Karsten Neitzel, warum spricht in Kiel nie­mand vom Auf­stieg?
Ständig werde ich gefragt: Wollen Sie nicht auf­steigen?“. Ich finde diese Frage, mit Ver­laub, ein­fach nur frech. Es ist doch klar, dass wir den maxi­malen Erfolg wollen und dafür das Maximum an Arbeits­kraft inves­tieren. Soll ich mich am Wochen­ende vor die Mann­schaft stellen und sagen: Jungs, macht mal langsam, wir müssen mal ein Spiel ver­lieren, sonst steigen wir am Ende noch auf“?
 
Sie haben also Sorge, die Spieler unter Druck zu setzen?
Ja, denn je mehr wir drüber reden, desto mehr ver­än­dert sich die öffent­liche Wahr­neh­mung unserer Leis­tung. Wenn wir zu offensiv an die Sache her­an­gehen, heißt es dann irgend­wann: Die wollen auf­steigen, ver­lieren aber gegen den Tabel­len­letzten.“ Unter anderem so etwas wollen wir damit ver­meiden.
 
Sie haben zuletzt gegen Jahn Regens­burg 1:0 gewonnen.
Richtig, und das war nicht unbe­dingt glück­lich, das Spiel hätte auch 5:1 aus­gehen können. Aber ich glaube nicht, dass es einen Unter­schied macht, ob wir in Halle, in Duis­burg oder bei Groß­as­pach spielen. Mann­schaften von unten kämpfen für die Liga­zu­ge­hö­rig­keit, das macht es nicht unbe­dingt ein­fa­cher. In dieser Liga musst du vor jedem Gegner Respekt haben. Regens­burg hat zum Bei­spiel vor dem Spiel gegen uns Rot-Weiß Erfurt, die vor dem Spiel auf dem 5. Platz standen, geschlagen.
 
Das hat Hol­stein Kiel auch geschafft.
Unser 4:1‑Sieg ist das beste Bei­spiel für mich, an dem man sieht, wie der Fuß­ball in der Dritten Liga leider ganz oft funk­tio­niert. Erfurt kommt als Tabel­len­zweiter zu uns, rutscht durch die Nie­der­lage in der Tabelle etwas ab, ver­liert die nächsten drei Spiele und Trainer Walter Kogler, der vor dem Spiel gegen uns noch umju­belt wurde, ist jetzt arbeitslos. Schon komisch, oder?
 
Ihre Mann­schaft hat die letzten sieben Spiele gewonnen, teil­weise gegen direkte Kon­kur­renten im Auf­stiegs­kampf. Was macht den Erfolg aus?
Es ist ein großes Plus, dass wir momentan viele Dinge sehr kon­stant abrufen. Wir müssen aber in dieser Phase den Blick fürs Wesent­liche behalten und das bedeutet, dass es keine Alter­na­tive zu einer seriösen Vor­be­rei­tung auf das nächste Punkt­spiel gibt. Für uns ist es umso wich­tiger, dass wir Grund­vor­aus­set­zungen im Spiel gegen den Ball Woche für Woche abspulen und in der Defen­sive weite Wege gehen. Diese werden leider oft nicht so hono­riert wie ein langer Sprint in die Spitze, der mit einem Tor gekrönt wird. Da müssen wir die Jungs moti­vieren und ihnen auch mal in den Arsch treten, damit sie diese Läufe auch wei­terhin machen. Aber so viele Arsch­tritte braucht die Mann­schaft im Moment nicht. (Lacht.)
 
Hol­stein stellt die beste Defen­sive der Liga. Basiert der aktu­elle Tabel­len­platz auf einer defen­siven Grund­ord­nung?
Wir bauen uns nicht an der Mit­tel­linie auf und lauern auf Konter. Wir ver­su­chen, den Gegner früh zu atta­ckieren, egal ob wir aus­wärts oder zu Hause spielen. Das ist beson­ders für die Vie­rer­kette schwierig, da die geg­ne­ri­schen Offen­siv­leute dadurch mehr Räume erhalten. Aber die Mann­schaft setzt die Vor­gaben sehr gut um. Das hat zur Folge, dass wir wenige Tor­chancen zulassen. In 68 Dritt­liga-Spielen haben wir nur 57 Gegen­tore bekommen, das ist ein Top­wert. Vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass wir letzte Saison erst auf­ge­stiegen sind. Die Jungs sind sehr lern­willig und können unsere Vor­gaben schnell umsetzen, ohne dass wir sie 24 Mal anspre­chen muss.
 
