Seite 2: „Wir haben es auf die Spitze getrieben“

War es schwer, der Mann­schaft eine derart radikal andere Spiel­weise zu ver­passen, Sie hatten es schließ­lich nicht mit Berufs­an­fän­gern zu tun?
Ich musste sie natür­lich davon über­zeugen, dass wir so erfolg­reich sein können.

Dann dürften die ersten neun Sekunden dieser Saison mit dem Rekordtor von Karim Bel­la­rabi in Dort­mund das Beste gewesen sein, was Ihnen pas­sieren konnte?
Selbst wenn ich es mir hätte erträumen können, wäre ich darauf nicht gekommen, das war fast schon zu gut. Aber eigent­lich ging es bereits nach nur einer Trai­nings­woche beim Test­spiel in Jena los. Wir hatten bespro­chen, dass wir einen Anstoß machen, der zu unserem Spiel passt, also gleich von Beginn an ent­schlossen und klar nach vorne. Der Gegner sollte sofort merken: Ach­tung, hier ist was anders.“ Und dann hat Julian Brandt gleich nach 20 Sekunden ein unglaub­li­ches Tor durch einen Seit­fall­zieher gemacht.

Müssen die Sechser im defen­siven Mit­tel­feld eigent­lich noch mehr schuften als vorher?
Nein, für sie ändert sich am wenigsten, aber wir ziehen alle anderen Posi­tionen auf deren Niveau. Jetzt müssen alle genauso viel machen wie früher nur die Sechser.

Wie schwer ist es, einen ver­dienten Mit­tel­stürmer wie Stefan Kieß­ling zu ver­mit­teln, dass er sich im Spiel auf­reiben muss und weniger Tore schießt?
Aber er hat doch vorher schon vorne geackert, nur öfter alleine und eher intuitiv. Eigent­lich müssten durch unsere Spiel­weise für ihn mehr Tore raus­kommen, und das wird hof­fent­lich auch noch pas­sieren. Aber von uns bekommt er die kom­plette Wert­schät­zung, zumal unsere Zehner wie Bel­la­rabi und Son von seiner Arbeit stark pro­fi­tieren und viele Tore schießen.

Woher kommt eigent­lich die Idee dazu, so spielen zu lassen, wie Sie das tun?
Wir haben bereits in Pader­born ver­sucht, mutig zu spielen, selbst in der Dritten Liga in Münster und der vierten in Del­brück haben wir offen­siven, aktiven Fuß­ball als Ziel gehabt. Aber die zwei Jahre in Salz­burg und der Aus­tausch mit Ralf Rang­nick, für den das Spiel gegen den Ball schon lange ein wich­tiger Schwer­punkt ist, haben mich noch mal deut­lich wei­ter­ge­bracht. Wir haben es da wirk­lich auf die Spitze getrieben.

Was heißt das?
Der Ansatz bei geg­ne­ri­schem Ball­be­sitz ist nicht mehr: Wir müssen hinten sicher stehen und ver­su­chen, vorne den Ball zu erobern. Ich habe mir irgend­wann die Frage gestellt: Wie viele Spieler brauche ich vorne, um mit einer hohen Wahr­schein­lich­keit den Ball zu erobern? Erst dann schaue ich, wie ich das hinten mit dem Rest gere­gelt bekomme. Die öster­rei­chi­sche Liga war per­fekt, das zu ent­wi­ckeln, weil nicht alle Fehler sofort bestraft worden sind. Im zweiten Jahr hat es dann auch inter­na­tional funk­tio­niert, wir haben zehn Spiele in der Europa League hin­ter­ein­ander gewonnen.

Beson­ders spek­ta­kulär war im Februar 2014 der 3:0‑Sieg bei Ajax Ams­terdam, die aus der Cham­pions League kamen und von Ihrer Mann­schaft ein­fach über­rannt wurden.
Ja, das war ein Mei­len­stein, zumal wir das Rück­spiel fast auf gleiche Weise mit 3:1 gewonnen haben.

War Ajax damals nicht klar, was sie erwartet?
Auf uns kann man sich eigent­lich sehr gut vor­be­reiten, aber es fühlt sich auf dem Platz anders an, als es im Video aus­sieht. Man unter­schätzt, wie intensiv es werden kann und wie schnell für unsere Gegner auf dem Platz die Optionen weg sind. Außerdem trafen zwei Welten auf­ein­ander: unser extremes Spiel gegen den Ball und Ajax Ams­terdam mit Ball­be­sitz­fuß­ball der hol­län­di­schen Schule.

Das war bei Ihrem 3:0‑Sieg über Bayern in einem Test­spiel ähn­lich, und Pep Guar­diola sagte anschlie­ßend: Ich habe noch nie eine Mann­schaft erlebt, die mit so einer hohen Inten­sität gespielt hat wie Salz­burg.“
Das Spiel hat uns damals sehr viel Mut gegeben.

Ist Ball­be­sitz­fuß­ball schwie­riger als das Spiel gegen den Ball?
Schwer zu sagen, aber wer den Schwer­punkt im Ball­be­sitz hat und außer­ge­wöhn­lich erfolg­reich sein will, braucht auch außer­ge­wöhn­lich gute Spieler auf dem Niveau, wie sie die Bayern haben, Bar­ce­lona oder Real Madrid. Aller­dings gibt es sowieso selten die reine Lehre, son­dern meis­tens Misch­formen. Unter Guar­diola wurde beim FC Bar­ce­lona reiner Ball­be­sitz­fuß­ball um dieses fan­tas­ti­sche Gegen­pres­sing erwei­tert. Und das frühe Atta­ckieren des Geg­ners ist nur ein Teil unseres Spiels, das wir häufig gar nicht ein­setzen können, weil die Gegner das Spiel gezielt mit langen Bällen eröffnen. Folg­lich kommen wir weniger in die Pres­sing­si­tua­tionen und müssen andere Schwer­punkte setzen.

Kommt Ihre Spiel­idee dann an Grenzen?
Nein, das Spiel gegen den Ball bleibt die Basis auch fürs Spiel mit Ball. Es sind viele Spieler in Ball­nähe und dadurch gibt es nach Bal­ler­obe­rung viele Mög­lich­keiten für schnelle Kom­bi­na­tionen.

Meis­tens geht es dann sofort nach vorne, ist bei Ihnen der Quer­pass ver­boten?
Nein, aber er ist gefähr­lich. Im fal­schen Moment gespielt, kann er abge­fangen werden und damit viele unserer Spieler aus dem Spiel nehmen, weil sie vor dem Ball sind.