Jimmy Hartwig, vor einigen Jahren hat die 11FREUNDE-Redak­tion Ham­burgs 4:3‑Sieg gegen den FC Bayern vom 24. April 1982 auf Platz 27 der 100 größten Spiele aller Zeiten gewählt. Wo steht dieses Spiel in Ihrer per­sön­li­chen Rang­liste?
Wel­ches Spiel war denn auf Platz eins?

Das 7:3 von Bayer Uer­dingen gegen Dynamo Dresden.
Auch ein tolles Spiel. Ich glaube, in meiner Top 100 wäre das Spiel Bayern gegen den HSV unter den ersten zehn Plätzen. Haben Sie eigent­lich gewusst, dass alle Tor­schützen des Spiels mit dem Buch­staben H“ beginnen? Hoeneß, Hors­mann, von Heesen, Hru­besch…

…Hartwig.
Dubios, oder? Wie dem auch sei, das Spiel war neben dem 5:1 gegen Real Madrid im Euro­pa­pokal der Lan­des­meister 1980 das größte HSV-Spiel, das ich je mit­er­lebte.

Wann haben Sie sich das letzte Mal die Bilder von jenem 4:3 in Mün­chen ange­sehen?
Ach, das ist schon eine ganze Zeit her. Ich erin­nere mich, dass ein Kumpel vor meiner Haustür stand und ein Video­band in der Hand hielt: Jimmy, das gucken wir uns jetzt an“, sagte er. Und dann sah ich noch mal meinen Kopf­ball, den ich dem Jung­hans ins Tor zim­merte – wie ein Schuss.

Sind Sie ein Nost­al­giker?
Über­haupt nicht. Natür­lich ist es schön, Bilder von früher noch mal zu sehen, doch ich klebe nicht in der Ver­gan­gen­heit. Ich war immer einer, der nach vorne guckt.

Wie weit weg ist dieses Spiel heute für Sie? Erscheint es Ihnen wie ein fremdes Leben, wenn Sie über diese Zeit spre­chen?
Nein, das nicht. Ich erin­nere mich noch immer an sehr viele Dinge aus diesen Tagen. Zum Bei­spiel daran, dass ich nach dem Bayern-Spiel ins Aktu­elle Sport­studio“ nach Mainz ein­ge­laden wurde. Im Flug­zeug, auf dem Weg dorthin, traf ich den dama­ligen Bun­des­trainer Jupp Der­wall. Der war eben­falls Gast an diesem Abend.

Wor­über unter­hielten Sie sich im Flug­zeug?
Ich wollte ihn über­zeugen, dass ich in die Natio­nal­mann­schaft gehöre. Ich glaube auch heute noch, dass es damals keinen bes­seren Spieler auf meiner Posi­tion gab. Ich schoss in der 82er-Saison 14 Tore in 30 Spielen. Als defen­siver Mit­tel­feld­spieler! Heute wäre jeder Spieler mit einer annä­hernd ähn­li­chen Quote Stamm­spieler unter Löw.

Ließ Jupp Der­wall sich über­zeugen?
Ach, der Jupp. Das war ein­fach eine andere Zeit. Damals reichte es nicht aus, drei- oder viermal den Ball hoch­zu­halten. Nicht mal diese 14 Tore reichten. Ich spielte in Jugend­na­tio­nal­mann­schaften, in der deut­schen B‑Elf als Kapitän, brachte kon­stant gute Leis­tungen. Jupp Der­wall aber, der hat das alles ganz anders gesehen. Wie so viele Leute in meinem Leben manche Dinge häufig anders gesehen haben als ich.

Wie frus­trie­rend war es, nach diesem Spiel, Ihrem Tor, der fast sicheren Meis­ter­schaft, eine solche Absage zu erhalten?
Ich war schon sauer, ohne Zweifel. Ich wie­der­holte meine Kritik an ihm auch im Aktu­ellen Sport­studio“. Doch Der­wall schal­tete auf stur. Dann erzählte er mir, dass er ein Über­an­gebot an guten deut­schen Defen­siv­spie­lern hätte. Der Bernd Förster würde angeb­lich auf meiner Posi­tion spielen. Ich ant­wor­tete: Tja, leider habe ich keinen Bruder und kein blondes Haar.“ Der­wall schluckte. Trotz der eisigen Stim­mung ließ ich mir den Sieg bei den Bayern an diesem Abend nicht mehr ver­derben.

Gerade dieses Spiel wird in vielen Rück­bli­cken oft als Refe­renz für den Fuß­ball, wie er früher war her­an­ge­zogen. Wie war er denn genau: der Fuß­ball in diesem Spiel?
Natür­lich gab es auch damals schon tak­ti­sche Kniffe, und es gab auch Mann­schaften, die defensiv spielten. Aber wenn es um viel ging, dann war die Aus­rich­tung meist offensiv – nicht so wie heute. Das Publikum sollte auf den Plätzen stehen und ein­fach den Mund nicht mehr zube­kommen. Da konnten Spiele auch mal 3:3 oder 5:5 aus­gehen. Das ist Fuß­ball für mich gewesen. Wer will schon ein 1:0 sehen?!

