Seite 2: „Im Vergleich zu Berlin war Schalke Anfang der Neunziger eine Kurabteilung“

Wie erlebten Sie die Kom­mer­zia­li­sie­rung in Fuß­ball­städten wie Saar­brü­cken und Karls­ruhe? 

Neururer: Schlep­pend. Besser gesagt: Gar nicht. Der 1. FC Saar­brü­cken hatte sich zunächst noch mit Finanz­spritzen von Oskar Lafon­taine und seiner Regie­rung über Wasser gehalten. Aber 1993 hatte ich gerade meinen Ver­trag dort ver­län­gert, als mich ein Reporter von der Bild“ anrief und sagte: Gilt der auch für die Ober­liga?“ Wir waren kurz davor, die Lizenz zu ver­lieren. Dabei brauchten wir nur noch zwei Punkte, um die Klasse zu halten. Das Gespräch kriegten einige Leis­tungs­träger mit. Die fragten mich, was sie jetzt machen sollten. Ich sagte: Als Mensch rate ich euch: Seht zu, dass ihr Land gewinnt! Als Trainer sage ich: Gebt Gas, damit wir sport­lich auf jeden Fall in der Liga bleiben.“ Aber so was bleibt natür­lich in den Köpfen hängen. Wir gewannen kein Spiel mehr. 

Schäfer: Mein Vor­teil war, dass ich aus meiner Zeit als Spieler die Badener Men­ta­lität kannte. Und die ist von Natur aus eher gemüt­lich. Im Bad­ner­lied“ heißt es ja auch: „… in Mann­heim die Fabrik.“ Da wird gear­beitet, in Karls­ruhe geht es ruhiger zu. Wenn der KSC früher abstieg, ver­än­derte sich in der Region nichts. Im Schatten wird man auch braun“, hieß die Devise. Als Carl-Heinz Rühl und ich dann 1986 über­nahmen, ver­suchten wir, Jahr für Jahr die Struk­turen zu ver­än­dern und neue Ein­nah­me­quellen zu finden. Als ich den KSC schon lange ver­lassen hatte, traf ich mal den Ober­bür­ger­meister, der mir gestand: Herr Schäfer, wir wissen erst jetzt, was wir durch den Abstieg an Geld ver­loren haben.“ Als wir noch Euro­pacup spielten, hatte im Rat­haus offen­sicht­lich nie einer mit­ge­rechnet. 

In Saar­brü­cken war man sich über den Wirt­schafts­faktor Fuß­ball auch nie im Klaren.

Neururer: Ehe dort so ein Gut­achten erstellt wurde, war der Klub doch längst in den Ama­teur­be­reich abge­stiegen.

Wie viele Pres­se­kon­fe­renzen waren Anfang der Neun­ziger bei Ihren Klubs üblich?

Schäfer: Eine pro Woche, wenn‘s hoch­kommt. Es waren eher Ein­zel­ter­mine, die die Jour­na­listen direkt mit uns machten: Bild“ und Kicker“ arbei­teten von Frank­furt aus, ein Redak­teur kam von der Lokal­zei­tung. Da brauchte ich keinen Pres­se­spre­cher. 

Neururer: Die Anfragen kamen direkt bei uns Trai­nern auf den Schreib­tisch. Aber dann wech­selte ich aus dem beschau­li­chen Ruhr­ge­biet von Schalke nach Berlin. 

Beschau­li­ches Schalke? 

Neururer: Ver­gli­chen mit Berlin war Schalke Anfang der Neun­ziger noch eine Kur­ab­tei­lung. Dort lernte ich, wie man die Medien gegen­ein­ander aus­spielt. 

Wie denn? 

Neururer: Wenn man sechs Tages­zei­tungen an einem Ort hat, gibt man einer die wich­tige Infor­ma­tion und die anderen sank­tio­niert man. So lässt sich wun­derbar eine Posi­tio­nie­rung vor­nehmen, und die Medien müssen zusehen, dass sie mit dir aus­kommen. 

Schäfer: Das fiel mir in Karls­ruhe schon schwerer. Wenn mich da der lokale Sport­re­porter ärgerte, ließ ich im Fern­sehen öfter mal despek­tier­lich den Namen seiner Zei­tung fallen. Irgend­wann luden die mich dann zum Kri­sen­ge­spräch ein und wir ver­trugen uns fortan. 

Nach Ihrem Wechsel zum VfB Stutt­gart war das nicht mehr so ein­fach. 

Schäfer: Es gab in Stutt­gart leider Spieler, die der Presse gezielt Infor­ma­tionen zuspielten. Das hatte es in Karls­ruhe nie gegeben. Carl-Heinz Rühl war ein starker Manager, zu dem konnte kein Spieler gehen und sich aus­heulen. In Stutt­gart herrschte aber ein Prä­si­dent, der aus der Politik stammte …

… Ger­hard Mayer-Vor­felder … 

Schäfer: … und der ließ mich ziem­lich schnell fallen, als es nicht lief. Ein Trainer ist immer nur so stark, wie ihn das Prä­si­dium macht. Ich kenne das noch aus Zeiten als Aktiver in Glad­bach. Wenn da ein Spieler bei Manager Helmut Grass­hoff um ein Gespräch bat, ließ der ihn mitten im Satz stehen. Herr Grass­hoff, könnte ich …“ Schluss. Der über­lies alle Macht dem Trainer. 