Was könnte Ihr Team noch ver­bes­sern?
Wir sind zwar nicht die Mann­schaft, die die wenigsten Tore schießt oder die wenigsten Chancen her­aus­spielt, aber es dürften schon noch ein paar mehr Tore sein. Es hapert manchmal an der Effek­ti­vität vor dem Tor, das muss sich aller­dings fast jede Mann­schaft in der Liga ankreiden lassen.

Kiel gilt dank der Erfolge des THW eher als Hand­ball-Stadt. Steht Hol­stein in Sachen Zuschauer in Kon­kur­renz zu dem Hand­ball­verein?
Kiel ist auf jeden Fall eine Sport­stadt. Die Bericht­erstat­tung über den THW Kiel in den lokalen Medien ist natür­lich umfang­rei­cher als über Hol­stein, aber die beiden Ver­eine arbeiten hier nicht gegen­ein­ander, son­dern zusammen. Wenn der THW gewinnt, dann freue ich mich, und ich glaube, auch der eine oder andere Hand­baller freut sich, wenn wir unsere Punkt­spiele gewinnen.
 
Ist in der Stadt wegen der jüngsten Erfolge eine Fuß­ball-Euphorie zu spüren?
Wir kämpfen um jeden Zuschauer, und wenn wir weiter oben spielen, kommen zwangs­läufig mehr Besu­cher ins Sta­dion, das wollen wir in Zukunft pflegen. Statt von Fuß­ball-Euphorie würde ich aller­dings eher von Hol­stein-Sym­pa­thie spre­chen. In der Ver­gan­gen­heit mag der eine oder andere von den hoch­nä­sigen Hol­stei­nern gespro­chen haben. Wir arbeiten gerade daran, dieses Image Stück für Stück abzu­bauen. Ich denke, dass wir mitt­ler­weile sym­pa­thi­scher wahr­ge­nommen werden und ein Verein sind, der trans­pa­rent arbeitet.
 
Schleswig-Hol­stein gilt man­chen Fans als fuß­bal­le­ri­sches Nie­mands­land und kann keine Mann­schaft vor­weisen, die in der 1. Bun­des­liga gespielt hat. Woran liegt das?
Bei den klei­neren Ver­einen gibt es immer wieder Jugend­spieler, die leider zu früh dem Ruf eines großen Ver­eins folgen, das ent­zieht dem Nach­wuchs­fuß­ball Qua­lität. Den­noch sehe ich gerade in der Regio­nal­liga einige Mann­schaften, die durchaus Poten­tial für mehr haben und in der Lage sind, in Kürze durch einen Auf­stieg den nächsten Schritt zu machen.
 
Sind die Struk­turen im schleswig-hol­stei­ni­schen Fuß­ball nicht pro­fes­sio­nell genug?
Es wird hier nicht viel anders gemacht als in den rest­li­chen Bun­des­län­dern, von daher sind die Struk­turen im Jugend­fuß­ball so, wie es sein muss. Die Ver­eine arbeiten ruhig und seriös daran, sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Ruhig und seriös wird tra­di­tio­nell auch im Breisgau gear­beitet, wo Sie beim SC Frei­burg unter Volker Finke Ihre Trai­ner­kar­riere begannen. Wie kam es dazu?
Ich bin im März 1996, drei Monate bevor mein Spie­ler­ver­trag aus­lief, in Finkes Büro spa­ziert und habe ihn gefragt, wie es mit mir wei­ter­gehen soll. In diesem Gespräch wurde mir in Aus­sicht gestellt, im Trai­ner­team mit­zu­ar­beiten. Im ersten Jahr sollte ich als eine Art Standby-Profi agieren. Ich hatte damals bereits gesund­heit­liche Pro­bleme mit meiner Hüfte und kam nur noch auf zwei Bun­des­li­ga­ein­sätze, da musste ich nicht erst um Rat fragen, son­dern habe sofort zuge­sagt.
 
