Seite 3: „Die Mütze liegt bis heute bei mir zu Hause“

1997 ver­pflich­tete Duis­burg Sie, weil Sie Seppo Eich­korn in einem Test­spiel auf­ge­fallen waren. Worin unter­schied sich das Leben in Deutsch­land von dem, das Sie aus Polen kannten?
Alles war pro­fes­sio­neller, die Hotels, das Trai­ning, die Ernäh­rung. Außerdem kam das Geld pünkt­lich. Das war fast der größte Schock. Ich habe mir dann, wie sich das für einen jungen Profi gehört, erstmal ein brand­neues Auto geholt.

Einen Fer­rari!
Einen Toyota Camry. Einen grö­ßeren Wagen konnte ich mir damals gar nicht leisten. Aber vor allem die erste Fahrt war groß­artig.

Wieso das?
Außer der Strecke von mir zu Hause zum Trai­ning war mir alles völlig fremd. Und weil ich Angst hatte, mich zu ver­fahren, pro­bierte ich den Wagen eben auf dieser Strecke aus – in einem Kreis­ver­kehr. Ich fuhr ein und drückte aufs Gas. Und dann fuhr ich ein­fach noch eine Runde. Und dann noch eine. Und dann noch eine. Hat Spaß gemacht. (Lacht.)

Mit Duis­burg erreichten Sie gleich im ersten Jahr das Pokal­fi­nale.
Und hätte sich Bachirou Salou nicht ver­letzt, hätten wir die Bayern viel­leicht sogar schlagen können. Aber auch so war das Finale eine groß­ar­tige Erfah­rung. In der Stadt erwar­teten uns bei der Ankunft aus Berlin fast 50 000 Fans. Dum­mer­weise habe ich das gar nicht so richtig mit­be­kommen – weil ich Jörg Neun stützen musste. Und selber ganz schön blau war. Was wie­derum an Jörg lag.

Auf mich hörte er zumin­dest ein biss­chen, weil ich keinen Schiss vor ihm hatte“

Tomasz Hajto über seinen Duisburger Kollegen Jörg Neun

Ach so?
Er hatte im Finale neunzig Minuten auf der Bank gesessen und war stink­sauer. Erst zog er im Zug die Not­bremse, dann machte er sich auf die Suche nach Trainer Fried­helm Funkel, weil er ihn ver­kloppen wollte. Irgend­wann kamen die Jungs ganz ver­zwei­felt zu mir und sagten: Tomasz, du musst den Jörg beru­higen.“ Auf mich hörte er zumin­dest ein biss­chen, weil ich keinen Schiss vor ihm hatte. Also habe ich auf ihn ein­ge­redet: Bau jetzt nicht noch grö­ßeren Mist. Du wirst schon wegen der Not­bremse 100 000 Mark Strafe zahlen müssen.“ Er ant­wor­tete: Na gut. Aber dann trinkst du mit mir.“ Also musste ich drei Stunden mit Jörg saufen.

Später gewannen Sie den Pokal gleich zweimal mit Schalke, von der ersten Sie­ges­feier im Jahr 2001 gibt es ein inter­es­santes Foto. Darauf zu sehen sind Sie im alten Park­sta­dion – mit einer ver­blüf­fend echt aus­se­henden Poli­zei­mütze auf dem Kopf …
Die sieht nicht nur ver­blüf­fend echt aus, die ist echt. Wir sind damals mit einem offenen Bus durch die Stadt gefahren, haben Vel­tins getrunken und Zigarren geraucht. Irgend­wann hielten wir direkt neben einem Poli­zisten. Ich fragte ihn: Bist du Schalke-Fan? Dann gib mir die Mütze!“ Es war eigent­lich ein Spaß. Aber er hat sie mir gegeben. Die Mütze liegt bis heute bei mir zu Hause. Ein schönes Andenken. Der Sieg damals hat zumin­dest ein paar unserer Tränen getrocknet.

Wenige Tage vor dem Pokal­fi­nale waren Sie für wenige Minuten Deut­scher Meister. Wie denken Sie heute über die Meis­ter­schaft der Herzen?
Mitt­ler­weile bin ich davon über­zeugt, dass wir es ein­fach nicht ver­dient hatten. Weil wir im End­spurt so viele Chancen aus­ge­lassen haben. Wir ver­loren in Stutt­gart, wir spielten in Bochum nur 1:1, obwohl wir mit fünf Toren Vor­sprung hätten gewinnen müssen. Dann reicht es am Ende halt nicht, selbst wenn du Bayern zweimal in einer Saison schlägst. Brutal war das Ganze natür­lich trotzdem. Wir hatten mit letzter Kraft unser Spiel gegen Unter­ha­ching gedreht, ein Reporter behaup­tete, dass der HSV par­allel die Bayern besiegt habe und wir Meister seien. Die Fans stürmten auf den Platz, wollten ein Stück Rasen mit­nehmen, alle sangen, ich habe die Lieder noch heute im Kopf. Wir dachten, dass wir es geschafft hätten.

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