Herr Schmidt­lein, was geht in Ihnen vor, wenn Sie nach dem letzten Spieltag der Saison sehen, wie die Profis einen über den Durst trinken?

Fuß­baller sind auch nur Men­schen. Ich bringe dafür ein pas­sives Ver­ständnis auf. Das heißt, wenn ich es mit­be­komme, igno­riere ich es und achte sehr darauf, an sol­chen Umtrünken nicht teil­zu­nehmen. Würde ich das tun, ent­stünde der Ein­druck, dass ich es bil­lige.



Mitt­ler­weile befinden sich wieder alle Spieler in der Vor­be­rei­tung zur neuen Saison. Sind die Spieler Profis genug, dass sie sich im Urlaub nicht haben gehen lassen?

Man muss die Fuß­baller vor der Pause infor­mieren. Gerade den Jün­geren sag ich, auf was sie zu achten haben.

Woher wissen Sie, was Sie dem Ein­zelnen zu sagen haben?

Es gibt kurz vor dem Sai­son­ab­schluss bestimmte Leis­tungs­tests, durch die man die Schwä­chen eines jeden Profis erkennt. Anhand der Infor­ma­tionen kann man dem Spieler dann einen fun­dierten Urlaubs­plan auf den Weg geben.

Das heißt, der Profi hat gar keinen rich­tigen Urlaub?

Doch. Ein fun­dierter Plan heißt nicht, dass sich der Profi vier Wochen quälen muss, es wird sogar extra auf Ruhe­zeiten hin­ge­wiesen. Gerade in den ersten 14 Tagen sollte rela­tive Rege­ne­ra­tion ange­sagt sein, aber danach auch schon mit der Form­er­hal­tung für die neue Saison begonnen werden.

Und doch erscheinen dann immer wieder Spieler zum ersten Trai­ning mit sicht­barem Über­ge­wicht. Was können Sie dagegen unter­nehmen?

Ein mög­li­cher Ansatz ist das indi­rekte Angst­ma­chen.

Wie meinen Sie das?

Man sagt dem Spieler: Pass auf, du bist jetzt in der nächsten Zeit selbst für dich ver­ant­wort­lich. Hier hast du einen Plan. Dir muss aber auch klar sein, dass wir nach dem Urlaub Tests machen.“ Er bekommt das Know-how mit, und den Rest muss er dann selbst erle­digen.

Wie wird der Leis­tungstand der Kicker über­prüft?

Stan­dard in Deutsch­land, und nur hier, ist der Laktat-Stufen-Test, der uns zeigt, wie der Profi bei­ein­ander ist. Im Aus­land belä­chelt man uns für diese Methode, aber die Leis­tungs­zen­tren und Uni­ver­si­täten haben damit gute Erfah­rungen gemacht.

Thomas Schaaf ant­wor­tete einst auf die Frage, wie er denn mit dem völlig außer Form gera­tenen Ailton umgehen würde, dass er diesen nun eben bestrafen müsse, um die Pfunde wieder zum Pur­zeln zu bringen. Ein rich­tiger Ansatz?

Wahr­schein­lich hatte Thomas Schaaf einen genauen Plan. Gene­rell ist es jedoch wichtig, nicht irgendwo blind rein­zu­schlagen. Zu erst einmal benö­tigt man Daten­ma­te­rial über den Spieler. Es ist zum Bei­spiel wichtig zu wissen, mit wel­cher Geschwin­dig­keit und wie lange ich den Profi scheu­chen kann, dass es ihm am Ende auch hilft. Ansonsten kann eine Bestra­fung durchaus auch nach hinten los­gehen, und der Spieler ist am Ende voll­kommen kaputt. Ich würde es eher begrüßen, dass hier in Deutsch­land eine andere Form der Bestra­fung Einzug halten würde.

Was schwebt Ihnen da vor?


Finan­zi­elle Bestra­fung. Ich find es voll­kommen in Ord­nung, dass Leis­tungs­sportler gutes Geld ver­dienen und Aner­ken­nung für ihre Leis­tungen ernten, aber wenn dann eben ein sol­cher Profi voll­kommen desolat aus der Pause zurück­kehrt, dann muss es auch mög­lich sein, ihm knall­harte Geld­strafen zu ver­passen. Nehmen Sie die nord­ame­ri­ka­ni­sche Eis­ho­ckey-Liga. Völlig unab­hängig vom Namen des Spie­lers, stehen dort genaue Summen im Ver­trag, die der Spieler im Falle der kör­per­li­chen Unzu­läng­lich­keit zu zahlen hat. Die Spieler dort wissen auch, dass sie quasi ihre eigene Ich-AG sind und Ver­ant­wor­tung haben.

Wo wäre da bei einem Pro­fi­fuß­baller der Ansatz?

