Hin­weis: Dieses Inter­view erschien erst­mals in unserem Spe­zi­al­heft über die Neun­ziger Jahre im März 2010. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich. 

Winnie Schäfer, Peter Neururer, wissen Sie noch, wann Sie sich das erste Mal in der Bun­des­liga begegnet sind?

Neururer: Irgend­wann Anfang der Neun­ziger. Wir spielten mit Saar­brü­cken zu Hause gegen den KSC.

Schäfer: Ich erin­nere mich. Stefan Brasas stand bei euch im Tor. 

Und wie ging es aus? 

Neururer: Wir haben gewonnen. 

Mit 2:0. Es war der 22. August 1992.

Neururer: Im Rück­spiel nagelte uns Karls­ruhe an die Wand, aber es ging kurio­ser­weise unent­schieden aus, weil Win­nies Stürmer Rainer Krieg hinter einem Ball her­rannte, der prak­tisch schon über die Linie war, um ihn ins Tor zu kicken. Der Schiri ent­schied auf Abseits.

Schäfer: Das war unsere große Zeit, wir waren im Euro­pacup, nie zuvor und nie mehr danach hat der KSC so gut gespielt. Aber als wir 2:2 gegen Saar­brü­cken gespielt hatten, fingen die von den Ehren­plätzen schon an zu meckern.

Sie können sich aber gut erin­nern.

Schäfer: Fällt mir gerade wieder ein. Ich weiß noch, dass ich nach dem Spiel eine Pres­se­kon­fe­renz gab, die Wellen schlug. Ich war so sauer, dass ich in Rich­tung der Stadt­oberen sagte: Wenn unsere Mann­schaft aus Schalke käme und diesen Tabel­len­platz inne­hätte, würden sie ganz Gel­sen­kir­chen blau-weiß anmalen. Aber Karls­ruhe kennt man nur, weil ab und zu Chris­tian Klar (ehem. Mit­glied der RAF, Anm. d. Red.) mit dem Hub­schrauber landet.“ Au weia. Der Gemein­derat ist aus allen Wolken gefallen. Aber eine Woche später, als wir zu einem Euro­pa­cup­spiel auf­bra­chen, saßen die Herren wieder als erstes im Bus. 

1992 war das Jahr, in dem die Sen­dung ran“ die Bun­des­liga in neuem Licht zeigte. Wie ver­än­derte sich damals der Fuß­ball? 

Neururer: Damals noch gar nicht so sehr. Gut, Wat­ten­scheid 09 waren die ersten, die mit einer Vie­rer­kette spielten. Aber das Spiel blieb noch das­selbe. Was sich änderte, war die Bericht­erstat­tung. Fuß­ball wurde Bou­le­vard. 

Eine nicht uner­heb­liche Ver­än­de­rung. Auch für Sie als Trainer.

Neururer: Das stimmt. Das Fern­sehen stellte plötz­lich Richt­mi­kro­fone an den Trai­ner­bänken auf. Dadurch ver­än­derte sich das Ver­halten der Schieds­richter uns gegen­über kom­plett. Ende der Acht­ziger lief es noch ganz anders: Als junger Aachener Trainer meckerte ich über Schieds­richter Wolf-Dieter Ahlen­felder – leicht roter Kopf, über­ra­gender Typ. Ich sagte: Schiri, wat pfeifst du für ne Scheiße.“ Kommt der auf mich zu, guckt und sagt: Halt deine Klappe, wat trai­nierst du für ne Scheiße.“ Und das Thema war erle­digt. Das änderte sich ab 1992 völlig. 

Wie muss man sich das vor­stellen? 

Neururer: Zum Bei­spiel als Rainer Krieg das Abseitstor für den KSC erzielte. Die Wort­wahl vom Winnie war da wahr­lich nicht jugend­frei.

Schäfer: Könnte sein. 

Neururer: Und zwi­schen uns ein rie­siges Mikrofon. Alles wurde ein­ge­fangen und die Schieds­richter legten jedes Wort auf die Gold­waage. Mussten sie ja auch, schließ­lich bekam es nun auch jeder TV-Zuschauer mit. 

