Jörg Hein­rich, kurz vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung wech­selten Sie im Sommer 1990 aus bran­den­bur­gi­schen Pro­vinz vom DDR-Ligisten Chemie Velten zu Kickers Emden nach Ost­fries­land. Ein unge­wöhn­li­cher Schritt für einen jungen, ambi­tio­nierten Fuß­baller. Wie kam’s?
Nach dem Mau­er­fall wurde uns Spie­lern in der zweiten Liga mit­ge­teilt, dass der Spiel­be­trieb in der gewohnten Form nur noch bis zum Sommer 1990 auf­recht­erhalten werden könne. Danach wurden die Betriebe von den Ver­einen gelöst und die Finan­zie­rung des Fuß­balls fiel weg. Kurz gesagt: Ich brauchte eine neue Per­spek­tive.

Sie waren zwanzig und hoch­ta­len­tiert. Gab es keine anderen Optionen?
Ich hätte 1990 die Mög­lich­keit gehabt, noch für seine Saison in der Ober­liga für Stahl Eisen­hüt­ten­stadt zu spielen. Wie es danach für den Klub wei­ter­gehen würde, war aber eben­falls unklar. Das Angebot, zu Kickers Emden zu wech­seln, schien mir in der Situa­tion nach­hal­tiger.

Aus der zweiten Liga der DDR zu einem Viert­li­gisten in der äußersten nord­west­li­chen Peri­pherie der Bun­des­re­pu­blik.
Der aller­dings einen potenten Sponsor im Hin­ter­grund hatte: Der Tank­stel­len­un­ter­nehmer Dr. Riedl plante, Kickers vor­an­zu­bringen. Er schickte des­halb Bern­hard Janssen, den dama­ligen Trainer, in die neuen Länder, um nach jungen, hung­rigen Spie­lern zu suchen. Riedls erklärtes Ziel war, mit Kickers mit­tel­fristig bis in die zweite Liga vor­zu­dringen. Und das klang für mich inter­es­sant.

Erin­nern Sie sich noch an den ersten Kon­takt mit den Emdern?
Der resul­tierte aus einem Zufall. Bern­hard Janssen fuhr wie gesagt durch die neuen Länder und schaute sich Spiele an. Anfang Mai 1990 spielten wir mit Velten bei Dynamo Schwerin – bei denen übri­gens ein gewisser Steffen Baum­gart Stürmer war. Wir gewannen das Spiel mit 2:1 und kurz darauf tauchte Janssen bei einer Trai­nings­ein­heiten auf und sprach mich an.

Hat es gleich gefunkt?
Der Trainer hat sich brutal um uns bemüht. Er lud meine Team­kol­legen Detlev Uecker, Jörg Müller und mich nach Emden ein, zeigte uns die Stadt und machte uns die ganze Sache unheim­lich schmack­haft. Nach dem Wochen­ende am Dol­lart hockten wir drei uns zusammen und ent­schieden gemeinsam, dass wir das Aben­teuer Ost­fries­land ein­gehen.

Wären Sie auch ohne die Kol­legen hin­ge­gangen?
Wahr­schein­lich nicht. Wir waren gute Kum­pels, hatten in Velten eine gute Zeit gehabt, so passte das ein­fach sehr gut.

Wie ver­än­derte sich Ihr Leben nach dem Wechsel?
Mir war schon klar, dass es für meine Ent­wick­lung als Fuß­baller auch ein Rück­schritt sein konnte. Vorher hatte ich zwei Mal täg­lich trai­niert, lebte fak­tisch wie ein Profi. Nun fing ich eine Aus­bil­dung zum Büro­kauf­mann in der Zen­trale von Riedls Score“-Tankstellenfirma an, was jeden Tag acht Stunden Arbeit bedeu­tete.

Wie muss man sich Ihren Tages­ab­lauf vor­stellen?
Nach dem Job fuhr ich zum Trai­ning und wenn ich abends um zehn Uhr zuhause war, blieb gerade noch Zeit, die dre­ckigen Sachen in die Wasch­ma­schine zu werfen. Anfangs habe ich sogar in der Früh­schicht im VW-Werk vom Hafen aus Autos nach Asien ver­schifft. Diese Zeit war mit sehr viel Müdig­keit am frühen Morgen ver­bunden, denn gerade in den kalten Monaten kam ich bei den ost­frie­si­schen Wet­ter­be­din­gungen oft nur schwer aus dem Bett. Und trotzdem: Ich möchte keine Sekunde dieser Zeit missen, nicht nur weil sie wahn­sinnig auf­re­gend war und alles so neu und anders war, son­dern weil sie mich nach­haltig als Mensch geprägt hat.

