Rainer Adrion, Sie waren ver­gan­gene Woche mit der U21 in einem Team­buil­dings-Trai­nings­lager. Wie war Ihr Ein­druck?

Rainer Adrion: Super. Das Trai­nings­lager hat uns als Mann­schaft wei­ter­ge­bracht. Wir haben die Spieler mal von einer anderen Seite ken­nen­ge­lernt, die Spieler sich unter­ein­ander auch.

In der U21 herrscht erfah­rungs­gemäß eine große Fluk­tua­tion, sei es durch Ver­let­zungen, alters­be­dingtes Aus­scheiden oder Abstel­lungen an die A‑Mannschaft. Macht da ein Team­buil­dings-Trai­nings­lager über­haupt Sinn?

Rainer Adrion: Sicher­lich mussten und müssen wir oft impro­vi­sieren. Wenn dies durch Abstel­lungen an die A‑Nationalmannschaft pas­siert, ist es ja eigent­lich eine tolle Sache, schließ­lich ist es unsere Auf­gabe, mög­lichst viele Spieler an Joa­chim Löw abzu­geben. Etwas weniger Fluk­tua­tion würde unsere Arbeit aber natür­lich ein­fa­cher machen. Irgend­wann ist der Sät­ti­gungs­grad an jungen Spieler im A‑Team auch erreicht. Ich gehe ich davon aus, dass die Jungs, die mit im Trai­nings­lager waren, die schwie­rige EM-Qua­li­fi­ka­tion im Oktober spielen.

Wählen Sie die Talente alleine aus oder gibt Joa­chim Löw vor, wer nomi­niert wird.

Rainer Adrion: Bei der Nomi­nie­rung stehe ich im stän­digen Aus­tausch mit dem Bun­des­trainer. Wir beraten, welche Spieler für die U21 in Frage kommen, gleich­zeitig wird die Stra­tegie bespro­chen, wie lange wir sie behalten und wann der rich­tige Zeit­punkt gekommen ist, um sie zum A- Team hoch­zu­ziehen. Die ver­gan­genen Jahre haben gezeigt, dass der Über­gangs­be­reich her­vor­ra­gend funk­tio­niert. Wie jetzt bei Julian Draxler, Ilkay Gün­dogan Marc-André ter Stegen, die alle im vor­läu­figen EM-Kader stehen.

Wem trauen Sie den Sprung in den end­gül­tigen EM-Kader zu?

Rainer Adrion: Prä­de­sti­niert sind sie dafür alle, das Talent und die nötige Qua­lität ist zwei­fellos vor­handen. Doch man weiß nie, was in einer Vor­be­rei­tung so alles pas­siert. Wenn sie es diesmal nicht schaffen, dann halt beim nächsten Mal. Alle drei sind ja noch sehr jung.

In der Bun­des­liga haben sich in der ver­gan­genen Saison viele wei­tere junge Spieler in den Fokus gespielt. Patrick Herr­mann, Jan Kirch­hoff, Daniel Didavi – wer ist für Sie der New­comer der Saison?

Rainer Adrion: Für mich ist die Leis­tungs­ex­plo­sion von Marc-André ter Stegen das High­light der Saison. Marc-André war ja schon in der ver­gan­genen Saison bei den Rele­ga­ti­ons­spielen und zuvor im Abstiegs­kampf sehr gut, hat sich aber noch einmal gestei­gert. Die Nomi­nie­rung in den vor­läu­figen EM-Kader war die logi­sche Kon­se­quenz.

Birgt die große Anzahl an Talenten eigent­lich die Gefahr eines Talen­testaus? Gibt es zu wenig Plätze für zu viele junge Spieler?

Rainer Adrion: Klar, der Kon­kur­renz­kampf ist im Moment unter den Talenten wirk­lich hart. Doch an einen Talen­testau, daran, dass Spieler trotz großer Qua­lität auf der Strecke bleiben, glaube ich nicht. Dafür gibt es zu viele Mög­lich­keiten Spiel­praxis zu sam­meln. Im Verein als auch bei uns in der U21. Wenn ein junger Spieler gut ist, dann setzt er sich auch durch.

