Seite 2: „Ich hoffte, die Ehefrau würde den Hörer abnehmen“

Klingt sehr stressig.
Jeder wusste, dass er diesen Job nicht sein ganzes Leben lang würde machen können. Die kör­per­li­chen und psy­chi­schen Belas­tungen waren enorm. Man arbei­tete viel allein, ein Feed­back von der Redak­tion gab es in aller Regel erst am Montag. Wenn man zum Bei­spiel wusste, dass etwas nicht ganz glatt gelaufen war, grü­belte man den ganzen Sonntag lang.

Sie kamen kurz vor dem ersten Sen­detag am 1. April 1963 zum ZDF. Wie müssen wir uns die Arbeits­be­din­gungen in der Sport­re­dak­tion damals vor­stellen?
Kann man sich kaum vor­stellen! Ich kam aus Düs­sel­dorf nach Esch­born und hatte mich für meinen ersten Arbeitstag richtig schick gemacht: Kamel­haar­mantel, teure Schuhe. Es reg­nete in Strömen, und als ich unsere Redak­ti­ons­räume sah, wusste ich schlag­artig, ich war over­dressed.

Inwie­fern?
Wir waren in einem ehe­ma­ligen Bau­ernhof unter­ge­bracht. Hier standen jetzt Bara­cken. Die Regie saß in einem umge­bauten Schwei­ne­stall, die Technik lagerte im frü­heren Kuh­stall. Draußen grasten Schafe, und man kam nur über aus­ge­legte Bohlen in die Büros. Wenn es geregnet hat, war man dre­ckig bis ans Knie. Wir Sport­re­dak­teure fühlten uns selbst wie die Kanal­arbeiter. Aber wir schafften. Auch wenn der Sport immer als Erstes aus der Pla­nung kippte. Dabei gab es jeden Tag sowieso nur eine Mel­dung.

Sport­jour­na­listen galten als Fans, die über die Bande gesprungen sind.
Der Vor­wurf ist so alt wie der Job selbst. Auch im ZDF wurden wir zunächst belä­chelt.

Heute ist Sport, und vor allem Fuß­ball, medial omni­prä­sent.
Das hat sich bereits damals abge­zeichnet. Aller­dings kei­nes­falls aus Über­zeu­gung, son­dern aus reinem Prag­ma­tismus. Sport war für einige Pro­gramm­ver­ant­wort­liche ein not­wen­diges Übel. Aber die Sender haben sehr früh gemerkt, dass man mit Sport sehr preis­wert Sen­de­zeit füllen kann. Und Zuschauer gewinnt! Also domi­nierte der Sport zuneh­mend das Pro­gramm.

Ihre erste Mode­ra­tion im Sport­studio“ im Jahr 1967 dau­erte drei Stunden und 18 Minuten. Das sind Sen­delängen, die man sonst nur von Thomas Gott­schalk kennt.
Heute undenkbar, aber damals hat man uns machen lassen. Ich hatte unter anderem drei Inge­nieure zu Gast, die unseren Zuschauern die Funk­tionen einer brand­neuen Magnet­band-Auf­zeich­nungs­ma­schine erklären sollten. Das war ein rie­siger Kasten, um den man her­um­gehen musste. Ich hatte den drei Herren das Wort erteilt und sie refe­rierten sehr aus­führ­lich. Ich glaube, allein dieser Teil der Sen­dung hat eine halbe Stunde gedauert.

In einer anderen Aus­gabe im Jahr 1986 hatten Sie minu­ten­lang keine Spiel­be­richte, weil die Lei­tungen zusam­men­ge­bro­chen waren.
Genau. Ich saß da mit Jupp Heynckes und Steffi Graf und drohte, dass wir uns bald Witze erzählen müssten, weil ich nichts mehr zu senden hätte. Die Kol­legen aus der Technik erklärten dann nach sol­chen Pannen gern: Schuld ist die Post.“

Was hatte das zu bedeuten?
Wäh­rend der ersten Jahre liefen alle Lei­tungen noch über die Post, sie wurden in einer Zen­trale in Frank­furt, dem soge­nannten Stern“, gebün­delt. Und wenn es da gehakt hat, mussten ganze Live­sen­dungen mit allerlei Impro­vi­sa­tion gerettet werden. Wir hatten sogar einen Pannen-DJ im Studio.

Einen was, bitte?
Eine Idee des dama­ligen Sport­chefs, der die Kol­legin Ursula Stern­berg über­zeugen konnte, als DJ zu fun­gieren. Also stand sie wäh­rend der Sen­dung an einem Plat­ten­teller. Und wenn etwas schief lief, spielte sie ein­fach ein biss­chen Musik.

Im Internet gehen Neu­ig­keiten heute binnen Sekunden um die Welt. Wie sam­melten Sie damals Infor­ma­tionen?
Wir tele­fo­nierten viel, waren immer im Kon­takt mit den Prot­ago­nisten. Aber wenn Trainer oder Spieler nicht mit uns reden wollten, dann gingen sie uns aus dem Weg. Pres­se­kon­fe­renzen wie heut­zu­tage gab es nicht. Dann hatten wir keine Chance auf exklu­sive Infor­ma­tionen. Des­wegen musste man sich eben etwas ein­fallen lassen.

Ver­raten Sie uns Ihre Tricks?
Ich wählte häufig die Pri­vat­num­mern der Trainer und hoffte, die Ehe­frau würde den Hörer abnehmen. Mit viel Charme und kleinen Flirts ent­lockte ich den Gat­tinnen die eine oder andere Infor­ma­tion, die ihre Männer am Kaf­fee­tisch aus­ge­plau­dert hatten.

Sie waren also die etwas andere Vari­ante des Wit­wen­schütt­lers“.
Das waren oft nur Häpp­chen, mit denen ich meine Vor­be­richte würzen konnte. Und die Frauen wussten irgend­wann auch, was der Kürten wollte. Nicht selten haben die Lebens­partner ange­ordnet, dass sie mit mir, dem Sau­hund“, nicht mehr so viel quat­schen sollten. Dann musste ich mich beim nächsten Mal beson­ders ins Zeug legen.

Dieter Kürten, wenn Sie auf diese Anfangs­jahre der Fuß­ball­be­richt­erstat­tung zurück­bli­cken. Beneiden Sie die heu­tigen Kol­legen um ihre Arbeits­be­din­gungen?
Und wie. Aber im Nach­hinein möchte ich diese Zeit nicht missen. Nur als ich da drin steckte, war das nicht immer nur lustig. Aber es ging eben nicht anders. Die Ver­nunft blieb dabei oft­mals buch­stäb­lich auf der Strecke. Lei­den­schaft und Herz­blut bestimmten unsere Arbeit.