Seite 4: „Auf Schalke war alles etwas extremer“

Wie haben Sie erfahren, dass das Spiel in Ham­burg noch gar nicht zu Ende war?
Wir Spieler gingen in die Kata­komben, um uns die Sie­ger­s­hirts anzu­ziehen – und in der Trai­ner­ka­bine lief der Fern­seher. Ich habe das Tor von Andersson live gesehen. Danach wurde alles Licht zu Schatten. Im Sta­di­on­bauch war die Hölle los. Wir haben die kom­pletten Kabinen zer­legt.

Angeb­lich nicht nur die Kabinen, son­dern später auch die Woh­nung von Ersatz­keeper Frode Grodas.
Bei der Frust­party bei Frode ging es so weiter. Fla­schen wurden an der Wand zer­dep­pert, Tische kaputt­ge­hauen, Stühle zer­kracht. Alles war kaputt. Wir haben dann Geld gesam­melt und seine Woh­nung reno­vieren lassen. Was soll ich sagen? Auf Schalke war eben alles etwas extremer.

Wie meinen Sie das?
Allein mein erstes Trai­ning. 10 000 Fans waren da, alle wegen Andy Möller, der aus Dort­mund geholt worden war. Sie haben mit Bröt­chen nach ihm geschmissen und mit Bier­be­chern. Ich dachte nur: Leck mich am Arsch, wo bin ich denn hier gelandet?“ Aber gleich­zeitig machen genau diese Emo­tionen den Verein aus. Die ver­rückten Fans, das gigan­ti­sche Sta­dion, die Stim­mung beim Derby. Denke ich an Schalke, geht mir das Herz auf.

Auch beim Gedanken an Rudi Assauer?
Total. Er war ein großer Mann, auf dessen Wort man sich ver­lassen konnte. Meinen Ver­trag ver­län­gerte er am Tag, nachdem ich mich schwer ver­letzt hatte. Mit ihm konnte ich über alles reden. Er sorgte sogar dafür, dass wir nicht mehr wie Penner draußen rau­chen mussten.

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Was?
Jörg Böhme, Niels Oude Kam­phuis und ich haben vor dem Trai­ning immer gemüt­lich eine geraucht und einen Kaffee getrunken. Auf den alten Stein­treppen vom Park­sta­dion. So lange wir gut trai­nierten, war es allen egal. Auch Assauer hat uns ver­standen. Nach einem Jahr gingen wir zu ihm: Herr Manager, können sie uns nicht eine Kabine orga­ni­sieren, damit wir nicht mehr draußen rau­chen müssen wie Penner?“ Er hat uns dann einen Raum zuge­teilt und Aschen­be­cher hin­stellen lassen.

Haben Sie auch vor Spielen geraucht?
Eigent­lich nicht. Aber einmal haben wir in der Halb­zeit geraucht, Jörg Böhme und ich. Jörg ging aus der Kabine, ich fragte ihn, was er vor­hätte. Ich muss eine qualmen. Komm mit!“ Was? Wo denn? Ich rauche doch nicht in der Halb­zeit.“ In der Doping­ka­bine. Komm jetzt. Das Spiel läuft scheiße, wir müssen was ändern.“ Also zogen wir los. Als wir zurück­kamen, stanken wir natür­lich nach Rauch. Huub Ste­vens schaute uns an, schnup­perte, winkte ab und mur­melte: Das kann doch nicht wahr sein.“ Aber er hat es uns nicht übel­ge­nommen – und wir haben das Spiel noch gedreht.

Wenn wir schon beim Thema Rau­chen sind, müssen wir zum Abschluss noch einen großen Hajto-Mythos auf­klären. Haben Sie 2003 wirk­lich Kippen nach Deutsch­land geschmug­gelt?
Natür­lich nicht. Die Geschichte hängt mir aber bis heute nach.

Damals durch­suchte die Polizei ihr Haus, später mussten Sie angeb­lich eine emp­find­liche Geld­strafe zahlen.
Mein Nachbar in Duis­burg hat Ziga­retten nach Deutsch­land geschmug­gelt und ist später auch im Knast gelandet. Aber davon hatte ich damals keinen Schimmer. Ich wusste nur: Er ver­kauft güns­tige Ziga­retten. Er fragte mich am Telefon, ob ich Inter­esse hätte, also kaufte ich ihm 40 Stangen ab. Ich hatte keine Ahnung, dass er von der Polizei abge­hört wird. Ich sagte zu ihm: Bring mir die Kippen ein­fach zum Trai­nings­ge­lände.“ Dort ver­schenkte ich sie auf dem Park­platz an Bekannte von mir, an Polen, denen ich vorher Bescheid gegeben hatte und von denen ich wusste, dass sie nicht viel Geld ver­dienten. Abends klin­gelte die Polizei mit einem Durch­su­chungs­be­fehl. Die dachten, ich hätte den kom­pletten Keller voller Kippen. Aber ich hatte ja alles längst ver­schenkt. Strafe zahlen musste ich an den Zoll auch nur 1200 Euro – also das Geld, was denen vorher durch die Lappen gegangen war. Zu der Zeit habe ich allein 5000 Euro für Sprit im Monat aus­ge­geben. Voll­kom­mener Blöd­sinn also, dass ich mit den Kippen Geld ver­dienen wollte.

Trotzdem ver­langte die Staats­an­walt­schaft später noch mehr Geld.
Weil behauptet wurde, ich hätte genau gewusst, was los war. Des­wegen musste ich am Ende auch so eine hohe Strafe an den Staat zahlen. Heute kann ich dar­über schmun­zeln. Ich sage immer: Zwei Polen haben es geschafft, vor Angela Merkel in der Tages­schau auf­zu­tau­chen. Der Papst – und ich. (Lacht.)