Schäfer: Aber, Peter, wir haben von dieser Bericht­erstat­tung doch auch pro­fi­tiert. Der Fuß­ball gewann unglaub­lich an Wert. 

Wie erlebten Sie die Kom­mer­zia­li­sie­rung in Fuß­ball­städten wie Saar­brü­cken und Karls­ruhe? 

Neururer: Schlep­pend. Besser gesagt: Gar nicht. Der 1. FC Saar­brü­cken hatte sich zunächst noch mit Finanz­spritzen von Oskar Lafon­taine und seiner Regie­rung über Wasser gehalten. Aber 1993 hatte ich gerade meinen Ver­trag dort ver­län­gert, als mich ein Reporter von der Bild“ anrief und sagte: Gilt der auch für die Ober­liga?“ Wir waren kurz davor, die Lizenz zu ver­lieren. Dabei brauchten wir nur noch zwei Punkte, um die Klasse zu halten. Das Gespräch kriegten einige Leis­tungs­träger mit. Die fragten mich, was sie jetzt machen sollten. Ich sagte: Als Mensch rate ich euch: Seht zu, dass ihr Land gewinnt! Als Trainer sage ich: Gebt Gas, damit wir sport­lich auf jeden Fall in der Liga bleiben.“ Aber so was bleibt natür­lich in den Köpfen hängen. Wir gewannen kein Spiel mehr. 

Schäfer: Mein Vor­teil war, dass ich aus meiner Zeit als Spieler die Badener Men­ta­lität kannte. Und die ist von Natur aus eher gemüt­lich. Im Bad­ner­lied“ heißt es ja auch: „… in Mann­heim die Fabrik.“ Da wird gear­beitet, in Karls­ruhe geht es ruhiger zu. Wenn der KSC früher abstieg, ver­än­derte sich in der Region nichts. Im Schatten wird man auch braun“, hieß die Devise. Als Carl-Heinz Rühl und ich dann 1986 über­nahmen, ver­suchten wir, Jahr für Jahr die Struk­turen zu ver­än­dern und neue Ein­nah­me­quellen zu finden. Als ich den KSC schon lange ver­lassen hatte, traf ich mal den Ober­bür­ger­meister, der mir gestand: Herr Schäfer, wir wissen erst jetzt, was wir durch den Abstieg an Geld ver­loren haben.“ Als wir noch Euro­pacup spielten, hatte im Rat­haus offen­sicht­lich nie einer mit­ge­rechnet. 

In Saar­brü­cken war man sich über den Wirt­schafts­faktor Fuß­ball auch nie im Klaren.

Neururer: Ehe dort so ein Gut­achten erstellt wurde, war der Klub doch längst in den Ama­teur­be­reich abge­stiegen.

Wie viele Pres­se­kon­fe­renzen waren Anfang der Neun­ziger bei Ihren Klubs üblich?

Schäfer: Eine pro Woche, wenn‘s hoch­kommt. Es waren eher Ein­zel­ter­mine, die die Jour­na­listen direkt mit uns machten: Bild“ und Kicker“ arbei­teten von Frank­furt aus, ein Redak­teur kam von der Lokal­zei­tung. Da brauchte ich keinen Pres­se­spre­cher. 

Neururer: Die Anfragen kamen direkt bei uns Trai­nern auf den Schreib­tisch. Aber dann wech­selte ich aus dem beschau­li­chen Ruhr­ge­biet von Schalke nach Berlin. 

Beschau­li­ches Schalke? 

Neururer: Ver­gli­chen mit Berlin war Schalke Anfang der Neun­ziger noch eine Kur­ab­tei­lung. Dort lernte ich, wie man die Medien gegen­ein­ander aus­spielt. 

Wie denn? 

Neururer: Wenn man sechs Tages­zei­tungen an einem Ort hat, gibt man einer die wich­tige Infor­ma­tion und die anderen sank­tio­niert man. So lässt sich wun­derbar eine Posi­tio­nie­rung vor­nehmen, und die Medien müssen zusehen, dass sie mit dir aus­kommen. 