Der Trainer kaufte mir im Super­markt ein Fahrrad, mit dem ich fortan brav zur Arbeit und dann zum Trai­ning radelte”

Jörg Heinrich

Hatten Sie in der DDR in einem Zivil­beruf gear­beitet?
Ich hatte eine Aus­bil­dung als Schlosser abge­schlossen, aber danach hatte ich nie in dem Beruf gear­beitet. Als ich wegen des Fuß­balls nach Velten kam, erhielt ich eine Füh­rung durch das Gum­mi­werk, damit ich – sinn­gemäß – zumin­dest wusste, wo meine Arbeits­stelle als Werk­tä­tiger lag. Ich glaube, die haben Reifen her­ge­stellt, genau weiß ich es aber gar nicht, denn ich lebte aus­schließ­lich für den Fuß­ball.

Wie wurden Sie bei Kickers Emden ent­lohnt?
Reich bin ich da nicht geworden. (Lacht.) Einige Mit­spieler bekamen ein Auto gestellt, mit mir ging Trainer Janssen kurz nach der Ankunft in den Super­markt und ich durfte mir ein Fahrrad aus­su­chen, mit dem ich fortan brav jeden Tag erst zur Arbeit und anschlie­ßend zum Trai­ning radelte. Aber das war alles nicht so wichtig. Wissen Sie, ich kam nicht mit dem Ziel nach Emden, irgend­wann Profi zu werden. Am Anfang gab mir Kickers eine beruf­liche Per­spek­tive und par­allel die Mög­lich­keit, unter guten Vor­aus­set­zungen Fuß­ball zu spielen. Das mehr draus werden könnte, wurde mir erst mit der Zeit bewusst.

Ossis in Ossiland

Nach dem Mau­er­fall träumen ost­frie­si­sche Ama­teur­klubs vom großen Erfolg und locken etliche DDR-Fuß­baller mit der Aus­sicht auf ein neues Leben an die Nordsee.

Welche Rolle spielte Bern­hard Janssen für Ihr Ankommen in Ost­fries­land?
Der Trainer war ein väter­li­cher Freund, der mir auch neben dem Platz viel half, der jeden Behör­den­gang mit­machte und mich bei der Woh­nungs­suche unter­stützte. So etwas ver­gisst man nicht. Bis heute treffen Bern­hard und ich uns hin und wieder – und immer gern.

Was war in Emden ganz anders als in der DDR?
Ich hatte das Gefühl, im gol­denen Westen gelandet zu sein. Vor den Super­märkten musste ich nicht mehr anstehen, wir Fuß­baller wurden von den Ost­friesen sehr positiv auf­ge­nommen und auch die sport­li­chen Bedin­gungen waren besser als bei vielen Ver­einen im unter­klas­sigen Fuß­ball der DDR: Es hingen fri­sche Netze in den Toren, der Rasen war gepflegt, das Sta­dion wurde aus­ge­baut und wir wurden mit Tri­kots und Trai­nings­an­zügen aus­ge­stattet – und mussten nicht, wie im Osten, zusehen, wie wir unser Zeug zusam­men­halten.

Der Ost­friese gilt gemeinhin als eher maul­faul gegen­über Fremden. Wie haben Sie das emp­funden?
Ganz anders. Nicht nur wir waren gespannt auf das Leben im Westen, auch die Ost­friesen waren neu­gierig auf uns Ossis. So viele hatte sie im Sommer 1990 offenbar noch nicht an der Nordsee erlebt. (Lacht.) Okay, wenn man ins Umland von Emden fuhr, war das Platt­deut­sche sehr gebräuch­lich. Da musste ich mich erst einmal rein­fuchsen, weil es wie eine Fremd­sprache klang. Ansonsten herrschte Anfang der Neun­ziger in Bezug auf Kickers eine große Auf­bruchs­stim­mung in der Stadt. Und uns Fuß­bal­lern schlug, wenn wir durch die Fuß­gän­ger­zone bum­melten, von vielen Seiten eine große Euphorie ent­gegen.

