Das Inter­view erschien erst­mals 2013, zum 50. Geburtstag der Bun­des­liga.

Dieter Kürten, welche ist die prä­gendste Erin­ne­rung, die Sie an Ihre Anfangs­tage als Sport­jour­na­list in der Bun­des­liga haben?
Das sind vor allem die Frei­heiten, die wir damals genossen haben. Gerade beim Sport­studio“ konnten wir sehr viel aus­pro­bieren. Heute ist da vieles zwangs­läufig genormt und zeit­lich fest­ge­fügt.

Wenn Fern­seh­jour­na­listen heute ein Fuß­ball­spiel begleiten, haben sie ihr kleines Studio im Über­tra­gungs­wagen dabei. Wie sah Ihre Grund­aus­stat­tung in den Sech­zi­gern aus?
Grund­aus­stat­tung? Dass ich nicht lache. Wir standen bei Wind und Wetter im Freien. Ich hatte einen Schreib­block, ein paar Stifte und einen Kame­ra­mann, mit dem ich nicht selten auf dem Sta­di­on­dach pos­tiert war. Und wenn ich Pech hatte, musste ich dem guten Mann auch noch immer wieder Beine machen, wenn unten auf dem Spiel­feld Tor­ge­fahr drohte, damit er auch recht­zeitig seine Kamera anwarf. Das war aben­teu­er­lich.

Es wurde nicht das ganze Spiel auf­ge­zeichnet?
Nein, im Grunde mussten wir bei jedem Angriff eine neue Auf­nahme starten, auch wenn der Ball im Sei­tenaus lan­dete. Man wusste ja nie, was als Nächstes geschehen würde. Wir haben ja noch auf 16-Mil­li­meter-Filmen gedreht, und so kamen schnell Hun­derte von Metern an Film­band zusammen. Und trotzdem war man am Ende nicht sicher, ob alle Tore drauf waren.

Die Kame­ra­männer ver­passten Tore?
Ja, leider! Nicht jeder war immer zu 100 Pro­zent kon­zen­triert, und manche hatten ein­fach kein Emp­finden für Fuß­ball. Als Fan und Jungre­dak­teur ahnte ich, wenn sich auf dem Feld etwas Beson­deres anbahnte. Doch man­cher Kame­ra­mann reagierte nur auf Zuruf. Nach einer ver­passten Szene hieß es dann: Das Tor habe ich leider nicht, aber dafür viel Jubel.“

Von man­chen Spielen gibt es aller­dings auch wun­der­bare Hin­ter­tor­auf­nahmen.
Zum Glück. Bei beson­deren Spielen wurden auch mal zwei Kameras ein­ge­setzt. Eine durfte man hinter das Tor stellen. Da war nur die Frage: hinter wel­ches? Hatte man sich falsch ent­schieden, konnte man von Glück sagen, wenn man den Kol­legen per Walkie-Talkie umdi­ri­gieren konnte.

Wie viele Tore sind dem Fern­seh­pu­blikum durch diese Pannen ent­gangen?
Das kam natür­lich nicht jede Woche vor, aber den­noch war es unan­ge­nehm für uns Redak­teure. Wir mussten häufig vor dem Abpfiff des Spiels schon das Sta­dion ver­lassen, um die ersten Film­rollen früh­zeitig zur Ent­wick­lung zu bringen.

Sie haben die Spiele nicht bis zum Ende gesehen?
So ist es. Wir arbei­teten unter Zeit­druck, weil wir am Anfang mit dem Sport­studio“ schon um 21.15 Uhr auf Sen­dung gingen. Des­wegen durften wir kei­nes­falls in das Ver­kehrs­chaos nach Spiel­schluss geraten. Wir mussten ja oft noch mit dem Auto hun­derte Kilo­meter zum nächsten Kopier­werk rasen. Wenn man bei­spiels­weise aus Braun­schweig berichten sollte, musste man nach Ham­burg. Von Bie­le­feld aus nach Düs­sel­dorf.