Schäfer: Das fiel mir in Karls­ruhe schon schwerer. Wenn mich da der lokale Sport­re­porter ärgerte, ließ ich im Fern­sehen öfter mal despek­tier­lich den Namen seiner Zei­tung fallen. Irgend­wann luden die mich dann zum Kri­sen­ge­spräch ein und wir ver­trugen uns fortan. 

Nach Ihrem Wechsel zum VfB Stutt­gart war das nicht mehr so ein­fach. 

Schäfer: Es gab in Stutt­gart leider Spieler, die der Presse gezielt Infor­ma­tionen zuspielten. Das hatte es in Karls­ruhe nie gegeben. Carl-Heinz Rühl war ein starker Manager, zu dem konnte kein Spieler gehen und sich aus­heulen. In Stutt­gart herrschte aber ein Prä­si­dent, der aus der Politik stammte …

… Ger­hard Mayer-Vor­felder … 

Schäfer: … und der ließ mich ziem­lich schnell fallen, als es nicht lief. Ein Trainer ist immer nur so stark, wie ihn das Prä­si­dium macht. Ich kenne das noch aus Zeiten als Aktiver in Glad­bach. Wenn da ein Spieler bei Manager Helmut Grass­hoff um ein Gespräch bat, ließ der ihn mitten im Satz stehen. Herr Grass­hoff, könnte ich …“ Schluss. Der über­lies alle Macht dem Trainer. 

Hatten Sie auch mal so einen starken Manager, Peter Neururer?

Neururer: Ich hatte das Pech, wenn ich mal einen starken Manager hatte, dass meis­tens ein Prä­si­dent daneben saß, der dessen Stärke durch seine Schwäche wieder bei­seite schob – oder anders­herum. 

Wo sind Sie denn raus­ge­ekelt worden?

Neururer: In Köln schlug mir Prä­si­dent Klaus Hart­mann vor, einen Sport­di­rektor zu ver­pflichten. Ich hielt die Idee für gut. Hart­mann fragte mich nach meinen Vor­schlägen. Lek­tion eins: Fang­frage. Nennt ein Trainer in so einem Moment einen Namen, nennt er einen anderen näm­lich nicht. Aber ich Trottel sagte frei heraus: Karl-Heinz Thielen, Heri­bert Bruch­hagen oder Rolf Rüss­mann“. Keiner von denen war damals frei. Fragt mich also kurz darauf der Prä­si­dent: Was halten Sie von Carl-Heinz Rühl?“ Sage ich: Wenn der hier Manager wird, gebe ich meinen Ver­trag zurück.“

Warum? 

Neururer: Glauben Sie mir, ich hatte mit dem komi­sche Erfah­rungen gemacht. Nun kam der – und wir spra­chen uns aus. Dachte ich zumin­dest. Am nächsten Tag aber erscheint im Express“ die Schlag­zeile: Rühl: Neururer: ist so tot wie Olsen“. Morten Olsen war mein Vor­gänger gewesen. Rühl demen­tierte zwar, irgend was in dieser Rich­tung gesagt zu haben, aber von da ab wusste ich, dass ich bei der nächsten Nie­der­lage raus bin. Ich nahm den Spiel­plan in die Hand und sagte zu meiner Frau: Schatz, Ende Sep­tember spielen wir gegen Hertha. Wenn wir da ver­lieren, können wir an die Algarve in Urlaub fliegen.“ Genau so kam es. Die Zeiten, dass ein Trainer neben dem Prä­si­denten so was wie der Allein­herr­scher war, gingen Anfang der Neun­ziger defi­nitiv zu Ende.

Schäfer: In Karls­ruhe lief es anders. Da hat der Verein immer ver­sucht, meine Beschlüsse umzu­setzen. Ich hatte auch die Mög­lich­keit, ein Veto ein­zu­legen. 

Bei wel­cher Gele­gen­heit? 

Schäfer: Als Oliver Kahn 1994 nach Mün­chen ging, über­legten wir, Bodo Ill­gner nach Karls­ruhe zu holen. Es war alles schon in die Wege geleitet. Doch nach der WM 1994 hatte der plötz­lich ein extrem schlechtes Image. Alles, was ich über ihn hörte, war nicht gut für unsere Mann­schaft. Im letzten Moment musste ich mich für Claus Reit­meier als Keeper ent­scheiden – was vom Klub ohne Murren umge­setzt wurde. 

