Seite 4: „Es schwingt immer ein bisschen Heuchelei mit“

In Ihrer Hertha-Mann­schaft spielte auch Uwe Rahn. Der Spieler mit der kür­zesten Halb­wert­zeit eines Stars in der Bun­des­li­ga­ge­schichte. 1987 war er Fuß­baller des Jahres“, dann stürzte er ab.

Neururer: Rahn war einer, der seine Fähig­keiten leider fast immer in ein fal­sches Umfeld ein­ge­bettet hat. Wenn der bei Bayern oder Borussia Dort­mund gespielt hätte, und nicht bei Hertha oder dem 1. FC Köln, hätte er wahr­schein­lich noch sechs, sieben Jahre auf höchstem Niveau gekickt. Aller­dings neigte Uwe Rahn auch dazu, sehr intensiv Schmerz zu emp­finden. 

Was meinen Sie damit? 

Neururer: Der setzte auch mal aus, wenn ihm ein Fuß­nagel ein­ge­wachsen war.

Schäfer: Jupp Heynckes hat Lothar Mat­thäus und Rahn zur glei­chen Zeit ent­deckt. Rahn war sein Lieb­ling, weil er so eine läs­sige Art hatte, Tore zu erzielen. Er stammte aus dieser Glad­ba­cher Genera­tion, die nach Bertis Abschied das Sagen hatte. Vielen von denen fehlte das ent­schei­dende Quänt­chen Ehr­geiz. 

Dar­über konnten Sie sich beim jungen Oliver Kahn nicht beschweren.

Schäfer: Es reichte schon, dass der Olli seinen Gegner nur anschaute, dann kriegte der keine Flanke mehr zustande. Was den Ehr­geiz betrifft, hätte er gut in die Glad­ba­cher Mann­schaft der Sieb­ziger gepasst. Seine Men­ta­lität war alles andere als typisch für einen Badener.

Es geht die Mär, Kahns Vor­gänger im KSC-Tor, Alex­ander Famulla, wollte ab einem bestimmten Zeit­punkt nicht mehr mit ihm im Dop­pel­zimmer schlafen, weil er fürch­tete, der spä­tere Titan würde ihm das Kissen ins Gesicht drü­cken. 

Neururer: Unter Tor­hü­tern völlig normal: Werner Vollack fürch­tete als Schalker auch, dass ihn sein zweiter Mann, ein Herr namens Jens Leh­mann, umbringt. Der hat das genau so gesagt: Der will mich umbringen, der will mich umbringen, aber ich bin doch die Nummer eins.“

Schäfer: Olli war schon als Jugend­li­cher enorm laut auf dem Platz, der war regel­recht über­ehr­geizig. Ständig hing er in der Muck­i­bude ab. Das musste ich dem irgend­wann ver­bieten, weil er sonst nicht mehr auf­ge­hört hätte. 

Bravo Sport“ machte ab 1994 Spieler zu Pop-Ikonen. Wie wirkte sich das auf die Kicker aus? 

Neururer: Plötz­lich kamen mas­sen­weise Leute zum Trai­ning. Das machte einige Kicker natür­lich resis­tenter gegen Mei­nungen von außen. Der eine oder andere wurde auch resis­tenter gegen Aus­sagen des Trai­ners. 

Mehmet Scholl galt als einer der ersten Pop­stars des deut­schen Fuß­balls über­haupt.

Schäfer: Kaum zu glauben. Mehmet habe ich in einem Spiel ein- und wieder aus­ge­wech­selt. In Ham­burg kam er rein, stand frie­rend und mit den Ärmeln über den Händen auf dem Platz, da habe ich ihn gleich wieder raus­ge­nommen. Heute sagt er: Das war das Beste, was mir pas­sieren konnte.“ Schauen Sie sich nur die Kar­rieren von Mehmet und Lars Ricken an. Beide waren gleichauf – und was wurde aus ihnen? Mehmet wurde unter dem Manager Uli Hoeneß Euro­pa­meister. Und Lars Ricken? 

Mit der ganz großen Kar­riere hat es bei Scholl aber nicht geklappt. 

Schäfer: Er hätte zum FC Bar­ce­lona wech­seln können. Johan Cruyff wollte ihn haben, aber Franz Becken­bauer wollte ihn nicht gehen lassen. Ein Spie­lertyp wie Mehmet in Bar­ce­lona unter Cruyff – der wäre einer der ganz Großen geworden. Er wird belei­digt sein, wenn er das hört, aber es ist die Wahr­heit. 

Hat sich der Spie­ler­typus seit Anfang der Neun­ziger ver­än­dert?

Neururer: Ich weiß noch, wie in Köln ein dama­liger Jugend­na­tio­nal­spieler mit dem Por­sche vor­fuhr. Der hatte noch kein Spiel für uns gemacht. Unser Haupt­sponsor war zwar ein Auto­her­steller, aber in dem Wagen schickte ich den Jungen erst mal wieder nach Hause. Sowas gäbe es heute so nicht mehr. Solche Dinge würden sich die Spieler heute nicht mehr erlauben, weil sie wissen, dass die Medien auf so was nur warten. 

Wie hat sich die Men­ta­lität der Aktiven sonst noch geän­dert?

Neururer: Früher hat kein Spieler im Bus Kopf­hörer auf­ge­habt, da gab es kein Jeder-für-sich“. Die haben Karten gespielt. Und abends gab es auch noch mal ein, zwei Bier auf dem Zimmer, ohne dass der Trainer etwas davon mit­bekam. Heute ist alles nur noch High­tech – Gespräche unter­ein­ander gibt es nicht mehr.

Welche Ver­än­de­rungen hat auch das Bosman-Urteil ver­ur­sacht?

Neururer: Damit zer­brach unser Kon­strukt von Fuß­ball. Die Spieler bekamen eine Macht, die es ihnen erlaubte, sich schon nach neuen Klubs umzu­sehen, wenn sie nur drei Mal nicht ein­ge­setzt worden waren. Auch wenn das Urteil arbeits­recht­lich natür­lich voll­kommen in Ord­nung ist.

Auch die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Verein hat gelitten. Fuß­baller stehen heute nur noch in Aus­nah­me­fällen für einen kon­kreten Klub. 

Neururer: Dass ein Hol­länder wie Mark van Bommel Mann­schafts­ka­pitän der Bayern wird, wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen. Nicht falsch ver­stehen: Multi-Kulti ist herr­lich, aber unser Vor­teil als Trainer damals war ein­deutig, dass wir den Jungs noch sagen konnten: Schaut mal auf das Wappen an eurer Brust.“ Die wussten alle, was der Geiß­bock“ oder S 04“ bedeuten. Diese Form der Iden­ti­fi­ka­tion gibt es nicht mehr. 

Schäfer: Günter Netzer sagte, er könne es nicht mehr ertragen, wenn Spieler nach einem Tor­er­folg das Wappen auf ihrem Trikot küssen. Da gebe ich ihm Recht. Es schwingt immer ein biss­chen Heu­chelei mit.