Dieses lange Inter­view mit Sub­otic erschien im Früh­jahr 2018 in 11FREUNDE.

Neven Sub­otic, stimmt es, dass Sie vor dem Wechsel bei den Spie­lern von Saint-Eti­enne durch­ge­klin­gelt haben?

Ja. Zunächst habe ich natür­lich mit Auba (Pierre-Eme­rick Aub­ameyang, Ex-Spieler von Saint-Eti­enne, die Red.) gespro­chen, dann bei Loic Perrin ange­rufen. Wir haben uns auf Eng­lisch unter­halten. Er ist eine Legende bei ASSE, spielt schon 17 Jahre hier. Ich mache das immer so, dass ich nach dem Gespräch mit dem Trainer auch einen Spieler anrufe und die Mei­nungen abgleiche. Wir Spieler haben unter­ein­ander so ein Ver­trau­ens­ver­hältnis, dass keiner dem anderen das Blaue vom Himmel erzählt. Ich habe schon oft erlebt, dass der Trainer X sagt und der Spieler Y. Loic aber sprach haar­genau so vom Fuß­ball wie zuvor der Trainer. Da wusste ich: Es passt.

Und haben des­wegen auf die Pre­mier League oder sogar eine Zusam­men­ar­beit mit Ihrem För­derer Jürgen Klopp ver­zichtet?

Dazu hätte ich wohl im Vor­feld einige Spiele mehr machen müssen. Ich hatte natür­lich einige Ange­bote, aber im Gesamt­paket war Saint-Eti­enne die beste Wahl. Sie standen zwar zu diesem Zeit­punkt weit unten, haben aber in den letzten Jahren immer um die euro­päi­schen Plätze gespielt. Der Klub hat einegroße Tra­di­tion und eine beein­dru­ckende Fan­kultur. Mit Yann M’Vila und Mathieu Debuchy kamen im Winter zwei wei­tere gute Jungs dazu, so dass nicht alles auf mir las­tete. Mir war auch wichtig, dass ich direkt spielen konnte. Das hat mir der Trainer zuge­si­chert.

Trotzdem muss es Ihnen schwer­ge­fallen sein, den BVB nach neun Jahren zu ver­lassen.

Sport­lich war es die rich­tige Ent­schei­dung. Sehen Sie, als ich im Sommer 2017 zurück zum BVB gekommen bin, stand ich nicht mal auf der Kader­liste. Mein Ver­trag lief aus, was meine Karten noch einmal ver­schlech­terte. Ich ging also zu Trainer Peter Bosz und fragte, ob ich über­haupt eine Chance habe. Er meinte: Es ist nicht unmög­lich.“ Was für mich hieß: Es ist ver­dammt noch mal mög­lich.“ Ich habe mich drei Monate rein­ge­hängt wie ein Bekloppter, im Trai­ning alles gegeben und mich dann von Innen­ver­tei­diger Nummer sieben bis in die Startelf gear­beitet. Ich spielte in der Cham­pions League bei Real Madrid von Anfang an! Und dann flog Bosz raus, und alles ging von vorne los.

Sie hatten mit dem Nach­folger Peter Stöger schon Anfang 2017 in Köln zusam­men­ge­ar­beitet. War das ein Vor- oder Nach­teil?

Wir hatten einen neuen Trainer, Punkt. Ich musste mich wieder in die Elf arbeiten, aber dem Kampf hätte ich mich gestellt. Das Trai­ning ver­lief wieder gut, doch beim ersten Spiel im Januar stand ich wieder nicht einmal im Kader. Da war klar: Ich kann nicht noch einmal drei Monate schuften, dann ist mein Ver­trag zu Ende.

Stöger hat in Köln auch mit­ent­schieden, dass Ihre Aus­leihe nicht ver­län­gert wurde. Wären Sie nicht gerne beim FC geblieben?

Die Ent­schei­dung war am Ende ziem­lich ein­ver­nehm­lich. Köln wollte auf einen jün­geren Spieler in der Defen­sive bauen, und ich habe mich auch gefreut, wieder in Dort­mund gefor­dert zu sein. Ganz ehr­lich, ich habe auch selten von einer Aus­leihe gehört, die so cool ver­laufen ist. Ich habe meine Spiele bekommen und etwas absolut Legen­däres von innen mit­er­lebt.

Sie meinen den erst­ma­ligen Einzug des FC in den inter­na­tio­nalen Wett­be­werb nach 25 Jahren?