Der KSC war damals das leuch­tende Bei­spiel eines Aus­bil­dungs­klubs. Inwie­weit blickten Sie, Peter Neururer, mit Hoch­ach­tung auf die Arbeit des Trai­ners Schäfer?

Neururer: Gar nicht. Denn keiner außer den KSC-Spie­lern und den Co-Trai­nern konnte doch beur­teilen, was Winnie da machte. Klar, er war erfolg­reich. Aber ich habe mich auch stets gegen die – zuge­geben sel­tenen – Lobe für meine Arbeit ver­wehrt. Denn es ist doch so: Wenn ich die Spieler eine Woche lang rück­wärts laufen lasse, sie am Wochen­ende aber gewinnen, bin ich ein guter Trainer. Mache ich das auge­klü­geltste Trai­ning mit den neu­esten Methoden und sie ver­lieren, bin ich ein Ver­sager. Aber natür­lich muss Winnie in Karls­ruhe über lange Zeit etwas richtig gemacht haben. 

Schäfer: Es gibt eine Geschichte von Gyula Lorant, der zu Ein­tracht Frank­furt kam und sagte: Wir ver­lieren nur noch einmal, dann gewinnen wir alles.“ Und so kam es. Er legte die längste Sie­ges­serie in der Geschichte der Ein­tracht hin. In der Zeit machte er sich einen Spaß draus, beim Trai­ning in Knie­bund­hose und mit Zigarre bei den Kie­bitzen zu stehen und zu trat­schen. Aber als die Ein­tracht nach ewigen Zeiten wieder mal verlor, waren all die Zweifler zurück, die sagten: Der faule Hund, steht nur am Rand und quatscht mit den Rent­nern.“

Bei Ihrem ersten Auf­ein­an­der­treffen im August 1992 spielten so kon­träre Fuß­bal­ler­cha­rak­tere wie Wolfram Wuttke und Oliver Kahn gegen­ein­ander. Spieler, die es so nicht mehr gibt, oder?

Neururer: Die spie­le­ri­schen Anlagen eines Wolfram Wuttke haben heute auch immer noch viele, aber mit Wuttkes mensch­li­chen Ver­hal­tens­weisen wäre ein Spieler in der heu­tigen Medi­en­land­schaft ver­loren. 

Ernst Happel soll mit Wuttke über­haupt nicht klar­ge­kommen sein. 

Schäfer: Happel liebte Fuß­baller wie Wuttke – und des­halb war er sauer auf ihn. Auch Magath war zur dama­ligen Zeit kein Trai­nings­welt­meister, aber er hat sich dem Trainer stets unter­ge­ordnet und an sich gear­beitet. Wuttke hatte andere Pro­bleme, der konnte sich nicht fügen. Und Happel konnte es nicht fassen, dass der nicht zu Potte kam. 

Hatten Sie als Trainer geheime Lieb­lings­spieler in Ihren Teams.

Neururer: Michael Kostner war ein Typ, auf den ich mich 100 Pro­zent ver­lassen konnte. Ein Genie, der hätte hun­dert Län­der­spiele machen müssen. Und ein Pfunds­kerl: Als ich in Köln raus­ge­flogen bin, hat Kostner pro­tes­tiert und fortan kein ein­ziges Spiel mehr bestritten. Obwohl er noch Ver­trag hatte. Mit sol­chen Aktionen stand er sich immer wieder selbst im Weg. Dabei hat er sich auf­ge­op­fert. In der Saison 1991/92 hat er beim 1. FC Saar­brü­cken eine gesamte Auf­stiegs­runde mit drei geris­senen Bän­dern durch­ge­spielt. 

Wie das denn? 

Neururer: Der hat sich vor jedem Spiel getaped, Schmerz­mittel genommen und Spritzen gekriegt. In der Woche hat er nicht trai­niert und den­noch jedes der zehn Auf­stiegs­spiele mit­ge­macht. Hin­terher lag er jedes Mal wei­nend in der Kabine, aber wir haben es dank seiner Hilfe in die Bun­des­liga geschafft. 