Nehmen wir die Kör­per­kom­po­si­tion. Der Kör­per­fett­an­teil sollte sich im ein­stel­ligen Bereich bewegen. Ist dieser zwei­stellig, sollte der Profi eine bestimmte Summe Strafe zahlen – je nach Ein­kommen bis zu 50.000 Euro.

Ist das nicht ein biss­chen heftig?

Nein. Es muss ihm ja auch wehtun, denn ansonsten ist er nicht ein­sichtig. Doch uns fehlt in Deutsch­land noch ein klarer Maß­nah­men­ka­talog. Ich denke, dass ein Fuß­baller über Auf­klä­rung und die Schaf­fung von Angst­sze­na­rien am besten zu packen ist – Angst davor, dass ihm die Bank oder die Tri­büne drohen könnte oder eben ganz ein­fach und am effek­tivsten: vor Geld­strafen. Ich denke, so funk­tio­nieren Men­schen am ehesten.

Wes­halb?

Die Bun­des­li­gisten trauen es sich ganz ein­fach nicht, weil sie Angst haben, dann diesen oder jenen Spieler nicht zu bekommen. Würden die Ver­eine auf dieser Ebene mehr zusam­men­ar­beiten und sich auf einen gene­rellen Fit­ness­passus in den Ver­trägen einigen, hätten wir mit Sicher­heit einen Leis­tungs­sprung im deut­schen Fuß­ball zu ver­zeichnen.

Hören Sie ein Auf­stöhnen bei den Spie­lern, wenn Sie erscheinen? Schließ­lich wird es dann meist unan­ge­nehm für sie.

Nein, über­haupt nicht. Dieses Schleifer-Image wird gerne von den Medien gene­riert, stimmt aber so über­haupt nicht. Natür­lich mache ich manchmal bestimmte Dinge mit den Profis, die sie nicht so mögen, aber die Spieler sind Profis und wissen, dass sie sich dadurch ver­bes­sern. Wir helfen ihnen, mehr aus sich heraus zu holen – und das wissen sie zu schätzen.

Auch die Natio­nal­spieler?

Gerade die. Am Anfang wurde unsere Arbeit dort noch sehr kri­tisch betrachtet, ich erin­nere hier gern an die große Medi­en­de­batte über Gum­mi­bänder. Manch ein Spieler fragte sich auch, was das denn mit Fuß­ball zu tun habe. Doch rasch merkten sie, dass wir das nicht für uns, son­dern für sie machen.

Haben die Erfolge des ver­gan­genen WM-Som­mers ihre Arbeit erleich­tert?


Der ganz große Erfolg blieb uns leider ver­wehrt. Ich bin mir aber sicher, dass unsere Arbeit so gut war, dass wir am Abend des 9. Juli 2006 die fit­teste Mann­schaft der Welt waren. Die beiden Fina­listen waren platt, aber im Fuß­ball ist nun einmal nicht nur die Fit­ness ent­schei­dend. Es ist schon ärger­lich, das die Hono­ra­tion in meinem Geschäft über Titel läuft. Inso­fern hätte allein der Titel­ge­winn eine Arbeits­er­leich­te­rung ver­schafft. Sagen wir so: Die Neu­gier und die Offen­heit andere Trai­nings­me­thoden gegen­über wurde durch die WM geweckt.

Woran merken Sie das?

Es kommen ver­schie­dene Anfragen von Ver­einen, und auch bei der Trai­ner­aus­bil­dung in Köln dis­ku­tiert man unsere Arbeit. Sicher­lich gibt es zum Bei­spiel auch dort unter­schied­liche Mei­nungen über dieses Thema, aber genau dieser Dis­kus­sion bedarf es, wenn sich auf diesem Gebiet etwas ent­wi­ckeln soll. Die Ver­eine, auch die klei­neren, machen sich heute mehr Gedanken, wie sie sich ver­bes­sern können. Und dies nicht nur im Bereich Fit­ness. Das freut mich, denn da schien mir 15 bis 20 Jahre lang Still­stand zu sein.

Mann­schaften wie Hertha haben oft den Liga-Pokal gewonnen und schienen zu diesem Zeit­punkt topfit. Monate später ging ihnen der Saft aus. Warum ist das so?


Die genauen Umstände von Hertha BSC kenne ich nicht. Was die Bedeu­tung der Sai­son­vor­be­rei­tung angeht gibt es ein paar Mythen. Bio­logie funk­tio­niert leider nicht so, dass man am Anfang einer Halb­serie Energie tankt und mit dieser mal locker bis in die Win­ter­pause kommt. Fakt ist: Man legt in der Vor­be­rei­tung Grund­lagen und bringt die Spieler auf ein bestimmtes Leis­tungs­ni­veau, muss aber wäh­rend der Saison bestimmte Dinge bei­be­halten, um das Niveau halten zu können. Die sport­mo­to­ri­schen Fähig­keiten wie Kraft, Beweg­lich­keit, Explo­si­vität und Koor­di­na­tion müssen immer wieder gezielt in das Trai­ning ein­ge­baut werden. So kommt man gut über die Saison. Der Körper des Spie­lers passt sich den Reizen an. Ist die Inten­sität zu gering, wird der Spieler auch rascher abbauen. Das Gleiche gilt bei Über­be­las­tung.