In den Fol­ge­jahren kamen immer mehr Spieler aus der ehe­ma­ligen DDR. Zeit­weise lief Kickers mit mehr als einem halben Dut­zend Ex-Ossis auf. Sie spielten ins­ge­samt vier Jahre für den Klub.
Gleich im ersten Jahr stiegen wir in die dritte Liga auf. In der Saison 1993/94 ließen wir in der Ober­liga trotz eines eher über­schau­baren Bud­gets sogar die Zweit­li­ga­ab­steiger VfB Olden­burg, Ein­tracht Braun­schweig und den VfL Osna­brück hinter uns und wären um ein Haar auf­ge­stiegen. Die Zuschauer rannten uns die Bude ein. Bei nor­malen Liga­spielen waren fast immer 2500 Zuschauer im Sta­dion, zu den Auf­stiegs­spielen kamen dann mehr als 10 000 Besu­cher zu den Spielen – knapp ein Fünftel der Gesamt­be­völ­ke­rung Emdens.

Wie müssen wir uns den Zusam­men­halt im Team vor­stellen?
Wir wurden von der Euphorie getragen und hatten das Glück, oft am Frei­tag­abend unter Flut­licht zu spielen und dann am Wochen­ende frei zu haben. Nach Siegen haben wir oft spontan die Nacht zum Tag gemacht und kehrten mit der Mann­schaft und den Frauen in die Emder Kneipe Kulisse“ ein. Und manchmal endeten diese Abende in klei­nerer Beset­zung auch bei mir in der Woh­nung.

Ihre alten Kum­pels Detlev Uecker und Jörg Müller blieben nach der aktiven Zeit in Ost­fries­land. Hätten Sie sich vor­stellen können, in Emden alt zu werden?
Nein, das nicht. Denn es boten sich mir bald immer mehr Optionen, höher zu spielen. Im Früh­jahr 1993 wurde ich von Ein­tracht Braun­schweig zum Pro­be­trai­ning ein­ge­laden. Schon auf dem Weg dahin war ich über­zeugt, dass die mich haben wollen. Und so war es. Aber am Sai­son­ende stieg Ein­tracht ab und ich ent­schied, noch ein Jahr in Emden dran­zu­hängen.

Mit anderen Worten: Das Ziel Pro­fi­fuß­ball nahm nun rasant Formen an?
Ich war mir irgend­wann sicher, dass ich auch ein oder sogar zwei Klassen höher mit­halten kann. Nach der Saison 1993/94 wurde ich zum Ober­liga-Spieler des Jahres“ gewählt und bekam etliche Ange­bote von Pro­fi­ver­einen.

Nach Siegen haben wir oft spontan die Nacht zum Tag gemacht und kehrten mit der Mann­schaft und den Frauen in die Emder Kneipe Kulisse“ ein. Und manchmal endeten diese Abende in klei­nerer Beset­zung auch bei mir in der Woh­nung”

Jörg Heinrich

Wie kam Ihr Wechsel in die Bun­des­liga zum SC Frei­burg zustande?
Wieder ein Zufall. Frei­burg-Prä­si­dent Achim Sto­cker machte wegen der guten Luft oft Urlaub an der Nordsee und wollte bei der Gele­gen­heit im Herbst 1993 einen Spieler vom SV Werder II beob­achten, gegen die wir in der Ober­liga antraten. Wir gewannen das Heim­spiel mit 3:0, ich machte zwei Tore und war wohl ganz gut. Volker Finke hatte meinen Namen über seine alten Kon­takte zum TSV Havelse auch mal gehört, sodass wir bald in die Ver­hand­lungen ein­stiegen.

Keine Angst davor, in der Bun­des­liga zu schei­tern?
Nein, ich habe mir das zuge­traut. Der SC Frei­burg hatte in der Vor­saison gerade so die Klasse gehalten. Zur neuen Saison ver­pflich­tete Volker Finke zwei Spieler aus der zweiten Liga, dazu mich aus der dritten. Der hatte ein gutes Auge für Fuß­baller. Und ich dachte: Soviel besser als ich können die auch nicht sein.

Jörg Hein­rich, was ist aus Ihrer Zeit in Ost­fries­land geblieben?
Die Erin­ne­rung an eine sehr erfolg­reiche Zeit und viele nette Men­schen, die dafür sorgen, dass ich immer gern nach Emden komme. Im Herbst ist dort dieses Spaß­län­der­spiel Ost­fries­land gegen die DDR (am 9. Oktober 2021 im Ost­fries­land­sta­dion Emden, d.Red.) geplant, zu dem ich ein­ge­laden wurde. Hof­fent­lich lassen es die Ter­mine zu, dass ich da auf­laufen kann. Ich würde gern die alten Leute und Emden mal wie­der­sehen.