Seite 3: “Hau den Augenthaler auf die Aschenbahn“

Bei Ihrem ersten Auf­ein­an­der­treffen im August 1992 spielten so kon­träre Fuß­bal­ler­cha­rak­tere wie Wolfram Wuttke und Oliver Kahn gegen­ein­ander. Spieler, die es so nicht mehr gibt, oder?

Neururer: Die spie­le­ri­schen Anlagen eines Wolfram Wuttke haben heute auch immer noch viele, aber mit Wuttkes mensch­li­chen Ver­hal­tens­weisen wäre ein Spieler in der heu­tigen Medi­en­land­schaft ver­loren. 

Ernst Happel soll mit Wuttke über­haupt nicht klar­ge­kommen sein. 

Schäfer: Happel liebte Fuß­baller wie Wuttke – und des­halb war er sauer auf ihn. Auch Magath war zur dama­ligen Zeit kein Trai­nings­welt­meister, aber er hat sich dem Trainer stets unter­ge­ordnet und an sich gear­beitet. Wuttke hatte andere Pro­bleme, der konnte sich nicht fügen. Und Happel konnte es nicht fassen, dass der nicht zu Potte kam. 

Hatten Sie als Trainer geheime Lieb­lings­spieler in Ihren Teams.

Neururer: Michael Kostner war ein Typ, auf den ich mich 100 Pro­zent ver­lassen konnte. Ein Genie, der hätte hun­dert Län­der­spiele machen müssen. Und ein Pfunds­kerl: Als ich in Köln raus­ge­flogen bin, hat Kostner pro­tes­tiert und fortan kein ein­ziges Spiel mehr bestritten. Obwohl er noch Ver­trag hatte. Mit sol­chen Aktionen stand er sich immer wieder selbst im Weg. Dabei hat er sich auf­ge­op­fert. In der Saison 1991/92 hat er beim 1. FC Saar­brü­cken eine gesamte Auf­stiegs­runde mit drei geris­senen Bän­dern durch­ge­spielt. 

Wie das denn? 

Neururer: Der hat sich vor jedem Spiel getaped, Schmerz­mittel genommen und Spritzen gekriegt. In der Woche hat er nicht trai­niert und den­noch jedes der zehn Auf­stiegs­spiele mit­ge­macht. Hin­terher lag er jedes Mal wei­nend in der Kabine, aber wir haben es dank seiner Hilfe in die Bun­des­liga geschafft. 

Winnie Schäfer, hatten Sie auch Spieler, die zu Unrecht nie den ganz großen Durch­bruch erlebt haben? 

Schäfer: In Karls­ruhe hatte ich sehr viele, die ständig an ihrem Limit spielten. Gun­ther Metz oder Eber­hard Ebse“ Carl, die gaben immer alles, auch wenn es nicht die ganz großen Fuß­baller waren. Mit denen haben wir Bayern Mün­chen 4:1 geschlagen, obwohl uns viele Leis­tungs­träger fehlten. Mit diesen Spie­lern haben wir Valencia 7:0 geschlagen.

Was unter­scheidet Füh­rungs­spieler wie Carl oder Kostner von heu­tigen Stars? 

Neururer: Dass sie genau wussten, wo und wann sie Kritik am Trainer äußern können. Die haben nie den Weg über die Öffent­lich­keit gesucht, um ihre Ziel durch­zu­setzen. 

Schäfer: Es gibt ein Trai­nings­spiel im Dreieck. Sinn ist es, auf engstem Raum Dop­pel­pässe zu üben. Das macht der FC Bar­ce­lona jeden Tag zum Warm­ma­chen. Als ich diese Übung beim VfB Stutt­gart machte, stand am nächsten Tag in der Zei­tung: Schäfer macht A‑Ju­gend-Trai­ning“. 

Einige VfB-Spieler kamen mit Ihrem Trai­ning wohl nicht zurecht. 