Winnie Schäfer, hatten Sie auch Spieler, die zu Unrecht nie den ganz großen Durch­bruch erlebt haben? 

Schäfer: In Karls­ruhe hatte ich sehr viele, die ständig an ihrem Limit spielten. Gun­ther Metz oder Eber­hard Ebse“ Carl, die gaben immer alles, auch wenn es nicht die ganz großen Fuß­baller waren. Mit denen haben wir Bayern Mün­chen 4:1 geschlagen, obwohl uns viele Leis­tungs­träger fehlten. Mit diesen Spie­lern haben wir Valencia 7:0 geschlagen.

Was unter­scheidet Füh­rungs­spieler wie Carl oder Kostner von heu­tigen Stars? 

Neururer: Dass sie genau wussten, wo und wann sie Kritik am Trainer äußern können. Die haben nie den Weg über die Öffent­lich­keit gesucht, um ihre Ziel durch­zu­setzen. 

Schäfer: Es gibt ein Trai­nings­spiel im Dreieck. Sinn ist es, auf engstem Raum Dop­pel­pässe zu üben. Das macht der FC Bar­ce­lona jeden Tag zum Warm­ma­chen. Als ich diese Übung beim VfB Stutt­gart machte, stand am nächsten Tag in der Zei­tung: Schäfer macht A‑Ju­gend-Trai­ning“. 

Einige VfB-Spieler kamen mit Ihrem Trai­ning wohl nicht zurecht. 

Schäfer: Es gab dort sechs ältere Spieler, die mei­net­wegen um ihre Bedeu­tung in der Mann­schaft fürch­teten. Und die Medien nahmen solche Infor­ma­tionen natür­lich gerne auf, weil sie von der Methodik über­haupt keine Ahnung hatten. 

Peter Neururer, Sie galten damals neben Chris­toph Daum als ein Laut­spre­cher unter den Trai­nern. Sie hatten nie höher­klassig gespielt, waren Absol­vent der Sport­schule. Fühlten Sie sich von Trai­nern, die eine Vita als Bun­des­li­ga­spieler hatten, belä­chelt?

Neururer: Chris­toph Daum und ich fingen etwa zeit­gleich als Trainer an und zuge­geben: Wir haben auf dem Medi­en­kla­vier schon ver­dammt laut rum­ge­hauen. Aber egal, was wir konnten oder nicht, in meinen ersten Jahren kam nur von Spie­lern die Frage: Wo hast du denn früher gespielt?“ Aber unter den Trai­ner­kol­legen war das nie ein Thema. 

Schäfer: Udo Lattek hat auch nie höher­klassig gespielt, obwohl er ein guter Fuß­baller war. 

Neururer: Ich war auch ein guter Spieler, habe nur in den fal­schen Ligen gekickt (lacht).

Schäfer: Für einen Trainer ist es sehr ent­schei­dend, in was für einen Verein er kommt. Wenn der Klub Ambi­tionen hat und die Spieler bereit sind, sich diesen unter­zu­ordnen, ist es für den Coach erheb­lich ein­fa­cher. 

Welche Anlagen muss ein guter Spieler mit­bringen?

Schäfer: Er muss den abso­luten Willen haben. Ich weiß noch, wie Oliver Kreuzer vom FC Bayern umworben wurde. Ich habe ihm gesagt: Wenn du dahin gehst, kann ich dir nur einen Rat geben: Hau erst mal den Klaus Augen­thaler auf die Aschen­bahn.“ Fragt der: Warum das denn?“ Weil die Bayern Meister werden wollen, die brau­chen also Füh­rungs­spieler und keine Mit­läufer. Gut mög­lich, dass Augen­thaler dich dann auch umhaut, aber er weiß wenigs­tens, dass er mit dir Meister werden kann.“

Peter Neururer, Sie haben allein in den Neun­zi­gern sechs Pro­fi­teams trai­niert. Wel­chen Job bereuen Sie im Nach­hinein?

