Roman Kienast, am Samstag haben Sie mit Aus­tria Wien in der Bun­des­liga mit 2:3 gegen den SV Grödig ver­loren. Pro­vo­kativ gefragt: War die Aus­tria mit ihren Gedanken schon beim Erlebnis Cham­pions League?
Nein, wir hatten an diesem Tag ein­fach nur kein Glück. Unsere erste Hälfte war über­ra­gend, doch wir haben es ver­säumt, dass 2:0 nach­zu­legen. Der Gegner war gut und hat unsere Fehler eis­kalt bestraft. So etwas pas­siert. Unser Grund­fokus wird trotz Cham­pions League auch wei­terhin ganz klar auf der Bun­des­liga liegen.

Klingt gerade so, als würde die Cham­pions League der Aus­tria nicht so viel bedeuten.
Das ist natür­lich nicht so. Wir freuen uns alle unglaub­lich, unter den besten 32 Mann­schaften Europas dabei zu sein. Das ist wichtig für ganz Öster­reich. Ich weiß nicht, ob man in Deutsch­land das nach­voll­ziehen kann, aber als öster­rei­chi­sches Team hat man es nun einmal nicht leicht, dort dabei zu sein.

Dabei sah es in der Qua­li­fi­ka­tion zwi­schen­zeit­lich ganz düster aus. Nach dem 2:0‑Hinspielsieg lag die Aus­tria gegen Dinamo Zagreb zwi­schen­zeit­lich mit 1:3 zurück. Sie wurden gut zehn Minuten vor Spie­lende ein­ge­wech­selt und haben dann den ent­schei­denden Treffer zum 2:3‑Endstand erzielt. Was haben Sie gedacht, als das Spiel in Rich­tung Zagreb aus­zu­schlagen schien?
Ganz ehr­lich: Das darf doch nicht wahr sein! Aber ande­rer­seits auch: Wir haben immer noch alle Chancen, wir können es noch schaffen, das dürfen wir uns doch jetzt nicht mehr nehmen lassen. Das habe ich dann auch gedacht, als ich auf den Platz kam.

Da diese Teil­nahme für Öster­reich so wichtig ist, wurde sie sicher­lich auch gebüh­rend begossen.
Ein so großes Erlebnis mussten wir natür­lich ein biss­chen feiern, von daher haben wir nach dem Spiel schon ein paar Bier getrunken. Unser Trainer Nenad Bje­lica hat das Trai­ning am nächsten Tag dann glück­li­cher­weise auch von 10 Uhr auf 17 Uhr ver­legt. Da war dann auch jeder Spieler pünkt­lich da (lacht). Aber spä­tes­tens zwei Tage nach der Qua­li­fi­ka­tion haben wir unsere Kon­zen­tra­tion wieder auf die nächsten Auf­gaben gerichtet.

Acht Jahre lang war kein öster­rei­chi­sches Team in der Cham­pions League dabei. Wie erklären Sie sich diese lange Durst­strecke?
Als öster­rei­chi­sches Team braucht man einen per­fekten Tag, um im Kon­zert der Großen zu bestehen – und das gilt bereits für die Qua­li­fi­ka­tion, in der du bereits auf Spit­zen­teams triffst. RB Salz­burg hat einen viel grö­ßeren Etat als wir. Die ver­su­chen es ja schon seit ihrem Bestehen mit der Qua­li­fi­ka­tion, haben es aber bisher nicht geschafft.

Für Sie per­sön­lich ist es die Rück­kehr in die Cham­pions League. Bei der letzten Teil­nahme einer öster­rei­chi­schen Mann­schaft in der Saison 2005/06 waren Sie noch bei Rapid Wien aktiv.
Ja, aber damals habe ich nur fünf Minuten im letzten Grup­pen­spiel gegen Juventus Turin gespielt, und die Partie haben wir 1:3 ver­loren.

Rapid Wien ist damals in einer Gruppe mit Juventus, dem FC Bayern und de FC Brügge mit sechs Nie­der­lagen sang- und klanglos aus­ge­schieden. Woran lag das?
Der ein oder andere Punkt wäre drin gewesen. Nicht gegen Juventus, gegen die waren wir damals chan­cenlos. Aber gegen Bayern haben wir im Hin­spiel einen Elf­meter ver­schossen. Geht der rein, starten wir viel­leicht erfolg­reich in die Grup­pen­phase und haben ganz andere Vor­aus­set­zungen. Schon damals galt: Wir brau­chen sechs per­fekte Spiele, um eine Chance zu haben. Wir hatten leider kein ein­ziges.

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Ist denn die eigent­liche Qua­li­fi­ka­tion nicht schon ein Erfolg genug und die Grup­pen­phasen an sich als Zusatz anzu­sehen?
Für den Verein gilt das gewis­ser­maßen. Die Aus­tria wird ins euro­päi­sche Ram­pen­licht gedrängt, das alleine ist schon sehr viel wert. Und es bringt ja jetzt auch nichts, von Ver­eins­seite aus als Cham­pions-League-Neu­ling ein zu ambi­tio­niertes Ziel aus­zu­rufen. Wir Spieler denken aber anders. Wir wollen den ein oder anderen in Europa über­ra­schen und so viele Punkte wie mög­lich holen.

Die Aus­tria spielt gegen den FC Porto, Atle­tico Madrid und Zenit St. Peters­burg. Der ganz große Kra­cher fehlt unter den Geg­nern. Sind Sie zufrieden mit dieser Gruppe?
Der Groß­teil unserer Mann­schaft hätte sich Dort­mund, Bayern, Real oder Man­chester gewünscht. Leider ist es nicht so gekommen. Aber auch diese Gegner haben ihren Reiz. Wenn man ihre Kader durch­geht, trifft man auch auf etliche Welt­klas­se­spieler. Ich glaube nicht, dass Porto, Atle­tico oder Zenit so viel schlechter sind als Bayern oder Dort­mund.

So geht die Aus­tria auch einem Duell mit ihrem ehe­ma­ligen Jugend­spieler David Alaba, dem ersten öster­rei­chi­schen Cham­pions-League-Sieger, aus dem Weg.
Ich weiß auch, dass sich David bei der Aus­lo­sung unbe­dingt uns als Gegner gewünscht hat. Sehen wir es positiv: Jetzt hat er Zeit, uns die Daumen zu drü­cken, da die Bayern ja immer an einem anderen Tag spielen als wir.

Am Mitt­woch geht es zum Auf­takt gegen den FC Porto. Wie wird die Vor­be­rei­tung auf dieses Spiel aus­sehen?
In unserer Kabine haben wir von allen Gegen­spie­lern grö­ßere Pla­kate auf­ge­hängt, auf denen ihre Lebens­läufe und beson­deren Stärken fest­ge­halten sind. Damit jeder Spieler beim Vor­bei­laufen so langsam ein­ge­trich­tert bekommt, was auf ihn zukommt.

Roman Kienast, worauf freuen Sie sich in dieser Cham­pions-League-Saison am meisten?
Auf alles! Auf die aus­ver­kauften Sta­dien und die Atmo­sphäre. Die ersten Tickets für unsere Spiele waren direkt aus­ver­kauft, in den Medien wird groß berichtet, das alles hat man hier nicht alle Tage. Das müssen wir auch genießen.

Und wie lautet ihr sport­li­ches Ziel?
Wenn wir nach dem Winter noch euro­pä­isch ver­treten wären – ob in der Cham­pions oder in der Europa League – dann wäre das über­ra­gend.