Sie waren also eine Art Auto­ku­rier im Gewand eines Repor­ters.
Gewis­ser­maßen. Doch die Kol­legen der ARD standen unter noch grö­ßerem Zeit­druck, weil die Sport­schau“ ja drei Stunden vor uns gesendet hat. Die haben sogar manchmal ein halbes Dut­zend Motor­rad­fahrer als Kuriere ein­ge­setzt, weil die schneller durch­kamen. Die fuhren mit ihren Kas­setten quer durch das Land. Leider kam es dabei dann und wann zu schweren Unfällen.

Weil die Kon­zen­tra­tion eigent­lich zu 100 Pro­zent auf dem Stra­ßen­ver­kehr liegen sollte.
Na, klar. Den­noch: Im Kopf legte ich mir nebenbei schon die Texte für meine Bei­träge zurecht, wäh­rend ich wie auf der Flucht über die Auto­bahn jagte. Und wenn ich dann im Radio hörte, dass in der Schluss­phase noch ein paar Tore gefallen waren, konnte ich nur hoffen, dass der Kame­ra­mann einen guten Job gemacht hatte.

Wie oft standen Sie am Ende eines Spiel­tags mit leeren Händen da?
Naja, irgendwas war immer zu gebrau­chen. Es trug aller­dings nicht unbe­dingt zur Beru­hi­gung bei, wenn der Kame­ra­mann zwei Stunden später mit dem Rest­ma­te­rial im Schnei­de­raum ankam und sagte: Jetzt bin ich aber selber mal gespannt, was ich drauf habe.“

Gab es nie Kon­flikte mit dem Gesetz?
Einmal bin ich wäh­rend des Spiels in einen Wol­ken­bruch geraten. Ich hatte keine tro­ckene Faser mehr am Körper. Also habe ich mir meinen Schlaf­anzug ange­zogen und bin auf die Auto­bahn gestürmt. Weil ich unter hohem Zeit­druck war und die Hand vor den Augen kaum sehen konnte, habe ich die rich­tige Aus­fahrt viel­leicht um zehn Meter ver­passt. Also habe ich jäh gestoppt, den Rück­wärts­gang ein­ge­legt, und wer stand hinter mir? Die Polizei!

Der Füh­rer­schein war weg.
Von wegen. Der Poli­zist erstaunt: Ach, Sie sind das, Herr Kürten. Was machen Sie da?“ Ich schil­derte ihm meine Not­lage. Dann sah er mein Outfit und fragte: Was haben Sie über­haupt an?“ Auch das konnte ich plau­sibel erklären. Der Mann mochte mich offenbar und eskor­tierte mich durch die rich­tige Aus­fahrt.

So was wäre heute ein gefun­denes Fressen für die Presse.
Die Schlag­zeile kann man sich ja vor­stellen: Ver­kehrs­sünder Kürten – So kun­geln die Promis mit der Polizei!“

Konnten Sie wenigs­tens ent­spannen, wenn Sie Ihr Ziel pünkt­lich erreicht hatten?
Im Gegen­teil. Im Kopier­werk war die Hetz­jagd noch nicht vorbei. Dann begann das Bangen, ob mit der Ent­wick­lung alles in Ord­nung sein würde. Man war­tete min­des­tens eine Stunde auf die fer­tigen Bilder, tele­fo­nierte wäh­rend­dessen mit der Redak­tion, und nicht selten kam der Kopier­werks­meister und sagte: Tut mir leid, Teile des Mate­rials sind unbrauchbar. Die Maschine ist ste­hen­ge­blieben.“

Ange­sichts sol­cher Geschichten ver­wun­dert es, dass über­haupt Bun­des­li­ga­szenen aus den Sech­zi­gern über­lie­fert sind.
Wir lernten uns zu behelfen und zeigten bei feh­lenden Toren, wie gesagt, viel Jubel. Dazu dürf­tiger Text. Etwa, dass wir das Tor nicht zeigen könnten, weil gerade ein Kas­set­ten­wechsel nötig gewesen sei. Unter diese impro­vi­sierten Bilder legten wir dann ein biss­chen Atmo­sphäre aus der Kon­serve.