Neururer: Ich hätte nie zu Hertha gehen dürfen. Der Klub war pleite und die Spieler waren nicht mehr in der Lage, die Liga zu erhalten. Aber ich kannte Leute wie Walter Jung­hans von früher und dachte, es könnte klappen. Einen Tag vor Ver­trags­un­ter­zeich­nung ließ ich den Kader antreten. Vier Leis­tungs­träger kamen auf Krü­cken. Da sagt der Manager: Mach dir keine Sorgen, die sind Samstag wieder fit.“ Voll­kom­mener Unsinn. Nach dem Trai­ning rief ich meine Frau an und sagte: Schatz, ich komm wieder nach Hause, der Klub ist tot.“

Aber Sie sind doch nicht gefahren.

Neururer: Weil ich es mir im Wahn in den Kopf gesetzt hatte, schneller als Schalke 04 in der ersten Liga zu sein. Die spielten damals noch zweit­klassig, und Prä­si­dent Günter Eich­berg hatte mich ohne Angabe von Gründen ent­lassen, obwohl wir punkt­gleich mit dem Tabel­len­führer waren. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Also habe ich in Berlin unter­schrieben. Und ich bin froh, dass Fried­helm Funkel gerade wieder in die Spur kommt, sonst wäre mein Rekord ernst­haft in Gefahr geraten.

Wel­cher Rekord?

Neururer: Der erfolg­lo­seste Trainer in der Geschichte der Hertha zu sein (lacht).

Schäfer: Aber so ist es nun mal: Wenn man ein Angebot aus der ersten Liga hat, muss man unter­schreiben. So schwierig die Situa­tion auch ist.

In Ihrer Hertha-Mann­schaft spielte auch Uwe Rahn. Der Spieler mit der kür­zesten Halb­wert­zeit eines Stars in der Bun­des­li­ga­ge­schichte. 1987 war er Fuß­baller des Jahres“, dann stürzte er ab.

Neururer: Rahn war einer, der seine Fähig­keiten leider fast immer in ein fal­sches Umfeld ein­ge­bettet hat. Wenn der bei Bayern oder Borussia Dort­mund gespielt hätte, und nicht bei Hertha oder dem 1. FC Köln, hätte er wahr­schein­lich noch sechs, sieben Jahre auf höchstem Niveau gekickt. Aller­dings neigte Uwe Rahn auch dazu, sehr intensiv Schmerz zu emp­finden. 

Was meinen Sie damit? 

Neururer: Der setzte auch mal aus, wenn ihm ein Fuß­nagel ein­ge­wachsen war.

Schäfer: Jupp Heynckes hat Lothar Mat­thäus und Rahn zur glei­chen Zeit ent­deckt. Rahn war sein Lieb­ling, weil er so eine läs­sige Art hatte, Tore zu erzielen. Er stammte aus dieser Glad­ba­cher Genera­tion, die nach Bertis Abschied das Sagen hatte. Vielen von denen fehlte das ent­schei­dende Quänt­chen Ehr­geiz. 

Dar­über konnten Sie sich beim jungen Oliver Kahn nicht beschweren.

Schäfer: Es reichte schon, dass der Olli seinen Gegner nur anschaute, dann kriegte der keine Flanke mehr zustande. Was den Ehr­geiz betrifft, hätte er gut in die Glad­ba­cher Mann­schaft der Sieb­ziger gepasst. Seine Men­ta­lität war alles andere als typisch für einen Badener.

Es geht die Mär, Kahns Vor­gänger im KSC-Tor, Alex­ander Famulla, wollte ab einem bestimmten Zeit­punkt nicht mehr mit ihm im Dop­pel­zimmer schlafen, weil er fürch­tete, der spä­tere Titan würde ihm das Kissen ins Gesicht drü­cken. 

Neururer: Unter Tor­hü­tern völlig normal: Werner Vollack fürch­tete als Schalker auch, dass ihn sein zweiter Mann, ein Herr namens Jens Leh­mann, umbringt. Der hat das genau so gesagt: Der will mich umbringen, der will mich umbringen, aber ich bin doch die Nummer eins.“

Schäfer: Olli war schon als Jugend­li­cher enorm laut auf dem Platz, der war regel­recht über­ehr­geizig. Ständig hing er in der Muck­i­bude ab. Das musste ich dem irgend­wann ver­bieten, weil er sonst nicht mehr auf­ge­hört hätte. 

