Seite 3: „Es gibt keine Diskussion mehr, sondern nur noch Brüllerei“

Sie ent­schieden sich dafür, mit Ihrer Stif­tung in Afrika zu helfen. Warum?

Natür­lich gibt es auch hier Men­schen mit Pro­blemen. Doch ich finde es schwierig, wenn ich mich nur für Kinder im Umkreis von 50 Kilo­me­tern ein­setze. Im End­ef­fekt würde das Enga­ge­ment nur in den rei­chen Län­dern bleiben. Wir als Euro­päer haben 500 Jahre lang Afrika aus­ge­schöpft, warum sollten wir es dann in diesem Punkt weiter ver­nach­läs­sigen? Unserer Stif­tung geht es aber nicht um Kon­ti­nente oder Länder, wir wollen in die ärmsten Regionen der Welt.

Wie wählen Sie diese Orte aus?

Es gibt von der Unicef und der Welt­bank Daten dar­über, in wel­chen Län­dern den Men­schen durch­schnitt­lich weniger als 1,25 Dollar pro Tag bleibt. Das ist ja das Schlimme: Wir wissen alle seit Jahr­zehnten, dass es diese Pro­bleme gibt, dass die Men­schen nicht genug zum Über­leben haben. 660 Mil­lionen Men­schen fehlt der Zugang zu sau­berem Trink­wasser. Die Bevöl­ke­rung in der west­li­chen Welt macht sich aber nur Gedanken dar­über, was gerade in ihrer unmit­tel­baren Umge­bung pas­siert.

Woran machen Sie das fest?

Ich höre sehr oft, dass es nie so eine fried­liche Zeit wie im Augen­blick gegeben habe. Das wird gemessen an den kriegs­be­dingten Toten pro Jahr. Man darf aber nicht ver­gessen: Tag­täg­lich sterben 2000 Kinder an ver­meid­baren Krank­heiten – das ist wie ein welt­weiter Krieg. Und die Gründe dafür sind klar: Wenn es in einer Region kein sau­beres Trink­wasser gibt und keine ver­nünf­tigen Sani­tär­an­lagen, dann können sich gefähr­liche Bak­te­rien viel schneller aus­breiten. Kinder und Säug­linge sind beson­ders gefährdet, weil ihr Immun­system noch nicht so aus­ge­prägt ist. Das ist alles bekannt, trotzdem werden die Miss­stände oft igno­riert, weil es hier­zu­lande erst mal nie­manden direkt betrifft. Es gibt so viele Kriege, über die nicht berichtet wird. Ich lese momentan kaum noch Zei­tungen.

Ihre Kritik klingt relativ pau­schal. Was miss­fällt Ihnen kon­kret?

Der Nach­rich­ten­in­halt inter­es­siert nicht mehr, son­dern nur noch Emo­tionen, nur noch der Schock. Durch die Algo­rithmen der sozialen Medien wird nur noch das Extreme gepusht, siehe den Daten­skandal bei Cam­bridge Ana­ly­tica. So beharrt jeder auf seinem Stand­punkt, es gibt keine Dis­kus­sion mehr, son­dern nur noch Brül­lerei. Mit­unter ist die Sprache in den Medien schon gefähr­lich gefärbt. Heute ist die Rede von Cluster bombs“ und Kol­la­te­ral­schaden“, aus einem Bür­ger­krieg“ wird ein Proxy-Krieg“ – welch zyni­sche Begriffe! Und: Das große Pro­blem unserer Zeit wird fast nie the­ma­ti­siert, die glo­bale Ungleich­heit. Ich denke, dass sie so lange wei­ter­be­steht, wie der Kapi­ta­lismus vor­herrscht.

Auch im Sozia­lismus leiden die Leute unter Armut, zum Bei­spiel auf Kuba.

Das muss man in einem Kon­text sehen, Kuba wurde links und rechts total abge­schottet durch das Wirt­schafts­em­bargo. Trotzdem ist die Lebens­er­war­tung in Kuba ein Jahr höher als in den USA. Richtig freien Sozia­lismus kann es ja gar nicht geben – und ich sehe auch die Schwä­chen des Sys­tems. Aber im Osten zur Zeit des Kalten Krieges hatte immerhin jeder Mensch noch genug, um nicht bet­teln gehen zu müssen. In Dort­mund hin­gegen sind heute sehr viele Leute von Alters­armut betroffen, die ein Leben lang gear­beitet haben. Es muss darum gehen, ein zeit­ge­mäßes System zu ent­wi­ckeln.

Was würde das bedeuten?

Wenn jeder so viel zahlt, wie er kann, dann dient das letzt­lich allen. Die Gerech­tig­keit wird gestärkt, so etwas schafft erst Ver­trauen.

Über­setzt hieße das, Sie for­dern eine Erhö­hung des Spit­zen­steu­er­satzes?

Der Spit­zen­steu­er­satz ist ein Punkt, aber auch die Kapi­tal­ertrags­steuer, die Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer oder die Erb­schafts­steuer – kurzum all die Bereiche, von denen nur Reiche pro­fi­tieren. Die skan­di­na­vi­schen Länder ver­langen mehr Steuern, als hier in Deutsch­land über­haupt vor­stellbar erscheint. Aber Stu­dien zeigen im Gegenzug, dass die Men­schen in diesen Län­dern viel mehr Ver­trauen zuein­ander haben. Doch das ist nicht mal der wich­tigste Punkt.