Die U21 ist ein Ort, um Spiel­praxis zu sam­meln?

Rainer Adrion: Natür­lich nicht aus­schließ­lich. Wir haben ganz klare Anfor­de­rungen, ehr­gei­zige Ziele. Wir wollen die Qua­li­fi­ka­tion zur Euro­pa­meis­ter­schaft 2013 schaffen und diese auch gewinnen. Junge Spieler haben bei uns die Mög­lich­keit, auf höchstem Niveau Spiel­praxis zu sam­meln und mit Erfolgs­druck umzu­gehen. Das beste Bei­spiel ist das Euro­pa­meister-Team von 2009. Mesut Özil, Manuel Neuer, Sami Khe­dira, Mats Hum­mels, Jerome Boateng und Marcel Schmelzer sind heute zum Teil Weltklassespieler.Die U21 hat ihren Anteil an dieser Ent­wick­lung.

Bei der Talent­fülle haben sie zur­zeit neben Joa­chim Löw den besten Job im deut­schen Fuß­ball.

Rainer Adrion: (lacht) Das stimmt. Die Haupt­ar­beit bei der Ent­wick­lung der Talente machen selbst­ver­ständ­lich die Ver­eine. Wir tragen unseren Teil dazu bei, vor allem was die inter­na­tio­nale Erfah­rung angeht und das macht ein­fach sehr viel Spaß. Bei so vielen und so guten Spie­lern natür­lich noch mehr.

DieU-21-EM 2011 wurde ver­passt, dadurch auch die Olym­pi­schen Spielen 2012. Wie weh tut das ange­sichts des eigent­lich großen Spie­ler­po­ten­tials?

Rainer Adrion: Das war fraglos ein Rück­schlag. Spieler wie Toni Kroos, Marko Marin und Jerome Boateng haben uns zum dama­ligen Zeit­punkt ein­fach gefehlt, weil sie bereits im A‑Team zum Stamm zählten.

Die Gegner in der Qua­li­fi­ka­tion hießen Island und Tsche­chien, die sicher­lich nicht über­mächtig waren. Ver­gessen wir im Hype um unsere Talente viel­leicht auch, dass die anderen Nationen inzwi­schen eben­falls gute Nach­wuchs­ar­beit leisten?

Rainer Adrion: Der Fuß­ball ist auch im Jugend­be­reich enger zusam­men­ge­rückt, aber ich glaube nicht, dass wir das unter­schätzen. Wir müssen natür­lich immer hell­wach sein. Deutsch­land ist in der Talent­för­de­rung und Aus­bil­dung nach wie vor füh­rend. Andere Länder nehmen uns zum Vor­bild.

Kann es die Spieler in ihrer Ent­wick­lung bremsen, dass sie diese Tur­niere nicht spielen?

Rainer Adrion: Nein, das glaube ich nicht. Mats Hum­mels und Bene­dikt Höwedes waren damals in der Mann­schaft, die in der Qua­li­fi­ka­tion zur EM 2011 geschei­tert ist. Deren Ent­wick­lung hat es sichtbar auch nicht geschadet. Aller­dings haben sie zuvor auch das EM-Tur­nier bereits einmal gewonnen.

Sie haben die beste Über­sicht: Sind wei­tere New­comer in der nächsten Saison schon in Aus­sicht?

Rainer Adrion: In der U17 und U19 haben sich schon einige ins Ram­pen­licht gespielt, auch in der zweiten Liga. Doch Namen werde ich nicht nennen, das würde nur unnötig Druck auf­bauen. Der kommt später schon von ganz alleine. Die Jungs sollen sich in Ruhe ent­wi­ckeln. Eines ist aber sicher: Wir brau­chen vor der Zukunft kein Angst mehr zu haben.