Alain Giresse, welche Fähig­keit ist für einen Fuß­baller die Wich­tigste?
Ball­kon­trolle und Pass­spiel. Wenn man den Ball kon­trol­lieren und wei­ter­spielen kann, kann man alles.

Das ist alles?
Es hört sich ein­fach an, aber es bedeutet, dass es ganz egal ist, um was für einen Ball es sich han­delt, von wem er kommt, ob lang, ob kurz, flach oder hoch. Schauen Sie sich eine belie­bige Partie an, suchen Sie sich einen Spieler aus und beob­achten Sie seine Ball­kon­trolle und sein Pass­spiel. Achten Sie darauf, wie er nach vorne spielt, denn nach hinten ist es ein­fach. Wenn er gute Pässe nach vorne spielen kann, ohne hohe Feh­ler­quote, ist das schon sehr viel wert.

Bei der Welt­meis­ter­schaft 1986 trafen Sie mit Frank­reich im Vier­tel­fi­nale auf das Team von Bra­si­lien: Die Fab Four“, das magi­sche Viereck“ des fran­zö­si­schen Fuß­balls, bestehend aus Luiz Fer­nandez, Jean Tigana, Michel Pla­tini und Ihnen, spielte gegen die Mit­tel­feld­achse der Seleção um Socrates. Eine Stern­stunde des Fuß­balls.

Für uns war die Partie ein Rit­ter­schlag. Gegen Bra­si­lien Freund­schafts­spiele zu bestreiten, war im Ver­gleich dazu gar nichts. Aber in einem Tur­nier so ein Spiel. Wir spielten im mexi­ka­ni­schen Gua­da­la­jara, wo Pelé 1970 den WM-Pokal gewonnen hatte. Es war magisch. Wir waren furchtbar auf­ge­regt, zugleich stolz. Es war fast schon sur­real. Kind­heits­er­in­ne­rungen kamen in mir hoch. Bra­si­lien und die WM-Geschichte, damit ver­bindet jeder so viel. Und nun sollten wir plötz­lich Teil dieser Geschichte werden.

Rech­neten Sie sich Chancen aus?
Es war klar, dass wir es mit bedeu­tenden Spie­lern zu tun bekommen würden, dafür brauchten wir keine detail­lierte Ana­lyse. Bra­si­lia­ni­sche Natio­nal­spieler, die nicht mit dem Ball umgehen können, gibt es nicht!

Sie spielten gegen Zico und Sokrates …
Obwohl wir amtie­render Euro­pa­meister waren, bewun­derten wir sie. Wie sagte unser Trainer Henri Michel so schön: Wenn dir ein sol­cher Tag kein Ver­gnügen bereitet, dann hast du ein ernstes Pro­blem.“

Können Sie die Beson­der­heiten der Bra­si­lianer um Socrates benennen?

Schon bei der WM 1982 hatten sie bewiesen, worin ihnen keiner etwas vor­macht: Technik, Pass­spiel, Intel­li­genz. Der Ball war bei ihnen immer in Bewe­gung. Sie hatten Spieler, die nicht nur tech­nisch sehr stark waren, son­dern auch die Über­sicht hatten, im rich­tigen Moment das Rich­tige zu tun, um Mit­spieler in Szene zu setzen. Für mich sind die Bra­si­lianer von 1982 neben dem Team von 1970 nach wie vor die Refe­renz­größe im Fuß­ball.

Warum?
Jeder wusste genau, wo er zu stehen hatte, jeder war bereit, sich für den anderen ein­zu­setzen. Die Zuspiele sahen so ein­fach aus, was nicht bedeu­tete, dass sie ein­fach zu spielen waren. Das Ein­fache ist bei Bra­si­lien nie banal, nie leicht. Was glauben Sie, warum man heute immer sagt, man müsse ein­fach spielen? Wegen der Bra­si­lianer! Sie hatten ein Tempo in ihrem Pass­spiel, das außer­ge­wöhn­lich war. Solche Sachen inspi­rierten uns. Und wenn wir auch andere inspi­riert haben sollten, dann, weil wir die Bra­si­lianer Europas waren.

Wie ver­lief aus Ihrer Sicht das Vier­tel­fi­nale 1986?