Schäfer: Es gab dort sechs ältere Spieler, die mei­net­wegen um ihre Bedeu­tung in der Mann­schaft fürch­teten. Und die Medien nahmen solche Infor­ma­tionen natür­lich gerne auf, weil sie von der Methodik über­haupt keine Ahnung hatten. 

Peter Neururer, Sie galten damals neben Chris­toph Daum als ein Laut­spre­cher unter den Trai­nern. Sie hatten nie höher­klassig gespielt, waren Absol­vent der Sport­schule. Fühlten Sie sich von Trai­nern, die eine Vita als Bun­des­li­ga­spieler hatten, belä­chelt?

Neururer: Chris­toph Daum und ich fingen etwa zeit­gleich als Trainer an und zuge­geben: Wir haben auf dem Medi­en­kla­vier schon ver­dammt laut rum­ge­hauen. Aber egal, was wir konnten oder nicht, in meinen ersten Jahren kam nur von Spie­lern die Frage: Wo hast du denn früher gespielt?“ Aber unter den Trai­ner­kol­legen war das nie ein Thema. 

Schäfer: Udo Lattek hat auch nie höher­klassig gespielt, obwohl er ein guter Fuß­baller war. 

Neururer: Ich war auch ein guter Spieler, habe nur in den fal­schen Ligen gekickt (lacht).

Schäfer: Für einen Trainer ist es sehr ent­schei­dend, in was für einen Verein er kommt. Wenn der Klub Ambi­tionen hat und die Spieler bereit sind, sich diesen unter­zu­ordnen, ist es für den Coach erheb­lich ein­fa­cher. 

Welche Anlagen muss ein guter Spieler mit­bringen?

Schäfer: Er muss den abso­luten Willen haben. Ich weiß noch, wie Oliver Kreuzer vom FC Bayern umworben wurde. Ich habe ihm gesagt: Wenn du dahin gehst, kann ich dir nur einen Rat geben: Hau erst mal den Klaus Augen­thaler auf die Aschen­bahn.“ Fragt der: Warum das denn?“ Weil die Bayern Meister werden wollen, die brau­chen also Füh­rungs­spieler und keine Mit­läufer. Gut mög­lich, dass Augen­thaler dich dann auch umhaut, aber er weiß wenigs­tens, dass er mit dir Meister werden kann.“

Peter Neururer, Sie haben allein in den Neun­zi­gern sechs Pro­fi­teams trai­niert. Wel­chen Job bereuen Sie im Nach­hinein?

Neururer: Ich hätte nie zu Hertha gehen dürfen. Der Klub war pleite und die Spieler waren nicht mehr in der Lage, die Liga zu erhalten. Aber ich kannte Leute wie Walter Jung­hans von früher und dachte, es könnte klappen. Einen Tag vor Ver­trags­un­ter­zeich­nung ließ ich den Kader antreten. Vier Leis­tungs­träger kamen auf Krü­cken. Da sagt der Manager: Mach dir keine Sorgen, die sind Samstag wieder fit.“ Voll­kom­mener Unsinn. Nach dem Trai­ning rief ich meine Frau an und sagte: Schatz, ich komm wieder nach Hause, der Klub ist tot.“

Aber Sie sind doch nicht gefahren.

Neururer: Weil ich es mir im Wahn in den Kopf gesetzt hatte, schneller als Schalke 04 in der ersten Liga zu sein. Die spielten damals noch zweit­klassig, und Prä­si­dent Günter Eich­berg hatte mich ohne Angabe von Gründen ent­lassen, obwohl wir punkt­gleich mit dem Tabel­len­führer waren. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Also habe ich in Berlin unter­schrieben. Und ich bin froh, dass Fried­helm Funkel gerade wieder in die Spur kommt, sonst wäre mein Rekord ernst­haft in Gefahr geraten.

Wel­cher Rekord?

Neururer: Der erfolg­lo­seste Trainer in der Geschichte der Hertha zu sein (lacht).

Schäfer: Aber so ist es nun mal: Wenn man ein Angebot aus der ersten Liga hat, muss man unter­schreiben. So schwierig die Situa­tion auch ist.