Son­dern?

Die Bil­dung. Kinder von rei­chen Eltern haben viel mehr Auf­stiegs­mög­lich­keiten und das nicht, weil sie klüger sind als die anderen. Bei sozial schwä­cheren Fami­lien wird den Kin­dern der Weg ver­baut. In Deutsch­land mani­fes­tiert sich so eine Drei­klas­sen­ge­sell­schaft. Leider hat eine Partei wie die AfD dies für sich genutzt, weil die bestehenden Par­teien den Leuten keine Per­spek­tive für einen Wandel bieten. Die SPD zum Bei­spiel als klas­si­sche Arbei­ter­partei hat sich schon lange von ihren Kern­werten ent­fernt.

Lassen Sie uns noch einmal zurück zu Ihrer Stif­tung kommen. Sie bauen Brunnen im Norden Äthio­piens und reisen auch ein Mal pro Jahr dort hin. Wie genau helfen Sie dort?

Unsere Auf­gaben vor Ort sind zwei­teilig: Zum einen geht es darum zu prüfen, wie weit die Arbeiten sind. Wir haben schließ­lich eine Ver­ant­wor­tung gegen­über unseren Spen­dern. Wir nutzen die aktu­ellsten Tech­no­lo­gien. In den Gemeinden selbst kann es sehr lange dauern, bis ein Pro­blem über­mit­telt wird. Die Men­schen dort können nicht ein­fach ins Internet gehen oder zum Telefon greifen. Wir haben des­wegen SIM-Karten in den Pumpen der Brunnen ange­bracht, die uns die Raten des gepumpten Was­sers mit­teilen. Wir sehen also direkt, wenn ein Pro­blem auf­tritt. Das Wasser hatte früher die Farbe von Apfel­saft, weil es so ver­un­rei­nigt war. Nun ist es sauber.

Und der zweite Teil?

Dabei geht es um den mensch­li­chen Aspekt, also vor Ort zu sein und die Gemeinde ken­nen­zu­lernen. Die Ent­wick­lungs­ar­beit lief früher anders. Da wurde etwas hin­ge­setzt und die Leute vor Ort wussten meist nichts damit anzu­fangen. Wir wollen die Gemeinde darauf vor­be­reiten, irgend­wann selbst das Pro­jekt tragen zu können. Ein Bei­spiel ist: Es gibt dort das Wash Trai­ning“, also eine Hygiene-Übung, die Kin­dern zeigt, wie sie sich ver­nünftig waschen. Sie geben das an andere Kinder weiter. Manchmal ist Kin­der­sprache auch besser als jene der Erwach­senen.

Es geht also nicht nur um den Bau von Brunnen?

Im Mit­tel­punkt stehen die Mög­lich­keiten für die Kinder. Wenn ein Kind nicht mehr sechs Kilo­meter laufen muss, um sau­beres Wasser zu bekommen, son­dern es vor Ort findet, dann kann es in dieser Zeit in die Schule gehen. In einem Ort, in dem wir geholfen haben, kamen inner­halb eines Jahres 40 Pro­zent mehr Kinder zum Unter­richt. Die kleinen Kinder träumen davon, Ärzte oder Lehrer zu werden. Auch wenn sie selbst nicht viel haben, ist ihr Antrieb, anderen zu helfen.

Reden Sie eigent­lich mit Ihren Mit­spie­lern über Ihre Pro­jekte oder Politik?

Zum Teil, aber das sind nicht unbe­dingt Themen für die Kabine. Wir haben meis­tens auch nicht so viel Zeit. Es geht eher ums Trai­ning oder die Spiele. Aber natür­lich erzähle ich etwas von der Stif­tung, so man­cher fragt auch mal nach. Für eine tie­fere Aus­ein­an­der­set­zung muss man sich jedoch mehr Zeit nehmen.

Sind Sie mit Mit­spie­lern befreundet?

Ich würde es auf eine par­al­lele Ebene stellen. Mit Roman (Wei­den­feller, d. Red), Schmelle (Marcel Schmelzer), Nuri (Sahin) und Pis­zschu (Lukasz Piszczek) ver­bindet mich viel, allein durch unsere gemein­samen Erleb­nisse. Ich kann ihnen ver­trauen, wenn es brenzlig wird. Das sind eher meine Brüder.

Einer­seits sehen Sie, dass Men­schen in Afrika kein sau­beres Trink­wasser haben. Ande­rer­seits bewegen Sie sich in der Fuß­ball­branche unter Mil­lio­nären. Wie schaffen Sie den Spagat?

Ich bin selten in diesem Highlife unter­wegs, ich nehme vom Fuß­bal­ler­leben nur das Sport­liche mit. Ich bin Fuß­ball­lieb­haber, mir geht es um das Spiel, nicht um das Drum­herum. Gemeinsam spielen und gewinnen, dann mit den Fans feiern – das will ich.