Da standen sich zwei Mann­schaften gegen­über, die aus­nahmslos von ihrer Spiel­laune ange­trieben wurden. Es ging ständig hin und her, fast ohne Unter­bre­chungen. Fuß­ball pur.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie in Schwie­rig­keiten geraten könnten?
In der ersten Halb­zeit bekamen wir ein paar Pro­bleme, vor allem nach dem Tor von Careca, dessen Ent­ste­hung fan­tas­tisch war. Doch dann sind wir wieder zurück­ge­kommen. Aber es gab Phasen, in denen sie wirk­lich damit beein­druckten, wie sie uns die Ord­nung nahmen.

Wer war Ihr Gegen­spieler?
Elzo. Er war der­je­nige, der den anderen im Mit­tel­feld den Rücken frei­hielt. Er schuf­tete für die Künstler.

Was unter­schied Frank­reich und Bra­si­lien an diesem Tag?
Wir hatten die gleiche Phi­lo­so­phie. Unter­schiede ent­standen durch die Spieler, denn auf dem Platz waren wir uns sehr ähn­lich. Bei beiden war die kom­plette Mann­schaft am Spiel betei­ligt, beide lebten von ihrer Spiel­freude, hielten den Ball in Bewe­gung und suchten nach krea­tiven Lösungen.

Kann man Pla­tini und Socrates mit­ein­ander ver­glei­chen?
Nein.

Wieso nicht?
Für diese Spieler gibt es keine Kate­go­rien mehr, sie sind ein­zig­artig. Pla­tini ist eine abso­lute Aus­nah­me­erschei­nung, alle wollten so spielen wie er. Nur sehr wenige reichten an sein Können heran. Es würde mir aller­dings Schwie­rig­keiten bereiten, Ihnen über­haupt jemanden zu nennen.

Socrates viel­leicht?
Nein, er konnte keine langen Bälle spielen, er spielte immer nur kurz. Michel war sowohl Spiel­ma­cher als auch Tor­jäger. Socrates war eher der Vor­be­reiter. Er machte kluge Sachen im Spiel­aufbau, aber tor­ge­fähr­lich war er nicht.

Alemão?
Ein inter­es­santer Spieler, ein Abräumer mit guter Technik. Ein früher Pro­totyp heu­tiger Sechser.

Finden Sie etwas von den dama­ligen Teams von Bra­si­lien oder Frank­reich im heu­tigen Fuß­ball wieder?
Heute gibt es kaum noch echte Zehner. Zum Glück gibt es Teams wie Spa­nien. Fab­regas, Xavi, Iniesta – diese Jungs liebe ich! In Frank­reich wird Nasri immer stärker, aber sonst …?

Wann ent­stand das magi­sche Viereck“ als fester Bestand­teil des fran­zö­si­schen Natio­nal­teams?
1982 wäh­rend der WM stellten wir auf ein Vierer-Mit­tel­feld um, genau genommen beim Spiel gegen Nord­ir­land in der zweiten Final­runde (End­ergebnis: 4:1, Anm. d. Red.). Pla­tini hatte sich gegen die Tsche­cho­slo­wakei ver­letzt, im Spiel gegen Öster­reich hatte ihn Jean Tigana (1:0, Anm. d. Red.) ersetzt. Und Tigana machte ein sehr gutes Spiel. Schon im April 1981 gegen Bel­gien in Paris hatten Genghini, Tigana und ich ohne Pla­tini im Mit­tel­feld gut gespielt. Nun fragten die Jour­na­listen: Soll Pla­tini über­haupt wieder spielen?“ Michel Hidalgo ent­schied sich dafür, und wir stellten auf ein Vierer-Mit­tel­feld um.

Vorher bil­deten Sie mir Genghini und Pla­tini das Mit­tel­feld.
Richtig. Ab da spielten wir aber ein 4−4−2 statt eines 4−3−3. Vorher hatten wir immer mit drei Spie­lern im Mit­tel­feld gespielt.

Der fran­zö­si­sche Fuß­ball hatte ein neues Güte­siegel.
Und das für lange Zeit. 1984 über­nahm Fer­nandez den Platz von Genghini. Auch wenn vom magi­schen Viereck“ haupt­säch­lich erst ab der Euro­pa­meis­ter­schaft 1984 im eigenen Land die Rede war, geboren wurde die Idee bereits 1982.

