Seite 2: „Oberlippenbärte tangieren unsere Arbeit nicht“

Ruhig und seriös wird tra­di­tio­nell auch im Breisgau gear­beitet, wo Sie beim SC Frei­burg unter Volker Finke Ihre Trai­ner­kar­riere begannen. Wie kam es dazu?
Ich bin im März 1996, drei Monate bevor mein Spie­ler­ver­trag aus­lief, in Finkes Büro spa­ziert und habe ihn gefragt, wie es mit mir wei­ter­gehen soll. In diesem Gespräch wurde mir in Aus­sicht gestellt, im Trai­ner­team mit­zu­ar­beiten. Im ersten Jahr sollte ich als eine Art Standby-Profi agieren. Ich hatte damals bereits gesund­heit­liche Pro­bleme mit meiner Hüfte und kam nur noch auf zwei Bun­des­li­ga­ein­sätze, da musste ich nicht erst um Rat fragen, son­dern habe sofort zuge­sagt.
 
Wie ging es nach Ihrer Zeit als aktiver Spieler weiter?
Ich habe meinen Trai­ner­schein gemacht und fortan in Dop­pel­funk­tion gear­beitet. Ich war zum einen Co-Trainer der Profis und zum anderen Chef­trainer der zweiten Mann­schaft, die damals in der vierten Liga spielte. Diese Posi­tion habe ich zehn Jahre lang bekleidet, für mich eine Art langes, aber gut bezahltes Prak­tikum.
 
Hatten Sie eine lehr­reiche Zeit als Prak­ti­kant?
Ich habe in diesen Jahren über den Tel­ler­rand hinaus geschaut. Wir haben in der U23 ohne Co-Trainer, Tor­wart­trainer oder Ath­le­tik­trainer gear­beitet, daher konnte ich nur wenige Dinge dele­gieren. Mit dem Ver­ant­wort­li­chen für die Ama­teur­mann­schaft habe ich gemeinsam Trai­nings­lager geplant, Vor­be­rei­tungs­spiele orga­ni­siert und mich auch um die Spiel­klei­dung geküm­mert. Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass der ein oder andere Spieler einen Zivil­dienst­platz erhält, und selbst bei der Woh­nungs­suche habe ich mit­ge­holfen.
 
Das klingt tat­säch­lich mehr nach den Auf­gaben eines Prak­ti­kanten…
Es gab viel Orga­ni­sa­to­ri­sches zu erle­digen, aber trotzdem hatte ich immer wieder die Mög­lich­keit, Bun­des­li­g­aluft zu schnup­pern. Ich war als Co-Trainer der Profis bei jeder Bespre­chung, jedem Trai­ning, jeder Halb­zeit­an­sprache und jeder Spiel­nach­be­rei­tung Woche für Woche dabei. Da habe ich tolle Ein­blicke erhalten und konnte zeit­gleich viele Dinge als Chef­trainer der zweiten Mann­schaft anwenden oder aus meiner Sicht sogar besser machen.
 
Hatten Sie bereits als Spieler den Wunsch, nach der Kar­riere als Trainer zu arbeiten?
Als Spieler habe ich manchmal schon etwas länger zuge­hört als so man­cher Kol­lege und mir auch mal Notizen zu den Trai­nings­in­halten oder Anspra­chen gemacht. Ich hatte aller­dings nur vage mit dem Gedanken gespielt, kon­kret wurde es erst in Finkes Büro. In dem Moment, in dem ich das Angebot hörte, war es für mich ein kleiner Haupt­ge­winn.
 
Sie wech­selten 2009 gemeinsam mit Ihrem Mentor Finke nach Japan zu Urawa Red Dia­monds. Eben­falls ein Haupt­ge­winn?
Eine kom­plett andere Kultur ken­nen­zu­lernen mit der ange­nehmen Begleit­erschei­nung, seinem Job nach­gehen zu dürfen, war natür­lich eine Rie­sen­sache.
 
Was war für Sie der größte Unter­schied zum euro­päi­schen Fuß­ball?
In Japan gilt das Senio­ri­täts­prinzip, was bedeutet, dass jün­gere Spieler den Älteren wenig zu sagen haben und diese sogar siezen. Wenn auf dem Platz ein junger Spieler in der Vie­rer­kette steht und vor sich einen alten erfah­renen Bock hat, der offensiv spielt, dann kann das zu Pro­blemen in der Ansprache und somit in der Ver­tei­di­gung führen. Da war man an der Sei­ten­linie schon manchmal irri­tiert.
 
Herr Neitzel, aktuell lassen sich einige Ihrer Spieler einen Schnurr­bart stehen, den sie erst nach der nächsten Nie­der­lage abra­sieren wollen. Gehören Sie auch zur Magnum-Frak­tion“?
Ich bin zwar schon 47 Jahre alt, aber in meinem Leben von ver­mehrtem Bart­wuchs ver­schont geblieben. Ober­lip­pen­bärte tan­gieren unsere Arbeit über­haupt nicht und inter­es­sieren uns daher nicht. Mir geht es um die sport­liche Leis­tung und vor allem darum, dass die Jungs am Wochen­ende auf dem Platz mar­schieren. So lange sie das machen, können sie sich auch die Haare bis zum Hin­tern wachsen lassen, das ist uns voll­kommen egal.