Wie ging es nach Ihrer Zeit als aktiver Spieler weiter?
Ich habe meinen Trai­ner­schein gemacht und fortan in Dop­pel­funk­tion gear­beitet. Ich war zum einen Co-Trainer der Profis und zum anderen Chef­trainer der zweiten Mann­schaft, die damals in der vierten Liga spielte. Diese Posi­tion habe ich zehn Jahre lang bekleidet, für mich eine Art langes, aber gut bezahltes Prak­tikum.
 
Hatten Sie eine lehr­reiche Zeit als Prak­ti­kant?
Ich habe in diesen Jahren über den Tel­ler­rand hinaus geschaut. Wir haben in der U23 ohne Co-Trainer, Tor­wart­trainer oder Ath­le­tik­trainer gear­beitet, daher konnte ich nur wenige Dinge dele­gieren. Mit dem Ver­ant­wort­li­chen für die Ama­teur­mann­schaft habe ich gemeinsam Trai­nings­lager geplant, Vor­be­rei­tungs­spiele orga­ni­siert und mich auch um die Spiel­klei­dung geküm­mert. Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass der ein oder andere Spieler einen Zivil­dienst­platz erhält, und selbst bei der Woh­nungs­suche habe ich mit­ge­holfen.
 
Das klingt tat­säch­lich mehr nach den Auf­gaben eines Prak­ti­kanten…
Es gab viel Orga­ni­sa­to­ri­sches zu erle­digen, aber trotzdem hatte ich immer wieder die Mög­lich­keit, Bun­des­li­g­aluft zu schnup­pern. Ich war als Co-Trainer der Profis bei jeder Bespre­chung, jedem Trai­ning, jeder Halb­zeit­an­sprache und jeder Spiel­nach­be­rei­tung Woche für Woche dabei. Da habe ich tolle Ein­blicke erhalten und konnte zeit­gleich viele Dinge als Chef­trainer der zweiten Mann­schaft anwenden oder aus meiner Sicht sogar besser machen.
 
Hatten Sie bereits als Spieler den Wunsch, nach der Kar­riere als Trainer zu arbeiten?
Als Spieler habe ich manchmal schon etwas länger zuge­hört als so man­cher Kol­lege und mir auch mal Notizen zu den Trai­nings­in­halten oder Anspra­chen gemacht. Ich hatte aller­dings nur vage mit dem Gedanken gespielt, kon­kret wurde es erst in Finkes Büro. In dem Moment, in dem ich das Angebot hörte, war es für mich ein kleiner Haupt­ge­winn.
 
Sie wech­selten 2009 gemeinsam mit Ihrem Mentor Finke nach Japan zu Urawa Red Dia­monds. Eben­falls ein Haupt­ge­winn?
Eine kom­plett andere Kultur ken­nen­zu­lernen mit der ange­nehmen Begleit­erschei­nung, seinem Job nach­gehen zu dürfen, war natür­lich eine Rie­sen­sache.
 
Was war für Sie der größte Unter­schied zum euro­päi­schen Fuß­ball?
In Japan gilt das Senio­ri­täts­prinzip, was bedeutet, dass jün­gere Spieler den Älteren wenig zu sagen haben und diese sogar siezen. Wenn auf dem Platz ein junger Spieler in der Vie­rer­kette steht und vor sich einen alten erfah­renen Bock hat, der offensiv spielt, dann kann das zu Pro­blemen in der Ansprache und somit in der Ver­tei­di­gung führen. Da war man an der Sei­ten­linie schon manchmal irri­tiert.
 
Herr Neitzel, aktuell lassen sich einige Ihrer Spieler einen Schnurr­bart stehen, den sie erst nach der nächsten Nie­der­lage abra­sieren wollen. Gehören Sie auch zur Magnum-Frak­tion“?
Ich bin zwar schon 47 Jahre alt, aber in meinem Leben von ver­mehrtem Bart­wuchs ver­schont geblieben. Ober­lip­pen­bärte tan­gieren unsere Arbeit über­haupt nicht und inter­es­sieren uns daher nicht. Mir geht es um die sport­liche Leis­tung und vor allem darum, dass die Jungs am Wochen­ende auf dem Platz mar­schieren. So lange sie das machen, können sie sich auch die Haare bis zum Hin­tern wachsen lassen, das ist uns voll­kommen egal.