Waren Sie als Gruppe eine ver­schwo­rene Gemein­schaft?
Nicht zwangs­läufig. Je nachdem, wie die Spiele liefen, dis­ku­tierten wir mit­ein­ander. Was uns zusam­men­wachsen ließ, war die Auf­stel­lung – und die machte 1982 Michel Hidalgo. Von uns kam die Fein­jus­tie­rung. Hidalgo gab das grobe Muster vor, und aus­ge­hend von dem, was er uns gesagt hatte, steu­erten wir noch etwas bei, damit es funk­tio­nierte. Aber es war nicht so, dass auf der einen Seite wir vier gestanden hätten und auf der anderen der Rest der Mann­schaft. Wir haben uns auch nicht intern getroffen, um genau fest­zu­legen, wer was zu tun habe. Das erle­digten wir alles intuitiv.

Über die Beset­zung des fran­zö­si­schen Mit­tel­felds gab es in dieser Zeit kei­nerlei Dis­kus­sionen.

Fran­zö­si­sche Mit­tel­feld­spieler, die das Zeug gehabt hätten in der Natio­nal­mann­schaft zu spielen, wussten, dass die Tür zu ist. Dieses Mit­tel­feld war eine echte Ein­heit. In anderen Mann­schafts­teilen gab es Ver­än­de­rungen, im Mit­tel­feld blieben jeg­liche Über­ra­schungen aus.

Sie waren über jeden Zweifel erhaben?
Aller­dings tat auch jeder alles dafür, um seinen Platz zu behaupten. Wir spra­chen dar­über: Hast du den gesehen? Der ist echt gut“, oder Auf den da musst du auf­passen“. Damals war es immer Ber­nard Genghini, der uns Druck machte. Mit Phil­ippe Ver­cruysse und Jean-Marc Fer­reri gab es zwei junge Spieler, die sehr ehr­geizig waren. Eine ganze Reihe sol­cher Spieler saßen uns im Nacken. Aber diese Fern­du­elle machten uns auch noch stärker.

Sie haben mit Pla­tini oder Fer­nandez nie im Verein gespielt, den­noch hatte man den Ein­druck, dass Sie sich blind ver­standen.
Wissen Sie, wenn man mit jemandem zusam­men­spielen will, reicht es, diese Person zu respek­tieren. Es gab eine Zeit, in der ich mich in Kon­kur­renz zu Michel Pla­tini sah. Beson­ders 1981 vor der Partie gegen die Nie­der­lande hieß es: Die können nicht zusammen spielen.“ Ich hin­gegen war kei­nes­wegs davon über­zeugt, denn ich war seit jeher der Mei­nung, dass gute Spieler jeder­zeit mit­ein­ander spielen können. Allein wegen ihrer tech­ni­schen Fähig­keiten und weil sie über Spiel­in­tel­li­genz ver­fügen. Im Fuß­ball muss der Ein­zelne die anderen ergänzen, nicht umge­kehrt. Spaß am Spiel ent­steht doch erst, wenn jeder bereit ist, alles für die Mann­schaft zu geben. Wir wussten genau, dass Michel Pla­tini uns besser als jeder andere wei­ter­helfen konnte. Umge­kehrt wusste Pla­tini, dass er sich nur so frei ent­falten konnte, weil wir ihm die Mög­lich­keit dazu gaben.

Haben Sie mit Pla­tini dar­über gespro­chen?
Ja. Vor dem Spiel gegen die Nie­der­lande bin ich des­wegen mit ihm zu unserem Coach Michel Hidalgo gegangen. Ich sagte: Ich habe über­haupt keine Bedenken, mit dir zusammen zu spielen, Pla­toche. Und du?“ – Nein, ich auch nicht.“ Also ließ Hidalgo uns spielen.