Aus der Kon­serve?
Natür­lich hätten wir den Ton par­allel zum Film auf­nehmen können, so viel Zeit war aber nicht. Das hätte den Pro­duk­ti­ons­auf­wand weiter erhöht. Dann hätte man zu zahl­rei­chen Metern Film­ma­te­rial noch ent­spre­chende Ton­bänder gehabt, die man hätte syn­chron anlegen müssen. Also haben wir ins Archiv gegriffen. Das war nach Zuschau­er­menge und Emo­tionen sor­tiert. Es gab Ton­spuren für 20 000 jubelnde Fans oder etwa für 10 000 auf­ge­brachte Anhänger. Das führte aller­dings auch zu dem einen oder anderen Kuriosum.

Zum Bei­spiel?
Es kam schon mal vor, dass wäh­rend eines Spiels zwi­schen For­tuna Düs­sel­dorf und dem 1. FC Köln plötz­lich Uwe, Uwe“-Rufe erklangen.

Das hat nie jemand gemerkt?
Wer weiß? Beschwert hat sich zumin­dest nie­mand. Ich denke, die Zuschauer waren sehr nach­sichtig, weil alle wussten, dass wir uns viel Mühe für sie gaben.

Klingt sehr stressig.
Jeder wusste, dass er diesen Job nicht sein ganzes Leben lang würde machen können. Die kör­per­li­chen und psy­chi­schen Belas­tungen waren enorm. Man arbei­tete viel allein, ein Feed­back von der Redak­tion gab es in aller Regel erst am Montag. Wenn man zum Bei­spiel wusste, dass etwas nicht ganz glatt gelaufen war, grü­belte man den ganzen Sonntag lang.

Sie kamen kurz vor dem ersten Sen­detag am 1. April 1963 zum ZDF. Wie müssen wir uns die Arbeits­be­din­gungen in der Sport­re­dak­tion damals vor­stellen?
Kann man sich kaum vor­stellen! Ich kam aus Düs­sel­dorf nach Esch­born und hatte mich für meinen ersten Arbeitstag richtig schick gemacht: Kamel­haar­mantel, teure Schuhe. Es reg­nete in Strömen, und als ich unsere Redak­ti­ons­räume sah, wusste ich schlag­artig, ich war over­dressed.

Inwie­fern?
Wir waren in einem ehe­ma­ligen Bau­ernhof unter­ge­bracht. Hier standen jetzt Bara­cken. Die Regie saß in einem umge­bauten Schwei­ne­stall, die Technik lagerte im frü­heren Kuh­stall. Draußen grasten Schafe, und man kam nur über aus­ge­legte Bohlen in die Büros. Wenn es geregnet hat, war man dre­ckig bis ans Knie. Wir Sport­re­dak­teure fühlten uns selbst wie die Kanal­arbeiter. Aber wir schafften. Auch wenn der Sport immer als Erstes aus der Pla­nung kippte. Dabei gab es jeden Tag sowieso nur eine Mel­dung.

Sport­jour­na­listen galten als Fans, die über die Bande gesprungen sind.
Der Vor­wurf ist so alt wie der Job selbst. Auch im ZDF wurden wir zunächst belä­chelt.

Heute ist Sport, und vor allem Fuß­ball, medial omni­prä­sent.
Das hat sich bereits damals abge­zeichnet. Aller­dings kei­nes­falls aus Über­zeu­gung, son­dern aus reinem Prag­ma­tismus. Sport war für einige Pro­gramm­ver­ant­wort­liche ein not­wen­diges Übel. Aber die Sender haben sehr früh gemerkt, dass man mit Sport sehr preis­wert Sen­de­zeit füllen kann. Und Zuschauer gewinnt! Also domi­nierte der Sport zuneh­mend das Pro­gramm.