Es war der Hammer. Am Abend, als wir es gepackt hatten, sollte eine Feier aller Mit­ar­beiter und Spieler statt­finden. Ich habe mich nach unserem Spiel ins Auto gesetzt und zu den zwei jungen Spie­lern Birk Risa und Nikolas Nartey gesagt: Steigt ein. Ich möchte euch etwas zeigen.“ Wir fuhren zunächst die Aachener Straße lang, die direkt vom Sta­dion zur Stadt­mitte führt. Danach hatte ich mir eine sze­ni­sche Route aus­ge­dacht, vorbei an all den Kneipen und Bars. Überall standen die Fans und ras­teten kom­plett aus. Die Jungs sind aufs Dach gestiegen. Sie sind noch jung, haben noch nicht so viele Spiele gemacht. Aber ich wollte ihnen etwas zeigen: Das ist der Fuß­ball, wir stehen nicht nur für drei Punkte oder unsere Kar­riere auf dem Platz. In sol­chen Momenten siehst du, was für einen krassen Ein­fluss der Verein und damit unsere Spiele haben. Sie haben einen Effekt auf das Leben der Leute.

Das klingt wie Ihre Spon­tan­party 2011 im Dort­munder Kreuz­viertel.

Genauso war es, nur war ich diesmal obenrum bekleidet. (Lacht.) Das ist unver­gess­lich. Noch heute kommen Leute zu mir und sagen: Ja, Lin­de­mann­straße, da war ich damals auch dabei. Direkt nach dem ent­schei­denden Spiel hatten wir im Pool der Kabine die Meis­ter­schaft gefeiert. Dann kam die offi­zi­elle Ansage: Okay, in zwei Stunden ist Abend­essen. Bis auf Kehli (Sebas­tian Kehl, die Red.) waren gerade alle zum ersten Mal Meister geworden. Wir waren total auf­ge­regt und erwar­teten etwas Beson­deres. Und dann sollen wir ruhig zum Drei-Gänge-Menü und brav essen? Nein, das war alles andere als das, was ich mit diesem Moment ver­binden wollte. So eine Feier muss inklusiv sein, nicht exklusiv. Wenn nur die Spieler fein zusam­men­sitzen, dann ist das nicht das, wofür der BVB steht. Ich stürzte mich vor dem Essen mit meinen Freunden mitten ins Getümmel der Stadt. Egal wann und wo, ich ver­traue den Fans. Was glauben Sie, was pas­siert, wenn ich in Dort­mund mein Porte­mon­naie aus dem Fenster werfen würde?

Was glauben Sie?

Ein BVB-Fan würde kommen und es zurück­bringen, ganz egal, wie viel Geld darin gewesen wäre. Ver­trauen för­dert Ver­trauen. Die Fans sind nicht abseits, son­dern immer ein wich­tiger Teil des Ver­eins. Das Feiern im Kreuz­viertel ist für mich der mit Abstand schönste Moment meiner BVB-Zeit, das muss ich ganz ehr­lich sagen. Es ist so authen­tisch. Da gab es keine Drei­klas­sen­ge­sell­schaft, kein Den oder die mag ich nicht“, nein: gemeinsam feiern und singen, alles auf Augen­höhe, alles aus dem Moment heraus, spontan. Wie tief mich das bewegt hat, wurde mir erst­mals bei einem Video im Kran­ken­haus bewusst.

Im Kran­ken­haus?

Wir spielten in der fol­genden Som­mer­vor­be­rei­tung mit dem BVB in Mainz, und ich ver­letzte mich am Kopf so schwer, dass ich nicht mehr ganz bei Bewusst­sein war. Ein pri­vater Freund beglei­tete mich ins Kran­ken­haus, als ich langsam wieder zu mir kam, aber noch voll bene­belt war. Er machte ein Video und fragte mich darin: Neven, siehst du, was du anhast?“ Und ich: Ein Trikot vom BVB? Was? Ich spiele beim BVB?!“ Ja, und du bist auch Meister geworden.“ Ich bin Meister mit dem BVB geworden? Krass.“ Dann vergaß ich wieder alles und es ging von vorne los. Ich wirke auf dem Video, als wäre ich als kleiner Junge in meinem Traum gelandet.

Sie haben aller­dings auch schlechte Tage beim BVB erlebt, als Sie aus­sor­tiert und vom Team­foto gestri­chen wurden. Damals sagten Sie uns, dass ein rie­siger Unter­schied zwi­schen dem Mit­glie­der­willen beim e.V. und den Ent­schei­dungen der KgaA bestehe.