Wie waren die Rollen im magi­schen Viereck“ ver­teilt?
Michel Pla­tini war der Schlüssel zu allem. Er war unser Spiel­ma­cher, er traf die Ent­schei­dungen und gab die Rich­tung vor. Ich ver­suchte, das Spiel zu lesen und Löcher zu stopfen. Die Jungs hinter uns, waren die Arbeiter, die das Spiel ankur­belten: Jean Tigana, der schon auf­grund seiner phy­si­schen Prä­senz ein­zig­artig war, war ein Abräumer mit einer enormen men­talen Stärke und einem sehr prä­zisen Auf­bau­spiel. Luis Fer­nandez steu­erte seine Aggres­si­vität bei, den unbe­dingten Ein­satz­willen und auch seine Anpas­sungs­fä­hig­keit. Er wusste haar­genau, wie er vom Spiel der anderen pro­fi­tieren konnte, damit er seine Tore machen konnte.

Und wie lief das mit Pla­tini und Ihnen?
Ganz ein­fach, denn ich habe mich nach ihm gerichtet. Wenn ich sah, dass Michel nach vorne geht, bin ich stehen geblieben, wenn er auf den Flügel wech­selte, zog ich in die Mitte. Ich stellte mich auf ihn ein. Wissen Sie, im Fuß­ball ist nichts fest­ge­legt, man muss per­ma­nent bereit sein, auf die Gege­ben­heiten des Spiels zu reagieren. Und es ist natür­lich sehr ange­nehm, mit Leuten wie Pla­tini zu spielen, weil sie einem den Ball selbst dann noch zuspielen, wenn es unmög­lich erscheint. Irgendwie finden sie dich, und du fin­dest sie.

Mit Tigana haben Sie bei Girondins Bor­deaux jah­re­lang zusammen gespielt.
Ja, aber auch unser Zusam­men­spiel war mehr als nur Auto­ma­tismen. Tigana konnte die Bälle per­fekt abspielen, seine Anspiele waren immer sauber.

War Pla­tini der Chef des magi­schen Vier­ecks?
Er war der Kopf der Mann­schaft. Er war der­je­nige, auf den alle hörten. Er stand für den Erfolg der Mann­schaft, für ihre Ziele, ohne dabei jemals die Aner­ken­nung allein für sich zu rekla­mieren. Er war ein Anführer im mora­li­schen Sinne, ein Kapitän mit großen Zielen. Er war nie der­je­nige, der uns Mut zuge­spro­chen oder uns getröstet hat. Aber er gab die Rich­tung vor: Wir müssen so und so spielen, um dieses oder jenes zu errei­chen.“ Er hatte immer große Pläne. Ein Sie­gertyp, der immer gewann. Im Trai­ning, beim Kar­ten­spielen, beim Tisch­tennis.

Was machte ihn so beson­ders?
Seine natür­liche Bega­bung als Fuß­baller. Die Schlicht­heit seines Spieles, seine Vision vom Fuß­ball, die ihn Dinge machen ließ, derer wir anderen ein­fach nicht fähig gewesen wären. Er stand über uns.

Gab es Dinge, die Sie besser konnten als er?
Jeder hat seine Stärken. Bei mir war es fast zwangs­läufig die Ballan- und mit­nahme, ein­fach, weil ich kleiner bin. Mein Kör­per­schwer­punkt liegt tiefer und ich hatte einen guten Antritt auf den ersten zehn, 15 Metern. Umge­kehrt war natür­lich Michels Kopf­ball besser.

Fällt Ihnen eine Anek­dote ein, die den Sie­ger­typen Pla­tini beschreibt?
Vor dem Finale der EM 1984 herrschte er uns in der Kabine an, dass wir wäh­rend der Hymnen nur auf den Pokal schauen sollten. Nur auf den Pokal! So war Pla­tini.

Gab es keine Span­nungen des­wegen?
Nein, wir waren stolz an der Seite des besten Spie­lers der Welt zu stehen, vor allem wäh­rend dieser mons­trösen EM 1984. Michel nahm uns nicht die Butter vom Brot und ent­führte nicht unsere Kinder. Warum sollte man nei­disch werden, weil einer Dinge beherrscht, die man selber nicht kann? Wer konnte von sich behaupten, er sei genauso gut wie Pla­tini gewesen? Nie­mand! Damit ist das Pro­blem gelöst. Spieler werden nur nei­disch, wenn man ihre Ver­dienste nicht aner­kennt. Wir kannten unsere.