Ihre erste Mode­ra­tion im Sport­studio“ im Jahr 1967 dau­erte drei Stunden und 18 Minuten. Das sind Sen­delängen, die man sonst nur von Thomas Gott­schalk kennt.
Heute undenkbar, aber damals hat man uns machen lassen. Ich hatte unter anderem drei Inge­nieure zu Gast, die unseren Zuschauern die Funk­tionen einer brand­neuen Magnet­band-Auf­zeich­nungs­ma­schine erklären sollten. Das war ein rie­siger Kasten, um den man her­um­gehen musste. Ich hatte den drei Herren das Wort erteilt und sie refe­rierten sehr aus­führ­lich. Ich glaube, allein dieser Teil der Sen­dung hat eine halbe Stunde gedauert.

In einer anderen Aus­gabe im Jahr 1986 hatten Sie minu­ten­lang keine Spiel­be­richte, weil die Lei­tungen zusam­men­ge­bro­chen waren.
Genau. Ich saß da mit Jupp Heynckes und Steffi Graf und drohte, dass wir uns bald Witze erzählen müssten, weil ich nichts mehr zu senden hätte. Die Kol­legen aus der Technik erklärten dann nach sol­chen Pannen gern: Schuld ist die Post.“

Was hatte das zu bedeuten?
Wäh­rend der ersten Jahre liefen alle Lei­tungen noch über die Post, sie wurden in einer Zen­trale in Frank­furt, dem soge­nannten Stern“, gebün­delt. Und wenn es da gehakt hat, mussten ganze Live­sen­dungen mit allerlei Impro­vi­sa­tion gerettet werden. Wir hatten sogar einen Pannen-DJ im Studio.

Einen was, bitte?
Eine Idee des dama­ligen Sport­chefs, der die Kol­legin Ursula Stern­berg über­zeugen konnte, als DJ zu fun­gieren. Also stand sie wäh­rend der Sen­dung an einem Plat­ten­teller. Und wenn etwas schief lief, spielte sie ein­fach ein biss­chen Musik.

Im Internet gehen Neu­ig­keiten heute binnen Sekunden um die Welt. Wie sam­melten Sie damals Infor­ma­tionen?
Wir tele­fo­nierten viel, waren immer im Kon­takt mit den Prot­ago­nisten. Aber wenn Trainer oder Spieler nicht mit uns reden wollten, dann gingen sie uns aus dem Weg. Pres­se­kon­fe­renzen wie heut­zu­tage gab es nicht. Dann hatten wir keine Chance auf exklu­sive Infor­ma­tionen. Des­wegen musste man sich eben etwas ein­fallen lassen.

Ver­raten Sie uns Ihre Tricks?
Ich wählte häufig die Pri­vat­num­mern der Trainer und hoffte, die Ehe­frau würde den Hörer abnehmen. Mit viel Charme und kleinen Flirts ent­lockte ich den Gat­tinnen die eine oder andere Infor­ma­tion, die ihre Männer am Kaf­fee­tisch aus­ge­plau­dert hatten.

Sie waren also die etwas andere Vari­ante des Wit­wen­schütt­lers“.
Das waren oft nur Häpp­chen, mit denen ich meine Vor­be­richte würzen konnte. Und die Frauen wussten irgend­wann auch, was der Kürten wollte. Nicht selten haben die Lebens­partner ange­ordnet, dass sie mit mir, dem Sau­hund“, nicht mehr so viel quat­schen sollten. Dann musste ich mich beim nächsten Mal beson­ders ins Zeug legen.

Dieter Kürten, wenn Sie auf diese Anfangs­jahre der Fuß­ball­be­richt­erstat­tung zurück­bli­cken. Beneiden Sie die heu­tigen Kol­legen um ihre Arbeits­be­din­gungen?
Und wie. Aber im Nach­hinein möchte ich diese Zeit nicht missen. Nur als ich da drin steckte, war das nicht immer nur lustig. Aber es ging eben nicht anders. Die Ver­nunft blieb dabei oft­mals buch­stäb­lich auf der Strecke. Lei­den­schaft und Herz­blut bestimmten unsere Arbeit.