Das ist der Lauf der Dinge im Fuß­ball. Er ent­wi­ckelt sich auf zwei Ebenen: einmal rein sport­lich mit dem Verein und seiner Gemein­schaft, auf der anderen Seite finan­ziell. Das ist nicht immer eine Sym­biose. Ein Bei­spiel: Wenn der Spieltag jetzt durch Mon­tags­spiele auf sechs ver­schie­dene Anstoß­zeiten gesplittet wird, dann geht es dabei um Fern­seh­gelder. Diese Ent­wick­lung kann man kri­tisch sehen, weil sie auf lange Sicht schäd­lich für den Sport ist. Wenn man nur den finan­zi­ellen Weg ver­folgt, fallen irgend­wann die Emo­tionen weg. Eine Mil­lion mehr oder weniger macht den Spieler nicht besser oder schneller, die Emo­tionen drum herum aber sehr wohl.

Spüren Sie eine Ent­frem­dung zwi­schen Fans und dem aktu­ellen Fuß­ball?

Ja, viele meiner Freunden haben ihre Dau­er­karte abge­geben, obwohl ihre Fami­lien seit Genera­tionen ins Sta­dion gegangen sind. Doch sie sagen: Das ist nicht mehr mein Fuß­ball.“

Manche Fans können die Summen bei Gehäl­tern und Ablö­se­summen nicht mehr ver­stehen. Ihr Gegner aus Paris hat 222 Mil­lionen Euro für einen Spieler bezahlt. Deren Sponsor“ rühmt sich damit, die besten Spieler ins Land zu holen.

Womit er auch recht hat. Nur gibt es eigent­lich dafür Regu­la­rien vom Fuß­ball­ver­band, die aber anschei­nend nicht greifen. Ich kann nur hoffen, dass der Fuß­ball in diesem Sinne wieder in die Spur zur Nor­ma­lität findet.

Sie haben 2011 ihre Luxus­güter ver­kauft. Wie kam es dazu?

Ich besaß ein Jahr lang vier Autos. Als Deut­scher Meister dreht man wohl durch, ich war dumm. Das teu­erste Auto kos­tete 75 000 Euro, außerdem hatte ich eines für 28 000, dann einen Mini für 17 000, und das vierte war geleast. Ich wohnte damals mit Kum­pels aus meiner Kind­heit in Deutsch­land und meiner Jugend in den USA zusammen in einem großen Haus. Es hieß immer: Der Junge braucht noch einen Wagen zum Ein­kaufen, der nächste einen für etwas anderes.

Gab es einen bestimmten Moment, der Sie zu dem Schritt bewogen hat?

Nein, das war eher ein län­gerer Pro­zess, ich ori­en­tierte mich nicht mehr nach außen, son­dern nach innen, zu mir selbst. Die Autos standen ein­fach rum, ohne Wert für mich, ich wollte sie los­werden. Par­allel dazu hat sich die WG auf­ge­löst, ich bin in eine kleine Woh­nung in der Stadt gezogen. Ich sah für mich ein, dass ich kein großes Haus brauche, 60 Qua­drat­meter rei­chen mir völlig. Außerdem ist man in der Stadt viel näher am Leben der Men­schen. Nach meinem Umzug grün­dete ich die Stif­tung.

Sie ent­schieden sich dafür, mit Ihrer Stif­tung in Afrika zu helfen. Warum?

Natür­lich gibt es auch hier Men­schen mit Pro­blemen. Doch ich finde es schwierig, wenn ich mich nur für Kinder im Umkreis von 50 Kilo­me­tern ein­setze. Im End­ef­fekt würde das Enga­ge­ment nur in den rei­chen Län­dern bleiben. Wir als Euro­päer haben 500 Jahre lang Afrika aus­ge­schöpft, warum sollten wir es dann in diesem Punkt weiter ver­nach­läs­sigen? Unserer Stif­tung geht es aber nicht um Kon­ti­nente oder Länder, wir wollen in die ärmsten Regionen der Welt.

Wie wählen Sie diese Orte aus?

Es gibt von der Unicef und der Welt­bank Daten dar­über, in wel­chen Län­dern den Men­schen durch­schnitt­lich weniger als 1,25 Dollar pro Tag bleibt. Das ist ja das Schlimme: Wir wissen alle seit Jahr­zehnten, dass es diese Pro­bleme gibt, dass die Men­schen nicht genug zum Über­leben haben. 660 Mil­lionen Men­schen fehlt der Zugang zu sau­berem Trink­wasser. Die Bevöl­ke­rung in der west­li­chen Welt macht sich aber nur Gedanken dar­über, was gerade in ihrer unmit­tel­baren Umge­bung pas­siert.