Gab es Freund­schaften im magi­schen Viereck“?
Um ehr­lich zu sein, nein. Wir hatten Respekt vor ein­ander, weil wir große Momente zusammen erlebt hatten. Aber wirk­lich befreundet waren wir nicht.

Wel­ches war das beste Spiel des magi­schen Vier­ecks“?
Bemer­kens­wert finde ich vor allem die Kon­stanz, nicht ein ein­zelnes Spiel, das wir klar beherrscht hätten. Na gut, viel­leicht unser Match gegen Bel­gien bei der EM 1984 (5:0 in der Grup­pen­phase, Anm. d. Red.). Da haben wir den Gegner im Mit­tel­feld wirk­lich domi­niert. Wir hatten die totale Kon­trolle über das Spiel.

Welche Rolle spielten eigent­lich bei Ihnen die Stürmer?
Sie waren zweit­rangig. Die Stürmer waren dazu da, es Pla­tini zu ermög­li­chen, Tore zu machen. Hätten wir damals einen echten Tor­jäger gehabt, wäre es schwierig geworden. Aber sowohl Roche­teau als auch Ber­nard Lacombe ermög­lichten es Pla­tini, sich noch besser zu ent­falten.

Altru­is­ti­sche Stürmer?
Ja, das waren Angreifer, die sich nahtlos in die Mann­schaft ein­reihten, denen man auch mal in den Fuß spielen konnte und nicht immer nur tief. Die waren in der Lage unser Kom­bi­na­ti­ons­spiel mit­zu­ma­chen.

Bei der WM in Spa­nien 1982 wurden Sie nach einer durch­wach­senen Vor­runde immer stärker. Im Halb­fi­nale trafen Sie auf Deutsch­land.
Die Stim­mung war sehr ernst. Wir waren kei­nes­wegs der Favorit. Wir sagten uns: Wir müssen uns gut prä­sen­tieren und von Anfang an dagegen halten.“

Was erwar­teten Sie von der deut­schen Mann­schaft?
Sie war eine starke Ein­heit und wir hatten Respekt, schließ­lich hatte sie bei Welt­meis­ter­schaften schon viel erreicht. Unser größter Erfolg bis dahin war das Errei­chen des Halb­fi­nals 1958. Sie blickten auf zwei Welt­meis­ter­schaften, EM-Titel und Final­teil­nahmen zurück. Ver­gli­chen damit waren wir winzig.

Gingen Sie an dieses Halb­fi­nale anders heran?
Am Vor­mittag des Spiels dis­ku­tierten wir sehr viel. Schließ­lich hörten wir damit aber wieder auf, weil uns klar wurde, dass wir die Lösung nicht finden würden. Wir hörten also auf, nur von den Deut­schen zu spre­chen und spra­chen statt­dessen von uns.

Gegen Deutsch­land gerieten Sie den­noch in Rück­stand.
Mit diesem Gegentor fing das Spiel für uns erst richtig an. Der Aus­gleich bestärkte uns in unseren Bemü­hungen, er beru­higte uns. Wir merkten, dass wir, je länger das Spiel dau­erte, besser in die Partie hinein fanden. Kör­per­lich fühlten wir uns her­vor­ra­gend, das gab uns die Leich­tig­keit, die wir für unser tech­ni­sches Spiel brauchten.

Dann wurde Patrick Bat­tiston von Toni Schu­ma­cher gefoult und musste aus­ge­wech­selt werden.
Das hat uns sehr getroffen, aber leider waren wir gezwungen, weiter zu machen. Eine grau­same Situa­tion. Er wird auf einer Trage hin­aus­ge­bracht und wir müssen wei­ter­ma­chen.

Waren Sie wütend?
Das konnten wir uns nicht erlauben. Wer mit Wut spielt, ver­liert die Beherr­schung. Michel Hidalgo an der Außen­linie war wütend, wir mussten uns auf unser Spiel kon­zen­trieren.

Diese Attacke auf Bat­tiston ver­än­derte die Kräf­te­ver­hält­nisse im Sta­dion.
Wir bemerkten plötz­lich, dass wir ein wenig mehr Unter­stüt­zung von den spa­ni­schen Zuschauern bekamen. Auch die fran­zö­si­schen Fans wurden noch einmal wach.