Hatten Sie auch mal so einen starken Manager, Peter Neururer?

Neururer: Ich hatte das Pech, wenn ich mal einen starken Manager hatte, dass meis­tens ein Prä­si­dent daneben saß, der dessen Stärke durch seine Schwäche wieder bei­seite schob – oder anders­herum. 

Wo sind Sie denn raus­ge­ekelt worden?

Neururer: In Köln schlug mir Prä­si­dent Klaus Hart­mann vor, einen Sport­di­rektor zu ver­pflichten. Ich hielt die Idee für gut. Hart­mann fragte mich nach meinen Vor­schlägen. Lek­tion eins: Fang­frage. Nennt ein Trainer in so einem Moment einen Namen, nennt er einen anderen näm­lich nicht. Aber ich Trottel sagte frei heraus: Karl-Heinz Thielen, Heri­bert Bruch­hagen oder Rolf Rüss­mann“. Keiner von denen war damals frei. Fragt mich also kurz darauf der Prä­si­dent: Was halten Sie von Carl-Heinz Rühl?“ Sage ich: Wenn der hier Manager wird, gebe ich meinen Ver­trag zurück.“

Warum? 

Neururer: Glauben Sie mir, ich hatte mit dem komi­sche Erfah­rungen gemacht. Nun kam der – und wir spra­chen uns aus. Dachte ich zumin­dest. Am nächsten Tag aber erscheint im Express“ die Schlag­zeile: Rühl: Neururer: ist so tot wie Olsen“. Morten Olsen war mein Vor­gänger gewesen. Rühl demen­tierte zwar, irgend was in dieser Rich­tung gesagt zu haben, aber von da ab wusste ich, dass ich bei der nächsten Nie­der­lage raus bin. Ich nahm den Spiel­plan in die Hand und sagte zu meiner Frau: Schatz, Ende Sep­tember spielen wir gegen Hertha. Wenn wir da ver­lieren, können wir an die Algarve in Urlaub fliegen.“ Genau so kam es. Die Zeiten, dass ein Trainer neben dem Prä­si­denten so was wie der Allein­herr­scher war, gingen Anfang der Neun­ziger defi­nitiv zu Ende.

Schäfer: In Karls­ruhe lief es anders. Da hat der Verein immer ver­sucht, meine Beschlüsse umzu­setzen. Ich hatte auch die Mög­lich­keit, ein Veto ein­zu­legen. 

Bei wel­cher Gele­gen­heit? 

Schäfer: Als Oliver Kahn 1994 nach Mün­chen ging, über­legten wir, Bodo Ill­gner nach Karls­ruhe zu holen. Es war alles schon in die Wege geleitet. Doch nach der WM 1994 hatte der plötz­lich ein extrem schlechtes Image. Alles, was ich über ihn hörte, war nicht gut für unsere Mann­schaft. Im letzten Moment musste ich mich für Claus Reit­meier als Keeper ent­scheiden – was vom Klub ohne Murren umge­setzt wurde. 

Der KSC war damals das leuch­tende Bei­spiel eines Aus­bil­dungs­klubs. Inwie­weit blickten Sie, Peter Neururer, mit Hoch­ach­tung auf die Arbeit des Trai­ners Schäfer?

Neururer: Gar nicht. Denn keiner außer den KSC-Spie­lern und den Co-Trai­nern konnte doch beur­teilen, was Winnie da machte. Klar, er war erfolg­reich. Aber ich habe mich auch stets gegen die – zuge­geben sel­tenen – Lobe für meine Arbeit ver­wehrt. Denn es ist doch so: Wenn ich die Spieler eine Woche lang rück­wärts laufen lasse, sie am Wochen­ende aber gewinnen, bin ich ein guter Trainer. Mache ich das auge­klü­geltste Trai­ning mit den neu­esten Methoden und sie ver­lieren, bin ich ein Ver­sager. Aber natür­lich muss Winnie in Karls­ruhe über lange Zeit etwas richtig gemacht haben. 

Schäfer: Es gibt eine Geschichte von Gyula Lorant, der zu Ein­tracht Frank­furt kam und sagte: Wir ver­lieren nur noch einmal, dann gewinnen wir alles.“ Und so kam es. Er legte die längste Sie­ges­serie in der Geschichte der Ein­tracht hin. In der Zeit machte er sich einen Spaß draus, beim Trai­ning in Knie­bund­hose und mit Zigarre bei den Kie­bitzen zu stehen und zu trat­schen. Aber als die Ein­tracht nach ewigen Zeiten wieder mal verlor, waren all die Zweifler zurück, die sagten: Der faule Hund, steht nur am Rand und quatscht mit den Rent­nern.“