Woran machen Sie das fest?

Ich höre sehr oft, dass es nie so eine fried­liche Zeit wie im Augen­blick gegeben habe. Das wird gemessen an den kriegs­be­dingten Toten pro Jahr. Man darf aber nicht ver­gessen: Tag­täg­lich sterben 2000 Kinder an ver­meid­baren Krank­heiten – das ist wie ein welt­weiter Krieg. Und die Gründe dafür sind klar: Wenn es in einer Region kein sau­beres Trink­wasser gibt und keine ver­nünf­tigen Sani­tär­an­lagen, dann können sich gefähr­liche Bak­te­rien viel schneller aus­breiten. Kinder und Säug­linge sind beson­ders gefährdet, weil ihr Immun­system noch nicht so aus­ge­prägt ist. Das ist alles bekannt, trotzdem werden die Miss­stände oft igno­riert, weil es hier­zu­lande erst mal nie­manden direkt betrifft. Es gibt so viele Kriege, über die nicht berichtet wird. Ich lese momentan kaum noch Zei­tungen.

Ihre Kritik klingt relativ pau­schal. Was miss­fällt Ihnen kon­kret?

Der Nach­rich­ten­in­halt inter­es­siert nicht mehr, son­dern nur noch Emo­tionen, nur noch der Schock. Durch die Algo­rithmen der sozialen Medien wird nur noch das Extreme gepusht, siehe den Daten­skandal bei Cam­bridge Ana­ly­tica. So beharrt jeder auf seinem Stand­punkt, es gibt keine Dis­kus­sion mehr, son­dern nur noch Brül­lerei. Mit­unter ist die Sprache in den Medien schon gefähr­lich gefärbt. Heute ist die Rede von Cluster bombs“ und Kol­la­te­ral­schaden“, aus einem Bür­ger­krieg“ wird ein Proxy-Krieg“ – welch zyni­sche Begriffe! Und: Das große Pro­blem unserer Zeit wird fast nie the­ma­ti­siert, die glo­bale Ungleich­heit. Ich denke, dass sie so lange wei­ter­be­steht, wie der Kapi­ta­lismus vor­herrscht.

Auch im Sozia­lismus leiden die Leute unter Armut, zum Bei­spiel auf Kuba.

Das muss man in einem Kon­text sehen, Kuba wurde links und rechts total abge­schottet durch das Wirt­schafts­em­bargo. Trotzdem ist die Lebens­er­war­tung in Kuba ein Jahr höher als in den USA. Richtig freien Sozia­lismus kann es ja gar nicht geben – und ich sehe auch die Schwä­chen des Sys­tems. Aber im Osten zur Zeit des Kalten Krieges hatte immerhin jeder Mensch noch genug, um nicht bet­teln gehen zu müssen. In Dort­mund hin­gegen sind heute sehr viele Leute von Alters­armut betroffen, die ein Leben lang gear­beitet haben. Es muss darum gehen, ein zeit­ge­mäßes System zu ent­wi­ckeln.

Was würde das bedeuten?

Wenn jeder so viel zahlt, wie er kann, dann dient das letzt­lich allen. Die Gerech­tig­keit wird gestärkt, so etwas schafft erst Ver­trauen.

Über­setzt hieße das, Sie for­dern eine Erhö­hung des Spit­zen­steu­er­satzes?

Der Spit­zen­steu­er­satz ist ein Punkt, aber auch die Kapi­tal­ertrags­steuer, die Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer oder die Erb­schafts­steuer – kurzum all die Bereiche, von denen nur Reiche pro­fi­tieren. Die skan­di­na­vi­schen Länder ver­langen mehr Steuern, als hier in Deutsch­land über­haupt vor­stellbar erscheint. Aber Stu­dien zeigen im Gegenzug, dass die Men­schen in diesen Län­dern viel mehr Ver­trauen zuein­ander haben. Doch das ist nicht mal der wich­tigste Punkt.

Son­dern?

Die Bil­dung. Kinder von rei­chen Eltern haben viel mehr Auf­stiegs­mög­lich­keiten und das nicht, weil sie klüger sind als die anderen. Bei sozial schwä­cheren Fami­lien wird den Kin­dern der Weg ver­baut. In Deutsch­land mani­fes­tiert sich so eine Drei­klas­sen­ge­sell­schaft. Leider hat eine Partei wie die AfD dies für sich genutzt, weil die bestehenden Par­teien den Leuten keine Per­spek­tive für einen Wandel bieten. Die SPD zum Bei­spiel als klas­si­sche Arbei­ter­partei hat sich schon lange von ihren Kern­werten ent­fernt.