In dem Spiel ging es aber um fast alles. Der Vor­sprung des HSV wäre bei einer Nie­der­lage auf einen Punkt geschrumpft. Den­noch begann ab der ersten Minute ein offener Schlag­ab­tausch. War das nicht kopflos?
Auf keinen Fall. Das war Hap­pels Hand­schrift. Und Happel kopflos zu nennen, wäre Majes­täts­be­lei­di­gung. Für Happel, aber auch für mich, gab es nichts Schlim­meres als Nie­der­lagen. Grausam aber waren vor allem solche Spiele, die 0:1 ver­loren gingen. Ich dachte immer: Wenn schon ver­lieren, dann aber richtig.

Die offen­sive Aus­rich­tung beider Mann­schaften über­raschte Sie dem­nach über­haupt nicht.
Nein. Die Bayern konnten im eigenen Sta­dion ja nicht mauern, die mussten gewinnen, um die letzte Chance auf die Meis­ter­schaft zu wahren. Das wussten wir vorher. Und Hap­pels Devise lau­tete immer: Wir wollen Deut­scher Meister werden. Und des­halb werden auch wir volle Offen­sive spielen. Nie­mand wird Meister, wenn er sich hinten rein­stellt. Dabei war es Happel egal, ob der Gegner Darm­stadt 98 oder FC Bayern Mün­chen hieß.

Sie gewannen dieses Spiel zwar, Meister waren Sie jedoch noch nicht. Inwie­fern war dieses Spiel das ent­schei­dende Spiel, gewis­ser­maßen das vor­weg­ge­nom­mene Finale der Saison?
Wir wussten nach dem Spiel: Das war’s! Was sollte uns auch noch pas­sieren? Wir sind in der Woche danach mit so breiter Brust durch die Straßen gelaufen, dass die Fuß­gänger vor Angst die Stra­ßen­seite gewech­selt haben.

Bis Januar 1983 blieb der HSV ohne Nie­der­lage. Glauben Sie, dass der Mythos der Unbe­sieg­baren sich auch in dem Erfolg gegen die Bayern begründet liegt?
Ja, bestimmt. Vor Mann­schaften, die bei den Bayern gewinnen, hatte man ja per se Respekt. Aber wir gewannen dort nicht 1:0 oder 2:1, wir siegten nach einem 1:3‑Rückstand mit 4:3. Vor diesem HSV, der in einer sol­chen Phase der Meis­ter­schaft, gegen so einen Gegner, nach einem sol­chen Rück­stand, in dieser Art und Weise gewinnt, erstarrten manche Mann­schaften in den kom­menden Wochen und Monaten in Ehr­furcht. Die meisten hatten die Hosen schon voll, wenn sie auf dem Spiel­plan nur die drei Buch­staben H, S und V lasen.

In Ham­burg dachte man gar nicht mehr über mög­liche Nie­der­lagen nach?

Man mag das für arro­gant halten, aber ja, genau so war es. Die Spie­ler­frauen stellten sich stets darauf ein, dass sie am Mon­tag­morgen mit der Sieg­prämie shoppen gehen können. Ich hab dann manchmal gesagt: Schatz, kannst dir den Mantel heute schon kaufen, wir gewinnen sowieso.“ Nach dem furiosen Jahr hatte sie einige Mäntel im Schrank (lacht).

Glauben Sie, dass der HSV auf den letzten Metern der Meis­ter­schaft ein­ge­knickt wäre, wenn er an diesem Nach­mittag im April in Mün­chen nicht gewonnen hätte?
Viel­leicht wäre alles anders gekommen. Meis­ter­schaft pfutsch, Euro­pa­pokal pfutsch, die ganze Ära würde heute viel­leicht unter einem anderen Licht stehen. Aber es ist hane­bü­chen, dar­über nach­zu­denken. Ich bin auch fest davon über­zeugt, dass wir trotzdem Meister geworden wären. Viel­leicht nicht so sou­verän, viel­leicht hätten wir am Ende etwas gezit­tert, aber wir waren in unseren Leis­tungen in dieser Saison ein­fach viel zu stabil.

Häufig ver­krampfen Mann­schaften gerade in sol­chen Situa­tionen. Wie schaffte es die Mann­schaft, nicht in Hys­terie zu ver­fallen und sich mit einer geballten Wucht gegen die Nie­der­lage zu stemmen?
Wir waren ein Team. Das war unglaub­lich wichtig für dieses Spiel und die ganzen Happel-Jahre. Ich würde uns nicht mal als Freunde bezeichnen, doch als ein­ge­schwo­rene Gemein­schaft. Alle zogen gemeinsam an einem Strang. Ob es nun Spieler wie Hru­besch, Stein oder Weh­meyer waren oder der alte Bandit Günter Netzer. (lacht) Natür­lich waren wir alle sehr unter­schied­lich. Doch Happel, der irgendwie über allen schwebte, hielt uns zusammen. Und in sol­chen Spielen, die auf der Kippe standen, war das unglaub­lich wichtig.

