Seite 2: "Und dann machte Calli das Scheckbuch auf"

Im Euro­pa­pokal der Pokal­sieger war­tete in der ersten Runde Aus­tria Wien. Waren Sie glück­lich mit dem Los?
Natür­lich wäre ein Verein aus Ita­lien oder Eng­land toll gewesen, aber ich wollte ja gewinnen, wir brauchten den sport­li­chen Erfolg, wir brauchten die Ein­nahmen. Wissen Sie, die Gegend hier ist sehr struk­tur­schwach, wir leben vom Tou­rismus und der Land­wirt­schaft, mehr ist nicht.

Aus­tria Wien erschien Ihnen also als leichtes Los?
Leichter jeden­falls als Juventus Turin oder Man­chester United. Ich holte mir vorher von einem Bekannten, der bei Rapid Wien arbei­tete, Infor­ma­tionen ein. Danach wusste ich alles über die Spieler von Aus­tria: Größe, Gewicht, Schuh- und Kon­fek­ti­ons­größe, Fami­li­en­ver­hält­nisse. Schließ­lich bin ich mit meiner Frau im Wart­burg nach Öster­reich gefahren und habe mir das Spiel Aus­tria gegen Pölten ange­sehen. Wir waren super vor­be­reitet.

PSV Schwerin (das bist bis zum FDGB-Halb­fi­nale SG Dynamo Schwerin hieß) traf im Euro­pa­pokal auf Aus­tria Wien. Ins Ost­see­sta­dion kamen nur 800 Zuschauer.

Das Hin­spiel ging trotzdem 0:2 ver­loren. War es ein Nach­teil, dass Sie im fremden Ros­to­cker Ost­see­sta­dion spielen mussten?
Das war eine Auf­lage des Ver­bands, es waren auch nur 800 Zuschauer da. Aber ich blieb opti­mis­tisch, denn ich wusste, dass für die Aus­tria nicht nur das Rück­spiel, son­dern auch das Derby gegen Rapid anstand. Ich hatte gehofft, dass sie unser Spiel auf die leichte Schulter nehmen.

Haben sie?
Wir waren zumin­dest die bes­sere Mann­schaft, aber das Spiel im Franz-Horr-Sta­dion endete 0:0., wir waren raus. Die Aus­tria-Fans haben die eigene Mann­schaft trotzdem aus­ge­pfiffen und uns mit Stan­ding Ova­tions ver­ab­schiedet. Her­bert Pro­haska (damals Trainer bei Aus­tria, d. Red.) sagte später mal, dass wir nah dran waren an der nächsten Sen­sa­tion. Wir hätten nur dieses erste ver­dammte Tor machen müssen. Kurios war die Reise im Rück­blick aber allemal.

Inwie­fern?
Das Spiel in Wien fand am Tag der deut­schen Ein­heit statt: am 3. Oktober 1990. Wir sind also einen Tag zuvor als Sozia­listen hin­ge­reist und kehrten als Kapi­talsten heim. (Lacht.)

Doku des NDR über das letzte Pokal­fi­nale in der DDR. Mit Man­fred Radtke außer Rand und Band und Reiner Cal­mund mit Klapp­scheitel. Prä­dikat: sehr sehens­wert.

Einige Ihrer Spieler haben nach der Wende Kar­riere im Westen gemacht. Auf welche Spieler sind Sie beson­ders stolz?
Unser Tor­hüter Andreas Reinke ist zweimal Deut­scher Meister geworden. Steffen Baum­gart, der im Pokal­fi­nale gerade mal 18 war, spielte mit Hansa in der Bun­des­liga und trai­niert heute den SC Pader­born. Mat­thias Stam­mann wurde direkt nach dem Pokal­spiel von Reiner Cal­mund ver­pflichtet. Daran erin­nere ich mich noch gut. Cal­mund war eigent­lich wegen Kirsten und anderen Dynamo-Spie­lern vor Ort. Aber Stam­mann gefiel ihm so gut, dass er gleich sein Scheck­buch auf­machte. Mat­thias erzählte mir auf dem Heimweg nach Schwerin, was Cal­mund ihm ange­boten hatte. Das hat mich so gefreut. Ich fühlte mich ja fast wie ein Vater für die Jungs.

Hatten Sie auch Ange­bote?
Von For­tuna Köln und dem VfB Lübeck. Aber ganz ehr­lich: Ich hatte auch Angst, soziale Angst. Mich schreckte das Bei­spiel Joa­chim Streich ab, der kurz nach der Wende Trainer bei Ein­tracht Braun­schweig geworden war – und nach wenigen Monaten schon wieder ent­lassen wurde. So etwas kannte ich aus der DDR nicht.

Nicht alle Ihre Spieler fassten so gut Fuß wie Stam­mann, Reinke und Baum­gart. Haben Sie auch die Schick­sale von Dirk Gott­schalk und Sven Buch­steiner ver­folgt?
Dirk Gott­schalk ist nach der Wende abge­stürzt. Drogen, Alkohol, fal­sche Freunde. Er geriet in Mes­ser­ste­che­reien. Und Sven Buch­steiner, der nach der Fuß­ball­zeit als Poli­zist arbei­tete, nahm sich 2010 das Leben. Zu ihm hatte ich lange Jahre noch Kon­takt, er schickte mir oft Fotos von seinen Kin­dern und seiner Frau. Ein sehr sen­si­bler und fami­liärer Mensch. Ein wei­cher und guter Junge. Noch bis Ende 30 hat er gespielt, er war auch bei der Neu­grün­dung der SG Dynamo Schwerin dabei. Ich kenne nur Gerüchte, was damals auf der Poli­zei­wache pas­siert ist, aber wenn ich daran denke, treibt es mir heute noch Tränen in die Augen.