Lassen Sie uns noch einmal zurück zu Ihrer Stif­tung kommen. Sie bauen Brunnen im Norden Äthio­piens und reisen auch ein Mal pro Jahr dort hin. Wie genau helfen Sie dort?

Unsere Auf­gaben vor Ort sind zwei­teilig: Zum einen geht es darum zu prüfen, wie weit die Arbeiten sind. Wir haben schließ­lich eine Ver­ant­wor­tung gegen­über unseren Spen­dern. Wir nutzen die aktu­ellsten Tech­no­lo­gien. In den Gemeinden selbst kann es sehr lange dauern, bis ein Pro­blem über­mit­telt wird. Die Men­schen dort können nicht ein­fach ins Internet gehen oder zum Telefon greifen. Wir haben des­wegen SIM-Karten in den Pumpen der Brunnen ange­bracht, die uns die Raten des gepumpten Was­sers mit­teilen. Wir sehen also direkt, wenn ein Pro­blem auf­tritt. Das Wasser hatte früher die Farbe von Apfel­saft, weil es so ver­un­rei­nigt war. Nun ist es sauber.

Und der zweite Teil?

Dabei geht es um den mensch­li­chen Aspekt, also vor Ort zu sein und die Gemeinde ken­nen­zu­lernen. Die Ent­wick­lungs­ar­beit lief früher anders. Da wurde etwas hin­ge­setzt und die Leute vor Ort wussten meist nichts damit anzu­fangen. Wir wollen die Gemeinde darauf vor­be­reiten, irgend­wann selbst das Pro­jekt tragen zu können. Ein Bei­spiel ist: Es gibt dort das Wash Trai­ning“, also eine Hygiene-Übung, die Kin­dern zeigt, wie sie sich ver­nünftig waschen. Sie geben das an andere Kinder weiter. Manchmal ist Kin­der­sprache auch besser als jene der Erwach­senen.

Es geht also nicht nur um den Bau von Brunnen?

Im Mit­tel­punkt stehen die Mög­lich­keiten für die Kinder. Wenn ein Kind nicht mehr sechs Kilo­meter laufen muss, um sau­beres Wasser zu bekommen, son­dern es vor Ort findet, dann kann es in dieser Zeit in die Schule gehen. In einem Ort, in dem wir geholfen haben, kamen inner­halb eines Jahres 40 Pro­zent mehr Kinder zum Unter­richt. Die kleinen Kinder träumen davon, Ärzte oder Lehrer zu werden. Auch wenn sie selbst nicht viel haben, ist ihr Antrieb, anderen zu helfen.

Reden Sie eigent­lich mit Ihren Mit­spie­lern über Ihre Pro­jekte oder Politik?

Zum Teil, aber das sind nicht unbe­dingt Themen für die Kabine. Wir haben meis­tens auch nicht so viel Zeit. Es geht eher ums Trai­ning oder die Spiele. Aber natür­lich erzähle ich etwas von der Stif­tung, so man­cher fragt auch mal nach. Für eine tie­fere Aus­ein­an­der­set­zung muss man sich jedoch mehr Zeit nehmen.

Sind Sie mit Mit­spie­lern befreundet?

Ich würde es auf eine par­al­lele Ebene stellen. Mit Roman (Wei­den­feller, d. Red), Schmelle (Marcel Schmelzer), Nuri (Sahin) und Pis­zschu (Lukasz Piszczek) ver­bindet mich viel, allein durch unsere gemein­samen Erleb­nisse. Ich kann ihnen ver­trauen, wenn es brenzlig wird. Das sind eher meine Brüder.

Einer­seits sehen Sie, dass Men­schen in Afrika kein sau­beres Trink­wasser haben. Ande­rer­seits bewegen Sie sich in der Fuß­ball­branche unter Mil­lio­nären. Wie schaffen Sie den Spagat?

Ich bin selten in diesem Highlife unter­wegs, ich nehme vom Fuß­bal­ler­leben nur das Sport­liche mit. Ich bin Fuß­ball­lieb­haber, mir geht es um das Spiel, nicht um das Drum­herum. Gemeinsam spielen und gewinnen, dann mit den Fans feiern – das will ich.