Schließ­lich kam es zur Ver­län­ge­rung.
Wir waren sehr glück­lich, dass wir nicht auf­ge­geben hatten. Was dann kam, war wie ein Traum. Marius (Trésor, Anm. d. Red.) trifft mit diesem Vol­ley­schuss, danach mache ich das dritte Tor. Wir führten 3:1 und hatten das Gefühl, schon im Finale zu stehen. In unseren Köpfen waren wir schon im End­spiel. Und dann gelingt Rum­me­nigge kurz vor der Halb­zeit der Ver­län­ge­rung der Anschluss­treffer. Und alles kippte …

Den­noch haben Sie weiter auf Angriff gespielt.
Uns fehlte das Berech­nende, das man braucht, um ein Ergebnis zu halten. Das ist alles, was man uns vor­werfen kann. Wir waren nicht in der Lage, diese Schluss­phase des Spiels richtig ein­zu­schätzen. Also spielten wir weiter nach vorne, nicht unbe­dingt, um noch ein Tor zu schießen, son­dern weil wir von Beginn des Tur­niers an so gespielt hatten. Alles war auf diese Spiel­weise aus­ge­richtet. Aus diesem Spiel haben wir viel gelernt.

Beschreiben Sie mal den Moment, als Sie das dritte Tor schossen.
Ich dachte: Wir kommen ins WM-Finale, wir kommen ins WM-Finale, wir fahren da wirk­lich hin.“ Das ist ein ganz schöner Lärm, der da im Kopf ent­steht, das schep­pert richtig im Schädel und über­tönt alles andere.

Später kam es zum ersten Elf­me­ter­schießen der WM-Geschichte. Hatten Sie Straf­stöße trai­niert?
Nein, nein. Die Auf­stel­lung der Schützen ergab sich aus den Frei­wil­ligen. Willst du schießen? Ja? Dann geh!“

Sie waren der erste Schütze.
Und ich fühlte mich wirk­lich sehr einsam.

Wurde die Ent­täu­schung über das ver­lo­rene Match gemil­dert, weil sie so außer­ge­wöhn­lich gespielt hatten?
Nein. Sie war riesig. Es gab nichts, was uns trösten konnte. Dieses ganze Geschwätz von Ich habe aber ein Tor geschossen“ oder Wir haben doch gut gespielt“ … Pfff. Da gab es gar nichts. Null! Wir waren untröst­lich.

Wurde nach dem Spiel gespro­chen?
Nein. Jeder saß heu­lend in seiner Ecke, am Boden zer­stört. Wir fielen in ein schwarzes Loch. Michel Hidalgo ver­suchte etwas zu sagen … scheiße! Da kann die ganze Welt ankommen und dir gut zureden, das ist dir egal. Es gab keine Worte, es gab gar nichts mehr. Nichts was man hätte sagen oder tun können. Wir hatten nur einen ein­zigen Wunsch: uns zu ver­ste­cken. Hätte es in dieser Nacht in Sevilla noch einen Flug nach Hause gegeben, wären wir sofort abge­hauen.

Können Sie sich das Spiel heute wieder ansehen?
Ja, aber nur bis zum 3:1.

Wie haben Sie die Deut­schen im Nach­hinein in Erin­ne­rung?
Uns haben sie nicht nach­haltig beein­druckt. Es war eine gute Mann­schaft mit starken Spie­lern. Aber, auch wenn uns vorher bewusst war, dass wir ver­lieren könnten – so etwas hatten wir nicht ver­dient.

Im Halb­fi­nale der WM 1986 trafen Sie wieder auf Deutsch­land. Wie konnten Sie gegen Bra­si­lien gewinnen und dann gegen ein durch­schnitt­li­ches deut­sches Team strau­cheln?
Vorher scheinen die Deut­schen immer durch­schnitt­lich zu sein, aber sie sind fürch­ter­lich effi­zient. Natür­lich – diese Anmut, diese Magie, die man bei Bra­si­lia­nern erleben kann, hatten sie nie. Wir waren nicht auf Revanche aus, diesen Fehler machten wir nicht. Ein Sieg hätte ohnehin nie­mals die Last von uns nehmen können, die wir seit 1982 mit uns her­um­schleppten. Aber uns fehlte die kör­per­liche und geis­tige Fri­sche, das Spiel gegen Bra­si­lien hatte seine Spuren hin­ter­lassen. Und dann kriegten wir noch so ein blödes Tor von Brehme. Durch die Hosen­träger! Dieser Frei­stoß ging mir durch die Hosen­träger! Über das 2:0 will ich gar nicht mehr spre­chen. Viel­leicht waren wir ein­fach zu aus­ge­laugt. Bra­si­lien hatte uns alles abver­langt.