Inso­fern ist das Weh­klagen der Über­be­las­tung von Trai­nern und Mana­gern, wenn mal wieder ein Titel ver­spielt wurde, eine platte Aus­rede?

In gewisser Weise schon. Nehmen sie den deut­schen oder den ame­ri­ka­ni­schen Profi-Bas­ket­ball. Die Jungs absol­vieren eine unglaub­liche Fülle von Par­tien und wirken auch bei den Play-Offs nicht müde. Durch den geschickten Bau eines Trai­nings­plans ist es mög­lich, das Team kon­stant auf einem hohen Fit­ness-Niveau zu halten.

Warum ist das im Fuss­ball in Deutsch­land anders?

Zuge­geben ist die Belas­tung im Fuss­ball in einem Spiel teil­weise enorm hoch und des­wegen die Steue­rung über eine Saison echt schwierig. Des­wegen beschäf­tigen bei­spiels­weise in Ita­lien die meisten Ver­eine der ersten bis dritten Liga min­des­tens einen Sport­wis­sen­schaftler, der genau für diese Belange zuständig ist. Dem deut­schen Fuß­ball würde es gut tun, mehr Experten zu binden. Ein Fuß­ball­trainer kann und muss von diesen Dingen gar keine umfas­sende Ahnung haben, aber er sollte jemanden an seiner Seite haben, der seinem Kader fit­ness­mäßig wei­ter­hilft. Ich als Fit­ness­coach erkläre dem Spieler ja nicht seine Lauf­wege, aber ich sorge dafür, dass er im rich­tigen Moment in der Lage ist, sie auch zu gehen.

Also holt sich jeder Verein einen Experten – und schon läuft es?

Ganz so ein­fach ist es nicht. Allein die Prä­senz eines oder meh­rerer Zusatz­trainer genügt nicht. Solche Leute müssen dann auch in die Trai­nings­ge­stal­tung mit ein­ge­bunden werden. Häufig ist es noch so, das der Kon­di­ti­ons­trainer zweimal die Woche irgend­etwas für eine halbe Stunde mit dem Kader macht, und das war´s dann. Hilf­rei­cher ist es, wenn er auch an der Gestal­tung von Trai­nings inhalten teilhat, an denen er nicht direkt mit­wirkt. Denn nur wenn er, weiss was sonst auf dem Plan steht, kann er sich optimal ein­bringen. Die Ver­zah­nung der ver­schie­denen Abtei­lungen macht den Erfolg aus.

Lassen sich Spieler wie Oliver Kahn und Mehmet Scholl über­haupt noch etwas sagen?


Ten­den­ziell ja. Respek­tive, es dauert länger, bis sie Hin­weise annehmen. Ich glaube, dass hat einen psy­cho­lo­gi­schen Hin­ter­grund. Erfolg­reiche Spieler wie Oliver Kahn halten gerne an den Methoden fest, die sie auch durch­zogen, als sie ihre größten Tri­umphe fei­erten. Daraus schöpfen so erfah­rene Spieler unter anderem Ihre Sicher­heit.

Das ist doch gut.


Teil­weise. Manche dieser Methoden, an die sich der Profi durch seinen Aber­glauben gebunden hat, können ver­ant­wort­lich für bestimmte Ver­let­zungs­nei­gungen sein. Es bedarf schon eines gewissen Fin­ger­spit­zen­ge­fühls, um hier bei dem Profi Erfolg durch Ver­än­de­rung zu erzielen. Einem Spieler wie Oliver Kahn die Gewohn­heiten zu nehmen hieße ja auch, ihm die Sicher­heit zu nehmen. Da muss man gut abwägen.

Die Psy­cho­logie ist offen­sicht­lich eine sehr wich­tige Kom­po­nente.


Ja, sie macht einen beträcht­li­chen Teil dieser Arbeit aus. Pro­fi­sportler sind beson­dere Men­schen. Oliver Kahn und Mehmet Scholl sind nicht solche aus­ser­ge­wöhn­li­chen Men­schen, weil sie Fuß­baller geworden sind, son­dern sie sind Fuß­baller geworden, weil sie so sind, wie sie sind. Wenn man ver­sucht, Men­schen ein biss­chen zu ver­stehen – und das muss ich, wenn ich mit ihnen arbeite – stößt man oft auf nicht rational nach­voll­zieh­bare Situa­tionen. Manch Renn­pferd braucht für das Wohl­ergehen eine Ziege im Stall, und man weiß nicht warum. So ist das bei Fuß­bal­lern auch. Profis kommen mit Defi­ziten in den Sport, und viel­leicht sind es manchmal gar diese Defi­zite, die sie so stark machen.