Wie war Ihr Ver­hältnis zu Ernst Happel?
Sehr gut. Ich war ja so eine Art Zieh­sohn von ihm. Und er konnte mich immer richtig ein­schätzen, er wusste, dass ich ein Hitz­kopf bin und akzep­tierte das. Für mich ist Happel der beste Trainer, unter dem ich je gespielt habe – sowohl vom Fuß­ball­ver­stand als auch vom Mensch­li­chen her konnte ihm nie­mand das Wasser rei­chen. Selbst Franz Becken­bauer sagt das. Ich bin manchmal geschäft­lich in Wien und gehe dann gerne zum Grab von Ernst Happel und unter­halte mich mit ihm.

Über was reden Sie?
Ich halte Zwie­ge­spräche mit ihm. Übers Leben.

Man sagt, der Erfolg der Happel-Jahre beruhte vor allem auf der Achse Kaltz-Magath-Hru­besch. Ihr Name taucht in Retro­spek­tiven eher selten auf. Ver­bit­tert Sie das?
Nein. Ich weiß, was ich geleistet habe, ich war eine der großen Stützen des Teams. Und ich weiß auch, dass man mich heute kennt. Und vor allem weiß ich, was Happel von mir hielt. Ich hatte immer sein volles Ver­trauen.

Sprach Ernst Happel vor den Spielen per­sön­lich mit Ihnen?
Ich hatte häufig Son­der­auf­gaben. Oft kam Happel in der Kabine zu mir und sagte: Jimmy, schalte ein­fach den Spiel­ma­cher aus. Und wenn du dann noch mit nach vorne gehst und Tore schießt, dann kannst du heute Abend auch wieder auf die Ree­per­bahn und einen saufen.“ (lacht)

Was gab er Ihnen vor dem 4:3‑Spiel beim FC Bayern mit auf den Weg?
Er wusste, dass ich ins Sport­studio ein­ge­laden war. Die Ree­per­bahn fiel flach…

Hatten Sie eine Son­der­auf­gabe?
Ich sollte Karl-Heinz Rum­me­nigge aus­schalten.

Das ent­schei­dende Duell des Spiels?
Viel­leicht. Er erzielte ja kein Tor.

Zur Halb­zeit lag der HSV mit 1:2 zurück. Was sagte Happel in der Kabine?
Er meckerte im feinsten Wiener Schmäh. Ihr Huren­söhne“, schrie er. Geht’s daher!“ Aber er moti­vierte uns, er sta­chelte uns an.

In der 64. Minute fiel dann aber das 3:1 für die Bayern. Einen durchaus halt­baren Kopf­ball von Dieter Hoeneß ließ Uli Stein durch die Hand­schuhe gleiten…
Ja, das stimmt. Der Uli hat sich schon manchmal so ein Ei rein­ge­legt. Aber der hatte in der Saison schon so viele Spiele für uns gewonnen. Uns hat das nicht erschüt­tert. Es ging weiter nach vorne. Der abso­lute Wahn­sinn war natür­lich das Anschlusstor von Thomas von Heesen. Der war damals gerade mal 20 Jahre alt, und dann mar­schiert der über den ganzen Platz und häm­mert den Ball ins Eck. Das war ein ganz typi­sches HSV-Tor.

Inwie­fern?
Beim HSV war es zu der Zeit so: Ein Spieler, egal wie alt er ist, ob 20 oder 35, schnappt sich den Ball und dann ging’s los. Immer nach vorne. Immer mit dem Zug zum Tor. Oder auf der Suche nach der Holz­birne von Horst Hru­besch. Wie beim Tor zum 4:3.

War dieser Sieg für Sie auch eine per­sön­liche Genug­tuung, weil Sie gegen all die Spieler groß auf­trumpften, die Ihnen in der Natio­nal­mann­schaft vor­ge­zogen wurden?
Genug­tuung würde ich es nicht nennen. Natür­lich ist es immer ein tolles Gefühl in Mün­chen zu gewinnen, denn die Bayern waren auch damals das Maß aller Dinge. Und es hat mich auch ins­ge­heim gefreut, dass Paul Breitner in diesem Spiel über­haupt nicht zum Zuge kam.

Wieso?
Wir waren nie die besten Freunde. In den Monaten vor der WM 1982 hat er sich bei Jupp Der­wall wie­der­holt gegen mich und für die Nomi­nie­rung von Hansi Müller aus­ge­spro­chen. Letzt­lich wurde ich nicht in den WM-Kader berufen – Hansi Müller, der damals noch mit den Folgen einer Ver­let­zung zu kämpfen hatte, wurde mir tat­säch­lich vor­ge­zogen. Das war schon bitter. Breitner hat mir so im Grunde eine Welt­meis­ter­schaft geklaut.

Wie begeg­neten Sie Breitner vor und nach dem Spiel?
Ach, ich bin ihm aus dem Weg gegangen. Ich muss ja nicht mit dem ins Bett gehen, ich bin ja nicht seine Frau.