Bravo Sport“ machte ab 1994 Spieler zu Pop-Ikonen. Wie wirkte sich das auf die Kicker aus? 

Neururer: Plötz­lich kamen mas­sen­weise Leute zum Trai­ning. Das machte einige Kicker natür­lich resis­tenter gegen Mei­nungen von außen. Der eine oder andere wurde auch resis­tenter gegen Aus­sagen des Trai­ners. 

Mehmet Scholl galt als einer der ersten Pop­stars des deut­schen Fuß­balls über­haupt.

Schäfer: Kaum zu glauben. Mehmet habe ich in einem Spiel ein- und wieder aus­ge­wech­selt. In Ham­burg kam er rein, stand frie­rend und mit den Ärmeln über den Händen auf dem Platz, da habe ich ihn gleich wieder raus­ge­nommen. Heute sagt er: Das war das Beste, was mir pas­sieren konnte.“ Schauen Sie sich nur die Kar­rieren von Mehmet und Lars Ricken an. Beide waren gleichauf – und was wurde aus ihnen? Mehmet wurde unter dem Manager Uli Hoeneß Euro­pa­meister. Und Lars Ricken? 

Mit der ganz großen Kar­riere hat es bei Scholl aber nicht geklappt. 

Schäfer: Er hätte zum FC Bar­ce­lona wech­seln können. Johan Cruyff wollte ihn haben, aber Franz Becken­bauer wollte ihn nicht gehen lassen. Ein Spie­lertyp wie Mehmet in Bar­ce­lona unter Cruyff – der wäre einer der ganz Großen geworden. Er wird belei­digt sein, wenn er das hört, aber es ist die Wahr­heit. 

Hat sich der Spie­ler­typus seit Anfang der Neun­ziger ver­än­dert?

Neururer: Ich weiß noch, wie in Köln ein dama­liger Jugend­na­tio­nal­spieler mit dem Por­sche vor­fuhr. Der hatte noch kein Spiel für uns gemacht. Unser Haupt­sponsor war zwar ein Auto­her­steller, aber in dem Wagen schickte ich den Jungen erst mal wieder nach Hause. Sowas gäbe es heute so nicht mehr. Solche Dinge würden sich die Spieler heute nicht mehr erlauben, weil sie wissen, dass die Medien auf so was nur warten. 

Wie hat sich die Men­ta­lität der Aktiven sonst noch geän­dert?

Neururer: Früher hat kein Spieler im Bus Kopf­hörer auf­ge­habt, da gab es kein Jeder-für-sich“. Die haben Karten gespielt. Und abends gab es auch noch mal ein, zwei Bier auf dem Zimmer, ohne dass der Trainer etwas davon mit­bekam. Heute ist alles nur noch High­tech – Gespräche unter­ein­ander gibt es nicht mehr.

Welche Ver­än­de­rungen hat auch das Bosman-Urteil ver­ur­sacht?

Neururer: Damit zer­brach unser Kon­strukt von Fuß­ball. Die Spieler bekamen eine Macht, die es ihnen erlaubte, sich schon nach neuen Klubs umzu­sehen, wenn sie nur drei Mal nicht ein­ge­setzt worden waren. Auch wenn das Urteil arbeits­recht­lich natür­lich voll­kommen in Ord­nung ist.

Auch die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Verein hat gelitten. Fuß­baller stehen heute nur noch in Aus­nah­me­fällen für einen kon­kreten Klub. 

Neururer: Dass ein Hol­länder wie Mark van Bommel Mann­schafts­ka­pitän der Bayern wird, wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen. Nicht falsch ver­stehen: Multi-Kulti ist herr­lich, aber unser Vor­teil als Trainer damals war ein­deutig, dass wir den Jungs noch sagen konnten: Schaut mal auf das Wappen an eurer Brust.“ Die wussten alle, was der Geiß­bock“ oder S 04“ bedeuten. Diese Form der Iden­ti­fi­ka­tion gibt es nicht mehr. 

Schäfer: Günter Netzer sagte, er könne es nicht mehr ertragen, wenn Spieler nach einem Tor­er­folg das Wappen auf ihrem Trikot küssen. Da gebe ich ihm Recht. Es schwingt immer ein biss­chen Heu­chelei mit.