»Go back, go back«, schreit ein auf­ge­brachter Lothar Mat­thäus an der Sei­ten­linie. Aber nicht alle seine Spieler treten nach dem Ball­ver­lust tat­säch­lich den Rückzug an. Die Urlau­ber­kinder neben dem über­dachten Trai­ner­platz äffen den deut­schen Rekord­na­tio­nal­spieler nach. »Der Lothar kann doch gar kein rich­tiges Eng­lisch«, sagt einer der Jungen zu seinem Nach­barn. Ein paar Meter weiter macht Mat­thäus den Assis­tenz­trai­nern in eben dieser Sprache klar, wie ama­teur­haft sich die Spieler gerade ver­halten. Mit »That’s stupid« endet der Monolog.

 

Nach dem Schluss­pfiff wollen auch jene Buben von Mat­thäus ein Auto­gramm, die ihn vorher aus­ge­lacht haben. Kurze Zeit später findet der neue Trainer von Mac­cabi Net­anya trotz der 0:3‑Niederlage gegen den SV Werder Bremen doch noch ver­söhn­liche Worte für die Leis­tung seiner Spieler. »Sie haben in der zweiten Halb­zeit den Respekt vor den großen Namen abge­legt und gezeigt, dass sie Fuß­ball spielen können«, dik­tiert er den wenigen deut­schen Jour­na­listen in die Blöcke. Aber Mat­thäus, der in Jeans und mit weit geöff­netem Hemd dasteht, macht keinen Hehl daraus, dass er als Trainer des israe­li­schen Vize­meis­ters noch viel Arbeit vor sich hat. Auf die Frage, an wel­chem Punkt er denn bis zum Sai­son­start ansetzen muss, ant­wortet der 47-Jäh­rige mit einem Lächeln: »Das sind Punkte. Eigent­lich fehlt es überall.«

«Im tak­ti­schen Bereich müssen sie noch viel lernen«


Die ersten beiden Wochen einer wieder einmal schwie­rigen Trainer-Mis­sion liegen hinter dem deut­schen Rekord­na­tio­nal­spieler. Mat­thäus spricht zum Abschluss des Trai­nings­la­gers im öster­rei­chi­schen Schruns trotz all der Defi­zite, die er gesehen hat, von »einem guten Auf­takt«. Seine Spieler seien »sehr posi­tive Men­schen«, die abends gern mal gemeinsam Lieder anstimmen, aber nicht auf den Tischen tanzen würden, wie eine Zei­tung berichtet hatte. Und Mat­thäus lobt ihre Fähig­keiten am Ball. »Aber im tak­ti­schen Bereich müssen sie noch viel lernen.«

Anders als in Deutsch­land, wo an Mat­thäus’ Trai­ner­qua­li­täten stark gezwei­felt wird, glaubt man in Israel, der starken Worte werden Taten folgen. Die Men­schen in Net­anya, einer 170.000-Einwohner-Stadt am Mit­tel­meer, sind fest davon über­zeugt, dass der deutsch-israe­li­sche Geschäfts­mann und Mac­cabi-Eigen­tümer Daniel Jammer nicht nur einen ehe­ma­ligen Welt­klas­se­spieler, son­dern auch einen richtig guten Fuß­ball­lehrer für ein Jah­res­ge­halt von einer halben Mil­lion Euro ins hei­lige Land geholt hat. Mat­thäus selbst, nicht gerade bekannt für seine Beschei­den­heit, muss die Erwar­tungen dämpfen: »Ich bin kein Mes­sias.«

Den­noch sind der Ex-Löwe Francis Kioyo und seine Team­kol­legen, aber auch die Mit­glieder des Betreu­er­stabes in Schruns nicht müde geworden, den deut­schen Repor­tern gegen­über zu betonen, wie viel Neues sie jeden Tag dazu lernen würden. »Lothar ist unser großes Glück«, schwärmt Co-Trainer David Piz­anti. »Wir haben einen Pro­fessor bekommen.«

Pro­fessor – wer hätte gedacht, dass einem Lothar Mat­thäus einmal ein sol­cher Titel ver­liehen wird. Jenem Lothar Mat­thäus, den die Lands­leute in seiner Heimat regel­mäßig mit Häme über­gießen. »Die Leute in Israel wissen nicht, dass die Deut­schen über Mat­thäus lachen«, sagt Aron Nir vom israe­li­schen Fern­sehen, der den Mac­cabi-Tross nach Vor­arl­berg beglei­tete. »Sie haben den zwei­fa­chen Welt­fuß­baller vor Augen. Ansonsten hat man nur gehört, dass Mat­thäus seine Frauen wohl häufig wech­selt.« Noch ist der Ver­trau­ens­vor­schuss von allen Seiten groß – auch sei­tens der Medien. »Aber«, warnt Nir, »die israe­li­sche Presse kann sehr hart sein.«

Daheim in Deutsch­land sind jetzt schon die Zweifel groß, ob aus­ge­rechnet Lothar Mat­thäus mit seiner Fett­näpf­chen-Affi­nität als Deutsch­lands Bot­schafter in Israel taugt. »Hof­fent­lich hat die Frau Merkel dem­nächst nicht zuviel Arbeit, die diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen zu ver­bes­sern«, kom­men­tierte Bayern-Manager Uli Hoeneß den Umzug von Mat­thäus nach Net­anya, was Letz­terer wie­derum nicht wirk­lich lustig fand. Er werde über Politik nicht spre­chen, stellt Mat­thäus klar und fügte hinzu, dass er bei seinen frü­heren Israel-Besu­chen Land und Leute schätzen gelernt habe. »Mich hat keiner gezwungen, diesen Job anzu­nehmen.«
 
Ein reiz­voller, wenn auch kein ganz ein­fa­cher, wie Mat­thäus findet. Das Niveau der Mann­schaft, die am 14. August in der Uefa-Cup-Qua­li­fi­ka­tion antreten muss, sei ver­gli­chen mit deut­schen Ver­hält­nissen zweit­klassig, das Budget dritt­klassig, und die Infra­struktur erin­nere an die eines Bezirks­li­gisten. Mac­cabi Net­anya trägt seine Heim­spiele der­zeit in einem kleinen, maroden Sta­dion aus, soll aber Anfang nächsten Jahres in eine neue 10.000 Zuschauer fas­sende Arena umziehen.
 
Ob Lothar Mat­thäus, der nach eigenen Worten eigent­lich nicht vor­hatte, zum Glo­be­trotter zu werden, dann noch Mac­cabi-Trainer ist, steht in den Sternen. Nein, beteuert der Hoff­nungs­träger, die Bun­des­liga sei für ihn der­zeit wirk­lich kein Thema. »Ich habe bei Mac­cabi einen Ver­trag über zwei Jahre. Und wenn nichts Außer­ge­wöhn­li­ches pas­siert, werde ich solange bleiben.«