ich war auch dabei.