Seite 3: „Mehr Leidenschaft geht nicht“

Beim Dribb­ling geht Ihr Team aber durchaus ins Risiko, in der Bun­des­liga drib­beln nur die Bayern häu­figer.
Aber unsere Dribb­lings finden meis­tens in der geg­ne­ri­schen Hälfte statt, im tor­ge­fähr­li­chen Bereich auf den letzten 30 Metern. Da muss ich ins­be­son­dere bei Geg­nern, die viele Beine hin­term Ball haben, irgend­wann Ket­ten­re­ak­tionen erzeugen. Dazu gibt es unter­schied­liche Mög­lich­keiten: ein gutes Ver­ti­kal­spiel, mit dem ich mal ein paar Linien über­spiele, fle­xible Kom­bi­na­tionen oder eben ein gewon­nenes Dribb­ling.

Sie lassen für ein Spit­zen­team unge­wöhn­lich viele lange Bällen spielen, wäh­rend einige ihrer Trai­ner­kol­legen das aus­drück­lich ver­bieten, weil es dabei nur eine 50:50-Chance gibt, den Ball zu behalten. Was würden Sie denen erwi­dern?
Für mich ist der lange Ball eine gute Form der Spiel­ent­wick­lung, ins­be­son­dere wenn der Gegner früh atta­ckiert. Ich will schließ­lich in den tor­ge­fähr­li­chen Raum vor die geg­ne­ri­sche Vie­rer­kette kommen oder nach Mög­lich­keit sogar dahinter. Das kann ich durch viele kurze Pässe vor­be­reiten. Aber auch durch tiefe lange Bälle oder wenn wir auf den zweiten Ball gehen, sind wir mit relativ wenig Risiko schon da. Und wir ver­su­chen aus dem 50:50 ein 70:30 zu machen. Das ist eine Option, die wir sehr gut beherr­schen.

Keine Mann­schaft in der Bun­des­liga bestreitet so viele Zwei­kämpfe wie Bayer Lever­kusen. Ist Fuß­ball für Sie ein Kampf­sport?
Fuß­ball ist manchmal ein ästhe­ti­scher Sport, ele­gant und geschmeidig, aber es muss auch rap­peln.

Damit in Lever­kusen end­lich die berühmte Kom­fort­zone“ geschlossen wird, die Ihr Vor­vor­gänger Bruno Lab­badia aus­ge­macht hatte?
Die ist für mich eine Legende. Wenn ich daran denke, wie sich die Mann­schaft gegen Atlé­tico Madrid prä­sen­tiert hat, kann von Kom­fort­zone keine Rede sein. Atlé­tico steht wie keine Mann­schaft in Europa für die Men­ta­lität, alles zu geben, um mit allen Mit­teln ein Spiel zu gewinnen. Gegen die will nie­mand spielen, weil sie quasi nur lange Bälle spielen und auf Stan­dards und zweite Bälle setzen. Damit rauben sie fast jedem Gegner den Nerv, aber wir haben in Lever­kusen ein sehr gutes Spiel gemacht, viel­leicht sogar zu niedrig gewonnen und sind im Rück­spiel am Ende mög­li­cher­weise Opfer unserer Uner­fah­ren­heit geworden. Aber: Mehr Lei­den­schaft, als wir gegen sie gezeigt haben, das geht nicht.

Seit März hat Ihre Mann­schaft kaum noch Gegen­tore kas­siert, haben Sie die Spiel­weise still und heim­lich modi­fi­ziert?
Man muss sie immer opti­mieren, das hört nie auf. Ent­schei­dend ist aber, dass die Abstim­mung ein­fach besser geworden ist, und wir jetzt so über 90 Minuten spielen können. Vorher hat sich der eine oder andere manchmal noch gedank­lich aus­ge­klinkt, und dann ent­standen Räume für den Gegner. Außerdem bekommen wir einen bes­seren Rhythmus im Spiel hin. Wir fil­tern im Ball besitz die Situa­tionen heraus, in denen wir erkennen: Der Top­ball ist jetzt nicht mög­lich, also machen wir was Neues, ohne dabei ein­zu­schlafen.

Oft sieht es aber sehr hek­tisch aus.
Unsere Spiele sehen für alle, die das nicht gewohnt sind, manchmal hek­tisch und nervös aus. Dann sollten Sie sich besser erst gar nicht unser Trai­ning angu­cken. Da spielen beide Mann­schaften so und es kommt eine unge­heure Akti­ons­dichte und ein hoher räum­li­cher wie zeit­li­cher Druck zustande. Für die Spieler ist das eine super Schule.

Im Grunde for­dern Sie jedes Mal Voll­gas­fuß­ball“, ohne das so zu nennen. Aber nicht in jedem Spiel kann man nur Gas geben, und nicht jede Partie ist ein Sai­son­hö­he­punkt. Wie findet man das rich­tige Maß?
Wir haben das schon ganz gut gemacht, es war schließ­lich die erste Saison unter diesen Vor­gaben und für einige Spieler auch die erste inter­na­tio­nale Saison. Aber es stimmt schon: Ein Trainer muss erkennen, was mög­lich ist und was nicht. Natür­lich wünscht man sich immer 100 Pro­zent von seiner Mann­schaft, aber das ist natür­lich nicht mög­lich, weil das auch eine men­tale Anstren­gung ist und nicht nur die phy­si­sche.

Muss man für Ihre Spiel­weise eigent­lich mehr laufen?
Eher: mehr sprinten. Ich kenne nur die Sta­tistik nach der Hin­runde, da sind wir in der Bun­des­liga pro Minute Net­to­spiel­zeit am meisten gelaufen und gesprintet. Dafür jedoch war unsere Net­to­spiel­zeit deut­lich nied­riger als etwa die beim FC Bayern, weil bei uns das Spiel häu­figer unter­bro­chen und der Ball im Aus ist.

Ihre Mann­schaft muss viel sprinten, dau­ernd Zwei­kämpfe bestreiten und muss ständig kon­zen­triert sein. Ist es für einen Fuß­ball­profi eigent­lich kar­rie­re­ver­kür­zend, so intensiv zu spielen?
Nein, so gewaltig ist der Unter­schied nicht. Aber die Rege­ne­ra­tion und der Lebens­wandel müssen natür­lich per­fekt sein. Und man muss die Spieler ath­le­tisch auf höchstes Niveau ent­wi­ckeln.

Für die Fit­ness spricht, dass Lever­kusen trotz Drei­fach­be­las­tung viel weniger Aus­fälle durch Ver­let­zungen hatte als Bayern Mün­chen, Borussia Dort­mund und Schalke 04. Liegt es am rich­tigen Trai­ning? Hat es damit zu tun, dass die Mann­schaft relativ jung ist, oder hatten Sie ein­fach Glück?
Zu den anderen Klubs kann ich nichts sagen. Aber wir ver­su­chen, die Spieler sehr gewis­sen­haft in eine gute gesamt­kör­per­liche Ver­fas­sung zu bringen, denn ein Körper ist letzt­lich immer nur so stark wie der schwächste Muskel.

Ihre erste Saison in Lever­kusen war mit dem Errei­chen eines Cham­pions-League-Platzes, dem Vier­tel­fi­nale im DFB-Pokal und Ach­tel­fi­nale in der Cham­pions League sehr erfolg­reich. Haben Sie die Sorge, dass Ihre Spiel­weise in der kom­menden Saison ent­schlüs­selt ist?
Nein. Wie wir spielen, ist sowieso leicht zu ent­schlüs­seln. Aber unserer Spiel­weise kann man sich trotzdem nur schwer ent­ziehen.