Wie groß war die Ent­täu­schung diesmal?

Nichts im Ver­gleich zu Sevilla. Natür­lich waren wir auch dieses Mal ent­täuscht, konnten aber aner­kennen, dass sie besser waren.

Wie lange haben Sie gebraucht, um über die Nie­der­lage von 1982 hinweg zu kommen?
Das habe ich nie geschafft. Damit kann man nicht zurecht kommen. Man kann nicht etwas auf diese Art und Weise ver­lieren und dann seinen Frieden damit machen. Man lebt damit, aber es ist so, als würde man einen Ange­hö­rigen ver­lieren und sagen Ich habe es ver­gessen“. Das ist unmög­lich. Selbst der EM-Titel von 1984 hat den Schmerz nicht gelin­dert. Euro­pa­meister zu sein ist schon toll, aber dieser Titel konnte nicht ver­hin­dern, dass die Spuren von Sevilla für immer bleiben werden. Würde ich mir den Schluss dieses Spiels noch einmal ansehen, würde ich sofort wieder in dieses Leid, in die Ent­täu­schung von damals zurück­fallen.

Haben Sie einige der deut­schen Spieler wie­der­ge­sehen?
Mit Karl­heinz Förster und Klaus Allofs habe ich sogar zusammen gespielt. Auch Schu­ma­cher habe ich wie­der­ge­troffen.

Und?
Und? Was wollen Sie denn machen? Sie können nicht wegen jeder üblen Aktion, die im Spiel pas­siert, einen Groll fürs ganze Leben hegen.

Wo in seiner Arbeit als UEFA-Prä­si­dent erkennen Sie denn den Spieler Pla­tini wieder?
In seinen Vor­stel­lungen von einem Fuß­ball, der ver­sucht, seine Werte gegen­über einem zum Exzess nei­genden Geschäft zu ver­tei­digen. Auch wenn die wirt­schaft­li­chen Her­aus­for­de­rungen gewaltig sind, erin­nert er daran, dass der Fuß­ball in erster Linie Sport ist, bei dem es um Freude und Emo­tionen geht. Wenn man das Ehren­spa­lier im Euro­pa­pokal sieht – das ist sein Ver­dienst. Dass die kleinen Länder wieder in der Cham­pions League auf­tau­chen – auch sein Ver­dienst. Wenn Bobby Charlton Man­chester in der Cham­pions League zur Sie­ger­eh­rung begleitet – sein Ver­dienst. Das sind doch die Dinge, von denen der Fuß­ball lebt. Es geht nicht nur darum, Erster zu werden und das Spon­so­ren­logo zu zeigen.

Und Sie?

Meine Phi­lo­so­phie wird immer von den Acht­zi­gern geprägt sein. Als Trainer muss man heute noch mehr aufs Ergebnis schauen, aber ich ver­suche, meinen Spie­lern Frei­heiten zu lassen, ihnen Freude am Spiel, vor allem in der Offen­sive, zu ver­mit­teln.

Und was ist Ihre schönste Erin­ne­rung an den Fuß­ball?
Nach dem 3:1 in Sevilla raste mein Herz. An meinem Gesicht nach dem Tor kann man Emo­tionen ablesen, deren Inten­sität alles über­traf, was ich in meinem Leben bis dahin erlebt hatte. Das ist nur ein ein­ziges Mal pas­siert. Natür­lich kommt es vor, dass man nach Siegen glück­lich ist, aber das war eine Moment­auf­nahme. Ein Höhe­punkt, in dem enorme Mengen an Adre­nalin frei­ge­setzt wurden. Ein Moment der Ekstase.